Rätsel lösen, Wortlisten merken, Sprichwörter ergänzen, Bilder zuordnen oder sich Namen einprägen: Angebote zum „Gedächtnistraining“ für Menschen mit Demenz gibt es in großer Zahl. Daneben gibt es Kurse, Arbeitsmaterialien, Apps, spezielle Trainingsprogramme und natürlich unzählige Bücher und Webseiten. Viele kommerzielle Anbieter schüren mit falschen Heilsversprechen dabei falsche Hoffnungen bei Betroffenen und Angehörigen, obwohl die wissenschaftliche Faktenlage sehr viel nüchterner ist.
Was kann ein solches Training tatsächlich bewirken?
Die Antwort ist komplizierter als ein einfaches Ja oder Nein zum Thema. Denn Menschen mit Demenz können durchaus von kognitivem Training und kognitiver Stimulation profitieren. Sie können sogar neue Informationen und Handlungen lernen. Problematisch wird es dort, wo daraus wesentlich weitergehende Versprechen abgeleitet werden und unwahre Behauptungen aufgestellt werden: Das Gedächtnis werde durch regelmäßiges Üben allgemein wieder leistungsfähiger, Rätseln übertrage sich automatisch auf die Merkfähigkeit im Alltag oder eine bestehende Demenzerkrankung könne durch „Gehirntraining“ aufgehalten werden.
Der entscheidende Punkt
Menschen mit Demenz können weiterhin lernen. Kognitives Training und kognitive Stimulation können bei leichter bis mittelschwerer Demenz messbare positive Effekte haben. Das bedeutet aber nicht, dass ein durch eine neurodegenerative Erkrankung beeinträchtigtes Gedächtnis durch Übung einfach wieder „fit trainiert“ werden kann.
Das Gedächtnis ist kein Muskel
Hinter vielen Vorstellungen vom Gedächtnistraining steckt ein eingängiges Bild: So wie ein Muskel durch regelmäßige Belastung kräftiger wird, müsse auch das Gedächtnis durch regelmäßiges Training leistungsfähiger werden. Für eine Demenzerkrankung greift diese Vorstellung jedoch zu kurz.
Bei der Alzheimer-Krankheit und anderen neurodegenerativen Erkrankungen bestehen krankhafte Veränderungen des Gehirns. Kognitives Training beseitigt diese zugrunde liegende Erkrankung nicht. Das bedeutet keineswegs, dass das Gehirn nicht mehr lernfähig wäre oder Training wirkungslos sein müsste. Aber hier ist Präzision wichtig:
Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie Demenzen schlägt kognitives Training bei Menschen mit leichter und mittelschwerer Demenz ausdrücklich vor. Grundlage ist unter anderem eine Metaanalyse von 33 Studien: Gegenüber Kontrollbedingungen zeigte sich ein moderater Effekt auf Maße der allgemeinen Kognition. Gleichzeitig bewertet die Leitlinie die Vertrauenswürdigkeit dieser Evidenz nur als niedrig. Gegenüber anderen aktiven Interventionen ließ sich zudem keine sichere Überlegenheit des kognitiven Trainings nachweisen.
„Gedächtnistraining wirkt überhaupt nicht“ wäre deshalb ebenso falsch wie „Gedächtnistraining macht das Gedächtnis wieder fit“.
Was bedeutet eigentlich „Verbesserung der Kognition“?
Dieser Unterschied ist entscheidend.
Wenn Menschen nach einem Trainingsprogramm bei kognitiven Tests bessere Ergebnisse erzielen, ist das zunächst ein relevanter Befund. Daraus darf aber nicht automatisch geschlossen werden, dass für sie nun sämtliche Aufgaben für die Gedächtnisleistungen im Alltag eine Rolle spielen, leichter oder besser zu bewältigen wären.
Die entscheidenden Fragen lauten beispielsweise: Findet jemand wegen des Gedächtnistrainings häufiger seine verlegte Brille wieder? Erinnert er sich zuverlässiger daran, ob er seine Medikamente bereits eingenommen hat? Kann er sich besser merken, was ihm am Vormittag erzählt wurde? Wird er selbstständiger in seinem Alltag? Sowas wird beim Thema Gedächtnistraining immer wieder suggeriert. Aber genau hier wird die Studienlage wesentlich zurückhaltender.
Der Cochrane-Review zum kognitiven Training fand zwar kleine bis moderate positive Effekte auf die globale Kognition und beispielsweise auf die semantische Wortflüssigkeit. Für die Fähigkeit, alltägliche Aktivitäten auszuführen, fanden die Autoren dagegen keine entsprechenden Verbesserungen. Auch gegenüber anderen aktiven Behandlungen zeigte sich keine überzeugende Überlegenheit des Trainings. Das bedeutet nicht, dass ein Transfer grundsätzlich unmöglich wäre.
Es bedeutet: Aus einem Erfolg bei einer Trainingsaufgabe, beim Gedächtnistraining, darf ein allgemeiner Nutzen im Alltag nicht einfach abgeleitet werden. Und sollte dementsprechend auch nicht werblich gegenüber Betroffenen und ihren Angehörigen benutzt werden, nur um seinen Kurs oder sein Buch zu bewerben.

Menschen mit Demenz können durchaus Neues lernen
Eine Demenz bedeutet nicht, dass jede Form des Lernens verloren geht. Verschiedene Gedächtnis- und Lernprozesse sind unterschiedlich betroffen. Gerade bei leichter bis mittelschwerer Demenz können verbliebene Fähigkeiten gezielt genutzt werden.
Ein Beispiel ist das Spaced Retrieval: Eine konkrete Information wird zunächst nach kurzer Zeit und anschließend in zunehmend längeren Abständen wieder abgerufen. Studien zeigen, dass Menschen mit Demenz damit beispielsweise Namen-Gesicht-Zuordnungen oder andere spezifische Informationen lernen können. Wie gut sich solche Lernerfolge auf andere Situationen übertragen und wie dauerhaft sie sind, ist allerdings nicht abschließend geklärt. Auch das sogenannte fehlerfreie Lernen kann helfen, konkrete Alltagshandlungen zu erlernen oder wiederzuerlernen. Dabei wird der Lernprozess so gestaltet, dass Fehler möglichst vermieden werden.
Das ist praktisch bedeutsam. Die Aussage lautet aber: „Dieser Mensch kann diese Information oder Handlung lernen.“ Nicht: „Sein Gedächtnis ist insgesamt besser geworden.“
Lernen ja – Generalisierung nicht automatisch
Auch „kognitive Stimulation“ ist nicht dasselbe wie klassisches Gedächtnistraining
Schon die Begriffe werden häufig vermischt. Im Alltag wird unter „Gedächtnistraining“ vieles zusammengefasst – von Wortspielen und Rechenaufgaben bis zu Musik, Biografiearbeit, Bewegung oder Gesprächen. Die Forschung unterscheidet genauer: Kognitives Training übt meist bestimmte Funktionen mit strukturierten Aufgaben. Kognitive Stimulation ist breiter angelegt und verbindet häufig geistige, soziale und kreative Aktivitäten.
Für kognitive Stimulation gibt es durchaus Evidenz. Ein Cochrane-Review mit 37 Studien und 2.766 Teilnehmenden fand bei leichter bis mittelschwerer Demenz wahrscheinlich kleine positive Effekte auf die Kognition sowie Hinweise auf Vorteile bei Kommunikation und sozialer Interaktion. Die Ergebnisse waren jedoch heterogen. Auch die aktuelle S3-Leitlinie empfiehlt kognitive Stimulation nur schwach; die Evidenz für kognitive Effekte wird als niedrig bewertet. In der zugrunde gelegten Metaanalyse zeigte sich unmittelbar nach der Intervention ein Effekt, nach einem therapiefreien Intervall jedoch kein signifikanter Effekt mehr.
Das ist deutlich nüchterner als das Versprechen, regelmäßige Übungen würden das Gedächtnis dauerhaft stärken.
Alte Lieder und Sprichwörter: wertvoll – aber weshalb?
Wenn ein Mensch mit Demenz ein altes Lied mitsingt, ein bekanntes Sprichwort ergänzt oder lebhaft über seinen früheren Beruf erzählt, kann das beeindruckend sein. Solche Angebote können Kommunikation fördern, Erinnerungen zugänglich machen, Freude bereiten und soziale Interaktion ermöglichen. Elemente der Reminiszenz finden sich deshalb auch in Programmen zur kognitiven Stimulation. Trotzdem sollte man vorsichtig mit der Schlussfolgerung sein, dadurch sei das Gedächtnis „trainiert“ worden.
Dass eine lange gespeicherte Information erfolgreich abgerufen wird, beweist nicht, dass sich dadurch automatisch die Fähigkeit verbessert, heute neue Informationen aufzunehmen und später wieder abzurufen. Das sind unterschiedliche Leistungen. Der Wert einer solchen Situation wird dadurch nicht unbedingt kleiner für die Betroffenen. Im Gegenteil: Ein gemeinsames Lied muss seine Berechtigung nicht erst dadurch erhalten, dass ihm eine nicht belegte „therapeutische Wirkung auf das Gedächtnis“ zugeschrieben wird.
Das Problem mit dem „ganzheitlichen Gedächtnistraining“
Besonders schwierig wird die Bewertung, wenn zahlreiche Elemente miteinander kombiniert werden.
Nehmen wir eine Gruppenstunde mit Bewegung, Musik, Gesprächen, biografischen Erinnerungen, Wortspielen und kleinen Denkaufgaben. Anschließend sind die Teilnehmenden lebhafter, kommunizieren mehr oder berichten von einer angenehmen Stunde. Das ist ein positives Ergebnis.
Aber wodurch ist es entstanden? War es die Bewegung? Die Aufmerksamkeit durch andere Menschen? Die soziale Interaktion? Die Musik? Das Erfolgserlebnis? Die kognitive Herausforderung? Die Kombination aus allem?
Bei Multikomponentenangeboten kann ein positiver Gesamteffekt nicht ohne Weiteres einer einzelnen Komponente zugeschrieben werden. Gerade deshalb sollte man vorsichtig sein, wenn ein breit angelegtes Aktivierungsangebot anschließend pauschal als Beleg für die Wirksamkeit von „Gedächtnistraining“ dargestellt wird. Leider geschieht das immer wieder – meinem Erleben nach weiß es manch Anbieter häufig tatsächlich selbst nicht besser, verbreitet überzogene oder falsche Behauptungen in diesem Sinne gar nicht absichtlich, sondern ahnungslos.
Drei Begriffe – drei unterschiedliche Ziele
Wichtig: Prävention ist nicht Behandlung
Ein häufiger Denkfehler besteht darin, Erkenntnisse zur Demenzprävention auf Menschen zu übertragen, die bereits an einer Demenz erkrankt sind. Die Lancet-Kommission hat 2024 zahlreiche beeinflussbare Faktoren beschrieben, die mit dem Risiko verbunden sind, im Laufe des Lebens eine Demenz zu entwickeln. Dazu gehören beispielsweise körperliche Aktivität, soziale Isolation, Bluthochdruck, Hörverlust oder Diabetes.
Präventionsforschung beantwortet damit vor allem die Frage: Was kann dazu beitragen, das Risiko einer Demenz zu verringern?
Bei einer bereits bestehenden Demenz lautet die Frage dagegen: Kann eine bestimmte Maßnahme die kognitiven Fähigkeiten, den Alltag oder andere Folgen der Erkrankung günstig beeinflussen? Das ist nicht dasselbe. Aus der Erkenntnis, dass körperliche, geistige oder soziale Aktivität mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden sein kann, folgt nicht, dass sich eine bestehende Demenz mit denselben Maßnahmen behandeln oder das Gedächtnis wieder „auftrainieren“ lässt.
Allerdings sind solche Maßnahmen auch bei Menschen mit bestehender Demenz untersucht worden. Für körperliches Training sowie kognitive Stimulation und kognitives Training zeigen Studien bestimmte positive Effekte, unter anderem auf kognitive Leistungen. Wie groß und alltagsrelevant diese Effekte sind, hängt jedoch von der jeweiligen Intervention und dem untersuchten Ziel ab; die Evidenz ist nicht für alle Bereiche gleich stark. Der eigenständige Effekt sozialer Aktivität lässt sich zudem wesentlich schwerer von anderen Bestandteilen entsprechender Angebote trennen. Entscheidend ist deshalb auch hier, genau zu benennen, was nachweislich erreicht werden kann. Ein möglicher Nutzen von Bewegung, Aktivierung oder sozialer Teilhabe ist kein Beleg dafür, dass dadurch eine Demenz aufgehalten oder die allgemeine Gedächtnisleistung wiederhergestellt werden kann.
Fazit: Weniger versprechen – genauer hinschauen
Kognitives Training bei Demenz als wirkungslos abzutun, wäre nach der heutigen Studienlage nicht gerechtfertigt. Die aktuelle S3-Leitlinie sieht bei leichter bis mittelschwerer Demenz einen möglichen Nutzen und spricht eine schwache Empfehlung aus. Auch für kognitive Stimulation sind kleine positive Effekte belegt. Gleichzeitig ist die Evidenz keineswegs so stark, dass daraus weitreichende Heilungs- oder Leistungsversprechen abgeleitet werden dürften.
Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen messbaren Trainingseffekten, konkretem Lernen und einer Verbesserung im Alltag. Menschen mit Demenz besitzen verbliebene Lernfähigkeiten. Diese gezielt zu nutzen, kann sinnvoll und praktisch hilfreich sein.
Was kann ich von einem Angebot erwarten?
Doch ein Erfolg beim trainierten Inhalt ist noch kein Beweis dafür, dass das Gedächtnis insgesamt wieder leistungsfähiger geworden ist. Vielleicht wäre der Umgang mit dem Begriff „Gedächtnistraining“ schon gewonnen, wenn Anbieter genauer sagen würden, was sie tatsächlich erreichen wollen: aktivieren, Freude ermöglichen, soziale Kontakte fördern, bestimmte Fähigkeiten üben oder konkrete Informationen einprägen. Gerade für Menschen mit fortgeschrittener Demenz: ein Angebot muss nicht künstlich dadurch aufgewertet werden, dass man ihm eine Wirkung auf das Gedächtnis zuschreibt, die gar nicht belegt ist.
Jochen Gust
Quellen(Auszug)
- DGN/DGPPN: S3-Leitlinie Demenzen, Living Guideline, Version 6.1 vom 27. April 2026, insbesondere Empfehlungen zu kognitivem Training und kognitiver Stimulation.
- Bahar-Fuchs A, Martyr A, Goh AMY et al.: Cognitive training for people with mild to moderate dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019; CD013069. Cochrane-Review zum kognitiven Training
- Woods B, Rai HK, Elliott E et al.: Cognitive stimulation to improve cognitive functioning in people with dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2023; CD005562. Cochrane-Review zur kognitiven Stimulation
- Kudlicka A, Martyr A, Bahar-Fuchs A et al.: Cognitive rehabilitation for people with mild to moderate dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2023; CD013388. Cochrane-Review zur kognitiven Rehabilitation
- Oren S, Willerton C, Small J: Effects of spaced retrieval training on semantic memory in Alzheimer’s disease: a systematic review. 2014. PubMed-Eintrag zu Spaced Retrieval
- de Werd MME, Boelen D, Rikkert MGMO, Kessels RPC: Errorless learning of everyday tasks in people with dementia. Clinical Interventions in Aging. 2013. PubMed-Eintrag zu Errorless Learning
- Livingston G, Huntley J, Liu KY et al.: Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. The Lancet 2024;404:572–628. DOI 10.1016/S0140-6736(24)01296-0. PubMed-Eintrag zum Lancet-Bericht 2024




