Wenn es nie still wird: Wie Geräusche Menschen mit Demenz belasten können – und was Sie tun können

Ein Fernseher läuft im Wohnzimmer, aus der Küche dringt das Radio, in der Tagespflege unterhalten sich mehrere Menschen gleichzeitig. Solche Geräusche gehören zum Alltag. Für Menschen mit Demenz können sie jedoch zur Belastung werden. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen Zusammenhänge zwischen Geräuschbelastung, Unruhe und Schlafproblemen. Gleichzeitig können Musik und andere Sinnesanregungen positive Wirkungen entfalten. Wie passt das zusammen? Entscheidend ist nicht allein, wie viele Reize auf einen Menschen einwirken, sondern welche Bedeutung sie für ihn haben.

Wie belastend ist die alltägliche Geräuschkulisse?

Ob zu Hause, in der Tagespflege oder im Pflegeheim: Viele Geräusche entstehen nebenbei. Telefone klingeln, Haushaltsgeräte laufen, Menschen führen Gespräche. Häufig nehmen diejenigen, die diese Geräusche verursachen, sie kaum noch bewusst wahr. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 untersuchte die akustische Umgebung in Pflegeheimen. Die Forschenden werteten 35 Studien aus. Neun davon erfassten die Lautstärke und berichteten tagsüber durchschnittliche Geräuschpegel zwischen 55 und 68 Dezibel. Besonders häufig waren menschliche Stimmen und elektronische Geräte zu hören.

Einige Untersuchungen fanden Zusammenhänge zwischen stärkerer Geräuschbelastung, vermehrter Unruhe und beeinträchtigtem Nachtschlaf. Andere konnten entsprechende Auswirkungen nicht bestätigen. Die Ergebnisse belegen daher nicht, dass Lärm zwangsläufig Unruhe verursacht oder eine Verringerung des Geräuschpegels automatisch zu anderem Verhalten führt. Sie machen aber deutlich, dass die akustische Umgebung bei der Versorgung von Menschen mit Demenz Beachtung verdient.

Untersucht wurden überwiegend stationäre Einrichtungen. Die Frage, welche Geräusche hilfreich oder belastend sind, stellt sich allerdings ebenso in der eigenen Wohnung oder in der Tagespflege.

Es geht um mehr als Lautstärke

Ein Geräusch kann angenehm, bedeutungslos oder belastend sein. Seine Wirkung hängt unter anderem davon ab, ob es vertraut ist, zur Situation passt und von der betroffenen Person eingeordnet werden kann. Die Stimme eines vertrauten Menschen, das Klappern von Geschirr beim gemeinsamen Kochen oder ein bestimmtes Musikstück können Orientierung vermitteln und positive Gefühle auslösen.

Dagegen können Gesprächsfetzen aus einem anderen Raum, ein unvermittelt klingelndes Telefon oder Stimmen aus dem Fernseher irritierend wirken. Besonders schwierig kann es werden, wenn mehrere Geräuschquellen gleichzeitig um Aufmerksamkeit konkurrieren. Dabei ist auch die persönliche Kontrolle entscheidend. Wer den Fernseher nicht mehr selbst ausschalten, die Lautstärke nicht verändern oder einen Raum nicht ohne Hilfe verlassen kann, ist auf andere Menschen angewiesen. Und genau das trifft zumeist auf Menschen mit fortgeschrittener Demenz zu.

Oft unterschätzt: Selbst ein zunächst angenehmer Reiz kann durch seine Dauer zur Belastung werden. Musik, die für einige Minuten Freude bereitet, muss nicht über Stunden erwünscht sein. Das dauerdudelnde Radio oder der ewig eingeschaltete Fernseher können zur echten Belastung werden.

Apathie lässt sich nicht einfach mit mehr Reizen bekämpfen

Ein verbreiteter Gedanke in der Versorgung von Menschen mit Demenz lautet: Wer wenig Eigeninitiative zeigt, braucht mehr oder andere Beschäftigung und Anregung. Dabei wird leicht übersehen, dass Apathie nicht mit Langeweile gleichzusetzen ist.

Apathie bezeichnet unter anderem eine verminderte Eigeninitiative, Motivation und Beteiligung. Sie kann im Zusammenhang mit demenzbedingten Veränderungen auftreten. Auch Depressionen, körperliche Beschwerden oder andere behandelbare Einflussfaktoren müssen berücksichtigt werden.

Mehr Geräusche oder zusätzliche Beschäftigungsangebote sind deshalb keine automatische Lösung. Ein Mensch, der kaum auf seine Umgebung reagiert, muss nicht zwangsläufig unter einem Mangel an Sinnesreizen leiden.

Dennoch können gezielte Angebote hilfreich sein.

Eine 2025 veröffentlichte Metaanalyse von 16 Studien mit insgesamt 974 Teilnehmenden fand positive Effekte multisensorischer Interventionen auf verschiedene neuropsychiatrische Symptome, darunter Apathie und Agitation. Allerdings beruhten die Ergebnisse zur Apathie lediglich auf drei Studien mit 151 Teilnehmenden. Zudem unterschieden sich deren Ergebnisse erheblich. Die Untersuchungen liefern somit Hinweise auf einen möglichen Nutzen, erlauben aber keine pauschale Empfehlung, möglichst viele Reize anzubieten.

Auch die Forschung zu musikbasierten Interventionen zeigt ein differenziertes Bild. Ein Cochrane-Review von 2025 mit 30 Studien und 1.720 Menschen mit Demenz fand Hinweise auf eine Verbesserung depressiver Symptome, jedoch keinen gesicherten Nutzen hinsichtlich Agitation und Aggression. Eine weitere Metaanalyse, die 2026 veröffentlicht wurde, berichtete dagegen einen moderaten positiven Effekt auf Agitation. Die Studien untersuchten unterschiedliche Interventionen und sind deshalb nur eingeschränkt miteinander vergleichbar.

Für die Praxis bleibt eine wichtige Unterscheidung: Eine gezielte Aktivität, bei der sich ein Mensch beteiligt und Interesse entwickelt, ist etwas anderes als zusätzliche Hintergrundbeschallung. Ein eingeschaltetes Radio kann eine individuell sinnvolle Beschäftigung nicht ersetzen. Gerade in der stationären Pflege erlebe ich da manchmal fast schon „automatisiertes“ Einschalten von Musik, Radio, Fernseher. Weil die Leute da sonst „nichts haben“ im Augenblick.

Darf ein Reiz auch einmal unangenehm sein?

Nicht jeder hilfreiche Reiz muss von Anfang an vertraut oder beruhigend sein. Auch Neues kann Neugier, Aufmerksamkeit und Interesse auslösen. Das gilt beispielsweise für Musik. Es wäre zu einfach, Menschen mit Demenz grundsätzlich nur Stücke vorzuspielen, die sie bereits aus ihrer Vergangenheit kennen. Eine kleine Untersuchung aus dem Jahr 1998 mit 20 Menschen mit Demenz verglich die Wirkung bekannter und unbekannter Musik auf verschiedene Aufgaben. Bei autobiografischen Erinnerungsaufgaben zeigte sich unter Musik eine bessere Leistung als ohne Musik. Ob die Stücke vertraut waren, machte dabei keinen erkennbaren Unterschied. Die Ergebnisse sind aufgrund der kleinen Stichprobe begrenzt. Sie zeigen aber, dass eine positive Wirkung nicht zwingend an biografische Vertrautheit gebunden sein muss.

Noch interessanter ist die Frage nach emotional unangenehmen Reaktionen.
Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung analysierte 108 Videoaufnahmen von 45 Menschen mit überwiegend schwerer Demenz beim Hören individuell ausgewählter Musik. Die Forschenden unterschieden zehn Reaktionsmuster. Dazu gehörten Freude, konzentriertes Zuhören und das Teilen von Erinnerungen. Es wurden aber auch Traurigkeit, emotionales Angesprochensein und ablehnende Reaktionen beobachtet.

Ein aufschlussreiches Ergebnis der Untersuchung: Manche Menschen empfanden Musik gleichzeitig als schön und traurig, zeigten Tränen, wollten aber dennoch weiterhören. Traurigkeit ist also nicht automatisch ein Zeichen von Belastung. Anders verhält es sich bei Angst, Abwehr oder erkennbarer Überforderung. Auch ungewohnte Musik kann anregend wirken.
Menschen jedoch gezielt unangenehmen Reizen auszusetzen, um Apathie zu überwinden, ist wissenschaftlich nicht ausreichend begründet. Entscheidend ist nicht die bloße Reaktion, sondern wie die betroffene Person den Reiz erlebt.

Was Sie konkret tun können

Die bisherigen Erkenntnisse lassen sich in allen Versorgungsformen nutzen. Dabei geht es weder um vollständige Stille noch um einen möglichst abwechslungsreichen Geräuschpegel.

Ob zu Hause, in der Tagespflege oder im Pflegeheim: Entscheidend ist nicht möglichst viel oder möglichst wenig Anregung, sondern der passende Reiz zur richtigen Zeit.

1. Unnötige Dauergeräusche erkennen

2. Anregung bewusst gestalten

3. Ruhe und Wahlmöglichkeiten ermöglichen

4. Reaktionen und Veränderungen beobachten

Merksatz: Nicht jeder Reiz hilft. Nicht jede Stille schadet. Entscheidend ist, wie der Mensch die Situation erlebt.

Fazit: Nicht mehr Reize, sondern die richtigen

Menschen mit Demenz brauchen weder permanente Beschäftigung noch eine möglichst geräuscharme Umgebung um jeden Preis. Die Forschung spricht dafür, belastende Geräuschkulissen kritisch zu hinterfragen und gezielte Sinnesanregungen individuell zu gestalten. Dabei können auch neue, ungewohnte oder emotional berührende Erfahrungen sinnvoll sein.

Gerade bei Apathie wäre es jedoch falsch, fehlende Beteiligung einfach durch eine Steigerung der Reizmenge beantworten zu wollen. Entscheidend ist nicht, dass ein Mensch auf einen Reiz reagiert. Entscheidend ist, was dieser Reiz für ihn bedeutet und wie er ihn erlebt.

Jochen Gust

Quellen und weitere Infos:

  • Janus, S. I. M. et al. (2021): Sounds in nursing homes and their effect on health in dementia: a systematic review. International Psychogeriatrics, 33(6), 627–644. PubMed
  • Octary, T. et al. (2025): Multisensory stimulation reduces neuropsychiatric symptoms and enhances cognitive function in older adults with dementia. The Journal of Prevention of Alzheimer’s Disease, 12(5), 100091. PubMed
  • van der Steen, J. T. et al. (2025): Music-based therapeutic interventions for people with dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews. Cochrane
  • Hu, J. & Xu, L. (2026): The impact of music therapy on agitation in elderly patients with dementia. Archives of Gerontology and Geriatrics, 140, 106048. PubMed
  • Foster, N. A. & Valentine, E. R. (1998): The Effect of Concurrent Music on Autobiographical Recall in Dementia Clients. Musicae Scientiae, 2(2), 143–155. DOI
  • Töpfer, N. F. et al. (2024): Sounds of Difference: A Typology of Reactions of People With Dementia to Individualized Music in the Presence of a Monitoring Person. The Gerontologist, 64(6). PubMed

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Jochen Gust

Pflegefachperson, Projektmitarbeiter, Demenzbeauftrager im Krankenhaus, Autor, Moderator, Dozent; Freiberufler

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