Wenn niemand ruft: Warum stille Menschen mit Demenz leicht übersehen werden

Ein Mensch mit Demenz ruft immer wieder laut, schlägt mit der Hand auf den Tisch und wirkt unruhig. Ein anderer sitzt still in seinem Sessel, schaut vor sich hin und beteiligt sich kaum an seiner Umgebung. Wer von beiden benötigt Unterstützung und erhält sie auch?

Bei der unruhigen Person werden Pflegekräfte oder Angehörige vermutlich versuchen herauszufinden, was los ist. Hat sie Schmerzen? Ist ihr langweilig? Hat sie Angst oder braucht sie Gesellschaft? Die stille Person dagegen erscheint möglicherweise zufrieden. Sie verursacht keine Schwierigkeiten und fordert nichts ein. Gerade in der beruflichen Pflege ist man je nach den Umständen immer wieder „im Einsatz wie die Feuerwehr“. Man geht dorthin, wo es gerade brennt – weil für mehr häufig die Zeit fehlt. Gerade auf Stationen oder in Einrichtungen mit mehreren häufig „unruhigen“ Personen wird so agiert. Und das, obwohl „Ruhe“ an sich nicht unbedingt ein Wert ist oder ein erstrebenswertes Ziel, oder?

Denn die Schlussfolgerung kann täuschen: Ruhe bedeutet nicht automatisch Wohlbefinden. Gerade Menschen mit Demenz, die kaum noch selbst Kontakt aufnehmen oder ihre Bedürfnisse äußern können, laufen Gefahr, übersehen zu werden.

Wer nicht stört, fällt weniger auf

Manche Menschen mit Demenz entwickeln eine ausgeprägte Apathie. Sie zeigen weniger Eigeninitiative, interessieren sich kaum noch für ihre Umgebung oder reagieren nur eingeschränkt auf Ansprache und Angebote.

Apathie ist dabei nicht mit Bequemlichkeit oder einer bewussten Entscheidung für Untätigkeit gleichzusetzen. Die Fähigkeit, Handlungen aus eigenem Antrieb zu beginnen, kann durch die Erkrankung beeinträchtigt sein.

Eine niederländische Studie von Nijsten und Kollegen aus dem Jahr 2023 untersuchte, wie Angehörige und professionell Pflegende Apathie wahrnehmen. Dabei zeigte sich, dass es beiden Gruppen schwerfallen kann, die entsprechenden Veränderungen zu erkennen und richtig einzuordnen. Teilweise wurde der Rückzug als unvermeidliche Begleiterscheinung der Demenz betrachtet.

Allerdings ist nicht jeder stille Mensch apathisch. Manche Menschen genießen es, ruhig dazusitzen, ihre Umgebung zu beobachten oder sich auszuruhen. Andere sind erschöpft, haben Schmerzen oder fühlen sich durch zu viele Reize überfordert.

Deshalb wäre es ebenso falsch, jeden zurückgezogenen Menschen ständig beschäftigen oder aktivieren zu wollen.

Entscheidend ist also die Frage: Entspricht das beobachtete Verhalten den Gewohnheiten und Vorlieben dieses Menschen, oder könnte sich dahinter ein unerkanntes Bedürfnis verbergen? In kurz: ist das (Verhalten) für diesen Menschen noch normal?

Bedürfnisse zeigen sich nicht immer eindeutig

Für jedes Verhalten gibt es Gründe – und die können von Person zu Person sehr unterschiedlich sein. Hunger, Durst, Schmerzen, das Bedürfnis nach Ruhe, Sicherheit oder menschlicher Nähe verschwinden nicht mit dem Verlust der Sprache. Allerdings wird es für Menschen mit fortgeschrittener Demenz zunehmend schwieriger, ihre Bedürfnisse mitzuteilen. Ein Mensch, der an seiner Kleidung nestelt, könnte sich unwohl fühlen oder zur Toilette müssen. Ein abgewandter Blick kann Ablehnung bedeuten, aber auch Müdigkeit oder Überforderung. Wer still im Sessel sitzt, könnte zufrieden sein – oder unter Schmerzen leiden, ohne diese verständlich äußern zu können.

Das sogenannte Need-driven Dementia-compromised Behavior Model (NDB-Modell) bietet einen hilfreichen Ansatz, um solche Beobachtungen einzuordnen. Es geht davon aus, dass das Verhalten von Menschen mit Demenz durch verschiedene Faktoren beeinflusst wird.Dazu gehören einerseits relativ stabile Hintergrundfaktoren wie Persönlichkeit, Biografie und kognitive Fähigkeiten. Andererseits spielen veränderbare Einflüsse eine Rolle: körperliche Beschwerden, emotionale Bedürfnisse, soziale Kontakte und die Umgebung.

Für den Alltag bedeutet das: Statt ein Verhalten vorschnell als typische Folge der Demenz abzutun, lohnt es sich, nach möglichen Einflussfaktoren zu suchen. Dabei ist wichtig, dass aus einer Beobachtung zunächst nur eine Vermutung über ein mögliches Bedürfnis entsteht. Ob diese zutrifft, muss überprüft werden. Nach meiner Erfahrung ist es dabei wichtig, dass wir den Mut zu „Versuch und Irrtum“ nicht verlieren, denn: auch erfahrene Pflegeprofis sind nunmal keine Hellseher.

Vier Schritte, um Bedürfnisse besser zu erkennen

Bedürfnisse zu erkennen bedeutet nicht, Gedanken lesen zu können. Es geht darum, aufmerksam zu beobachten, unterschiedliche Erklärungen zu berücksichtigen und die eigenen Vermutungen im Alltag zu überprüfen. Dabei können vier Schritte helfen:

Vier Schritte für Angehörige und Pflegefachpersonen. Die Kästchen können direkt angekreuzt werden.

1. Veränderungen bewusst wahrnehmen

2. Verschiedene Ursachen berücksichtigen

3. Eine passende Veränderung anbieten

4. Beobachten, ob die Veränderung hilft

Diese Checkliste ist natürlich nur ein Beispiel. Sie können sie hier herunterladen (pdf).

Angehörige und Pflegefachpersonen können voneinander lernen

Für das Erkennen von Bedürfnissen ist es besonders wertvoll, persönliche Gewohnheiten und Vorlieben und auch „typisches“ Verhalten in bestimmten Situationen zu kennen. Angehörige wissen häufig, ob jemand schon immer gerne allein war, körperliche Nähe mochte oder viel Ruhe benötigte. Sie können auch Veränderungen wahrnehmen, die anderen Menschen kaum auffallen. Pflegefachpersonen bringen ihr Wissen über mögliche körperliche und psychische Ursachen von Verhaltensänderungen sowie die systematische Beobachtung und Einschätzung des Pflegebedarfs ein. Über ihre Erfahrung sind sie häufig auch zu sehr guten Hypothesen zu möglichen Ursachen von Verhaltensweisen oder Veränderungen im Verlauf der Erkrankung in der Lage. Beides ergänzt sich. Gerade bei Menschen, die kaum noch selbst Auskunft geben können, kann der Austausch helfen, Beobachtungen besser einzuordnen und vorschnelle Schlussfolgerungen zu vermeiden.

Nicht nur hinhören, wenn jemand ruft

Menschen mit Demenz benötigen nicht alle dasselbe Maß an Beschäftigung, Zuwendung oder Ruhe. Nicht jede Unruhe ist Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses. Und nicht jeder stille Mensch ist unzufrieden.Entscheidend ist deshalb nicht, möglichst viel Aktivität zu erzeugen, sondern aufmerksam zu bleiben und individuelle Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Das gilt besonders für Menschen, die ihre Wünsche kaum noch mitteilen können und wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Eine der vielen Aufgaben täglicher Versorgung ist deshalb auch darauf zu achten, dass die Stillen nicht übersehen werden.

Jochen Gust

Quellen und Weiterführendes

1. Eikelboom, W. S. et al. (2023): Residential aged care staff perceptions and responses towards neuropsychiatric symptoms: a mixed methods analysis of electronic healthcare records. Aging & Mental Health, 27(2), 243–250. Zur Studie

2. McPherson, R. et al. (2023): The Association Between Engagement in Activities of Daily Living and Care Interactions for Residents Living With Dementia. Journal of Nursing Care Quality, 38(2), E18–E24. Zur Studie

3. Nijsten, J. M. H. et al. (2023): Identifying and managing apathy in people with dementia living in nursing homes: a qualitative study. BMC Geriatrics, 23, Artikel 727. Zur Studie

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Jochen Gust

Pflegefachperson, Projektmitarbeiter, Demenzbeauftrager im Krankenhaus, Autor, Moderator, Dozent; Freiberufler

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