Alzheimer wegoperieren? Wie der Hype um eine experimentelle Hals-OP der Forschung davonlief

Ein schwer an Alzheimer erkrankter Mensch erkennt wenige Tage nach einer Operation wieder Angehörige, spricht mehr und läuft Monate später durch einen Krankenhausflur: Solche Bilder verbreiteten sich in China über soziale Medien und sorgten für enorme Aufmerksamkeit.

Die dahinterstehende Operation gibt es tatsächlich. Eine etablierte Alzheimertherapie ist sie jedoch bis heute nicht. Im Gegenteil: In China verbreitete sich der Eingriff wesentlich schneller, als seine Wirksamkeit wissenschaftlich überprüft werden konnte. 2025 zog die chinesische Gesundheitsbehörde schließlich die Notbremse und untersagte seine klinische Anwendung zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit.

Was wird bei der Operation überhaupt gemacht?

Bei der sogenannten tiefen zervikalen lymphatisch-venösen Anastomose – kurz dcLVA – verbindet der Operateur winzige Lymphgefäße tief im Hals mit benachbarten Venen. Eine Anastomose ist dabei schlicht eine operativ geschaffene Verbindung zwischen zwei Gefäßen.

Die Idee dahinter: Der Abtransport von Flüssigkeit und Stoffwechselprodukten aus dem Gehirn könnte dadurch erleichtert werden. Und diese Ausgangsidee ist nicht aus der Luft gegriffen. Das Gehirn besitzt ein sogenanntes glymphatisches System – vereinfacht gesagt ein Flüssigkeits- und „Reinigungssystem“ entlang der Blutgefäße im Gehirn. Daneben gibt es meningeale Lymphgefäße, also Lymphbahnen in den Hirnhäuten. Beide Systeme sind am Abtransport von Stoffen aus dem Gehirn beteiligt. Dazu gehören auch Amyloid und Tau, zwei Eiweiße, die bei der Alzheimer-Krankheit eine wichtige Rolle spielen.

Was daraus bislang gerade nicht folgt: dass bei Alzheimer der Abfluss am Hals der entscheidende Engpass ist und dass eine zusätzliche Verbindung zwischen Lymphgefäß und Vene den Krankheitsverlauf wirksam verändert. Das bleibt eine Hypothese.

Vom Einzelfall zum Social-Media-Hype

Der Mikrochirurg Qingping Xie vom Qiushi Hospital in Hangzhou gehörte zu den Pionieren des Verfahrens. Fachveröffentlichungen führen erste Arbeiten im Zusammenhang mit kognitiven Beeinträchtigungen bis 2018 zurück. Als erster dokumentierter dcLVA-Eingriff ausdrücklich zur Behandlung einer Alzheimer-Erkrankung gilt eine Operation im September 2020.

Zunächst fand das Verfahren wenig Beachtung. Das änderte sich aber völlig, als Videos mit teilweise spektakulären Verläufen auf Fachkongressen und später in sozialen Medien kursierten.

Nature beschreibt, wie Testimonials und aggressive Marketingkampagnen insbesondere auf den chinesischen Plattformen Douyin und WeChat die Nachfrage anheizten. Tausende Menschen ließen sich operieren. Viele zahlten mehr als 200.000 Yuan – rund 30.000 US-Dollar – für die Hoffnung auf eine Besserung.

Bis Ende Juni 2025 sollen nach einer Auswertung der „South China Morning Post“ bereits rund 382 Krankenhäuser in China den Eingriff vorgenommen haben.

Damit war aus einer experimentellen Operation innerhalb weniger Jahre ein weit verbreitetes Behandlungsangebot geworden – ohne dass zu diesem Zeitpunkt randomisierte kontrollierte Studien einen Nutzen belegt hatten.

Die größte Studie beweist noch keine Wirksamkeit

Inzwischen gibt es immerhin größere wissenschaftliche Untersuchungen. Im Februar 2026 erschien eine prospektive Studie mit 139 Menschen mit schwerer Alzheimer-Demenz. Der mediane MMSE-Wert lag zu Beginn bei lediglich 2 Punkten. Der MMSE ist ein kurzer Test verschiedener kognitiver Fähigkeiten und reicht von 0 bis 30 Punkten. Nach sechs Monaten war der MMSE im Mittel um 1,28 Punkte gestiegen. Auch bei Alltagsfähigkeiten und Verhaltenssymptomen wurden Veränderungen beobachtet. Zudem veränderten sich verschiedene Alzheimer-Biomarker in Liquor und Blut.

Das Problem: Alle Teilnehmer wurden operiert. Es gab weder eine nicht operierte Kontrollgruppe noch eine Scheinoperation. Außerdem waren nach sechs Monaten 44 der ursprünglich 139 Teilnehmer – 31,7 Prozent – nicht mehr im Follow-up. Damit lässt sich nicht feststellen, welcher Teil der beobachteten Veränderungen tatsächlich durch die angelegte Gefäßverbindung verursacht wurde. Auch die beobachteten Biomarkerveränderungen beweisen bislang nicht, dass dadurch der Alzheimerprozess therapeutisch beeinflusst wurde.

Und der Eingriff ist keine Kleinigkeit: Die Operation dauerte in dieser Studie durchschnittlich rund dreieinhalb Stunden, die Narkose fast fünf Stunden. 31,7 Prozent der Patienten entwickelten vorübergehend ein postoperatives Delir, knapp 60 Prozent Schlafstörungen. Ein Patient musste wegen einer Blutung beziehungsweise eines Hämatoms erneut operiert werden.

China stoppte die Behandlung

Am 8. Juli 2025 veröffentlichte die chinesische National Health Commission das Verbot, dcLVA zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit klinisch anzuwenden. Die Begründung: das Verfahren befinde sich noch in einer frühen experimentellen Forschungsphase, Indikationen und Kontraindikationen seien nicht ausreichend geklärt und für Sicherheit und Wirksamkeit fehle hochwertige evidenzbasierte Evidenz. Die Behörde erklärte also nicht, die Operation sei nachweislich wirkungslos. Sie stellte vielmehr fest, dass sie als Behandlung eingesetzt wurde, bevor ausreichend belegt war, ob sie überhaupt wirkt.

Jetzt soll die Forschung nachholen, was zuvor fehlte

Die entscheidenden Untersuchungen beginnen damit erst jetzt.

Die randomisierte CLEAN-AD-Studie läuft seit März 2026 und soll 376 Menschen einschließen. Verglichen werden dcLVA plus übliche Behandlung mit der üblichen Behandlung allein. Die primäre Auswertung ist für Ende 2028 vorgesehen. Besonders interessant ist CLIVA-AD. Dort werden 50 Teilnehmer randomisiert; die Kontrollgruppe erhält einen Scheineingriff. Der Operationsablauf wird dabei nachgeahmt, aber die entscheidende lymphatisch-venöse Verbindung wird nicht angelegt.

Gerade angesichts der teilweise bereits wenige Tage nach einer Operation berichteten spektakulären Verbesserungen ist eine solche Kontrolle entscheidend.

Der Hype war schneller als die Evidenz

Der Fall dcLVA zeigt damit auch ein grundsätzliches Problem moderner Medizin: Bilder und persönliche Erfolgsgeschichten verbreiten sich erheblich schneller als kontrollierte Studien. Eine eindrucksvolle Aufnahme eines Patienten vor und nach einer Operation kann emotional überzeugender wirken als der Hinweis, dass eine Kontrollgruppe fehlt. Sie beantwortet aber nicht die entscheidende Frage: Wie hätte sich derselbe Mensch ohne diese Operation entwickelt?

Für dcLVA gibt es eine wissenschaftlich interessante Hypothese und erste messbare Veränderungen nach dem Eingriff. Einen belastbaren Nachweis, dass damit eine Alzheimer-Demenz wirksam behandelt oder gar rückgängig gemacht werden kann, gibt es bislang nicht. Dass mehrere tausend Menschen operiert wurden, bevor diese Frage beantwortet war, ist deshalb mindestens ebenso bemerkenswert wie die Operation selbst.

Der Pionier des Verfahrens, Qingping Xie, befindet sich zudem seit September 2025 in Haft, so weit bekannt. The BMJ berichtet, dass er zunächst wegen des Verdachts auf Versicherungsbetrug festgenommen wurde; öffentlich bekanntgegebene strafrechtliche Anklagen lagen zum Zeitpunkt des BMJ-Berichts im Juli 2026 nicht vor. Dieser Vorgang sagt für sich genommen nichts darüber aus, ob die medizinische Methode wirksam ist – gehört aber zur ungewöhnlichen Geschichte ihrer raschen Verbreitung.

Quellen:

Fu X et al.: „Deep cervical lymphatic–venous anastomosis attenuates cognitive dysfunction and biomarker abnormalities in severe Alzheimer’s disease: A prospective single-arm study.“ Alzheimer’s & Dementia. 2026;22:e71150. DOI 10.1002/alz.71150.

Li G et al.: „Deep cervical lymphaticovenous anastomosis for Alzheimer’s disease: theoretical foundations, regulatory suspension, and translational challenges.“ Frontiers in Aging, 2026.

National Health Commission of the People’s Republic of China: Mitteilung zum Verbot der Anwendung der tiefen zervikalen lymphatisch-venösen Anastomose zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit, 2025.

Dolgin E.: „A controversial Alzheimer’s surgery is said to reverse symptoms — here’s what scientists know.“ Nature, 2026.

South China Morning Post: „China bans popular Alzheimer’s disease surgery pending clinical studies“, 11. Juli 2025.

Nelson F.: „China has banned an unproven Alzheimer’s operation and detained its inventor, but international clinical trials of dcLVA are still going ahead—why?“ The BMJ. 2026;394:e100302.

ClinicalTrials.gov: CLEAN-AD, NCT07073066.

ClinicalTrials.gov: CLIVA-AD, NCT07294885.

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Jochen Gust

Pflegefachperson, Projektmitarbeiter, Demenzbeauftrager im Krankenhaus, Autor, Moderator, Dozent; Freiberufler

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