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	<title>Demenzsimulation Archive - Demenz-Zeitung</title>
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	<description>Informationen rund um Demenz, Pflege und Versorgung</description>
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	<title>Demenzsimulation Archive - Demenz-Zeitung</title>
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		<title>Kann man Alter oder Demenz simulieren? Was Altersanzüge und Demenzparcours wirklich vermitteln – und was nicht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Oct 2026 08:47:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[Altersbilder]]></category>
		<category><![CDATA[alzheimer]]></category>
		<category><![CDATA[betreuung]]></category>
		<category><![CDATA[demenz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auch das Thema Demenz folgt &#8222;Modewellen&#8220;. Immer wieder gibt es verschiedene Dinge die man getan haben sollte, anbieten muss oder die einfach &#8222;cool&#8220; sind auf Messen und Ausstellungen. Alterssimulationsanzüge, Demenzparcours&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/10/demenzparcours-alterssimulation/">Kann man Alter oder Demenz simulieren? Was Altersanzüge und Demenzparcours wirklich vermitteln – und was nicht</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch das Thema Demenz folgt &#8222;Modewellen&#8220;. Immer wieder gibt es verschiedene Dinge die man getan haben sollte, anbieten muss oder die einfach &#8222;cool&#8220; sind auf Messen und Ausstellungen. Alterssimulationsanzüge, Demenzparcours und virtuelle Demenzerfahrungen gehören mittlerweile auch zum Repertoire vieler Fortbildungsveranstaltungen. Sie sollen Verständnis fördern, Empathie wecken und einen Perspektivwechsel ermöglichen. Doch was erleben die Teilnehmenden tatsächlich? Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen ein widersprüchliches Bild. Manche Simulationen können sensibilisieren, andere möglicherweise sogar negative Altersbilder verstärken. Vor allem aber stellt sich eine grundsätzliche Frage: Kann man durch künstlich erzeugte Einschränkungen tatsächlich erfahren, wie sich das Leben mit Demenz oder das Altsein anfühlt?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Anzug macht noch keinen alten Menschen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Spezialbrille schränkt das Sichtfeld ein, Gewichte erschweren die Bewegungen, Handschuhe beeinträchtigen die Feinmotorik. Wer einen Alterssimulationsanzug trägt, soll erleben, welche Schwierigkeiten ältere Menschen im Alltag haben können. Manchmal gehören Treppensteigen, das Öffnen einer Verpackung oder das Aufheben kleiner Gegenstände zu den Aufgaben.<br>Ähnlich funktionieren viele Demenzparcours. Die Teilnehmenden sollen alltägliche Handlungen ausführen, während ihre Wahrnehmung beeinträchtigt wird, Ablenkungen auftreten oder die Aufgaben künstlich erschwert werden. Missverständnisse, Fehler und Überforderung sind dabei häufig ausdrücklich Teil des Konzepts.<br>Die Erfahrungen können eindrucksvoll sein. Wer plötzlich Schwierigkeiten hat, eine einfache Aufgabe zu bewältigen, reagiert möglicherweise mit Unsicherheit, Ärger oder Hilflosigkeit.<br>Doch genau hier beginnt ein grundlegendes Problem:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jemand, der einen Alterssimulationsanzug trägt, erlebt zunächst einmal <strong>sich selbst</strong> unter veränderten körperlichen Bedingungen. Er erlebt, wie <strong>er</strong> persönlich darauf reagiert, plötzlich schlechter sehen, hören oder greifen zu können. Daraus folgt aber eben nicht, dass er nun weiß, wie ein 85-jähriger Mensch seinen Alltag empfindet. <br>Ebenso erlebt jemand, der einen Demenzparcours absolviert, <strong>seine eigene Reaktion</strong> auf eine künstlich herbeigeführte Situation. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass er nun wüsste, wie ein Mensch mit Demenz seine Umwelt wahrnimmt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">In der Bewerbung und Begleitung dieser Dinge fehlt sehr oft diese grundlegende Unterscheidung und auch Begleitung und es ist zweifelhaft, dass gerade jungen Menschen auf Messen dieser Unterschied klar vermittelt wird. Schließlich sinkt dann möglicherweise der &#8222;coolness&#8220;-Faktor der Erfahrung. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Klar ist: eine Simulation verändert die Bedingungen des <strong>eigenen Erlebens</strong>. Sie ermöglicht aber keinen direkten Zugang zum Erleben eines anderen Menschen.<br>Diese Unterscheidung ist keineswegs nur philosophisch. Sie betrifft die wissenschaftliche Grundlage, auf der solche Angebote beworben und pädagogisch eingesetzt werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was Alterssimulationsanzüge tatsächlich bewirken</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Forschungsgruppe der Universität Heidelberg veröffentlichte 2022 im <em>European Journal of Ageing</em> eine systematische Übersichtsarbeit über 26 Studien zu Alterssimulationsanzügen. Untersucht wurden körperliche Veränderungen während der Simulation sowie Auswirkungen auf Einstellungen und Empathie gegenüber älteren Menschen. Im Durchschnitt zeigten sich kleine positive Effekte auf die Einstellungen gegenüber älteren Menschen und moderate Effekte auf die gemessene Empathie. Die gewichteten Effektstärken betrugen 0,33 beziehungsweise 0,54.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Anzüge können demnach durchaus etwas bewirken. Gleichzeitig formulierten die Forschenden jedoch eine entscheidende Einschränkung: Es gebe nur wenig Evidenz dafür, dass die Anzüge tatsächliche Alterungsprozesse realistisch abbilden. Sie forderten deshalb weitere Untersuchungen, bei denen die simulierten Einschränkungen systematisch mit den Fähigkeiten älterer Menschen verglichen werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein solcher Vergleich wurde 2022 an der RWTH Aachen durchgeführt. Junge Erwachsene gingen mit und ohne Alterssimulationsanzug auf einem Laufband. Ihre Bewegungsabläufe wurden mit denen gesunder älterer Menschen verglichen. Einige Gangparameter näherten sich durch den Anzug den Werten der älteren Vergleichsgruppe an, andere nicht. Bestimmte körperliche Veränderungen lassen sich also zumindest teilweise nachbilden. Über das subjektive Erleben des Alters sagt dies allerdings wenig aus.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Noch kritischer fiel eine 2024 veröffentlichte Metaanalyse aus der Türkei aus. Die Forschenden werteten sechs Studien mit insgesamt 535 Pflegestudierenden hinsichtlich ihrer Einstellungen gegenüber älteren Menschen aus. Drei Studien mit 207 Studierenden untersuchten die Empathie.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei den Einstellungen zeigte sich insgesamt kein eindeutiger Vorteil der Simulation. Bei der Empathie schnitten die Kontrollgruppen nach der Intervention sogar signifikant besser ab als die Gruppen mit Alterssimulationsanzügen. Zwar bewerteten die Autoren solche Interventionen weiterhin als potenziell nützlich. Die statistischen Ergebnisse stützen jedoch keineswegs die Annahme, ein Alterssimulationsanzug verbessere automatisch die Empathie.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wenn die Simulation das Altersbild verschlechtert</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine weitere Untersuchung aus Heidelberg, veröffentlicht im Dezember 2023, wirft eine grundsätzliche Frage auf: Können Alterssimulationen unbeabsichtigt negative Vorstellungen vom Altsein verstärken?<br><br>In zwei Studien untersuchten Forschende, wie sich das Tragen eines Alterssimulationsanzugs auf die Wahrnehmung des Alters auswirkte. Eine Untersuchung umfasste 165 Erwachsene, eine zweite weitere 63 jüngere und mittelalte Personen.<br>Die Ergebnisse zeigten teilweise negative Veränderungen sowohl bei allgemeinen Vorstellungen über ältere Menschen als auch bei den Erwartungen an das eigene Älterwerden. Die Effektstärken lagen zwischen 0,30 und 0,44. Die Forschenden warnten deshalb vor möglichen unerwünschten Wirkungen.<br><br>Das erscheint nachvollziehbar: Wer Alter innerhalb weniger Minuten vor allem als Verlust von Beweglichkeit, Sehvermögen, Geschicklichkeit und Selbstständigkeit erlebt, könnte anschließend zu der Überzeugung gelangen, Altsein bedeute in erster Linie Einschränkung.<br></p>



<aside style="background-color:#f2f7f3; border-left:5px solid #397454; border-radius:5px; padding:22px 24px; margin:28px 0;">

  <h3 style="margin:0 0 18px 0; font-size:21px; color:#24583d;">
    Was wird bei einer Simulation eigentlich erfasst?
  </h3>

  <p style="margin:0 0 15px 0; line-height:1.65;">
    <strong>1. Körperliche Auswirkungen:</strong><br>
    Bestimmte Einschränkungen beim Sehen, Hören, Greifen oder Gehen lassen sich künstlich erzeugen und messen.
  </p>

  <p style="margin:0 0 15px 0; line-height:1.65;">
    <strong>2. Subjektive Reaktionen:</strong><br>
    Teilnehmende können berichten, wie sie persönlich auf diese Bedingungen reagieren, beispielsweise mit Frustration, Unsicherheit oder Anstrengung.
  </p>

  <p style="margin:0; line-height:1.65;">
    <strong>3. Erleben anderer Menschen:</strong><br>
    Ob diese Reaktionen tatsächlich dem Erleben älterer Menschen oder von Menschen mit Demenz entsprechen, ist damit nicht nachgewiesen.
  </p>

</aside>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Demenz ist keine künstlich erzeugte Überforderung</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei Demenzsimulationen stellt sich das Problem in noch größerer Schärfe.<br>Demenz ist kein einheitliches Krankheitsbild. Unterschiedliche Erkrankungen, Krankheitsstadien und individuelle Voraussetzungen führen zu sehr unterschiedlichen Veränderungen des Denkens, der Wahrnehmung, der Sprache und des Verhaltens.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Mensch mit Alzheimer-Demenz kann andere Schwierigkeiten erleben als jemand mit Lewy-Körper-Demenz oder frontotemporaler Demenz. Selbst Menschen mit derselben Diagnose unterscheiden sich erheblich in ihren Fähigkeiten, Reaktionen und Bewältigungsstrategien.<br>Ein Demenzparcours kann diese Vielfalt kaum berücksichtigen.<br>Vor allem lässt sich eine chronische neurokognitive Erkrankung nicht einfach dadurch nachbilden, dass einem kognitiv gesunden Menschen für kurze Zeit die Bewältigung alltäglicher Aufgaben erschwert wird.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein gesunder Teilnehmer weiß, wie die Aufgabe normalerweise funktioniert. Er verfügt über seine gewohnten kognitiven Fähigkeiten und erlebt, dass ihm deren Anwendung durch künstliche Hindernisse erschwert wird. Er bemerkt den Gegensatz zwischen seinem normalen Leistungsvermögen und der vorübergehenden Beeinträchtigung.<br>Dieses Erleben kann Frustration auslösen. Aber darf daraus geschlossen werden, Menschen mit Demenz seien in vergleichbaren Alltagssituationen ebenso frustriert?<br></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Menschen mit Demenz verfügen über erhaltene Fähigkeiten, langjährig eingeübte Handlungsabläufe und individuelle Strategien im Umgang mit Veränderungen. Ihr Erleben wird durch ihre Biografie, ihre Beziehungen, die Umgebung und die Reaktionen anderer Menschen beeinflusst.<br>Manche nehmen ihre Schwierigkeiten deutlich wahr. Andere erleben bestimmte Veränderungen weniger bewusst. Wieder andere reagieren auf Anforderungen, weil die Situation unverständlich oder die Kommunikation unangemessen ist.<br><strong>Die eigene Überforderung während eines Parcours lässt sich nicht ohne Weiteres auf das Erleben eines Menschen mit Demenz übertragen.</strong></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was die internationale Forschung über Demenzsimulationen sagt</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Weltweit werden unterschiedliche Demenzsimulationen eingesetzt, darunter die <em>Virtual Dementia Tour</em>, VR-Anwendungen und Parcours mit künstlich erzeugten Einschränkungen. Da sich die Verfahren erheblich unterscheiden, ist ihre Wirksamkeit nur eingeschränkt vergleichbar.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Drei internationale Übersichtsarbeiten aus den Jahren 2021, 2024 und 2026 mit jeweils 19, sieben und 17 Studien zeigen ein ähnliches Bild: Simulationen können das Demenzwissen, das Verständnis für Schwierigkeiten Betroffener und teilweise auch die Empathie verbessern. Die Ergebnisse sind jedoch uneinheitlich. Methodische Schwächen, unterschiedliche Messinstrumente und fehlende Langzeituntersuchungen begrenzen ihre Aussagekraft. Entscheidend ist zudem, was überhaupt gemessen wird. Wenn Teilnehmende anschließend angeben, mehr Verständnis für Menschen mit Demenz zu haben, belegt dies noch keine Veränderung ihres tatsächlichen Verhaltens.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ob sie im Pflegealltag besser kommunizieren, Selbstständigkeit gezielter fördern oder in schwierigen Situationen angemessener handeln, bleibt bislang unzureichend untersucht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Braucht gute Wissensvermittlung über Demenz überhaupt eine Simulation?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Interessante Hinweise liefert eine 2026 veröffentlichte randomisierte Studie aus Japan.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Darin wurden fünf Formen der Online-Demenzbildung miteinander verglichen. Die Teilnehmenden erhielten entweder ein Informationsvideo, sahen ein kurzes Drama, erlebten ein Drama mit zusätzlicher VR-Simulation, absolvierten interaktive Simulationsspiele oder betrachteten Dokumentarfilme über Menschen mit Demenz. Alle fünf Formate verbesserten die gemessenen Einstellungen und die Bereitschaft, Menschen mit Demenz zu helfen. Zwischen den Gruppen zeigten sich jedoch keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Veränderung dieser Werte.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die aufwendigeren Simulationsangebote waren somit in dieser Untersuchung nicht nachweisbar wirksamer als ein vergleichsweise einfaches Informationsvideo. Langfristige Veränderungen des tatsächlichen Pflegehandelns wurden allerdings nicht untersucht. Ein weiterer Befund stammt aus einer systematischen Übersichtsarbeit von 2022 zur praktischen Demenzbildung bei Pflegestudierenden. Darin wurden 17 Studien berücksichtigt. Persönliche Lernerfahrungen im unmittelbaren Kontakt mit Menschen mit Demenz und dem betreuenden Fachpersonal zeigten insgesamt stärkere Auswirkungen auf Fähigkeiten und Einstellungen als die untersuchten virtuellen und simulierten Lernformen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das spricht nicht gegen jede Simulation. Es erinnert aber daran, dass das unmittelbare Lernen von und mit Menschen mit Demenz eine besondere Bedeutung besitzt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Internationale Angebote: Zwischen Perspektivwechsel und Wirklichkeitsanspruch</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Internationale Angebote zeigen unterschiedliche Ansätze. Die britische VR-Anwendung <em>A Walk Through Dementia</em> wurde unter Beteiligung von Menschen mit Demenz entwickelt, deren Erfahrungen in die Simulation einflossen. Das australische Programm <em>Enabling EDIE</em> verbindet virtuelle Erfahrungen mit angeleiteter Reflexion und der Vermittlung personenzentrierter Unterstützungsstrategien.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Solche Konzepte gehen über das bloße Erzeugen von Überforderung hinaus. Dennoch bleibt offen, inwieweit die Simulationen das tatsächliche Erleben von Menschen mit Demenz abbilden und nachhaltige Veränderungen im Pflegehandeln bewirken. Bereits 2018 kritisierte die italienische Wissenschaftlerin Alessandra Merizzi die unzureichende wissenschaftliche Grundlage der <em>Virtual Dementia Tour</em> und verwies auf Berichte über erhebliche Belastungen einzelner Teilnehmender. Diese belegen keinen allgemeinen Schaden, verdeutlichen aber einen entscheidenden Punkt: <strong>Emotionale Intensität allein ist kein Qualitätsmerkmal einer Fortbildung.</strong><br>Das ist übrigens ein Punkt, den Pflegende wie Betreuende viel stärker bei der Bewertung und der Auswahl von Schulungen und Fortbildungen berücksichtigen sollten. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Mehr Betroffenheit bedeutet nicht automatisch bessere Pflege</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine häufige Begründung für Demenzparcours lautet, die Teilnehmenden sollten erleben, wie schlimm bestimmte Einschränkungen seien, damit sie anschließend einfühlsamer handeln. Doch ist die erzeugte Betroffenheit tatsächlich ein geeigneter Maßstab?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn ein Teilnehmer nach einem Parcours erklärt, er habe sich hilflos und ausgeliefert gefühlt, kann dies ein wertvoller Ausgangspunkt für eine Diskussion sein. Es kann aber auch eine problematische Vorstellung verfestigen: Menschen mit Demenz seien grundsätzlich hilflos, überfordert und von ihrer Umwelt abhängig.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Damit besteht zumindest das Risiko, dass ausgerechnet eine Veranstaltung, die Verständnis fördern soll, vor allem ein defizitorientiertes Bild der Erkrankung vermittelt. Dass solche unerwünschten Effekte bei Alterssimulationen auftreten können, ist inzwischen empirisch belegt. Für Demenzparcours lässt sich eine entsprechende allgemeine Wirkung bislang nicht hinreichend nachweisen. Das Risiko sollte dennoch berücksichtigt werden und daher brauchen diese Dinge eine offene und differenzierte Begleitung. Nur dann kann ein sinnvoller pädagogischer Nutzen von Demenzparcours entstehen. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Der eigentliche Lerneffekt müsste dann aber aus der anschließenden Auseinandersetzung folgen: Weshalb ist die Aufgabe misslungen? Welche Rahmenbedingungen haben dazu beigetragen? Wie hätte eine andere Anleitung geholfen? Welche Hindernisse hätten entfernt werden können? Und vor allem: Inwiefern lassen sich daraus tatsächlich Erkenntnisse für den Umgang mit Menschen mit Demenz gewinnen, ohne deren individuelles Erleben zu vereinnahmen?</p>



<aside style="background-color:#f2f7f3; border-left:5px solid #397454; border-radius:5px; padding:22px 24px; margin:28px 0;">

  <h3 style="margin:0 0 18px 0; font-size:21px; color:#24583d;">
    Fünf Fragen zur Qualität eines Demenzparcours
  </h3>

  <ol style="margin:0; padding-left:23px; line-height:1.65;">

    <li style="margin-bottom:13px;">
      Welche konkreten Lernziele verfolgt die Simulation?
    </li>

    <li style="margin-bottom:13px;">
      Welche Aspekte der Erkrankung werden tatsächlich nachgebildet, und wie wurde das überprüft?
    </li>

    <li style="margin-bottom:13px;">
      Waren Menschen mit Demenz an der Entwicklung oder Bewertung des Angebots beteiligt?
    </li>

    <li style="margin-bottom:13px;">
      Gibt es eine fachlich angeleitete Nachbesprechung, die auch erhaltene Fähigkeiten und mögliche Fehlinterpretationen berücksichtigt?
    </li>

    <li style="margin-bottom:0;">
      Wird überprüft, ob das Angebot langfristig zu Veränderungen im tatsächlichen Pflegehandeln führt?
    </li>

  </ol>

</aside>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Menschen mit Demenz können selbst Auskunft geben</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Kritik an Demenzsimulationen bedeutet nicht, dass Menschen ohne Demenz niemals verstehen könnten, welche Schwierigkeiten eine neurokognitive Erkrankung mit sich bringt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Fachwissen, Beobachtung, Gespräche und praktische Erfahrungen können das Verständnis selbstverständlich verbessern. Aber das subjektive Erleben eines Menschen lässt sich nicht einfach durch technische Hilfsmittel übertragen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wer wissen möchte, wie ein Mensch mit Demenz seinen Alltag erlebt, sollte deshalb vor allem auch Menschen mit Demenz selbst zuhören. Ihre Berichte über Schwierigkeiten, erhaltene Fähigkeiten, Wünsche, Ängste und gelingende Alltagssituationen vermitteln Perspektiven, die ein künstlich herbeigeführtes Scheitern an einer Aufgabe allein nicht bieten kann. Dies gilt auch für die Pflegeausbildung und Fortbildung. Menschen mit Demenz können selbst aktiv an Bildungsangeboten mitwirken, statt lediglich als Vorbilder für technische Simulationen zu dienen. Das setzt voraus, dass ihre Aussagen ernst genommen werden, auch wenn sie nicht zu den Erwartungen der Veranstalter passen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wilde Idee also: Mit Menschen mit Demenz sprechen, sie einbeziehen, statt ein &#8222;als ob&#8220; aufgrund der eigenen Vorstellung zu simulieren, wo das möglich ist. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Fazit: Ein Perspektivwechsel ist noch kein Perspektiventausch</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Alterssimulationsanzüge und Demenzparcours sind nicht grundsätzlich ungeeignet, Lernprozesse anzustoßen. Einzelne Programme zeigen positive Wirkungen auf Wissen, Einstellungen oder Empathie. Andere Untersuchungen liefern uneinheitliche Ergebnisse oder weisen sogar auf unerwünschte Effekte hin.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die entscheidende Kritik betrifft jedoch einen Anspruch, der über diese Befunde hinausgeht: die Behauptung, eine Simulation ermögliche es, selbst zu erfahren, wie Menschen das Altsein oder das Leben mit Demenz erleben. Dafür fehlt eine hinreichende wissenschaftliche Grundlage.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bildungsträger und Veranstalter sollten deshalb sorgfältig unterscheiden, was solche Angebote tatsächlich vermitteln können und welche Schlussfolgerungen wissenschaftlich nicht gedeckt sind. <strong>Denn zwischen der Erfahrung, wie ich mich unter bestimmten Bedingungen fühle, und dem Wissen, wie ein anderer Mensch sein Leben erlebt, liegt ein erheblicher Unterschied.</strong></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Diese Grenze sollten wir gerade dann respektieren, wenn wir Verständnis und Empathie fördern wollen.</p>



<div style="height:53px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<div style="height:65px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Quellen &amp; Weiterführendes<br><br>Gerhardy, T. H., Schlomann, A., Wahl, H.-W. &amp; Schmidt, L. I. (2022). <a href="https://doi.org/10.1007/s10433-022-00722-1">Effects of age simulation suits on psychological and physical outcomes: a systematic review</a>. <em>European Journal of Ageing</em>, 19, 953–976. Systematische Übersichtsarbeit mit 26 Studien.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Söylemez, B. A., Özgül, E., Akyol, M. A. &amp; Küçükgüçlü, Ö. (2024). <a href="https://doi.org/10.1016/j.nepr.2024.103990">Effectiveness of the aged simulation suit on undergraduate nursing students&#8216; attitudes and empathy toward older adults: A systematic review and meta-analysis</a>. <em>Nurse Education in Practice</em>, 77, 103990.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Schmidt, L. I. et al. (2023). <a href="https://doi.org/10.1007/s10433-023-00793-8">“If this is what it means to be old…”: a mixed methods study on the effects of age simulation on views on aging and perceptions of age-related impairments</a>. <em>European Journal of Ageing</em>, 20, Artikel 47.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Laurentius, T. et al. (2022). <a href="https://doi.org/10.1186/s11556-022-00298-w">Spatiotemporal gait parameters in young individuals wearing an age simulation suit compared to healthy older individuals</a>. <em>European Review of Aging and Physical Activity</em>, 19, Artikel 29.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jones, C., Jones, D. &amp; Moro, C. (2021). <a href="https://doi.org/10.1136/bmjopen-2021-053616">Use of virtual and augmented reality-based interventions in health education to improve dementia knowledge and attitudes: an integrative review</a>. <em>BMJ Open</em>, 11, e053616.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Huang, Y. et al. (2024). <a href="https://doi.org/10.1111/inm.13240">Virtual reality-based simulation intervention for enhancing the empathy of informal caregivers of people with dementia: A mixed-methods systematic review</a>. <em>International Journal of Mental Health Nursing</em>, 33, 241–258.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Li, X., Li, Q., Sun, K. &amp; Conklin, R. (2026). <a href="https://doi.org/10.1093/her/cyag003">Mapping the evidence on virtual reality for dementia caregivers: a scoping review</a>. <em>Health Education Research</em>, 41(2). Übersichtsarbeit mit 17 Studien.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Matsumoto, H., Igarashi, A., Takaoka, M. &amp; Yoshioka-Maeda, K. (2026). <a href="https://doi.org/10.1080/02701960.2026.2623601">Comparing the efficacy of content and media for online dementia education: A five-arm randomized controlled trial</a>. <em>Gerontology &amp; Geriatrics Education</em>.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Adewuyi, M., Morales, K. &amp; Lindsey, A. (2022). <a href="https://doi.org/10.1016/j.nepr.2022.103351">Impact of experiential dementia care learning on knowledge, skills and attitudes of nursing students: A systematic literature review</a>. <em>Nurse Education in Practice</em>, 62, 103351.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Merizzi, A. (2018). <a href="https://doi.org/10.1108/QAOA-11-2017-0042">Virtual Dementia Tour®: limitations and ethics</a>. <em>Quality in Ageing and Older Adults</em>, 19(2), 146–155.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Internationale Praxisbeispiele</strong></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dementia Australia: <a href="https://www.dementia.org.au/professionals/professional-development-and-training/enabling-edie-virtual-reality-dementia">Enabling EDIE – Virtual Reality Dementia Experience</a>. VR-gestütztes Fortbildungsangebot mit angeleiteter Reflexion und personenzentrierten Unterstützungsstrategien.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Alzheimer’s Research UK: <a href="https://www.alzheimersresearchuk.org/campaigns/awtd/">A Walk Through Dementia</a>. Virtual-Reality-Angebot, das unter Beteiligung von Menschen mit unterschiedlichen Demenzformen entwickelt wurde.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/10/demenzparcours-alterssimulation/">Kann man Alter oder Demenz simulieren? Was Altersanzüge und Demenzparcours wirklich vermitteln – und was nicht</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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