Pflegeversicherung: Gerechtigkeit hängt stärker vom Wohnort der Betroffenen ab als vom Pflegegrad

Ein Arbeitspapier der Fakultät für Sozialwissenschaft der RUB stellt der Sozialen Pflegeversicherung (SPV) ein ungemütliches Zeugnis aus: Gerechtigkeitsfragen entstehen weniger nur durch „zu hohe Heimkosten“, sondern vor allem durch die unterschiedliche Systemlogik zwischen häuslicher und stationärer Pflege.

Drei Punkte stechen heraus

Erstens: Die SPV ist zwar als Teilversicherung gedacht, aber es ist nicht klar definiert, welcher „Teil“ eigentlich abgesichert werden soll. Dadurch entsteht ein System, das je nach Versorgungssetting anders wirkt – mit schwer vermittelbaren Verteilungseffekten.

Zweitens: Pflegegrade bilden Hilfebedürftigkeit ab, aber nicht automatisch den konkreten Hilfebedarf und die entstehenden Kosten. Gleicher Pflegegrad kann in der Praxis sehr unterschiedliche Unterstützungsumfänge bedeuten – und damit auch sehr unterschiedliche finanzielle Belastungen.

Drittens: Das Papier macht „unsichtbare Eigenanteile“ in der Häuslichkeit sichtbar, indem es informelle Pflegezeit monetarisiert. Ergebnis: Der geschätzte Eigenanteil zu Hause liegt im Median bei rund 2.085 Euro pro Monat; in höheren Belastungslagen deutlich darüber. Zum Vergleich werden für die stationäre Pflege (ohne Unterkunft und Verpflegung) durchschnittliche pflegebedingte Eigenanteile in einer Größenordnung von grob 910 bis 1.916 Euro pro Monat genannt – je nach Verweildauer. Daraus folgt: Für viele Haushalte kann häusliche Pflege finanziell (und organisatorisch) belastender sein als häufig angenommen.

Das Papier ist keine amtliche Reformvorlage, sondern eine Gerechtigkeitsanalyse

Gerade für die Häuslichkeit weist die Autorin ausdrücklich auf Datenlücken hin und arbeitet deshalb mit transparenten, eher konservativen Schätzannahmen. Trotzdem ist die Botschaft politisch relevant: Wer über „Fairness“ in der Pflegeversicherung spricht, sollte ambulante Belastungen und die Rolle von An- und Zugehörigen systematisch mitdenken – und nicht ausschließlich auf den Eigenanteil im Heim schauen.

Weitere Infos:

Artikel beim Ärzteblatt

Direkt zum Arbeitspapier (pdf)

Möchten Sie über neue Artikel und Infos rund ums Thema Demenz informiert werden?

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter um nichts mehr zu verpassen.

Kein Spam! Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung.

Jochen Gust

Pflegefachperson, Projektmitarbeiter, Demenzbeauftrager im Krankenhaus, Autor, Moderator, Dozent; Freiberufler

Related Posts

36 Jahre Einheit – wie unterschiedlich sind Pflege und Demenzversorgung in Ost und West?

36 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung sind Unterschiede zwischen Ost und West längst nicht in allen Lebensbereichen verschwunden. Auch bei Pflege und Demenz zeigen aktuelle Daten regionale Muster. Manche Unterschiede…

Continue reading
Apotheker als Pflegeberater? Wo sinnvolle Zusammenarbeit endet und jetzt Doppelstrukturen gefordert werden

Zwei Landesapothekerkammern wollen Apotheken neue Aufgaben in der Pflege übertragen – selbstverständlich vergütet. Hessen denkt an Beratung zu Pflegegradanträgen, Vorbereitung auf Begutachtungen durch den Medizinischen Dienst, Hilfsmittelberatung und eine allgemeine…

Continue reading

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

You Missed

36 Jahre Einheit – wie unterschiedlich sind Pflege und Demenzversorgung in Ost und West?

36 Jahre Einheit – wie unterschiedlich sind Pflege und Demenzversorgung in Ost und West?

Zu viel des Guten? Wenn gut gemeinte Sprache bei Demenz zur Falle wird

Zu viel des Guten? Wenn gut gemeinte Sprache bei Demenz zur Falle wird

FTD: Verhaltensveränderungen mit früherem Heimeinzug verbunden

FTD: Verhaltensveränderungen mit früherem Heimeinzug verbunden

Wie viel Biografie braucht gute Pflege?

Wie viel Biografie braucht gute Pflege?

Der unterschätzte Alltag – warum Alltagsarbeit viel wichtiger sein kann als die nächste Betreuungsrunde

Der unterschätzte Alltag – warum Alltagsarbeit viel wichtiger sein kann als die nächste Betreuungsrunde

„Nehmen Sie es nicht persönlich“ – was ist das eigentlich für ein Rat?

„Nehmen Sie es nicht persönlich“ – was ist das eigentlich für ein Rat?