„Nehmen Sie es nicht persönlich.“ – haben Sie das schon mal zu einem Kollegin oder Kollegen in der Pflege nach einem Vorfall mit einem Menschen mit Demenz gesagt. Oder einem Angehörigen? Oder haben Sie diesen Rat selbst schon mal bekommen?
Wer Ratgeber zur Demenz liest, Angehörigenschulungen besucht oder sich über den Umgang mit verändertem Verhalten informiert, begegnet diesem Rat immer wieder. Wahrscheinlich habe ich das selbst schon mal irgendwo geschrieben für irgendwen. Der Rat klingt ja auch so schön vernünftig. Schließlich können Beschimpfungen, Anschuldigungen, Zurückweisungen oder körperliche Aggression mit der Demenz zusammenhängen. Sie müssen natürlich nicht das ausdrücken, was ein Mensch tatsächlich über seine Tochter, seinen Ehemann oder seine Partnerin denkt. Und schon gar nicht über mich als Pflegefachperson, denn „der kennt mich doch gar nicht.“. Oder?
Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten kommen bei einem Teil der Menschen mit Demenz vor. Das zu wissen, kann helfen.
Aber kann man solche Verhaltensweisen deshalb einfach nicht persönlich nehmen? Was ist mit der Ehefrau, die von ihrem Mann geohrfeigt wird? Mit dem Sohn, den seine Mutter plötzlich einen Dieb nennt, nach der Polizei ruft oder schlecht bei den Nachbarn über ihn spricht, während er sich um die Post und Finanzen kümmert? Was ist mit der Tochter, die sich täglich kümmert und eines Tages zu hören bekommt:„Verschwinde, ich will Dich nie wieder sehen“?
Vielleicht liegt das Problem schon in der Formulierung. Denn „Nehmen Sie es nicht persönlich“ kann etwas Sinnvolles bedeuten. Es kann aber auch wie die Aufforderung klingen, nicht verletzt, wütend, erschrocken, bestürzt oder traurig zu sein. Und das ist was völlig anderes.
Menschen nehmen Dinge persönlich
Wir sind nunmal keine neutralen Beobachter unserer eigenen Beziehungen. Wenn uns ein Fremder beschimpft, kann uns das treffen. Damit es uns schlimmer trifft, muss mir die Person aber nicht zwingend sehr nahestehen. Oder kann sich jemand vielleicht an seine Schulzeit erinnern, wie er von einem Lehrer wegen seiner „Dummheit“ vor der ganzen Klasse vorgeführt wurde? Und wie sehr ihn das verletzt hat? Kommen verletzende Worte oder sogar Handgreiflichkeiten von einem Menschen den wir lieben, mit dem wir Jahrzehnte verbracht haben, oder für den wir einen großen Teil unseres Alltags verändert haben und Verzicht üben, besitzen sie doch noch eine ganz andere Bedeutung und Schwere.
Gerade weil uns ein Mensch nahesteht, sind wir für das empfänglich, was von ihm kommt.Das ist zunächst nichts Krankhaftes und auch kein Zeichen dafür, mit einer Demenz nicht angemessen umgehen zu können. Nähe bedeutet immer auch Verletzlichkeit.
Die psychologische Forschung zur Emotionsregulation geht zudem nicht davon aus, dass Menschen ihre emotionale Reaktion beliebig abschalten können. Sie unterscheidet vielmehr unterschiedliche Möglichkeiten, mit einer entstandenen oder entstehenden Emotion umzugehen. Eine davon ist die Neubewertung: Wir verändern unsere Interpretation einer Situation. Davon zu unterscheiden ist das bloße Unterdrücken einer emotionalen Reaktion. Die Forschung von James Gross zeigt, dass Neubewertung Gefühle abschwächen kann, während das Unterdrücken ihres Ausdrucks die innere Reaktion nicht einfach verschwinden lässt.
Genau deshalb ist „Nehmen Sie es nicht persönlich“ als pauschaler Rat problematisch.
Nicht verletzt sein – oder anders einordnen?
Eine Beschimpfung kann verletzen. Eine Zurückweisung kann traurig machen. Ein Schlag kann erschrecken oder wütend machen.
Das Wissen um die Demenz hebt diese Reaktionen nicht auf. Es kann aber helfen, das Geschehene später anders einzuordnen: Eine Tochter kann verletzt sein und trotzdem wissen, dass die Beschimpfung nicht zwingend ausdrückt, was ihre Mutter tatsächlich über sie denkt. Ein Ehemann kann unter dem „Geh weg!“ seiner Frau leiden, ohne daraus schließen zu müssen, dass ihre gemeinsame Beziehung bedeutungslos geworden ist. Nicht das Gefühl muss verschwinden. Entscheidend ist, welche Bedeutung wir dem Geschehen anschließend geben.
Bei Angehörigen trifft ein Satz auf eine ganze Beziehung
Aggression gegenüber Angehörigen ist kein Randphänomen
In der britischen CARD-Studie wurden 220 Angehörige von Menschen mit Demenz befragt.
37,3 %
berichteten, innerhalb der vorausgegangenen drei Monate zumindest gelegentlich psychisch oder körperlich übergriffiges Verhalten durch den Menschen mit Demenz erlebt zu haben.
36,4 %
berichteten psychisch übergriffiges Verhalten.
5,9 %
berichteten körperlich übergriffiges Verhalten.
Angehörige, die häufiger solche Situationen erlebten, beschrieben auch eine stärkere Verschlechterung der Beziehung zum Menschen mit Demenz.
Eine systematische Übersichtsarbeit mit 25 hochwertigen Studien untersuchte, warum verändertes Verhalten bei Demenz von Angehörigen als besonders belastend erlebt wird.
Dabei ging es gerade nicht nur darum, wie häufig bestimmte Verhaltensweisen auftreten. Eine zentrale Rolle spielten Veränderungen von Kommunikation und Beziehung. Angehörige beschrieben ein Gefühl des Verlustes und eine sich verändernde Beziehung zum erkrankten Menschen. Die Forschenden kommen deshalb zu dem Schluss, dass Unterstützung auch die psychischen Bedürfnisse der Angehörigen berücksichtigen muss.
Das ist wichtig.
Denn eine Beschimpfung findet nicht im luftleeren Raum statt.
Vielleicht kommt sie von der Mutter, deren Anerkennung für die Tochter immer wichtig war. Vom Ehemann, von dem solche Worte früher undenkbar gewesen wären. Oder von einem Vater, für dessen Versorgung der Sohn inzwischen sein halbes Leben organisiert.
Und manchmal enthält eine Beschimpfung sogar Worte, die an alte Konflikte oder empfindliche Stellen einer Beziehung rühren. Da hilft die Information „Das ist die Demenz!“ möglicherweise bei der Einordnung. Aber sie löscht die Beziehungsgeschichte nicht.
„Das ist die Krankheit“ – und trotzdem kann es wehtun
Zu verstehen, warum sich ein Mensch mit Demenz verändert, kann entlasten. Angst, Desorientierung, Schmerzen oder Überforderung können Verhalten beeinflussen und helfen, eine Situation anders einzuordnen. Doch zwischen „Ich verstehe, woher das kommen könnte oder was die Ursache ist“ und „Es macht mir nichts aus.“ liegt ein großer Unterschied.
Vielleicht ist deshalb ein anderer Gedanke realistischer: Es trifft mich. Aber ich kann lernen, mit diesem Getroffensein umzugehen.
Übrigens: auch Pflegefachpersonen sind nicht unberührbar. Fachwissen und professionelle Erfahrung helfen, Verhalten einzuordnen. Sie machen aber nicht immun gegen Beschimpfung oder Gewalt. Studien zeigen bei Pflegepersonen nach aggressiven oder gewalttätigen Situationen unter anderem Stress, Ärger, psychische Belastung sowie erhöhte Risiken für Burnout und traumatische Belastungsreaktionen. Professionalität bedeutet also nicht, dass eine Ohrfeige, eine massive Beschimpfung oder angespuckt zu werden emotional bedeutungslos bleiben muss.
In diesem Zusammenhang kann man Kolleginnen und Kollegen nur davor warnen, sich auch Stellenazeigen zu bewerben, die irgendwas mit „Engel“ beinhalten. Gesucht werden dort offenbar Übermenschen, direkt gottgesandt – die natürlich weder Fehler machen noch durch irgendwas irdisches belastet sein können, oder?
Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen Angehörigen und Profis
Es wäre falsch, beide Versorgungssituationen einfach gleichzusetzen.
Eine Pflegefachperson begegnet dem Menschen in einer beruflichen Rolle. Im Idealfall stehen Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung. Eine Situation kann übergeben, besprochen und analysiert werden. Es gibt eine professionelle Organisation und irgendwann ein Dienstende.
Auch das schützt keineswegs vollständig. Aber es schafft einen anderen Rahmen.
Bei Angehörigen findet die Situation häufig mitten in der eigenen Beziehung und im eigenen Zuhause statt. Da hat nicht „ein Patient“ zugeschlagen.
Es war der eigene Mann.
Nicht „eine Bewohnerin“ hat gesagt: „Ich hasse Dich.“. Es war die eigene Mutter. Und eine halbe Stunde später müssen vielleicht trotzdem das Abendessen vorbereitet, Medikamente gerichtet oder der Toilettengang begleitet werden.
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Angehörige und Profis: unterschiedliche Belastung
Eine deutsche Studie verglich jeweils 25 Angehörige und 25 professionell Pflegende von Menschen mit Demenz.
Auf der Skala zur Belastung durch aggressives und desorientiertes Verhalten lagen die Mittelwerte bei:
Angehörige: 8,84 Punkte
Professionell Pflegende: 4,12 Punkte
Die Skala reicht von 0 bis 20 Punkten. Auch durch kognitive Beeinträchtigungen fühlten sich die Angehörigen stärker belastet.
Einordnung: Mit jeweils nur 25 Personen war die Studie klein. Aus den Zahlen lässt sich daher nicht ableiten, dass Angehörige grundsätzlich „doppelt so stark“ belastet sind. Der Unterschied zeigt aber, warum familiäre und berufliche Pflege nicht ohne Weiteres gleichgesetzt werden sollten.
Eine kleine deutsche Untersuchung, in der Angehörige und professionell Pflegende unmittelbar nach einem Krankenhausaufenthalt des Menschen mit Demenz verglichen wurden, zeigt zumindest, dass diese unterschiedlichen Rollen für das Belastungserleben relevant sein können. Die Unterschiede bei der Belastung durch aggressives und desorientiertes Verhalten waren in dieser Untersuchung statistisch signifikant. Bei der Belastung durch die eigentlichen Pflegeaufgaben zeigte sich dagegen kein entsprechender Unterschied.
Das macht den Befund besonders interessant: Nicht unbedingt die Tätigkeit selbst unterschied die Gruppen, sondern insbesondere das Erleben bestimmter Veränderungen des Menschen.
„Nicht persönlich nehmen“ ist emotionale Arbeit
Eine kanadische Studie beschreibt „Nicht-persönlich-Nehmen“ bei Beschäftigten im Gesundheitswesen ausdrücklich als emotionale Arbeit. Aggression musste erklärt, relativiert und innerlich verarbeitet werden. Problematisch wird es, wenn dadurch Gewalt normalisiert oder ihre Wirkung unterschätzt wird.
Wenn selbst professionell Pflegende dafür emotionale Arbeit leisten müssen, ist – nehmen Sie es nicht persönlich – kaum zu erwarten, dass Angehörige einfach unberührt bleiben.
Entscheidend ist die Reaktion danach
Die wichtigere Frage lautet deshalb nicht: „Wie schaffe ich es, dass mich das nicht mehr verletzt?“. Und es ist keinesfalls ein Versagen, durch Aussagen oder Handlungen eines Menschen mit Demenz verletzt zu werden. Nach dem Motto: ist er zu stark bist Du zu schwach.
Sondern: „Wie gehe ich damit um, wenn es mich verletzt hat?“. Wut, Kränkung oder Angst sind zunächst Gefühle. Entscheidend ist, was daraus folgt: Abstand herstellen, nicht zurückschlagen, eine Situation beenden, später nach Ursachen suchen oder Unterstützung holen. Nicht Gefühle abzutrainieren sollte das Ziel sein, sondern Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.
Verstehen heißt nicht aushalten
Eine Demenz kann erklären helfen, warum ein Mensch schlägt, tritt, kratzt, beißt oder spuckt. Sie verpflichtet aber niemanden, Gewalt auszuhalten. Wer bedroht oder angegriffen wird, darf Abstand herstellen und Hilfe holen. Bei wiederholter oder neuer Aggression sollte nach möglichen Auslösern wie Schmerzen, Delir, Angst oder Überforderung gesucht werden. Empathie und Selbstschutz schließen einander nicht aus. Ich darf jemanden – in aller (Nächsten-)Liebe – von seinem Tun abhalten.
Brauchen wir einen anderen Satz?
„Nehmen Sie es nicht persönlich“ muss nicht automatisch völlig falsch sein. Wenn damit gemeint ist: „Versuchen Sie, das Verhalten nicht als verlässliche Aussage darüber zu verstehen, was dieser Mensch von Ihnen hält“, kann darin eine ausgesprochen hilfreiche Neubewertung liegen.
Als Aufforderung, nach einer Beschimpfung, einer Zurückweisung, einem Schlag oder dem Angespucktwerden nicht verletzt, wütend, traurig oder erschrocken zu sein, ist der Satz dagegen fragwürdig – bei Angehörigen ebenso wie bei professionell Pflegenden. Frei nach dem Motto: „Who cares?“ – darf unsere Antwort lauten: „Me!“.
In Pflege und Beratung müssen wir uns und andere ernst nehmen. Und das bedeutet, anzuerkennen, dass Menschen keine professionell programmierbaren Beobachter ihrer Beziehungen sind. Wir nehmen Dinge persönlich. Das ist normal. „Seid Menschen!“ – auch in Pflege und Betreuung.
Wir müssen jedoch die Arbeit leisten, mit unserem Getroffensein, mit unseren Gefühlen umzugehen und unsere Reaktionen zu steuern. Das ist wesentlich für die Versorgung von Menschen mit Demenz.
Jochen Gust
Quellen und weiterführende Informationen
Cooper C, Selwood A, Blanchard M, Livingston G. (2010): „Abusive behaviour experienced by family carers from people with dementia: the CARD study.“ Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry 81(6), 592–596. DOI: 10.1136/jnnp.2009.190934. Die Studie mit 220 Angehörigen enthält die im Artikel genannten Häufigkeiten zu psychisch und körperlich übergriffigem Verhalten. PubMed-Eintrag zur CARD-Studie
Feast A, Orrell M, Charlesworth G, Melunsky N, Poland F, Moniz-Cook E. (2016): „Behavioural and psychological symptoms in dementia and the challenges for family carers: systematic review.“ British Journal of Psychiatry 208(5), 429–434. DOI: 10.1192/bjp.bp.114.153684. Die systematische Übersicht analysiert insbesondere die Bedeutung von Beziehungs- und Kommunikationsveränderungen für Angehörige. Volltext der systematischen Übersichtsarbeit
Seidel D, Thyrian JR. (2019): „Burden of caring for people with dementia – comparing family caregivers and professional caregivers. A descriptive study.“ Journal of Multidisciplinary Healthcare 12, 655–663. DOI: 10.2147/JMDH.S209106. Untersucht wurde das unterschiedliche Belastungserleben von 25 Angehörigen und 25 professionell Pflegenden. PubMed-Eintrag zur Vergleichsstudie
Gross JJ. (2002): „Emotion regulation: affective, cognitive, and social consequences.“ Psychophysiology 39(3), 281–291. DOI: 10.1017/S0048577201393198. Grundlagenarbeit zur Unterscheidung von Neubewertung und Unterdrückung emotionaler Reaktionen. PubMed-Eintrag zur Emotionsregulation
Funk L, Spencer D, Herron R. (2021): „Making sense of violence and victimization in health care work: The emotional labour of ‘not taking it personally’.“ International Review of Victimology 27(1), 94–110. DOI: 10.1177/0269758020953760. Die qualitative Studie beschäftigt sich unmittelbar mit dem „Nicht-persönlich-Nehmen“ als emotionaler Arbeit im Gesundheitswesen. Studie bei SAGE Journals
Holst A, Skär L. (2017): „Formal caregivers’ experiences of aggressive behaviour in older people living with dementia in nursing homes: A systematic review.“ International Journal of Older People Nursing 12(4), e12158. DOI: 10.1111/opn.12158. Die Übersicht untersucht die Auswirkungen aggressiver Reaktionen auf professionell Pflegende in der Demenzversorgung. Systematische Übersichtsarbeit bei Wiley
Wang J et al. (2022): „Workplace violence and the risk of post-traumatic stress disorder and burnout among nurses: A systematic review and meta-analysis.“ Journal of Nursing Management 30(7), 2854–2868. DOI: 10.1111/jonm.13809. Die Metaanalyse untersucht psychische Folgen von Gewalterfahrungen bei Pflegepersonen. PubMed-Eintrag zur Metaanalyse
Als deutschsprachige praktische Weiterinformation bietet die Deutsche Alzheimer Gesellschaft Hinweise zum Umgang mit verändertem Verhalten und Aggressivität. Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Umgang und Kommunikation




