Die Pflege von Menschen mit Demenz ist auch nachts eine Herausforderung

Nächte sind in vielen Familien und Einrichtungen der „Stresstest“ der Versorgung von Menschen mit Demenz. Unruhe, häufiges Aufwachen, oder nächtliches Umhergehen treffen auf reduzierte Personalstärke, Müdigkeit und ein erhöhtes Risiko für Stürze. Häufig wird versucht, dem Problem allein mit Medikamenten zu begegnen. Das ist zumindest zum Teil einer Erklärung für die Feststellung, dass Menschen mit Demenz zu oft bzw. zu lange Psychopharmaka erhalten. Aus der momentanen „Einschlafhilfe“ wird eine Dauerverordnung für die Nachtruhe.

In diesem kurzen Video finden Sie wichtige Informationen und Punkte zum Thema kompakt zusammengefasst.

Hier können Sie das Video auf Youtube anschauen. Wenn es Ihnen gefällt, teilen Sie es gerne.

Schlafprobleme sind typisch und häufig

Schlafprobleme sind bei Demenz sehr verbreitet. Je nach Studie und Setting ist etwa ein Viertel bis knapp die Hälfte der Betroffenen in relevantem Ausmaß betroffen – in Pflegeheimen oft eher mehr als weniger.

Typische Muster:

  • tagsüber viel Schlaf, nachts kaum müde
  • fragmentierter Schlaf (häufiges Erwachen, kurze Schlafphasen)
  • frühes Erwachen am Morgen
  • Einschlafprobleme oder Aufwachen und nicht wieder einschlafen
  • nächtliches Aufstehen und Umhergehen („Es ist doch schon Morgen“)

Warum das passiert: Ursachenblöcke

  1. Demenzbedingte Veränderungen
    Die Erkrankung greift Steuerzentren an, die Schlaf-Wach-Rhythmus, Reizfilterung und Schlafphasen stabil halten. Folge: Die „innere Uhr“ läuft unzuverlässiger, Betroffene werden abends nicht müde oder nachts immer wieder wach.
  2. Umgebung und Reize
    Zu helles Licht am Abend (Bad, Flur), Geräusche, ungewohnte Räume oder ein unpassendes Raumklima können die Unruhe deutlich verstärken – gerade weil Reize schlechter ausgeblendet werden.

Struktur und Umgang

Viele Nachtprobleme werden am Tag vorprogrammiert: zu wenig Aktivität, zu viel Tagschlaf, fehlende Rituale, zu späte oder schwere Mahlzeiten, zu wenig soziale Ansprache. Kritisch wird es auch, wenn nächtliche Unruhe reflexhaft als „Medikationsproblem“ behandelt wird, statt zuerst Struktur und Ursachen zu prüfen.

Warum das mehr ist als „nur anstrengend“

Nächtliche Unruhe erhöht das Risiko für Stürze und Verletzungen. Außerdem begünstigen Schlaf- und Beruhigungsmittel (je nach Wirkstoffgruppe) Tagesmüdigkeit, Gangunsicherheit und Verwirrtheit. Die Lebensqualität kann stark beeinträchtigt werden. Im Ergebnis geraten Angehörige und Teams leichter an Grenzen – und die Versorgung zu Hause wird schwerer aufrechtzuerhalten. Sie kann gerade für Angehörige, sozusagen als „Zweitbetroffene“ der Schlafprobleme, unmöglich werden.

Was in der Praxis meist am besten wirkt (Auszug)

  • Am Tag aktivieren: Tageslicht, Bewegung, kleine Aufgaben, soziale Kontakte. Tagschlaf begrenzen, wenn möglich eher im Sessel als lange im Bett.
  • Abends Reize senken: Licht dimmen, ruhige Routine, vertraute Rituale beibehalten (Musik, Vorlesen, Gespräch).
  • Orientierung und Komfort sichern: vertraute Gegenstände, passende Temperatur, ggf. dezentes Orientierungslicht statt greller Beleuchtung.
  • Sicherheit parallel mitdenken: Wege frei, Stolperfallen weg, gefährliche Stoffe bei Verwechslungsgefahr sicher verwahren; Bewegungsmelder.
  • Körperliche Ursachen abklären: Schmerz, Infekt, Harndrang, Atemprobleme, Nebenwirkungen oder ungünstige Einnahmezeiten von Medikamenten.
  • Medikamente nur wenn nötig: niedrig dosiert, zeitlich begrenzt, eng beobachtet und dokumentiert – gemeinsam mit Ärzteschaft und Apotheke.

Für Einrichtungen gilt zusätzlich: Ohne tragfähiges Nachtkonzept bleibt es Stückwerk. Abendangebote sowie angepasste Routinen entlasten den Nachtdienst und verbessern die Lebensqualität – oft mehr als jede Einzelmaßnahme. Wenn eine Einrichtung oder Station von sich behauptet, speziell für Menschen mit Demenz da zu sein, gehört zwingend ein Nachtkonzept dazu.

Jochen Gust

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Jochen Gust

Pflegefachperson, Projektmitarbeiter, Demenzbeauftrager im Krankenhaus, Autor, Moderator, Dozent; Freiberufler

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