„Technik muss den Menschen den Rücken freihalten“

Prof. Dr. Alexander König über Assistenzroboter in der Pflege, besondere Anforderungen bei Demenz und die Frage, ob technische Unterstützung tatsächlich mehr Zeit für menschliche Zuwendung schafft.

Roboter könnten Pflegekräfte künftig bei zahlreichen Aufgaben unterstützen. Doch was ist technisch bereits möglich, welche Entwicklungen sind realistisch – und was bedeutet das insbesondere für die Versorgung von Menschen mit Demenz? Die Demenz-Zeitung hat dazu Prof. Dr. Alexander König von der Technischen Universität München vier Fragen gestellt. Der Robotikforscher war unter anderem bei Reactive Robotics an der Entwicklung von Technologien für den klinischen Einsatz beteiligt.

Jochen Gust: Was haben Sie bei Reactive Robotics über die tatsächlichen Anforderungen der Pflege gelernt – und woran scheitert der breitere Einsatz bislang?

Prof. König: Aus der Arbeit mit Reactive Robotics habe ich vor allem gelernt: Ein Roboter muss im Pflegealltag entlasten. Technisch viel zu können, reicht dafür nicht. Entscheidend ist, ob Pflegekräfte ihn einfach und intuitiv bedienen können und ob er in ihre gewohnten Abläufe passt. Diese Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine gut zu gestalten, hat uns viele Jahre gekostet.

Dazu kommt die Zuverlässigkeit: Wenn ein System immer wieder menschliche Hilfe braucht, schmälert das die Entlastung und das Vertrauen in die Technik. Manche robotischen Anwendungen sind dafür noch nicht ausgereift genug. Und schließlich geht es um Geld. Viele Kliniken müssen gleichzeitig in Gebäude, Ausstattung und Personal investieren. Robotik ist eine von mehreren notwendigen Investitionen. Für einen breiteren Einsatz muss deshalb im Alltag erkennbar sein: Diese Technik hilft uns wirklich und rechtfertigt den Aufwand für Anschaffung und Einführung.

Jochen Gust: Häufig ist von „Pflegerobotern“ die Rede. Welche konkreten Tätigkeiten könnten solche Systeme in den nächsten fünf Jahren tatsächlich übernehmen?

Prof. König: Ich spreche lieber von Assistenzrobotern in der Pflege. Das beschreibt ihre Aufgabe besser: Sie sollen Pflegekräfte unterstützen.
In den nächsten fünf Jahren sehe ich vor allem bei Hol- und Bringdiensten Fortschritte. Solche Systeme gibt es bereits. Mobile Roboter mit Greifarmen könnten künftig auch einzelne Gegenstände holen, etwa Pflegeutensilien oder ein Glas Wasser, und beim Aufräumen helfen. Auch Reinigungsroboter sind heute schon im Einsatz. Allerdings werden sich diese Möglichkeiten unterschiedlich schnell verbreiten. In stationären Einrichtungen erwarte ich sie früher und häufiger als zu Hause. Dort kann ein Roboter für viele Menschen eingesetzt werden, sodass sich die Anschaffung eher rechnet. Außerdem lassen sich Räume und Abläufe gezielt anpassen.

Prof. Dr. Alexander König, Robotikforscher an der Technischen Universität München. Foto: Alexander König
Prof. Dr. Alexander König, Robotikforscher an der Technischen Universität München. Foto: Alexander König

In einer Privatwohnung ist das schwieriger: Jede ist anders eingerichtet. Meine Erwartung ist deshalb, dass zunächst klar umrissene Aufgaben im Stationsalltag übernommen werden.

Jochen Gust: Welche Chancen sehen Sie für Assistenzroboter in der Demenzversorgung, und wo liegen die Grenzen?

Prof. König: Ein Roboter muss nicht aussehen wie ein Mensch. Er kann auch die Form eines Kuscheltiers haben, das sich bewegt, Geräusche macht und einen spürbaren Atemrhythmus vermittelt. Solche Ansätze können Möglichkeiten eröffnen, Menschen mit Demenz zu beruhigen und ihnen Geborgenheit zu geben. Ob das gelingt, muss man aber für die einzelne Person herausfinden. Was ein Mensch als angenehm erlebt, kann einen anderen verunsichern. Demenz zeigt sich sehr unterschiedlich, und schon die Interaktion mit Menschen ohne kognitive Einschränkungen ist für uns Entwickler anspruchsvoll.

Deshalb sehe ich auf absehbare Zeit viel Potenzial bei Robotern, die im Hintergrund helfen: Sie holen Materialien oder übernehmen Transportaufgaben und entlasten damit die Pflegekräfte. Menschen mit Demenz profitieren dann mittelbar, wenn mehr Zeit und Ruhe für ihre Begleitung bleibt. Maßstab muss sein, ob die Technik dem jeweiligen Menschen guttut. Gleichzeitig kann Robotik in der Prävention eingesetzt werden, etwa um ältere Menschen kognitiv zu fordern und zu Bewegung zu motivieren. Solche Aktivitäten können dazu beitragen, das Demenzrisiko zu senken.

Jochen Gust: Besteht die Gefahr, gesellschaftliche Probleme durch Technik lösen zu wollen, statt ihre Ursachen anzugehen?

Prof. König: Wichtig ist, dass wir uns dieses Thema bewusst sind: Technik darf kein Vorwand sein, bessere Arbeitsbedingungen und die Ursachen des Personalmangels aus dem Blick zu verlieren. Wie wir Pflege gestalten wollen, ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die wir nicht allein an Politik oder Ethikkommissionen abgeben können. Gleichzeitig wird die Alterung unserer Gesellschaft die Versorgung in den nächsten Jahrzehnten stark prägen. Viele Menschen entscheiden sich für den Pflegeberuf, weil sie für andere da sein wollen. Wenn sie unter Zeitdruck von Aufgabe zu Aufgabe eilen, bleibt dafür oft zu wenig Raum.

Hier kann Robotik helfen: Wenn sie Hol- und Bringdienste übernimmt, kann Zeit für Gespräche, Begleitung und menschliche Nähe entstehen. Das passiert allerdings nicht automatisch. Die gewonnene Zeit muss auch dafür genutzt werden können. Mein Ziel wäre eine Pflege, in der Technik den Menschen den Rücken freihält und Zuwendung wieder mehr Platz bekommt.

Prof. Dr. Alexander König forscht am Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence der Technischen Universität München und leitet kommissarisch den Lehrstuhl Robotics and Systems Intelligence.

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Jochen Gust

Pflegefachperson, Projektmitarbeiter, Demenzbeauftrager im Krankenhaus, Autor, Moderator, Dozent; Freiberufler

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