Gedächtnisrunde am Vormittag, Bastelangebot am Nachmittag. In vielen Pflegeeinrichtungen gehört diese Form der Beschäftigung fest zum Alltag. Gut gemeint ist das immer. Doch die Frage ist: Nutzt sie tatsächlich die Fähigkeiten, die Menschen mit Demenz noch haben?
Die Forschung legt nahe, Beschäftigung anders zu denken. Denn gerade vertraute Tätigkeiten aus dem normalen Alltag können bei Menschen mit Demenz an Fähigkeiten und eingeübte Handlungsmuster anknüpfen, die teilweise länger verfügbar bleiben als bewusst abrufbares Wissen und Erinnerungen. Vielleicht muss deshalb nicht immer eine neue Beschäftigung erfunden werden. Ein großer Teil guter Aktivierung steckt bereits im Alltag selbst.
Wenn Erinnern schwerfällt, Handeln aber noch möglich ist
„Was können wir heute mit den Bewohnerinnen und Bewohnern machen?“
Sondern: „Was können sie hier selbst tun?“
Das Gedächtnis besteht aus unterschiedlichen Systemen. Bei einer Alzheimer-Erkrankung ist insbesondere das bewusste Erinnern an Ereignisse und neue Informationen früh beeinträchtigt.
Deshalb kann schon die scheinbar harmlose Frage „Welcher Wochentag ist heute?“ für einen Menschen mit Demenz schwierig sein. Anders sieht es teilweise bei über lange Zeit eingeübten Handlungen aus. Das sogenannte prozedurale beziehungsweise implizite Gedächtnis ist an automatisierte Fertigkeiten und Bewegungsabläufe beteiligt.
Ein Betroffener kann möglicherweise nicht mehr sagen, welcher Tag heute ist – aber noch einen Tisch decken.
Das ist kein Widerspruch.
Eine Übersichtsarbeit über 23 Studien zum motorischen Lernen bei Menschen mit Alzheimer zeigte, dass implizite Lernfähigkeiten trotz der Erkrankung erhalten sein können. Die Autoren folgerten daraus, dass praktische Fertigkeiten auch für Rehabilitation und den Erhalt von Selbstständigkeit genutzt werden können.
Bereits frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass Menschen mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz durch gezieltes Üben alltäglicher Handlungen ihre Ausführung verbessern konnten. Das bedeutet nicht, dass solche Fähigkeiten unbegrenzt erhalten bleiben. Aber es bedeutet: Es lohnt sich, gezielt nach ihnen zu suchen. Erfahrungsgemäß sind Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten hier hervorragende Ratgeber die die Suche und den Perspektivwechsel unterstützen können.
Der Alltag verlangt mehr, als man ihm ansieht
Einen Tisch zu decken wirkt zunächst banal. Tatsächlich müssen Gegenstände erkannt, gegriffen und richtig platziert werden. Bewegung, Wahrnehmung und vertraute Handlungsabläufe greifen ineinander.
Vor allem aber hat die Tätigkeit einen Sinn. Am Ende ist der Tisch gedeckt. Genau darin unterscheidet sich eine solche Aufgabe von manchen künstlich geschaffenen Beschäftigungsangeboten. Beim Alltag wird nicht nur eine Aufgabe erledigt, damit jemand beschäftigt ist. Die Tätigkeit ist Teil des gemeinsamen Lebens. Und so können wir die Chance nutzen, dass aus „Wir beschäftigen Herrn Müller“ etwas anderes wird: „Herr Müller hilft beim Tischdecken.“. Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Tatsächlich verändert es die Rolle des Menschen. Und gerade an dieser Stelle wird auch deutlich, wie viel Pflegende beitragen können, statt dies auf Betreuungskräfte allein zu übertragen.
Beschäftigung muss zur Person passen
Auch die Forschung zu individuell angepassten Aktivitäten weist in diese Richtung. Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2023 untersuchte Aktivitäten in Pflegeeinrichtungen, die an persönliche Interessen und Vorlieben von Menschen mit Demenz angepasst wurden. Solche Angebote können Unruhe leicht vermindern. Allerdings ist die Evidenz insgesamt noch begrenzt und die Studienqualität teilweise niedrig.
Trotz dieser Einschränkungen ist die Richtung für die Praxis relevant: Nicht irgendeine Aktivität ist entscheidend, sondern die Passung zum Menschen. Auch die britische NICE-Leitlinie empfiehlt ausdrücklich Aktivitäten, die sich an den individuellen Vorlieben von Menschen mit Demenz orientieren. Zudem nennt sie Ergotherapie und kognitive Rehabilitation mit dem Ziel, Fähigkeiten im Alltag zu erhalten oder zu unterstützen.
Was heißt das für Gedächtnis- und Bastelgruppen?
Es bedeutet natürlich nicht, dass solche Angebote grundsätzlich falsch oder überflüssig sind. Eine gute Gruppe kann soziale Kontakte fördern und Freude machen. Für Menschen mit leichter bis mittelschwerer Demenz empfiehlt NICE beispielsweise strukturierte kognitive Stimulation ausdrücklich. Standardisiertes kognitives Training zur Behandlung einer leichten bis mittelschweren Alzheimer-Demenz wird dagegen nicht empfohlen. Genau diese Unterscheidung ist wichtig.
Eine gemeinsam erlebte, passende Aktivität ist etwas anderes als das routinemäßige Abfragen von Wochentagen, Sprichwörtern oder Erinnerungen. Und eine Bastelgruppe ist nicht automatisch eine gute Aktivierung, nur weil anschließend alle etwas in der Hand halten.
Wenn der Beschäftigungsplan zum Selbstzweck wird, lohnt sich deshalb eine kritische Frage: Wird hier gerade eine vorhandene Fähigkeit genutzt – oder lediglich Zeit gefüllt?
Mehr Alltag statt Sonderprogramme
Gerade in Einrichtungen wird der Alltag häufig möglichst effizient organisiert. Pflege- und Hauswirtschaftskräfte erledigen Aufgaben, während für Bewohnerinnen und Bewohner anschließend eigene Beschäftigungsangebote geplant werden. Dabei könnte ein Teil der Aktivierung genau dort stattfinden, wo das Leben ohnehin stattfindet.
Dieser Gedanke ist in der Pflege keineswegs neu. Erwin Böhm stellte mit seinem psychobiographischen Pflegemodell schon früh die individuelle „Alltagsnormalität“ eines Menschen in den Mittelpunkt. Sein Normalitätsprinzip geht davon aus, dass Menschen durch ihre Biografie, ihre Gewohnheiten und ihre frühere Lebensweise eine ganz persönliche Vorstellung davon entwickeln, was für sie normal und vertraut ist. Die Versorgung sollte daran anknüpfen – statt einen künstlichen Heimalltag darüberzulegen.
Für Böhm gehörte dazu auch die Kritik, älteren Menschen Tätigkeiten vollständig abzunehmen. Genau hier berührt sein Ansatz die heutige Diskussion um Aktivierung: Nicht alles, was Mitarbeitende schneller erledigen können, muss einem Menschen mit Demenz automatisch aus der Hand genommen werden.
Das bedeutet nicht, Menschen zu Hilfskräften zu machen oder ihnen Arbeit aufzuzwingen. Es bedeutet, ihnen nicht automatisch jede Aufgabe abzunehmen. Wer noch etwas beitragen kann, sollte Gelegenheit dazu bekommen. Für Angehörige gilt dasselbe. Auch zu Hause muss Beschäftigung nicht bedeuten, neue Spiele oder Übungen zu kaufen. Manchmal ist die bessere Aktivierung eine vertraute Aufgabe, die gemeinsam erledigt wird.
Alltag ist keine Pause zwischen zwei Angeboten
Menschen mit Demenz brauchen Aktivität, Anregung und soziale Kontakte. Aber dafür muss nicht ständig eine eigene „Demenzbeschäftigung“ erfunden werden. Die Forschung zum prozeduralen Lernen, zu individuell angepassten Aktivitäten und zur alltagsorientierten Rehabilitation zeigt vielmehr: Vertraute Fähigkeiten können Ressourcen darstellen, die im normalen Alltag genutzt werden können.
Vielleicht sollten Einrichtungen und Angehörige deshalb häufiger darauf schauen, was noch möglich ist – statt sofort nach dem nächsten Angebot zu suchen oder ein solches einzufordern. Denn der Alltag ist nicht die Pause zwischen zwei Betreuungsrunden. Er kann selbst die beste Gelegenheit zur Teilhabe sein.
Jochen Gust
Quellen und Weiterführendes
- Zanetti O. et al. (1997): Procedural memory stimulation in Alzheimer’s disease: impact of a training programme. Acta Neurologica Scandinavica, 95(3), 152–157.
- Zanetti O. et al. (2001): Effectiveness of procedural memory stimulation in mild Alzheimer’s disease patients: A controlled study. Neuropsychological Rehabilitation, 11(3–4), 263–272.
- van Halteren-van Tilborg I.A.D.A., Scherder E.J.A., Hulstijn W. (2007): Motor-skill learning in Alzheimer’s disease: a review with an eye to the clinical practice. Neuropsychology Review, 17(3), 203–212.
- Möhler R. et al. (2023): Personally tailored activities for improving psychosocial outcomes for people with dementia in long-term care. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 3, CD009812.
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Dementia: assessment, management and support for people living with dementia and their carers. Guideline NG97.




