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	<title>pflegepraxis Archive - Demenz-Zeitung</title>
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	<description>Informationen rund um Demenz, Pflege und Versorgung</description>
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	<title>pflegepraxis Archive - Demenz-Zeitung</title>
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		<title>Schmerzen bei Demenz: Warum Beobachten im Sitzen nicht reicht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2026 18:24:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[altenpflege]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Schmerzen bei Menschen mit Demenz zu erkennen, ist häufig schwierig. Je weiter die Erkrankung fortschreitet, desto schwerer kann es Betroffenen fallen, Schmerzen zuverlässig zu benennen, ihre Stärke einzuschätzen oder zu&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/08/16/schmerzen-bei-demenz-warum-beobachten-im-sitzen-nicht-reicht/">Schmerzen bei Demenz: Warum Beobachten im Sitzen nicht reicht</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Schmerzen bei Menschen mit Demenz zu erkennen, ist häufig schwierig. Je weiter die Erkrankung fortschreitet, desto schwerer kann es Betroffenen fallen, Schmerzen zuverlässig zu benennen, ihre Stärke einzuschätzen oder zu erklären, wo genau etwas wehtut.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dann gewinnt die Beobachtung an Bedeutung: Verzieht der Mensch das Gesicht? Stöhnt er? Schützt er einen Körperteil? Verändert sich seine Haltung oder sein Verhalten? Für die Schmerzbeurteilung sind in der Pflege verschiedene Skalen etabliert. Doch dabei gibt es ein Problem: oftmals werden Schmerzskalen in relativer Ruhe benutzt. Konkret: die Pflegefachperson setzt sich neben den sitzenden oder liegenden Pflegebedürftigen und füllt das Formular aus.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Aber: es reicht möglicherweise nicht, sich neben einen ruhig sitzenden oder liegenden Menschen zu setzen und ihn einige Minuten zu beobachten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>In Ruhe unauffällig – bei Bewegung Schmerzen</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wie groß der Unterschied sein kann, zeigte eine britische Untersuchung mit 230 älteren Menschen mit Demenz, die ungeplant in ein Akutkrankenhaus aufgenommen worden waren. Während ihres Krankenhausaufenthaltes wurde wiederholt auf Schmerzverhalten geachtet – sowohl in Ruhe als auch bei Bewegung.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das Ergebnis ist bemerkenswert:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Bei 19 Prozent wurde mindestens einmal Schmerzverhalten in Ruhe beobachtet. Bei Bewegung waren es 57 Prozent.</strong> Das bedeutet nicht, dass alle diese Menschen dauerhaft Schmerzen hatten. Es zeigt aber sehr deutlich, wie stark die Situation beeinflussen kann, ob Schmerz überhaupt erkennbar wird. Eine spätere wissenschaftliche Auswertung derselben Patientengruppe kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Die beobachteten Schmerzwerte waren während Aktivität deutlich höher als in Ruhe. Die Forschenden sprechen dabei von einem möglichen Floor-Effekt: In Ruhe sammeln sich die Werte am unteren Ende einer Beobachtungsskala. Der Mensch erscheint unauffällig – obwohl sich bei Bewegung durchaus Schmerzzeichen zeigen können.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der Schmerz entsteht nicht erst beim Aufstehen</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Man kann sich das an einer alltäglichen Situation vorstellen. Eine Person sitzt ruhig in ihrem Sessel. Sie stöhnt nicht, ihr Gesicht wirkt entspannt, die Körperhaltung erscheint unauffällig. Dann soll sie aufstehen. Beim Vorbeugen verzieht sie plötzlich das Gesicht. Beim Hochkommen hält sie das rechte Bein steif. Sie klammert sich an der Armlehne fest und stöhnt. Der naheliegende Gedanke wäre: Jetzt hat sie Schmerzen. Genauer wäre jedoch:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Jetzt werden die Schmerzen sichtbar.</strong></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Bewegung muss den Schmerz nicht verursacht haben. Möglicherweise bestand beispielsweise bereits eine schmerzhafte Arthrose, eine Verletzung, eine Druckstelle oder ein muskuloskelettales Problem. Solange der betroffene Körperbereich nicht belastet oder bewegt wurde, war davon im Verhalten kaum etwas zu erkennen. Gerade bei Menschen, die ihre Beschwerden nicht mehr zuverlässig mitteilen können, kann dieser Unterschied entscheidend sein. Also auch bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz.</p>



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<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch andere Studien zeigen höhere Schmerzwerte bei Bewegung. Bereits 2010 untersuchten Forschende 60 Pflegeheimbewohner mit Demenz und bekannten Schmerzproblemen. Die Bewohner wurden sowohl in Ruhe als auch während standardisierter Bewegungen beobachtet. Bei unterschiedlichen Verfahren zur Schmerzbeobachtung zeigten sich während der Bewegung signifikant mehr Schmerzzeichen als in Ruhe.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch andere Forschungsgruppen haben deshalb gezielt Bewegungen in die Schmerzerfassung einbezogen. Dahinter steht ein einfacher Gedanke: Wer wissen möchte, ob beispielsweise Hüfte, Knie, Schulter oder Rücken Schmerzen verursachen, erhält möglicherweise mehr Informationen, wenn diese Körperbereiche bei einer ohnehin notwendigen Alltagshandlung bewegt oder belastet werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Beobachtung in Ruhe ist trotzdem nicht falsch</strong></h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Aus den Forschungsergebnissen sollte allerdings nicht der umgekehrte Schluss gezogen werden, Menschen müssten ausschließlich bei Bewegung beobachtet werden. Auch Schmerzen in Ruhe sind wichtig. Manche Erkrankungen verursachen gerade dann Beschwerden, wenn ein Mensch liegt oder längere Zeit dieselbe Position einnimmt.Sinnvoller ist deshalb die Kombination:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wie verhält sich der Mensch in Ruhe – und was verändert sich bei Bewegung? </p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<div style="background:#f4f8fb; border-left:5px solid #3b82a0; padding:18px 20px; margin:24px 0; border-radius:6px; line-height:1.6;">
  
  <div style="font-size:1.15em; font-weight:700; margin-bottom:8px;">
    <span style="margin-right:7px;" aria-hidden="true"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/26a0.png" alt="⚠" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></span>
    Bewegung beobachten heißt nicht, Schmerzen zu provozieren
  </div>

  <p style="margin:0 0 8px 0;">
    Ein wichtiger Punkt darf dabei nicht missverstanden werden:
    Niemand sollte einen Menschen absichtlich in eine schmerzhafte Bewegung zwingen, nur um herauszufinden, ob etwas wehtut.
  </p>

  <p style="margin:0;">
    Es geht vielmehr darum, <strong>notwendige und ohnehin stattfindende Bewegungen bewusster zu beobachten</strong>.
  </p>

</div>
</div>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch internationale Empfehlungen zur Schmerzerfassung bei Demenz weisen darauf hin, dass Beobachtungen sowohl in Ruhe als auch während Transfers und Aktivitäten des täglichen Lebens erfolgen sollten. Der Vergleich kann zusätzliche Informationen liefern, die eine einzelne Momentaufnahme nicht bietet.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Unauffälliges Verhalten in Ruhe beweist keine Schmerzfreiheit.</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wo eine verständliche Selbstauskunft noch möglich ist, sollte sie weiterhin genutzt werden. Fremdbeobachtung ergänzt diese Einschätzung insbesondere dann, wenn Kommunikation zunehmend schwierig wird. Vielleicht müssen wir nicht nur anders beobachten – sondern im richtigen Moment. In der Pflege wird viel darüber gesprochen, welches Instrument zur Schmerzerfassung verwendet werden sollte. Diese Frage ist wichtig. Aber möglicherweise beginnt das Problem noch früher.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn eine Pflegefachperson einen Menschen nur ruhig im Bett oder im Sessel erlebt, fehlen unter Umständen genau die Situationen, in denen sich Schmerzen bemerkbar machen. Die Forschung zeigt inzwischen recht deutlich, dass Schmerzverhalten bei Menschen mit Demenz während Bewegung wesentlich häufiger sichtbar werden kann als in Ruhe.</p>



<p class="has-text-align-left has-medium-font-size wp-block-paragraph">Deshalb lohnt sich im Pflegealltag eine zusätzliche Frage. Nicht nur: <strong>„Welche Schmerzzeichen sehe ich?“, s</strong>ondern auch: <strong>„Wann schaue ich eigentlich hin?“</strong>.<br> Denn manchmal reicht Beobachten im Sitzen schlicht nicht aus.</p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph"><br><br>Jochen Gust</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Quellen und zum Weiterlesen:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Sampson EL, White N, Lord K et al. (2015):</strong> Pain, agitation, and behavioural problems in people with dementia admitted to general hospital wards: a longitudinal cohort study. <em>Pain</em>.<br><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25790457/">https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25790457/</a></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Dunford E et al.</strong> <strong>(2022):</strong> Psychometric evaluation of the Pain Assessment in Advanced Dementia scale in an acute general hospital setting.<br><a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9828226/">https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9828226/</a></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Ersek M et al. (2010):</strong> Comparing the psychometric properties of the Checklist of Nonverbal Pain Behaviors and the Pain Assessment in Advanced Dementia scale in persons with dementia.<br><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20088854/">https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20088854/</a></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Husebø BS et al.</strong> <strong>(2007):</strong> Mobilization-Observation-Behavior-Intensity-Dementia Pain Scale (MOBID): development and validation of a nurse-administered pain assessment tool for use in dementia.<br><a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17509814/">https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17509814/</a></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>International Association for the Study of Pain (IASP):</strong> Pain Assessment in Dementia.<br><a href="https://www.iasp-pain.org/resources/fact-sheets/pain-assessment-in-dementia/">https://www.iasp-pain.org/resources/fact-sheets/pain-assessment-in-dementia/</a></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Lautenbacher S, Schreiber V, Grupp C et al.</strong> <strong>(2026):</strong> Pain differences in cognitive impairment appear only during active motor tasks. <em>Frontiers in Pain Research</em>.<br><a href="https://www.frontiersin.org/journals/pain-research/articles/10.3389/fpain.2026.1849507/full">https://www.frontiersin.org/journals/pain-research/articles/10.3389/fpain.2026.1849507/full</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/08/16/schmerzen-bei-demenz-warum-beobachten-im-sitzen-nicht-reicht/">Schmerzen bei Demenz: Warum Beobachten im Sitzen nicht reicht</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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		<title>Demenz: Wer hat hier eigentlich das Problem?</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/06/05/demenz-wer-hat-hier-eigentlich-das-problem/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 05 Jun 2026 12:39:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[altenpflege]]></category>
		<category><![CDATA[Angehörige Demenz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine einfache Frage kann im Umgang mit Menschen mit Demenz viel Stress herausnehmen. Sie lautet: Wer hat hier eigentlich das Problem? Diese Frage wirkt zunächst fast zu schlicht. Im Pflegealltag&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/06/05/demenz-wer-hat-hier-eigentlich-das-problem/">Demenz: Wer hat hier eigentlich das Problem?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine einfache Frage kann im Umgang mit Menschen mit Demenz viel Stress herausnehmen. Sie lautet: Wer hat hier eigentlich das Problem?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Diese Frage wirkt zunächst fast zu schlicht. Im Pflegealltag kann sie aber verhindern, dass Verhalten vorschnell als Störung bewertet wird. Denn nicht alles, was von unserer Routine abweicht, ist für den Menschen mit Demenz ein Problem. Manchmal ist es vor allem ein Problem für unsere Ordnungsvorstellungen, unseren Zeitplan oder unser Bedürfnis, eine Situation sofort zu korrigieren. Wenn ich mit Teams arbeite, ist das daher für mich eine Leitfrage. Denn häufig eröffnet sie die Möglichkeit, Druck und Stress im Alltag zu verringern – und davon haben Pflegeprofis meist mehr als genug.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Pflegefachpersonen wegsehen sollen. Es bedeutet: Erst prüfen, dann eingreifen. Und letztlich: öfter einfach machen lassen, statt im eigenen Arbeitsalltag Menschen mit Demenz ständig korrigierend hinterherzuhechten.<br></p>



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</div></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Wann müssen Sie wirklich handeln?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eingreifen müssen wir immer dann, wenn Gefahr besteht, ein Mensch leidet, Gesundheit gefährdet ist oder andere Menschen beeinträchtigt werden. Grenzen und Rechte anderer Menschen dürfen und müssen geschützt werden. Das steht nicht in Frage – eher manchmal, wie wir das machen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Anders sieht es aus, wenn ein Verhalten vor allem ungewohnt, unordentlich oder störend wirkt, aber niemandem schadet. Dann lohnt sich ein kurzer innerer Stopp: Muss ich jetzt wirklich handeln? Oder halte ich gerade nur schwer aus, dass etwas nicht so ist, wie ich es gewohnt bin? Diese Unterscheidung ist besonders wichtig bei Menschen mit Demenz. Viele Handlungen haben für Außenstehende keinen erkennbaren Sinn, können für die betroffene Person aber beruhigend, vertraut oder orientierend sein.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Kleiderschrank wird immer wieder ausgeräumt</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein typisches Beispiel aus einer Pflegeeinrichtung: eine Bewohnerin räumt ihren Kleiderschrank aus. Eine Pflegefachperson kommt ins Zimmer, sieht die Unordnung und räumt alles wieder ein. Beim nächsten Rundgang ist der Schrank erneut ausgeräumt. Wieder wird aufgeräumt. Nach dem dritten oder vierten Mal entsteht Ärger, Zeitdruck und die Einschätzung: Die Bewohnerin ist unruhig, schwierig oder kaum zu bremsen, agitiert – obwohl bei ihr kein erkennbarer Leidensdruck vorhanden ist. Im Gegenteil: wechselt man die Perspektive, ist sie beschäftigt, schafft ihre eigene Ordnung, kümmert sich um ihre eigenen Sachen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Hier hilft die Frage: Wer hat das Problem? Und für Kolleginnen und Kollegen die Unordnung besonders schlecht aushalten können: natürlich heißt das nicht, alles so lassen zu müssen. Aber statt den Schrank viermal pro Schicht aufzuräumen, kann das Team festlegen: der Schrank wird einmal täglich zu einem geeigneten Zeitpunkt überprüft und geordnet. Alles andere darf (vorübergehend) unordentlich sein.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das spart Zeit, reduziert Konflikte und verhindert, dass aus einem harmlosen Verhalten ein Dauerthema wird.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Selbstverursachter Stress entsteht oft durch Korrekturreflexe</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Viele belastende Situationen entstehen nicht nur durch das Verhalten des Menschen mit Demenz. Sie entstehen auch dadurch, dass Pflegefachpersonen immer wieder korrigieren, zurückräumen, erklären oder umlenken, obwohl die Situation objektiv nicht gefährlich ist. Das kostet Zeit, schafft Stress – und es entstehen neue Risiken: z.B. der unangemessene Einsatz von Bedarfsmedikation gegen „Unruhe“.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die praktische Leitfrage lautet deshalb: Entsteht gerade Schaden, Gefahr oder Leidensdruck? Oder stört es vor allem mich? Wenn es vor allem mich stört, ist Innehalten oft die bessere Intervention.</p>



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<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Frage „Wer hat hier eigentlich das Problem?“ eignet sich gut für Fallbesprechungen, Übergaben und kurze Teamreflexionen. Sie hilft, eingefahrene Reaktionsmuster zu erkennen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wichtig ist: Nicht-Eingreifen bedeutet nicht Nichtstun. Es kann eine bewusste fachliche Entscheidung sein. Dazu gehört, Risiken einzuschätzen, Grenzen zu setzen, Alternativen anzubieten und die Situation weiter zu beobachten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Angehörige brauchen Erklärung, nicht perfekte Ordnung</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein häufiges Gegenargument lautet: Die Angehörigen beschweren sich, wenn das Zimmer unordentlich ist oder Dinge herumliegen.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
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</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das kann passieren. Oft entsteht die Beschwerde aber nicht wegen der Unordnung. Angehörige haben häufig Angst, dass niemand hinsieht, dass zu wenig Personal da ist oder dass es den Pflegefachpersonen egal ist. Wenn sie nur die Unordnung sehen, aber die fachliche Entscheidung dahinter nicht kennen, wirkt die Situation schnell wie eine Art Vernachlässigung.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Deshalb ist Erklärung entscheidend. Pflege wird auch deshalb häufig unterschätzt, weil Sie nicht gut kommuniziert, was sie macht. Oder eben bewusst nicht macht. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Pflegefachpersonen können Angehörigen ruhig und klar vermitteln:</p>



<ul class="wp-block-list has-medium-font-size">
<li>Wir sehen die Situation.</li>



<li>Wir lassen Ihre Mutter oder Ihren Vater nicht allein damit.</li>



<li>Wir unterscheiden zwischen Menschen und Dingen.</li>



<li>Zuerst achten wir darauf, ob es dem Menschen gut geht.</li>



<li>Wenn keine Gefahr besteht, greifen wir nicht jedes Mal sofort ein.</li>



<li>Wir kümmern uns zu einem geeigneten Zeitpunkt um Ordnung, Wäsche und Sicherheit.</li>
</ul>
</div>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">So wird aus „Die kümmern sich gar nicht!“ eine andere Wahrnehmung: Das Team handelt bewusst. Es setzt Prioritäten. Es schützt den Menschen vor unnötigen Konflikten und kümmert sich trotzdem. Gerade diese Erklärung schafft Vertrauen. Angehörige erleben dann nicht Gleichgültigkeit, sondern fachliches Vorgehen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Frage „Wer hat hier eigentlich das Problem?“ ist keine Ausrede fürs Wegsehen. Sie ist ein Werkzeug für bewusstes Handeln. Sie hilft Pflegefachpersonen, zwischen echter Gefahr und eigener Irritation zu unterscheiden. Sie verhindert unnötige Konflikte. Und sie gibt Menschen mit Demenz mehr Raum, sich in ihrer Umgebung auf ihre Weise zu beschäftigen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nicht alles, was uns stört, ist auch ein Problem für den Menschen mit Demenz. Manchmal beginnt gute Pflege genau dort, wo wir „nichts“ machen.</p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/06/05/demenz-wer-hat-hier-eigentlich-das-problem/">Demenz: Wer hat hier eigentlich das Problem?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Warum Sie Krankenhauseinweisungen bei Demenz gut abwägen sollten</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/03/14/warum-sie-krankenhauseinweisungen-abwaegen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 14 Mar 2026 11:49:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Krankenhausaufenthalt kann für Menschen mit Demenz medizinisch notwendig sein. Gleichzeitig ist er oft mit erheblichen Risiken verbunden. Genau das macht die Entscheidung so schwierig. Denn das Akutkrankenhaus ist vor&#8230;</p>
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<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Krankenhausaufenthalt kann für Menschen mit Demenz medizinisch notwendig sein. Gleichzeitig ist er oft mit erheblichen Risiken verbunden. Genau das macht die Entscheidung so schwierig. Denn das Akutkrankenhaus ist vor allem für Diagnostik, Überwachung, Eingriffe und schnelle Abläufe gebaut – nicht für Orientierung, Beziehungskontinuität und langsame alltagsnahe Stabilisierung.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für Menschen mit Demenz beginnt die Belastung oft schon mit dem Ortswechsel. Vertraute Personen, Routinen und Orientierungspunkte fallen plötzlich weg. Was für andere nur eine Verlegung ist, kann bei Demenz massiven Stress auslösen: Angst, Unruhe, Abwehr,<a href="https://demenz-im-krankenhaus.de/2026/01/05/die-pflege-von-menschen-mit-demenz-ist-auch-nachts-eine-herausforderung/"> Schlafstörungen</a>, <a href="https://demenz-im-krankenhaus.de/2025/01/18/mangel-und-unterernaehrung-bei-menschen-mit-demenz-ursachen-folgen-und-massnahmen/">Nahrungs- und Trinkprobleme</a> oder Rückzug, um nur einige zu nennen. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Hinzu <a href="https://demenz-im-krankenhaus.de/2025/08/19/delir-im-krankenhaus-warum-menschen-mit-demenz-besonders-gefaehrdet-sind/">kommt das hohe Delirrisiko</a>. Eine Demenz ist ein unabhängiger <a href="https://demenz-im-krankenhaus.de/2026/01/10/s3-leitlinie-delir-im-hoeheren-lebensalter-was-ist-neu/">Prädikator für ein erhöhtes Delirrisiko</a>. Schmerzen, Infekte, Schlafmangel, Exsikkose, <a href="https://demenz-im-krankenhaus.de/2026/02/28/gegeben-aber-nicht-genommen-der-stille-medikationsfehler/">Medikamente</a> und die ungewohnte Umgebung können rasch zu einer akuten Verschlechterung von Aufmerksamkeit, Denken und Verhalten führen. Auch Stürze, Funktionsverlust und <a href="https://demenz-im-krankenhaus.de/2026/02/11/verhalten-verstehen-und-handhaben/">weitere Komplikationen</a> werden wahrscheinlicher. Viele Betroffene kommen deshalb in den Augen von Angehörigen oder den Kolleginnen und Kollegen der ambulanten Versorgung schlechter zurück, als sie eingewiesen wurden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Warum man Probleme nicht einfach an die Klinik abgeben kann</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Es ist zu einfach, <a href="https://demenz-im-krankenhaus.de/2026/01/17/unsichtbarer-mehraufwand-demenz-ist-im-krankenhaus-auch-ein-steuerungsproblem/">schwierige Situationen einfach an das Krankenhaus weiterzureichen</a> und zu erwarten, dass dort alles gelöst wird. Kliniken können akute medizinische Probleme behandeln. Sie können aber fehlende Vorausplanung, unklare Behandlungsziele, ungeklärte Zuständigkeiten oder uneinige Angehörige nicht einfach ersetzen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade bei Demenz prallen hier oft zwei Logiken aufeinander: Akutmedizin auf der einen Seite, demenzgerechte Versorgung auf der anderen. Was medizinisch machbar ist, ist nicht automatisch sinnvoll, verhältnismäßig oder lebensqualitätsfördernd.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Vor der Einweisung muss die eigentliche Frage klar sein</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nicht jede Krise ist automatisch eine Klinikkrise. Gerade bei fortgeschrittener Demenz braucht es eine bewusste Abwägung von Nutzen, Belastung und realistischer Zielsetzung – nicht nur eine schnelle Reaktion auf Unsicherheit oder Druck. Mehr dazu in diesem kurzen Film. </p>



<figure class="wp-block-video"><video height="720" style="aspect-ratio: 1280 / 720;" width="1280" controls src="https://demenz-im-krankenhaus.de/wp-content/uploads/2026/03/KHvermeidenFinal.mp4"></video><figcaption class="wp-element-caption"><a href="https://www.youtube.com/watch?v=y3d7IfwZuEM">Das Video finden Sie auch auf Youtube. </a></figcaption></figure>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Pflegefachpersonen spielen in dieser Abwägung eine wichtige Rolle. Sie beobachten Veränderungen oft zuerst, schätzen Risiken mit ein, bringen Alternativen vor Ort ins Gespräch und helfen, Entscheidungen fachlich nachvollziehbar zu machen. Leitfragen können dabei helfen, in Akutsituationen strukturierter zu prüfen, statt reflexhaft einzuweisen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Am Ende geht es nicht darum, jede Einweisung zu verhindern. Es geht darum, unnötige und belastende Einweisungsautomatismen zu vermeiden – und nur dann einzuweisen, wenn ein klares, realistisches und patientenzentriertes Ziel dahintersteht. Das ist meiner Erfahrung nach leider durchaus nicht immer der Fall. </p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>
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		<title>Kindheit wirkt nach: Langzeitstudie über Alzheimer-Risiko, Gefäßrisiken und „kognitive Reserve“</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/01/30/fruehe-lebensjahre-demenzrisiko-studie-alzheimer-nicht-alzheimer/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 30 Jan 2026 07:42:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Viele Präventionsübersichten nennen „Bildung“ als Schutzfaktor gegen Demenz. Das stimmt als grobe Richtung – ist aber unscharf. Eine neue prospektive Kohortenstudie aus Alzheimer’s &#38; Dementia trennt genauer: Welche frühen Einflüsse&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/01/30/fruehe-lebensjahre-demenzrisiko-studie-alzheimer-nicht-alzheimer/">Kindheit wirkt nach: Langzeitstudie über Alzheimer-Risiko, Gefäßrisiken und „kognitive Reserve“</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Viele Präventionsübersichten nennen „Bildung“ als Schutzfaktor gegen Demenz. Das stimmt als grobe Richtung – ist aber unscharf. Eine neue <a href="https://alz-journals.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/alz.70967">prospektive Kohortenstudie</a> aus Alzheimer’s &amp; Dementia trennt genauer: Welche frühen Einflüsse liegen vermutlich hinter dem Bildungseffekt, und unterscheiden sie sich je nach Demenzform?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Kurzfassung der Ergebnisse</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Forschenden zeigen an einer nahezu lebenslangen Beobachtungskohorte: Entscheidend sind vor allem Einflüsse, die vor dem Ende der High School liegen (Kindheit/Jugend). Spätere Bildungsjahre im jungen Erwachsenenalter (College/weiterführende Abschlüsse) hatten in den Modellen keinen eigenständigen Schutzeffekt vor Demenz.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Und noch wichtiger: Die Mechanismen unterscheiden sich je nach Demenzform.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li class="has-medium-font-size">Nicht-Alzheimer-Demenzen (häufig mit Gefäßschäden assoziiert): eher verbunden mit Ressourcen im Elternhaus, besonders elterlichem Einkommen und auch Bildung der Mutter. </li>



<li class="has-medium-font-size">Alzheimer-Demenz: eher verbunden mit Markern der „kognitiven Reserve“ in der Jugend, hier über Jugend-IQ und schulische Leistung (High-School-Rang). </li>



<li class="has-medium-font-size">Zusätzlich: Gute schulische Leistung in der Jugend schwächte in den Analysen den Zusammenhang zwischen genetischem Risiko (APOE-Risikoscore) und Alzheimer-Demenz ab.</li>
</ul>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<div style="background:#f2f7ff;border:1px solid #d7e6ff;border-radius:10px;padding:16px;line-height:1.5;">
  <h3 style="margin:0 0 10px 0;font-size:18px;">Praxis-Übersetzung in 3 Punkten</h3>
  <ul style="margin:0;padding-left:18px;">
    <li>
      <strong>Biografie als Hinweis:</strong> Bei belasteter Kindheit eher den „Gefäßpfad“ mitdenken und Gefäß- und Funktionsrisiken
      (z. B. Blutdruck, Diabetes, Schlaf, Bewegung, Schmerz, Sinnesdefizite, Isolation) eng begleiten und früh handeln.
    </li>
    <li>
      <strong>„Kognitive Reserve“ im Alltag:</strong> Nicht IQ, sondern Kompensation. Konsequenz: klare Struktur, Reizreduktion, machbare Aufgaben
      mit Erfolgserlebnissen und Aktivierung als Funktionsschutz statt Beschäftigung.
    </li>
    <li>
      <strong>Angehörige entlasten:</strong> Die Vorgeschichte erklärt Unterschiede, ohne zu bewerten. Gleichzeitig bleibt heute viel gestaltbar:
      Sicherheit, Beziehung, Umfeld, Risikomanagement und somatische Trigger konsequent behandeln.
    </li>
  </ul>
</div>

</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für die Praxis ist der differenzierte Blick zentral. Wenn Nicht-Alzheimer-Demenzen stärker mit frühen sozialen Ressourcen zusammenhängen, passt das zu einem Gefäß-/Umweltpfad: frühe Armut, Stress, schlechterer Zugang zu gesunder Entwicklung und später mehr kardiovaskuläre Risiken. Die Studie argumentiert explizit: Wenn man nur Bildungsjahre misst, vermischt man Lebensphasen. Man sieht dann nicht, ob der Effekt eher aus Kindheit/Jugend stammt oder aus späterer Ausbildung. In dieser Kohorte war der relevante Anteil offenbar vor dem Ende der Schulzeit zu verorten.</p>
</div>
</div>



<h2 class="wp-block-heading">Wichtige Einschränkungen der Studie</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die WLS besteht überwiegend aus weißen High-School-Absolventen aus Wisconsin; die Ergebnisse sind daher nicht automatisch auf alle Bevölkerungsgruppen übertragbar. Die Autoren betonen außerdem, dass die Stichprobe eher etwas „vorteilhafter“ ist und der Einfluss früher Nachteile dadurch sogar unterschätzt sein könnte.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Fazit: Prävention differenziert betrachten</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Studie schärft den Blick: Nicht „Bildung“ im Allgemeinen schützt, sondern spezifische, frühe Mechanismen – und diese unterscheiden sich je nach Demenzform. Für die Versorgung bedeutet das: Demenzprävention und Demenzversorgung profitieren von einem Lebenslauf-Blick, der soziale Vorgeschichte, Gefäßrisiken und kognitive Reserve auseinanderhält, statt alles in einem Bildungsindikator zu verstecken.</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">Quelle: erd P, Sicinski K, Williams V, Asthana S, Engelman M. Early-life influences on the risk for later-life Alzheimer’s and non-Alzheimer’s dementia: A nearly full life course prospective cohort study. Alzheimer’s &amp; Dementia. 2026;22:e70967. <a href="https://doi.org/10.1002/alz.70967">https://doi.org/10.1002/alz.70967</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/01/30/fruehe-lebensjahre-demenzrisiko-studie-alzheimer-nicht-alzheimer/">Kindheit wirkt nach: Langzeitstudie über Alzheimer-Risiko, Gefäßrisiken und „kognitive Reserve“</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
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		<title>Demenz und Desorientierung: viel mehr, als nicht von A nach B zu finden</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/01/02/demenz-und-desorientierung-viel-mehr-als-nicht-von-a-nach-b-zu-finden/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Jan 2026 14:23:32 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn von „Desorientierung“ oder &#8222;Orientierungslosigkeit&#8220; die Rede ist, wird das Thema häufig auf einen einzigen Punkt verkürzt: Menschen mit Demenz finden z.B. das Bad nicht oder verirren sich auf dem&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/01/02/demenz-und-desorientierung-viel-mehr-als-nicht-von-a-nach-b-zu-finden/">Demenz und Desorientierung: viel mehr, als nicht von A nach B zu finden</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn von „Desorientierung“ oder &#8222;Orientierungslosigkeit&#8220; die Rede ist, wird das Thema häufig auf einen einzigen Punkt verkürzt: Menschen mit Demenz finden z.B. das Bad nicht oder verirren sich auf dem Weg nach Hause. Das kommt vor – aber diese Verkürzung ist fachlich riskant. Sie macht aus einem komplexen neurokognitiven Problem ein reines Navigationsproblem. In der Folge greifen Anpassungs- und Umgangsstrategien zu kurz, Missverständnisse häufen sich, und Verhalten wird vorschnell als „unkooperativ“ oder „auffällig“ eingeordnet &#8211; obwohl es sich bei näherer Betrachtung um eine nachvollziehbare Reaktion auf den Verlust von Orientierung handelt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Welche Orientierungsqualitäten gibt es?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Orientierung ist eine Grundfunktion, mit der Menschen sich in der Welt und in sich selbst verorten: Wo bin ich, wann ist jetzt, was passiert hier, wer ist vor mir – und wer bin ich selbst? Bei Demenz können genau diese Qualitäten einzeln oder gemeinsam beeinträchtigt sein. Wer das versteht, kann Verhalten besser deuten, Risiken früher erkennen und Pflege individueller gestalten. Daher ist es wichtig zu wissen, worum es geht wenn von Desorientierung die Rede ist. Mehr dazu in diesem kurzen Film zum Thema:</p>



<figure class="wp-block-video"><video height="1080" style="aspect-ratio: 1084 / 1080;" width="1084" controls src="https://demenz-im-krankenhaus.de/wp-content/uploads/2026/01/DemenzundOrientierungF.mp4"></video><figcaption class="wp-element-caption"><a href="https://youtube.com/shorts/7fpH0kcXnhk?feature=share">Hier können Sie das Video auf Youtube ansehen.</a></figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading">Differenzierung macht Pflege besser</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Je genauer Pflegefachleute verstehen, welche Orientierungsqualität eingeschränkt ist, desto zielgerichteter können sie reagieren. Das verändert die Praxis ganz konkret:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li class="has-medium-font-size">Verhalten wird als Signal gelesen (nicht als Absicht).</li>



<li class="has-medium-font-size">Kommunikation wird passender: weniger Korrektur, mehr Einordnung, mehr Sicherheit.</li>



<li class="has-medium-font-size">Risiken werden früher erkannt: Delir, Schmerzen, Exsikkose, Infekte, Medikamentennebenwirkungen.</li>



<li class="has-medium-font-size">Maßnahmen werden individueller: Umgebung, Tagesstruktur, Reizniveau, Biografie, Teamabsprachen.</li>
</ul>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Am Ende ist Desorientierung kein einzelnes Symptom, sondern eine veränderte Art, Welt, Menschen, Situation und Körper zu erleben. Nur mit erweitertem Wissen über die Wirkungen von Demenzerkrankungen in ihren verschiedenen Facetten und Ausprägungen gelingt eine angemessene, respektvolle und individuelle Pflege. Wer Orientierung differenziert betrachtet, reduziert Eskalationen, stärkt Sicherheit – und arbeitet näher an dem, was Betroffene tatsächlich erleben.</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/01/02/demenz-und-desorientierung-viel-mehr-als-nicht-von-a-nach-b-zu-finden/">Demenz und Desorientierung: viel mehr, als nicht von A nach B zu finden</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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		<item>
		<title>Demenz: Abwehrend? Übergriffig? Oder vielleicht doch ganz anders?</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2025/11/21/demenz-abwehrend-uebergriffig-oder-vielleicht-doch-ganz-anders/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Nov 2025 21:25:29 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[sturzrisiko]]></category>
		<category><![CDATA[verhaltensauffälligkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[vestibuläres system]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Verhalten eines anderen Menschen zu deuten, ist schwer genug. Das Verhalten von Menschen mit Demenz zu interpretieren, kann eine noch größere Herausforderung sein. Fehlinterpretationen sind dabei nicht nur ärgerlich&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2025/11/21/demenz-abwehrend-uebergriffig-oder-vielleicht-doch-ganz-anders/">Demenz: Abwehrend? Übergriffig? Oder vielleicht doch ganz anders?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das Verhalten eines anderen Menschen zu deuten, ist schwer genug. Das Verhalten von Menschen mit Demenz zu interpretieren, kann eine noch größere Herausforderung sein. Fehlinterpretationen sind dabei nicht nur ärgerlich – sie können gravierende Folgen haben, zum Beispiel wenn <a href="https://demenz-im-krankenhaus.de/2024/03/11/demenz-auf-falscher-faehrte-bei-infektionen-schmerzen/">Infektionen, Schmerzen</a> oder Schwindel dahinterstecken und unbehandelt bleiben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Empathie allein reicht nicht aus </h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Stellen Sie sich vor, Sie müssen sich einer größeren Operation unterziehen. Sie haben zwei Empfehlungen:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">• Krankenhaus A: Alle sind „supernett“, die Atmosphäre ist warm und menschlich.<br>• Krankenhaus B: Dort arbeiten ausgewiesene Expertinnen und Experten, die sehr viele Eingriffe genau dieser Art durchführen – mit hervorragenden Ergebnissen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wo würden Sie sich operieren lassen?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ideal ist natürlich die Kombination: fachliche Exzellenz und ein gutes, zugewandtes Miteinander. In der Versorgung von Menschen mit Demenz gilt genau das Gleiche: Verständnis, Geduld und eine freundliche Haltung sind unverzichtbar. Aber sie dürfen professionelle pflegerische Wachsamkeit nicht ersetzen. Sonst wird es gefährlich – wie im Fall von Herrn M.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Herr M.: „Aggressiv und sexuell übergriffig“?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Herr M. hat eine weit fortgeschrittene Demenz. Verbale Kommunikation gelingt kaum noch. Er wirkt stark untergewichtig, ausgezehrt. Für einige Zeit kommt er nach einem Krankenhausaufenthalt zur Kurzzeitpflege in ein Pflegeheim. Schon in den ersten Tagen zeigt sich ein auffälliges Muster:<br>Jede Mobilisation wird zur Kraftprobe. Beim Setzen auf die Bettkante, beim Transfer in den Rollstuhl oder in den Pflegesessel hält sich Herr M. mit großer Kraft an allem fest, was er greifen kann: Bettgitter, Matratze, Nachttisch, Kleidung der Pflegenden. Es kommt zu Griffspuren und Blutergüssen. Das Team versucht zunächst alles: ruhiges Zureden, kurze Erklärungen, längere Gespräche, „Aromatherapie“ mit Lavendel um eine beruhigende Atmosphäre zu schaffen. Doch der Erfolg bleibt aus. Stück für Stück geht den Mitarbeitenden die Geduld aus.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Eklat</h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<div style="background:#f9fafb; border:1px solid #e5e7eb; padding:1.25rem 1.5rem; border-radius:8px; max-width:700px; font-size:1.3rem; line-height:1.6;">
  <p style="margin-top:0; margin-bottom:0.7rem; font-size:1.4rem;">
    Warum Menschen mit Demenz anfälliger für Schwindel sind – kurz erklärt
  </p>

  <ul style="margin:0 0 0.6rem 1.4rem; padding:0;">
    <li>Schäden im „Vestibular-Netzwerk“ des Gehirns:
      Die Gleichgewichtsinformation aus dem Innenohr wird in Hirnstamm, Kleinhirn, Thalamus, Inselrinde und parietalen Arealen verarbeitet. Bei Demenz sind Teile dieses Netzwerks (z. B. temporo-parietale Regionen) oft mitbetroffen – die Integration von Gleichgewichts-, Seh- und Tiefensensibilität wird unsicher.</li>

    <li>Hippocampus und räumliche Orientierung:
      Der Hippocampus ist wichtig für Orientierung, Raumgefühl und Navigation. In vielen Demenzformen (vor allem Alzheimer) schrumpft er deutlich. Studien zeigen: vestibuläre Störungen gehen mit Hippocampus-Atrophie und kognitiven Einbußen einher. Das Gehirn kann Position und Bewegung im Raum schlechter einschätzen – Betroffene fühlen sich schneller „schwankend“ oder verloren.</li>

    <li>Weiße Substanz und Kleingefäßerkrankung:
      Bei älteren Menschen mit Demenz finden sich häufig Mikroinfarkte und Veränderungen der weißen Substanz. Diese stören die Leitungsbahnen zwischen Motorik-, Gleichgewichts- und Planungsarealen. Folge: Gang- und Standunsicherheit, „Schwankschwindel“, unerklärte Stürze – auch ohne klaren Drehschwindel.</li>

    <li>Autonome Dysregulation:
      Besonders bei Lewy-Körper- und Parkinson-Demenz ist das vegetative Nervensystem betroffen. Blutdruck und Herzschlag passen sich langsamer an Lagewechsel an. Orthostatische Hypotonie („Blutdruck sackt beim Aufstehen ab“) führt zu Schwarzwerden vor Augen, Benommenheit und Schwindel – oft ohne dass die Betroffenen das benennen können.</li>

    <li>Überlastete Sinnesintegration:
      Das Gehirn muss ständig Sehen, Gleichgewichtssinn und Körperwahrnehmung abgleichen. Bei Demenz gelingt dieser Abgleich schlechter, vor allem in unruhigen, optisch „vollen“ Umgebungen. Widersprüchliche Signale (z. B. viel Bewegung im Blickfeld, aber stillstehender Körper) werden schneller als Schwindel oder Unsicherheit erlebt.</li>

    <li>Verstärkende Faktoren:
      Hinzu kommen typische „Begleiter“ des Alters: Hör- und Sehverlust, Polyneuropathie, Medikamente mit Schwindel- und Sturzrisiko. Bei Demenz wirken diese Faktoren stärker, weil Kompensation und Rückmeldung („mir ist schwindlig“) eingeschränkt sind.</li>
  </ul>

  <p style="margin:0; font-size:1.1rem; color:#6b7280;">
    Beispielhafte Studien: Agrawal Y et al. Vestibular impairment and cognitive decline in older adults (2019); Lim SJ et al. Vestibular loss increases risk of dementia (Sci Rep 2023); Aedo-Sanchez C et al. Vestibular dysfunction and its association with cognitive impairment (Front Neurosci 2024).
  </p>
</div>

</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eines Tages soll Herr M. wieder von zwei Pflegenden vom Bett in den Pflegesessel mobilisiert werden. Das bekannte Bild: Er klammert sich an Matratze und Bettgestell, „wehrt sich“, wie das Team es nennt. Schließlich gelingt es, ihn auf die Füße zu stellen. Beim Drehen und Hinsetzen greift Herr M. erneut wild um sich. In diesem Moment trifft er eine Kollegin an der Brust.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für das ohnehin bereits genervte Team ist die Situation eindeutig: das geht so nicht mehr.<br>Von „sexuellem Übergriff“, „Sexualstraftat“ und „Gewalttäter“ ist die Rede. Die Tochter wird etwa eine Stunde später telefonisch informiert – emotional, wütend, mit klarer Ankündigung: Der Kurzzeitpflegeplatz sei vermutlich verloren, eine Einweisung in die Psychiatrie dringend erforderlich. Die Tochter ist völlig fassungslos. Tränenreich entschuldigt sie sich für ihren Vater, beschreibt ihn als früher liebevollen, respektvollen Menschen und ist völlig ratlos, ob sie einer Einweisung in eine Psychiatrie zustimmen soll.</p>
</div>
</div>



<h2 class="wp-block-heading">Die erste Begegnung</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auf Station erlebe ich Herrn M. zum ersten Mal. Ich habe zu diesem Zeitpunkt bereits viele Spekulationen aus dem Team gehört: mögliche traumatische Erlebnisse, „ungelebte Sexualität“, frühere Gewalt – vieles, was das Verhalten erklären soll. Belegt davon ist wie so oft nichts. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Herr M. liegt im Halbdunkel im Bett, mit einer Tagesdecke zugedeckt, die Augen geschlossen. Die Arme sind ausgestreckt, die Hände liegen am oberen Rand der Oberschenkel. Erst auf den zweiten Blick wird klar: Sie „liegen“ dort nicht zufällig, sondern üben Druck aus – er hält sich offenbar an sich selbst fest. Ich spreche ihn an. Keine Reaktion. Erst als ich deutlich lauter werde, bewegt sich sein Kopf suchend, die Augen öffnen sich kurz, scheinen aber nichts zu fixieren. Er findet mich nicht – und schließt sie wieder.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ich setze mich neben ihn auf die Bettkante und lege eine Hand auf seinen Unterarm. Er öffnet die Augen, greift schnell nach meiner Hand und hält sie fest. Es ist Kraft dahinter, aber er versucht nicht, meine Hand wegzuschieben oder zu stoßen. Das fällt mir sofort auf. Es fühlt sich eher an, als „lauert“ er. Er wartet ab, was ich als nächstes tun werde und gleichzeitig ist sein großer Krafteinsatz auch irgendwie eine Botschaft der Warnung.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Herr M. wirkt auf mich „fertig“, erschöpft, fahrig, sieht fahl aus. Ich schiebe es spontan fälschlicherweise auf das Untergewicht und die stressigen Tage.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"></p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<div style="background:#f9fafb; border:1px solid #e5e7eb; padding:1.25rem 1.5rem; border-radius:8px; max-width:700px; font-size:1.4rem; line-height:1.6;">
  <p style="margin-top:0; margin-bottom:0.7rem; font-weight:600; font-size:1.5rem;">
    Schwindel-Verdacht bei Demenz – mögliche Anzeichen
  </p>
  <p style="margin:0 0 0.7rem 0; font-size:1.3rem;">
    Besonders wichtig, wenn die Person stark kognitiv eingeschränkt ist und sich kaum oder gar nicht mehr verbal äußern kann:
  </p>
  <ul style="margin:0 0 0.7rem 1.4rem; padding:0; font-size:1.3rem;">
    <li><strong>Augen:</strong> Nystagmus („Augenpendeln“), Augen werden bei Bewegung fest geschlossen, starrer oder suchender Blick.</li>
    <li><strong>Reaktion auf Lagewechsel:</strong> starke Unruhe beim Drehen, Aufsetzen, Umsetzen; festes Festklammern an Bettgitter, Matratze, Kleidung, Hand; Abwehr bestimmter Bewegungen.</li>
    <li><strong>Vegetative Zeichen:</strong> Übelkeit, häufiges Schlucken, Lippenlecken, Würgereiz; Erbrechen ohne andere deutliche Ursache; Blässe, kalter Schweiß.</li>
    <li><strong>Haltung von Kopf und Körper:</strong> auffällige Kopfhaltung; Zusammenzucken oder Angst bei kleinen Kopfbewegungen; sichtbares „Sichern“ mit Füßen/Händen.</li>
  </ul>
  <p style="margin:0; font-size:1.2rem;">
    Merksatz: Treten mehrere dieser Zeichen wiederholt in Zusammenhang mit Lagewechsel oder Kopfbewegung auf, Schwindel ernst nehmen und ärztlich abklären. Bei neuen Lähmungen, Sprachstörung, Doppelbildern oder starken Kopfschmerzen: Notfall – Rettungsdienst rufen.
  </p>
</div>

</div>
</div>



<h2 class="wp-block-heading">Die „Abwehr“ unter der Lupe</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nachdem die anwesende Kollegin den Raum verlassen hat, entscheide ich mich, seinen „Problemmoment“ ganz bewusst zu erleben: die Mobilisation. Schon beim Beginn des Lagewechsels kommt es zu dem bekannten Bild: unartikuliertes Schimpfen, Drücken, Zupacken, Abwehr. Doch es fällt schnell etwas auf: </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Je näher wir der aufrechten Position kommen, desto mehr verwandelt sich die Gegenwehr in ein panisches Festhalten und Um-sich-Greifen. Im Sitzen verstärkt sich das: Herr M. leckt sich wiederholt über die Lippen, wirkt hoch angespannt, die Hände suchen Halt, der Blick ist unstet, die Augen werden immer wieder krampfhaft geschlossen. Das Bild erinnert eher an massive Unsicherheit und Angst, als an gezielte Aggression oder gar einen „sexuellen Übergriff“.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">In der anschließenden Fallbesprechung setzen wir im Pflegeteam die Beobachtungen systematisch zusammen:</p>



<ul class="wp-block-list has-medium-font-size">
<li>starke Unruhe und „Abwehr“ vor allem bei Lagewechseln</li>
</ul>



<ul class="wp-block-list has-medium-font-size">
<li>sobald der Körper bewegt oder aufgerichtet wird, wandelt sich die „Abwehr“ vollständig in ein Greifen, Festklammern: Halt-suchen.</li>
</ul>



<ul class="wp-block-list has-medium-font-size">
<li>suchende Augen, häufiges Augen schließen – direkt dann, wenn Bewegung beginnt so die Mehrheitsmeinung im Team, auffälliges Lippenlecken wurde auch zuvor bereits dokumentiert und Mundtrockenheit vermutet.</li>
</ul>



<ul class="wp-block-list has-medium-font-size">
<li>In liegender, halbliegender und sogar sitzender Position versiegt die Abwehr nach und nach völlig.</li>
</ul>



<ul class="wp-block-list has-medium-font-size">
<li>Herr M. wirkt in keiner Position jemals richtig entspannt, es sei denn er schläft.</li>
</ul>



<ul class="wp-block-list has-medium-font-size">
<li>Hinzu kommen Anamnesepunkte, die bislang kaum beachtet wurden: Gefäßerkrankungen, und mehrere Stürze in der Vorgeschichte.</li>
</ul>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die weitere Abklärung ergibt: Herr M. leidet unter ausgeprägtem Schwindel, ausgelöst durch eine Kombination aus Kreislaufproblemen und vestibulärer Störung. Es handelt sich also nicht um „grundlose Aggression“ und auch nicht um zielgerichtet sexualisiertes Verhalten, sondern um ein massives, körperlich begründetes Unsicherheits- und Fallgefühl – das er nur noch über Bewegung und Zupacken ausdrücken kann bzw. zu verhindern oder abzuschwächen sucht.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">In der Einrichtung zuvor war das nicht erkannt worden. Man hat mit großem gutem Willen versucht, empathisch, freundlich und beruhigend auf das vermeintlich „abwehrende Verhalten“ zu reagieren. Es gab viele Deutungen über mögliche Traumata oder psychische Belastungen, aber kaum eine gezielte körperliche Spurensuche.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was wir aus diesem Fall lernen können</h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<div style="background:#f9fafb; border:1px solid #e5e7eb; padding:1.25rem 1.5rem; border-radius:8px; max-width:750px; font-size:1.4rem; line-height:1.6;">
  <p style="margin-top:0; margin-bottom:0.7rem; font-size:1.6rem;">
    Potenziell problematische Medikamente bei Demenz und Schwindel
  </p>

  <p style="margin:0 0 0.6rem 0;">
    Vorsicht ist besonders geboten bei folgenden Wirkstoffgruppen (immer ärztlich prüfen lassen – keine Eigenänderung der Medikation):
  </p>

  <ul style="margin:0 0 0.7rem 1.6rem; padding:0;">
    <li>Blutdrucksenker und andere kardiovaskuläre Medikamente:
      (z. B. Antihypertensiva, einige Antiarrhythmika) – können Schwindel, orthostatische Hypotonie und Stürze begünstigen.</li>
    <li>Diuretika:
      (entwässernde Medikamente) – Risiko für Volumenmangel, Blutdruckabfall und Kreislauf-Schwindel.</li>
    <li>Psychopharmaka:
      (Antipsychotika, sedierende Antidepressiva, Benzodiazepine, Z-Schlafmittel) – sedierend, teils anticholinerg, mit erhöhtem Risiko für Schwindel, Gangunsicherheit und Stürze.</li>
    <li>Antiepileptika:
      – häufig mit Nebenwirkungen wie Benommenheit, Ataxie und Schwindel verbunden.</li>
    <li>Opioid-Analgetika:
      – können zu Sedierung, Blutdruckabfall, Benommenheit und Schwindel führen.</li>
    <li>Stark anticholinerge Medikamente:
      (z. B. einige Blasenmedikamente, ältere H1-Antihistaminika, bestimmte Antidepressiva/Neuroleptika) – verschlechtern Kognition, Sehen, Kreislaufregulation und erhöhen damit indirekt Schwindel- und Sturzrisiko.</li>
    <li>Demenzmedikamente aus der Gruppe der Cholinesterasehemmer:
      (Donepezil, Rivastigmin, Galantamin) – können bei einem Teil der Betroffenen Schwindel, Bradykardie und Synkopen auslösen.</li>
  </ul>

  <p style="margin:0 0 0.4rem 0;">
    In der Pflegepraxis wichtig: Schwindelzeichen (z. B. Festklammern, Übelkeit, Blässe, Nystagmus, Unsicherheit beim Aufrichten) immer im Zusammenhang mit der aktuellen Medikation denken und strukturiert an Ärztin/Hausarzt zurückmelden – niemals Medikamente eigenständig weglassen oder dosieren.
  </p>

  <p style="margin:0; font-size:1.1rem; color:#6b7280;">
    Beispielhafte Quelle: Seppala LJ et al. &#8222;Fall-risk-increasing drugs and falls in older adults: a systematic review and meta-analysis.&#8220; Age Ageing. 2018.
  </p>
</div>

</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Der Fall von Herrn M. zeigt deutlich, wie schnell Verhalten von Menschen mit Demenz fehlinterpretiert werden kann – und wie wichtig es ist, körperliche Ursachen konsequent mitzudenken. Einige Kerngedanken für den Alltag:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">1. Verhalten zuerst als Signal verstehen<br>Bevor wir Verhalten als „aggressiv“, „übergriffig“ oder „unkooperativ“ etikettieren, lohnt sich die genaue Beobachtung und eine Fallbesprechung. Wogegen richtet sich die Reaktion eigentlich? Wie sieht sie konkret aus und in welchen Situationen tritt sie auf und in welchen Situationen nicht?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">2. Situationen genau betrachten<br>Treten Abwehr und „Greifen“ vor allem dann auf, wenn Kopf und Oberkörper bewegt oder aufgerichtet werden? Wenn ja, gehört Schwindel auf die Liste der Verdachtsmomente – neben Schmerzen, Luftnot, Angst oder orthostatischen Problemen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">3. Beobachten statt nur einordnen<br>Eine kurze, präzise Beobachtung („beim Aufsetzen klammert sich Herr M. fest, schließt die Augen, wirkt blass, Lippenlecken, hört auf, wenn er wieder liegt“) hilft Ärztinnen und Ärzten viel mehr als die pauschale Einschätzung „aggressiv“ oder „übergriffig“.</p>
</div>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Empathie ist unverzichtbar. Aber sie ersetzt keine klinische Aufmerksamkeit. Menschen mit Demenz brauchen beides: freundliche, zugewandte Begleitung und ein Team, das körperliche Symptome erkennt, ernst nimmt und zur Sprache bringt. Das zeigt auch, warum die Versorgung von Menschen mit Demenz Fachpersonen braucht. Herr M. lebt in der Zwischenzeit wieder Zuhause und wird von der Tochter mit Unterstützung eines Pflegedienstes und eines Betreuungsdienstes versorgt. Eine Einweisung in die Psychiatrie hat nie stattgefunden.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2025/11/21/demenz-abwehrend-uebergriffig-oder-vielleicht-doch-ganz-anders/">Demenz: Abwehrend? Übergriffig? Oder vielleicht doch ganz anders?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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