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	<title>Jochen Gust, Autor bei Demenz-Zeitung</title>
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	<description>Informationen rund um Demenz, Pflege und Versorgung</description>
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	<title>Jochen Gust, Autor bei Demenz-Zeitung</title>
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	<item>
		<title>Wenn es nie still wird: Wie Geräusche Menschen mit Demenz belasten können &#8211; und was Sie tun können</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/10/21/geraeusche-bei-demenz/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Oct 2026 11:16:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[Agitation]]></category>
		<category><![CDATA[alzheimer]]></category>
		<category><![CDATA[Apathie]]></category>
		<category><![CDATA[betreuung]]></category>
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		<category><![CDATA[Geräuschbelastung]]></category>
		<category><![CDATA[musiktherapie]]></category>
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		<category><![CDATA[Reizüberflutung]]></category>
		<category><![CDATA[Sinnesanregungen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Fernseher läuft im Wohnzimmer, aus der Küche dringt das Radio, in der Tagespflege unterhalten sich mehrere Menschen gleichzeitig. Solche Geräusche gehören zum Alltag. Für Menschen mit Demenz können sie&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/21/geraeusche-bei-demenz/">Wenn es nie still wird: Wie Geräusche Menschen mit Demenz belasten können &#8211; und was Sie tun können</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Fernseher läuft im Wohnzimmer, aus der Küche dringt das Radio, in der Tagespflege unterhalten sich mehrere Menschen gleichzeitig. Solche Geräusche gehören zum Alltag. Für Menschen mit Demenz können sie jedoch zur Belastung werden. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen Zusammenhänge zwischen Geräuschbelastung, Unruhe und Schlafproblemen. Gleichzeitig können Musik und andere Sinnesanregungen positive Wirkungen entfalten. Wie passt das zusammen? Entscheidend ist nicht allein, wie viele Reize auf einen Menschen einwirken, sondern welche Bedeutung sie für ihn haben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wie belastend ist die alltägliche Geräuschkulisse?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ob zu Hause, in der Tagespflege oder im Pflegeheim: Viele Geräusche entstehen nebenbei. Telefone klingeln, Haushaltsgeräte laufen, Menschen führen Gespräche. Häufig nehmen diejenigen, die diese Geräusche verursachen, sie kaum noch bewusst wahr. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 untersuchte die akustische Umgebung in Pflegeheimen. Die Forschenden werteten 35 Studien aus. Neun davon erfassten die Lautstärke und berichteten tagsüber durchschnittliche Geräuschpegel zwischen 55 und 68 Dezibel. Besonders häufig waren menschliche Stimmen und elektronische Geräte zu hören.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Einige Untersuchungen fanden Zusammenhänge zwischen stärkerer Geräuschbelastung, vermehrter Unruhe und beeinträchtigtem Nachtschlaf. Andere konnten entsprechende Auswirkungen nicht bestätigen. Die Ergebnisse belegen daher nicht, dass Lärm zwangsläufig Unruhe verursacht oder eine Verringerung des Geräuschpegels automatisch zu anderem Verhalten führt. Sie machen aber deutlich, dass die akustische Umgebung bei der Versorgung von Menschen mit Demenz Beachtung verdient.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Untersucht wurden überwiegend stationäre Einrichtungen. Die Frage, welche Geräusche hilfreich oder belastend sind, stellt sich allerdings ebenso in der eigenen Wohnung oder in der Tagespflege.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Es geht um mehr als Lautstärke</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Geräusch kann angenehm, bedeutungslos oder belastend sein. Seine Wirkung hängt unter anderem davon ab, ob es vertraut ist, zur Situation passt und von der betroffenen Person eingeordnet werden kann. Die Stimme eines vertrauten Menschen, das Klappern von Geschirr beim gemeinsamen Kochen oder ein bestimmtes Musikstück können Orientierung vermitteln und positive Gefühle auslösen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dagegen können Gesprächsfetzen aus einem anderen Raum, ein unvermittelt klingelndes Telefon oder Stimmen aus dem Fernseher irritierend wirken. Besonders schwierig kann es werden, wenn mehrere Geräuschquellen gleichzeitig um Aufmerksamkeit konkurrieren. Dabei ist auch die persönliche Kontrolle entscheidend. Wer den Fernseher nicht mehr selbst ausschalten, die Lautstärke nicht verändern oder einen Raum nicht ohne Hilfe verlassen kann, ist auf andere Menschen angewiesen. Und genau das trifft zumeist auf Menschen mit fortgeschrittener Demenz zu. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Oft unterschätzt: Selbst ein zunächst angenehmer Reiz kann durch seine Dauer zur Belastung werden. Musik, die für einige Minuten Freude bereitet, muss nicht über Stunden erwünscht sein. Das dauerdudelnde Radio oder der ewig eingeschaltete Fernseher können zur echten Belastung werden. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Apathie lässt sich nicht einfach mit mehr Reizen bekämpfen</h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein verbreiteter Gedanke in der Versorgung von Menschen mit Demenz lautet: Wer wenig Eigeninitiative zeigt, braucht mehr oder andere Beschäftigung und Anregung. Dabei wird leicht übersehen, dass Apathie nicht mit Langeweile gleichzusetzen ist.<br><br>Apathie bezeichnet unter anderem eine verminderte Eigeninitiative, Motivation und Beteiligung. Sie kann im Zusammenhang mit demenzbedingten Veränderungen auftreten. Auch Depressionen, körperliche Beschwerden oder andere behandelbare Einflussfaktoren müssen berücksichtigt werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Mehr Geräusche oder zusätzliche Beschäftigungsangebote sind deshalb keine automatische Lösung. Ein Mensch, der kaum auf seine Umgebung reagiert, muss nicht zwangsläufig unter einem Mangel an Sinnesreizen leiden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dennoch können gezielte Angebote hilfreich sein.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="723" height="1024" src="https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/10/Ein-Reiz-–-drei-Wirkungen-723x1024.png" alt="" class="wp-image-3929" srcset="https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/10/Ein-Reiz-–-drei-Wirkungen-723x1024.png 723w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/10/Ein-Reiz-–-drei-Wirkungen-212x300.png 212w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/10/Ein-Reiz-–-drei-Wirkungen-768x1087.png 768w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/10/Ein-Reiz-–-drei-Wirkungen.png 1054w" sizes="(max-width: 723px) 100vw, 723px" /></figure>
</div>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine 2025 veröffentlichte Metaanalyse von 16 Studien mit insgesamt 974 Teilnehmenden fand positive Effekte multisensorischer Interventionen auf verschiedene neuropsychiatrische Symptome, darunter Apathie und Agitation. Allerdings beruhten die Ergebnisse zur Apathie lediglich auf drei Studien mit 151 Teilnehmenden. Zudem unterschieden sich deren Ergebnisse erheblich. Die Untersuchungen liefern somit Hinweise auf einen möglichen Nutzen, erlauben aber keine pauschale Empfehlung, möglichst viele Reize anzubieten.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch die Forschung zu musikbasierten Interventionen zeigt ein differenziertes Bild. Ein Cochrane-Review von 2025 mit 30 Studien und 1.720 Menschen mit Demenz fand Hinweise auf eine Verbesserung depressiver Symptome, jedoch keinen gesicherten Nutzen hinsichtlich Agitation und Aggression. Eine weitere Metaanalyse, die 2026 veröffentlicht wurde, berichtete dagegen einen moderaten positiven Effekt auf Agitation. Die Studien untersuchten unterschiedliche Interventionen und sind deshalb nur eingeschränkt miteinander vergleichbar.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Für die Praxis bleibt eine wichtige Unterscheidung:</strong> Eine gezielte Aktivität, bei der sich ein Mensch beteiligt und Interesse entwickelt, ist etwas anderes als zusätzliche Hintergrundbeschallung. Ein eingeschaltetes Radio kann eine individuell sinnvolle Beschäftigung nicht ersetzen. Gerade in der stationären Pflege erlebe ich da manchmal fast schon &#8222;automatisiertes&#8220; Einschalten von <a href="https://demenz-zeitung.de/2020/06/30/musik-die-uns-fehlt/">Musik</a>, Radio, Fernseher. Weil die Leute da sonst &#8222;nichts haben&#8220; im Augenblick. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Darf ein Reiz auch einmal unangenehm sein?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nicht jeder hilfreiche Reiz muss von Anfang an vertraut oder beruhigend sein. Auch Neues kann Neugier, Aufmerksamkeit und Interesse auslösen. Das gilt beispielsweise für Musik. Es wäre zu einfach, Menschen mit Demenz grundsätzlich nur Stücke vorzuspielen, die sie bereits aus ihrer Vergangenheit kennen. Eine kleine Untersuchung aus dem Jahr 1998 mit 20 Menschen mit Demenz verglich die Wirkung bekannter und unbekannter Musik auf verschiedene Aufgaben. Bei autobiografischen Erinnerungsaufgaben zeigte sich unter Musik eine bessere Leistung als ohne Musik. Ob die Stücke vertraut waren, machte dabei keinen erkennbaren Unterschied. Die Ergebnisse sind aufgrund der kleinen Stichprobe begrenzt. Sie zeigen aber, dass eine positive Wirkung nicht zwingend an biografische Vertrautheit gebunden sein muss.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Noch interessanter ist die Frage nach emotional unangenehmen Reaktionen.<br>Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung analysierte 108 Videoaufnahmen von 45 Menschen mit überwiegend schwerer Demenz beim Hören individuell ausgewählter Musik. Die Forschenden unterschieden zehn Reaktionsmuster. Dazu gehörten Freude, konzentriertes Zuhören und das Teilen von Erinnerungen. Es wurden aber auch Traurigkeit, emotionales Angesprochensein und ablehnende Reaktionen beobachtet.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein aufschlussreiches Ergebnis der Untersuchung: Manche Menschen empfanden Musik gleichzeitig als schön und traurig, zeigten Tränen, wollten aber dennoch weiterhören. Traurigkeit ist also nicht automatisch ein Zeichen von Belastung. Anders verhält es sich bei Angst, Abwehr oder erkennbarer Überforderung. Auch ungewohnte Musik kann anregend wirken. <br><strong>Menschen jedoch gezielt unangenehmen Reizen auszusetzen, um Apathie zu überwinden, ist wissenschaftlich nicht ausreichend begründet</strong>. Entscheidend ist nicht die bloße Reaktion, sondern wie die betroffene Person den Reiz erlebt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was Sie konkret tun können</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die bisherigen Erkenntnisse lassen sich in allen Versorgungsformen nutzen. Dabei geht es weder um vollständige Stille noch um einen möglichst abwechslungsreichen Geräuschpegel.</p>



<div style="max-width:850px;margin:24px auto;padding:20px;background:#f3f7f8;border:1px solid #d8e4e7;border-radius:14px;font-family:Arial,Helvetica,sans-serif;color:#24343d;font-size:19px !important;line-height:1.6 !important;">

  <p style="font-size:19px !important;line-height:1.6 !important;margin:0 0 22px;">
    Ob zu Hause, in der Tagespflege oder im Pflegeheim:
    Entscheidend ist nicht möglichst viel oder möglichst
    wenig Anregung, sondern der passende Reiz zur
    richtigen Zeit.
  </p>

  <!-- 1. GERÄUSCHE -->
  <section style="background:#fff;border-left:5px solid #387887;border-radius:9px;padding:20px;margin-bottom:16px;">
    <h3 style="font-size:23px !important;line-height:1.35 !important;color:#235e6a;margin:0 0 15px;">
      1. Unnötige Dauergeräusche erkennen
    </h3>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#387887;">
      <span>Prüfen, ob Fernseher und Radio tatsächlich gewünscht oder bewusst genutzt werden.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#387887;">
      <span>Auf gleichzeitig auftretende Geräusche achten: Gespräche, Haushaltsgeräte, Telefone oder Gruppenaktivitäten.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#387887;">
      <span>Überflüssige Geräuschquellen abschalten oder zeitlich und räumlich voneinander trennen.</span>
    </label>
  </section>

  <!-- 2. ANREGUNG -->
  <section style="background:#fff;border-left:5px solid #bf933f;border-radius:9px;padding:20px;margin-bottom:16px;">
    <h3 style="font-size:23px !important;line-height:1.35 !important;color:#866322;margin:0 0 15px;">
      2. Anregung bewusst gestalten
    </h3>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#bf933f;">
      <span>Musik, Gespräche oder Alltagstätigkeiten passend zu Interessen und Bedürfnissen anbieten.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#bf933f;">
      <span>Bei Apathie mit persönlicher Ansprache und kleinen Angeboten beginnen, statt einfach mehr Reize einzusetzen.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#bf933f;">
      <span>Auch Neues ausprobieren. Dabei auf Interesse, Freude und Beteiligung achten, nicht bloß auf irgendeine Reaktion.</span>
    </label>
  </section>

  <!-- 3. RUHE -->
  <section style="background:#fff;border-left:5px solid #648e74;border-radius:9px;padding:20px;margin-bottom:16px;">
    <h3 style="font-size:23px !important;line-height:1.35 !important;color:#426b51;margin:0 0 15px;">
      3. Ruhe und Wahlmöglichkeiten ermöglichen
    </h3>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#648e74;">
      <span>Menschen möglichst selbst entscheiden lassen, ob und wie lange sie Musik oder anderen Geräuschen zuhören möchten.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#648e74;">
      <span>Bei eingeschränkter Selbstständigkeit aktiv Pausen, Abschalten oder einen ruhigeren Platz anbieten.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#648e74;">
      <span>Ruhe nicht mit Isolation verwechseln: Ein leises Gespräch oder gemeinsames Anschauen von Fotos kann ebenfalls anregen.</span>
    </label>
  </section>

  <!-- 4. BEOBACHTEN -->
  <section style="background:#fff;border-left:5px solid #ac665b;border-radius:9px;padding:20px;margin-bottom:16px;">
    <h3 style="font-size:23px !important;line-height:1.35 !important;color:#914b42;margin:0 0 15px;">
      4. Reaktionen und Veränderungen beobachten
    </h3>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#ac665b;">
      <span>Prüfen, ob Unruhe zu bestimmten Zeiten oder bei bestimmten Geräuschsituationen auftritt.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#ac665b;">
      <span>Beobachten, ob sich das Verhalten nach Abschalten oder Verändern einer Geräuschquelle verändert.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#ac665b;">
      <span>Angst, Abwehr und Anspannung ernst nehmen. Andere mögliche Ursachen wie Schmerzen, Schlafmangel oder ein Delir fachlich abklären.</span>
    </label>
  </section>

  <!-- MERKSATZ -->
  <div style="background:#dcebee;border-radius:9px;padding:18px 20px;color:#204e5a;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;">
    <strong>Merksatz:</strong> Nicht jeder Reiz hilft.
    Nicht jede Stille schadet. Entscheidend ist,
    wie der Mensch die Situation erlebt.
  </div>

</div>



<h2 class="wp-block-heading">Fazit: Nicht mehr Reize, sondern die richtigen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Menschen mit Demenz brauchen weder permanente Beschäftigung noch eine möglichst geräuscharme Umgebung um jeden Preis. Die Forschung spricht dafür, belastende Geräuschkulissen kritisch zu hinterfragen und gezielte Sinnesanregungen individuell zu gestalten. Dabei können auch neue, ungewohnte oder emotional berührende Erfahrungen sinnvoll sein.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade bei Apathie wäre es jedoch falsch, fehlende Beteiligung einfach durch eine Steigerung der Reizmenge beantworten zu wollen. Entscheidend ist nicht, dass ein Mensch auf einen Reiz reagiert. Entscheidend ist, was dieser Reiz für ihn bedeutet und wie er ihn erlebt.</p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Quellen und weitere Infos:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Janus, S. I. M. et al. (2021): <em>Sounds in nursing homes and their effect on health in dementia: a systematic review.</em> International Psychogeriatrics, 33(6), 627–644. <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32594932/">PubMed</a></li>



<li>Octary, T. et al. (2025): <em>Multisensory stimulation reduces neuropsychiatric symptoms and enhances cognitive function in older adults with dementia.</em> The Journal of Prevention of Alzheimer&#8217;s Disease, 12(5), 100091. <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39986906/">PubMed</a></li>



<li>van der Steen, J. T. et al. (2025): <em>Music-based therapeutic interventions for people with dementia.</em> Cochrane Database of Systematic Reviews. <a href="https://www.cochrane.org/de/evidence/CD003477_does-music-based-therapy-help-people-dementia">Cochrane</a></li>



<li>Hu, J. &amp; Xu, L. (2026): <em>The impact of music therapy on agitation in elderly patients with dementia.</em> Archives of Gerontology and Geriatrics, 140, 106048. <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41046571/">PubMed</a></li>



<li>Foster, N. A. &amp; Valentine, E. R. (1998): <em>The Effect of Concurrent Music on Autobiographical Recall in Dementia Clients.</em> Musicae Scientiae, 2(2), 143–155. <a href="https://doi.org/10.1177/102986499800200203">DOI</a></li>



<li>Töpfer, N. F. et al. (2024): <em>Sounds of Difference: A Typology of Reactions of People With Dementia to Individualized Music in the Presence of a Monitoring Person.</em> The Gerontologist, 64(6). <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38127309/">PubMed</a></li>
</ul>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/21/geraeusche-bei-demenz/">Wenn es nie still wird: Wie Geräusche Menschen mit Demenz belasten können &#8211; und was Sie tun können</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Demenz vor der Kamera: Was darf Pflege und Betreuung zeigen?</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/10/13/menschen-mit-demenz-auf-social-media-was-ist-erlaubt/</link>
					<comments>https://demenz-zeitung.de/2026/10/13/menschen-mit-demenz-auf-social-media-was-ist-erlaubt/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Oct 2026 12:30:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[altenpflege]]></category>
		<category><![CDATA[alzheimer]]></category>
		<category><![CDATA[angehörige]]></category>
		<category><![CDATA[betreuung]]></category>
		<category><![CDATA[datenschutz bei demenz]]></category>
		<category><![CDATA[demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Einwilligungsfähigkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[pflegethik]]></category>
		<category><![CDATA[Recht am eigenen Bild]]></category>
		<category><![CDATA[rechtameigenenbild]]></category>
		<category><![CDATA[socialmedia]]></category>
		<category><![CDATA[tiktok]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Selfies mit Betroffenen, Videos aus Pflege oder von Betreuungsangeboten und sogar Livestreams: Immer wieder werden pflegebedürftige Menschen auf Social-Media-Plattformen öffentlich gezeigt. Nicht nur, aber besonders bei Menschen mit Demenz stellen&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/13/menschen-mit-demenz-auf-social-media-was-ist-erlaubt/">Demenz vor der Kamera: Was darf Pflege und Betreuung zeigen?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><em>Selfies mit Betroffenen, Videos aus Pflege oder von Betreuungsangeboten und sogar Livestreams: Immer wieder werden pflegebedürftige Menschen auf Social-Media-Plattformen öffentlich gezeigt. Nicht nur, aber besonders bei Menschen mit Demenz stellen sich dabei erhebliche rechtliche und ethische Fragen. Denn nicht alles, was freundlich aussieht oder gut gemeint ist, darf auch veröffentlicht werden.</em></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Heimbewohnerin singt gemeinsam mit einer Betreuungskraft ein Volkslied. Beide lachen, die Stimmung ist ausgelassen. Eine Kollegin filmt die Szene mit ihrem Smartphone. Wenig später erscheint das Video auf TikTok oder Instagram. Vielleicht mit der Überschrift: „So schön kann Alter sein.“.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Und sicher, solche Aufnahmen können sympathisch wirken. Sie vermitteln Nähe, Freude und einen positiven Blick auf den Alltag. Doch entscheidend ist nicht allein, ob die abgebildeten Menschen glücklich aussehen. Entscheidend ist auch, ob sie damit einverstanden sind, öffentlich gezeigt zu werden – und ob sie die Folgen dieser Veröffentlichung verstehen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade bei Menschen mit Demenz reicht es meiner Meinung nach nicht, einfach nach einer Zustimmung zu fragen. Wer die Bedeutung einer Veröffentlichung nicht versteht, kann darin auch nicht informiert einwilligen. Zudem finden Pflege und Betreuung in einem besonderen Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis statt. Menschen können sich deshalb unter Umständen zu einer Zustimmung gedrängt fühlen, ohne dass ihnen ausdrücklich direkt Druck gemacht wird.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Aufnahmen aus der Pflege vor Gericht landen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dass diese Problematik keineswegs nur theoretisch ist, zeigen mehrere Fälle aus den vergangenen beiden Jahren.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Im September 2026 verurteilte das Amtsgericht Traunstein eine Pflegekraft zu einer Geldstrafe von 1.500 Euro. Die Frau hatte 2024 fünf Bewohner eines Alten- und Pflegeheims in teilweise entblößten und hilflosen Situationen fotografiert. Einige Monate später veröffentlichte sie die Aufnahmen auf YouTube. Nach eigenen Angaben wollte sie damit auf Missstände in der Einrichtung aufmerksam machen. Zwar berücksichtigte das Gericht dieses Motiv, sah aber dennoch den höchstpersönlichen Lebensbereich der betroffenen Menschen verletzt. Bemerkenswert ist, dass die Gesichter der Bewohner auf den Aufnahmen nicht zu erkennen waren. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein weiteres Beispiel ist aus Juni 2025 bekannt. Eine Pflegekraft hatte während ihrer Arbeit in einem Pflegeheim in Unterfranken erotische Aufnahmen angefertigt und live im Internet übertragen. Auf einem der Videos war auch ein kognitiv beeinträchtigter Bewohner zu sehen, der offenbar nicht wusste, dass er gefilmt wurde. Das Amtsgericht Bad Neustadt an der Saale erließ einen Strafbefehl über 2.500 Euro wegen Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Im Februar 2026 sorgte zudem ein Fall aus Delitzsch für Aufmerksamkeit. Ein Pflegehelfer hatte während seiner Arbeit Bewohner eines Pflegeheims bei alltäglichen Verrichtungen live auf TikTok gezeigt. Seine Beschäftigung wurde beendet, die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Fälle unterscheiden sich erheblich. Gemeinsam ist ihnen aber die Frage, wo die Grenzen zwischen öffentlicher Darstellung und dem Schutz pflegebedürftiger Menschen verlaufen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Datenschutzbehörde warnt ausdrücklich</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch die Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit Nordrhein-Westfalen beschäftigt sich inzwischen mit solchen Vorfällen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">In einer Stellungnahme vom 9. Januar 2026 an den nordrhein-westfälischen Landtag berichtete die Behörde von sechs Vorgängen im Zusammenhang mit Livestreams während pflegerischer Tätigkeiten in den Jahren 2024 und 2025. In zwei Fällen konnte ein für die datenschutzrechtliche Prüfung erforderlicher Personenbezug festgestellt werden. Einer dieser Fälle endete mit einer behördlichen Verwarnung; die betreffende Pflegekraft wurde außerdem von ihrem Arbeitgeber gekündigt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Datenschutzbeauftragte vertritt eine ausgesprochen restriktive Position. Sie spricht sich grundsätzlich gegen private Foto- und Filmaufnahmen in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und den privaten Räumen pflegebedürftiger Menschen aus. Insbesondere warnt sie davor, Pflegekräften durch einfache Einwilligungsformulare oder die Unkenntlichmachung von Personen eine vermeintlich rechtssichere Veröffentlichung zu ermöglichen. Gerade Vorgesetzte bzw. Dienstanbieter sollten hier sehr vorsichtig prüfen, was sie &#8211; Formulare hin oder her &#8211; genehmigen. <br>In einer weiteren Mitteilung vom 3. März 2026 machte die Behörde auf Fälle aufmerksam, in denen Pflegekräfte pflegebedürftige Menschen in Reels und Livestreams öffentlich zeigten. Teilweise wurden dabei schwer erkrankte Menschen oder einzelne Körperpartien gefilmt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was ist rechtlich erlaubt – und was nicht?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für die Veröffentlichung erkennbarer Personen sind unter anderem das Recht am eigenen Bild und die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) maßgeblich. Nach § 22 Kunsturhebergesetz dürfen Bildnisse grundsätzlich nur mit Einwilligung der abgebildeten Person verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden. Zwar kennt § 23 bestimmte Ausnahmen, beispielsweise für zeitgeschichtliche Ereignisse. Daraus ergibt sich aber keine allgemeine Erlaubnis, pflegebedürftige Menschen im Heimalltag zu veröffentlichen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Daneben müssen die datenschutzrechtlichen Voraussetzungen erfüllt sein. Die Veröffentlichung von Fotos oder Videos ist eine Verarbeitung personenbezogener Daten, sofern die betroffenen Menschen identifizierbar sind. Wird durch die Aufnahme auch ihr Gesundheitszustand erkennbar, können besonders geschützte Gesundheitsdaten betroffen sein.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Datenschutzaufsichtsbehörde Baden-Württemberg empfiehlt Pflegeeinrichtungen ausdrücklich, für unterschiedliche Veröffentlichungsmedien jeweils eigene Einwilligungen einzuholen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wichtig: eine Zustimmung zu einem Foto für die interne Heimzeitung bedeutet also noch lange nicht automatisch, dass dasselbe Foto auch auf Instagram, TikTok oder der öffentlich zugänglichen Internetseite einer Einrichtung erscheinen darf. Wichtig ist außerdem die Unterscheidung zwischen verschiedenen Aufnahmezwecken.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Und: eine Erlaubnis durch die Einrichtungsleitung oder den Dienstanbieter allein ersetzt ebenso wenig die erforderliche rechtliche Grundlage wie die Zustimmung zu irgendeiner Fotoaufnahme. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Können Menschen mit Demenz überhaupt wirksam in TikTok-Videos einwilligen?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Demenzdiagnose bedeutet nicht automatisch, dass ein Mensch keine wirksamen Entscheidungen mehr treffen kann. Entscheidend ist jedoch, ob er die konkrete Entscheidung und ihre Folgen tatsächlich versteht.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nehmen wir eine 83-jährige Betroffene mit fortgeschrittener Demenz. Eine Betreuungskraft filmt sie beim Singen und fragt: „Darf ich das schöne Video ins Internet stellen?“. Die Betroffene lächelt und antwortet: „Ja, natürlich.“.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Aber was hat sie damit eigentlich erlaubt? Weiß sie, was das Internet ist? Versteht sie, dass TikTok keine private Fotosammlung ist, sondern eine Plattform, auf der möglicherweise Tausende fremde Menschen ihre Aufnahme ansehen können? Begreift sie, dass andere das Video speichern, kommentieren und weiterverbreiten können? Und dass eine Veröffentlichung unter Umständen nicht mehr vollständig rückgängig gemacht werden kann? Niemand muss die technischen Einzelheiten von TikTok oder Instagram kennen, um wirksam einwilligen zu können. Aber die grundsätzliche Bedeutung und Tragweite einer solchen Veröffentlichung muss verstanden werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Kann die Betroffene diese Zusammenhänge aufgrund ihrer fortgeschrittenen Demenz nicht nachvollziehen, ist ihre Zustimmung zur Veröffentlichung keine wirksame informierte Einwilligung. Ein freundliches Nicken, ein Lächeln oder ein einfaches „Ja“ ändern daran nichts. Und, wie werdet Ihr Tiktok- und Instagram-Creators im Zweifel nachweisen, dass die Betroffene die Tragweite ihrer Entscheidung verstanden hatte? </p>



<h2 class="wp-block-heading">Wer stellt fest, ob eine wirksame Einwilligung möglich ist?</h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<div style="background:#f3f7fa;
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padding:22px 26px;
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color:#253746;
line-height:1.65;">

  <p style="font-size:1.15em;
  font-weight:600;
  color:#204d6a;
  margin:0 0 12px;">
    Wer muss die Einwilligung nachweisen?
  </p>

  <p style="font-size:1.1em;
  line-height:1.7;
  margin:0 0 12px;">
    Wer eine Veröffentlichung auf die Einwilligung
    eines Menschen stützen will, muss deren
    Wirksamkeit sicherstellen können.
    Nicht der Mensch mit Demenz muss beweisen,
    dass er die Folgen nicht verstanden hat.
  </p>

  <p style="font-size:0.9em;
  margin:0;
  color:#526575;">
    Rechtliche Grundlage:
    Artikel 7 Absatz 1 DSGVO
  </p>

</div>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nach den Empfehlungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft muss ein Mensch die konkrete Entscheidung verstehen, ihre Folgen einschätzen und selbstbestimmt entscheiden können. Bei einem TikTok-Video bedeutet das: Versteht er, dass Fremde die Aufnahme sehen, speichern und weiterverbreiten können? Weiß er, dass er die Veröffentlichung ablehnen darf? Technische Kenntnisse sind dafür nicht erforderlich.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein einfaches „Ja“ genügt nicht. Bestehen Zweifel an der Einwilligungsfähigkeit, ist eine sorgfältige Prüfung erforderlich. Die NRW-Datenschutzbeauftragte warnt ausdrücklich davor, diese komplexe Aufgabe einzelnen Pflegenden zu überlassen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch Angehörige dürfen nicht allein aufgrund ihrer Verwandtschaft über Bildveröffentlichungen entscheiden. Eine Vertretung ist nur mit entsprechender Vollmacht oder rechtlicher Befugnis möglich. Auch dann müssen der Wille und die Persönlichkeitsrechte des betroffenen Menschen gewahrt bleiben.</p>
</div>
</div>



<h2 class="wp-block-heading">Livestreams: Besonders riskant</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Anders als bei aufgezeichneten Videos lässt sich bei Livestreams kaum kontrollieren, was öffentlich wird. Dritte können unerwartet ins Bild geraten, Gespräche oder gesundheitliche Informationen hörbar werden. Auch verpixelte Gesichter bieten keinen sicheren Schutz vor Identifizierung. Hinzu kommt, dass Zuschauer Übertragungen aufzeichnen und weiterverbreiten können. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Pflegeethik endet nicht beim Datenschutz</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nicht alles, was rechtlich zulässig sein könnte, ist auch pflegeethisch vertretbar. Der <a href="https://deutscher-pflegerat.de/wp-content/uploads/2021/11/ICN_Ethikkodex_2021.pdf">ICN-Ethikkodex für Pflegefachpersonen (2021)</a> verpflichtet zum Schutz der Privatsphäre und vertraulicher Informationen, ausdrücklich auch in sozialen Medien. Die <a href="https://www.icn.ch/sites/default/files/inline-files/E10a_Nurses_Social_Media.pdf">ICN-Positionserklärung „Nurses and social media“ (2015)</a> fordert zudem die Trennung beruflicher und privater Social-Media-Aktivitäten. Es geht damit nicht allein um gesetzliche Vorschriften, sondern um professionelle Verantwortung gegenüber Menschen, die sich Pflege und Betreuung anvertrauen (müssen).</p>



<h2 class="wp-block-heading">Menschenwürde schützen – auch gegen Widerstände</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Pflegefachpersonen tragen eine besondere Verantwortung für den Schutz der Würde, der Privatsphäre und der Persönlichkeitsrechte pflegebedürftiger Menschen. Gerade wenn Menschen mit Demenz ihre Rechte nicht mehr selbst ausreichend wahrnehmen oder verteidigen können, müssen Pflegefachpersonen für sie eintreten. Das erfordert mitunter auch den Mut, Kolleginnen und Kollegen zu widersprechen, Grenzüberschreitungen offen anzusprechen und gegebenenfalls Vorgesetzte einzuschalten. Kollegiale Loyalität darf dort nicht zum Schweigen führen, wo die Würde eines Menschen verletzt wird. Bitte, liebe Kolleginnen und Kollegen, habt Mut, stellvertrend &#8222;Nein.&#8220; zu sagen, wenn es dran ist. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Persönlichkeitsrechte verletzt werden</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Niemand, auch Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen nicht, muss einfach hinnehmen, dass intime, entwürdigende oder ohne ausreichende Rechtsgrundlage veröffentlichte Aufnahmen von ihnen im Internet verbreitet werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Neben der Aufforderung zur Entfernung eines Beitrags kommen Beschwerden bei Datenschutzaufsichtsbehörden oder der zuständigen Heimaufsicht in Betracht. Bei möglichen Straftaten kann auch die Polizei eingeschaltet werden (z.b. etwa wegen unbefugter Verbreitung von Bildnissen nach § 33 KunstUrhG, Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen nach § 201a StGB oder Verletzung von Privatgeheimnissen nach § 203 StGB).</p>



<div style="background:#f3f7fa;
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padding:22px 24px;
margin:28px 0;
line-height:1.65;
color:#253746;">

  <h3 style="margin:0 0 12px;
  color:#204d6a;
  font-size:1.35em;">
    Ohne Ihre Zustimmung im Internet?
    Das können Sie tun!
  </h3>

  <p>
    Sie leben mit Demenz oder begleiten einen
    Menschen mit Demenz? Wenn Fotos oder Videos
    aus einer Pflege- oder Betreuungssituation
    ohne wirksame Einwilligung veröffentlicht
    wurden, müssen Sie das nicht hinnehmen.
    Diese drei Schritte können helfen.
  </p>

  <ol style="padding-left:22px;margin:18px 0;">

    <li style="margin-bottom:17px;">
      <strong>
        Beweise sichern und Löschung verlangen
      </strong>
      <p style="margin:5px 0 0;">
        Notieren Sie die Internetadresse,
        das Datum und den Namen des Profils.
        Sichern Sie gegebenenfalls Screenshots,
        ohne die Aufnahmen selbst weiterzuverbreiten.
        Wenden Sie sich an die Einrichtungsleitung
        beziehungsweise den Pflegedienst und
        verlangen Sie die Prüfung sowie die
        Entfernung unzulässiger Veröffentlichungen.
        Melden Sie den Beitrag zusätzlich bei
        der Plattform, beispielsweise
        TikTok oder Instagram.
      </p>
    </li>

    <li style="margin-bottom:17px;">
      <strong>
        Datenschutzaufsichtsbehörde einschalten
      </strong>
      <p style="margin:5px 0 0;">
        Vermuten Sie einen Datenschutzverstoß,
        können Sie sich an die zuständige
        Datenschutzaufsichtsbehörde wenden.
        Betroffene können dort Beschwerde
        einlegen. Auch Angehörige können
        mögliche Verstöße melden.
        <a href="https://www.datenschutzkonferenz-online.de/datenschutzaufsichtsbehoerden.html"
           target="_blank"
           rel="noopener noreferrer"
           style="color:#175b87;
           text-decoration:underline;">
          Hier finden Sie die Datenschutzbehörden
          der Bundesländer.
        </a>
      </p>
    </li>

    <li style="margin-bottom:5px;">
      <strong>
        Heimaufsicht oder Polizei informieren
      </strong>
      <p style="margin:5px 0 0;">
        Betrifft der Vorfall eine Pflegeeinrichtung,
        können Sie sich an die zuständige
        Heimaufsicht wenden. Bei Aufnahmen,
        die beispielsweise die Hilflosigkeit
        oder den Intimbereich eines Menschen
        zeigen, kann auch eine Strafanzeige
        bei der Polizei in Betracht kommen.
        <a href="https://portal.onlinewache.polizei.de/de/"
           target="_blank"
           rel="noopener noreferrer"
           style="color:#175b87;
           text-decoration:underline;">
          Hier erreichen Sie die Onlinewache
          der Polizei.
        </a>
      </p>
    </li>

  </ol>

  <p style="border-top:1px solid #cbd9e2;
  padding-top:13px;
  margin:15px 0 0;
  font-size:0.92em;">
    <strong>Wichtig:</strong>
    Sie müssen nicht erst sicher wissen,
    ob ein Gesetz verletzt wurde, um einen
    Vorfall zu melden. Angehörige können
    auch ohne Vollmacht auf mögliche
    Rechtsverletzungen hinweisen.
    Wer jedoch Rechte einer anderen Person
    in deren Namen geltend machen möchte,
    benötigt grundsätzlich eine entsprechende
    Vollmacht oder rechtliche Vertretungsbefugnis.
  </p>

</div>



<h2 class="wp-block-heading">Der Mensch ist kein Content</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Soziale Medien können einen wichtigen Beitrag leisten, um gute Pflege und Betreuung sichtbar zu machen, über Demenz aufzuklären oder Vorurteile abzubauen. Auch Menschen mit Demenz haben selbstverständlich das Recht, sich öffentlich zu zeigen, über sich zu sprechen und digitale Medien selbstbestimmt zu nutzen. Problematisch wird es, wenn andere über ihre öffentliche Darstellung entscheiden – oder ihre Beteiligung an der Veröffentlichung hauptsächlich dazu dient, Aufmerksamkeit (Klicks / Follower / Views) für Pflegende, Betreuende, Einrichtungen, Dienste oder auch persönliche Social-Media-Profile zu erzeugen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade die vermeintlich harmlosen Videos verdienen deshalb einen kritischen Blick. Nicht erst die entblößende oder offensichtlich entwürdigende Aufnahme kann eine Grenze überschreiten. Der Umstand, dass ein Mensch mit Demenz in einer Situation Freude zeigt, bedeutet nicht, dass er damit einverstanden ist, diese Situation einem unbegrenzten Publikum zugänglich zu machen. Ist bei Ihnen doch auch nicht so, oder?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Professionelle Pflege muss die Würde eines Menschen auch dort schützen, wo eine Kamera eingeschaltet wird. Und manchmal ist der beste Schutz schlicht, das Smartphone in der Tasche zu lassen.</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<h2 class="wp-block-heading">Quellen und weiterführende Informationen</h2>



<ol start="1" class="wp-block-list">
<li class="has-medium-font-size">Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit NRW (2026): <a href="https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMST18-3332.pdf">„Pflege live – Würde offline: Likes dürfen nie wichtiger als die Menschenwürde sein“. Stellungnahme vom 9. Januar 2026, Landtag NRW, 18/3332 (PDF)</a>.</li>



<li class="has-medium-font-size">Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit NRW (3. März 2026): <a href="https://www.ldi.nrw.de/Patientendaten_Soziale_Medien">„Patient*innendaten gehören nicht in die Sozialen Medien“</a>.</li>



<li class="has-medium-font-size">Der Landesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Baden-Württemberg: <a href="https://www.baden-wuerttemberg.datenschutz.de/faq-datenschutz-in-der-pflege/">FAQ Datenschutz in der Pflege</a>, insbesondere zur Einwilligung und zur Veröffentlichung von Fotografien.</li>



<li>Deutsche Alzheimer Gesellschaft (2024): <a href="https://www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/Alz/pdf/empfehlungen/empfehlungen_einwilligungsfaehigkeit.pdf">Empfehlungen zur Einwilligungsfähigkeit von Menschen mit Demenz (PDF)</a>. Stand November 2024.</li>



<li class="has-medium-font-size">International Council of Nurses (2021): <a href="https://deutscher-pflegerat.de/wp-content/uploads/2021/11/ICN_Ethikkodex_2021.pdf">ICN-Ethikkodex für Pflegefachpersonen, deutsche Fassung (PDF)</a>, insbesondere Ziffern 1.4, 1.5 und 2.7.</li>



<li>International Council of Nurses (2015): <a href="https://www.icn.ch/sites/default/files/inline-files/E10a_Nurses_Social_Media.pdf">Position Statement „Nurses and social media“ (PDF, englisch)</a>.</li>



<li class="has-medium-font-size">Chiemgau24 (22. September 2026): <a href="https://www.chiemgau24.de/chiemgau/traunstein/traunstein-ort29586/nackte-heimbewohner-fotografiert-und-ins-netz-gestellt-urteil-gegen-pflegerin-in-traunstein-94503641.html">Nackte Heimbewohner fotografiert und ins Netz gestellt: Urteil gegen Pflegerin in Traunstein</a>.</li>



<li class="has-medium-font-size">Deutsche Presse-Agentur, veröffentlicht bei n-tv (12. Juni 2025): <a href="https://www.n-tv.de/regionales/bayern/Strafbefehl-fuer-Pflegekraft-nach-Erotikvideo-rechtskraeftig-article25829088.html">Strafbefehl für Pflegekraft nach Erotikvideo rechtskräftig</a>.</li>



<li class="has-medium-font-size">Leipziger Volkszeitung (13. Februar 2026): <a href="https://www.lvz.de/lokales/nordsachsen/skandaloeses-pfleger-video-aus-delitzsch-buergerentscheid-zum-industriegebiet-freiwillige-CFS44FTGLBC7TKU2DFBAATKLI4.html">Berichterstattung über TikTok-Livestreams aus einem Pflegeheim in Delitzsch</a>.</li>



<li>Gesetzliche Grundlagen: <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/kunsturhg/">§§ 22–23 Kunsturhebergesetz – Recht am eigenen Bild</a>, <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/kunsturhg/__33.html">§ 33 Kunsturhebergesetz – Strafvorschrift</a>, <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__201a.html">§ 201a StGB – Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen</a>, <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__203.html">§ 203 StGB – Verletzung von Privatgeheimnissen</a> sowie <a href="https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32016R0679">Datenschutz-Grundverordnung, insbesondere Artikel 7</a>.</li>
</ol>



<p class="has-cyan-bluish-gray-background-color has-background has-medium-font-size wp-block-paragraph"><em>Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag erläutert allgemeine rechtliche und pflegeethische Grundlagen. Er stellt keine rechtliche Einzelfallberatung dar. Ob eine konkrete Aufnahme oder Veröffentlichung zulässig ist, hängt von den jeweiligen Umständen ab.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/13/menschen-mit-demenz-auf-social-media-was-ist-erlaubt/">Demenz vor der Kamera: Was darf Pflege und Betreuung zeigen?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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					<wfw:commentRss>https://demenz-zeitung.de/2026/10/13/menschen-mit-demenz-auf-social-media-was-ist-erlaubt/feed/</wfw:commentRss>
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			</item>
		<item>
		<title>Kann man Alter oder Demenz simulieren? Was Altersanzüge und Demenzparcours wirklich vermitteln – und was nicht</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/10/10/demenzparcours-alterssimulation/</link>
					<comments>https://demenz-zeitung.de/2026/10/10/demenzparcours-alterssimulation/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Oct 2026 08:47:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[Altersbilder]]></category>
		<category><![CDATA[alzheimer]]></category>
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		<category><![CDATA[Pflegefortbildung]]></category>
		<category><![CDATA[pflegewissenschaft]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://demenz-zeitung.de/?p=3902</guid>

					<description><![CDATA[<p>Auch das Thema Demenz folgt &#8222;Modewellen&#8220;. Immer wieder gibt es verschiedene Dinge die man getan haben sollte, anbieten muss oder die einfach &#8222;cool&#8220; sind auf Messen und Ausstellungen. Alterssimulationsanzüge, Demenzparcours&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/10/demenzparcours-alterssimulation/">Kann man Alter oder Demenz simulieren? Was Altersanzüge und Demenzparcours wirklich vermitteln – und was nicht</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch das Thema Demenz folgt &#8222;Modewellen&#8220;. Immer wieder gibt es verschiedene Dinge die man getan haben sollte, anbieten muss oder die einfach &#8222;cool&#8220; sind auf Messen und Ausstellungen. Alterssimulationsanzüge, Demenzparcours und virtuelle Demenzerfahrungen gehören mittlerweile auch zum Repertoire vieler Fortbildungsveranstaltungen. Sie sollen Verständnis fördern, Empathie wecken und einen Perspektivwechsel ermöglichen. Doch was erleben die Teilnehmenden tatsächlich? Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen ein widersprüchliches Bild. Manche Simulationen können sensibilisieren, andere möglicherweise sogar negative Altersbilder verstärken. Vor allem aber stellt sich eine grundsätzliche Frage: Kann man durch künstlich erzeugte Einschränkungen tatsächlich erfahren, wie sich das Leben mit Demenz oder das Altsein anfühlt?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Anzug macht noch keinen alten Menschen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Spezialbrille schränkt das Sichtfeld ein, Gewichte erschweren die Bewegungen, Handschuhe beeinträchtigen die Feinmotorik. Wer einen Alterssimulationsanzug trägt, soll erleben, welche Schwierigkeiten ältere Menschen im Alltag haben können. Manchmal gehören Treppensteigen, das Öffnen einer Verpackung oder das Aufheben kleiner Gegenstände zu den Aufgaben.<br>Ähnlich funktionieren viele Demenzparcours. Die Teilnehmenden sollen alltägliche Handlungen ausführen, während ihre Wahrnehmung beeinträchtigt wird, Ablenkungen auftreten oder die Aufgaben künstlich erschwert werden. Missverständnisse, Fehler und Überforderung sind dabei häufig ausdrücklich Teil des Konzepts.<br>Die Erfahrungen können eindrucksvoll sein. Wer plötzlich Schwierigkeiten hat, eine einfache Aufgabe zu bewältigen, reagiert möglicherweise mit Unsicherheit, Ärger oder Hilflosigkeit.<br>Doch genau hier beginnt ein grundlegendes Problem:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jemand, der einen Alterssimulationsanzug trägt, erlebt zunächst einmal <strong>sich selbst</strong> unter veränderten körperlichen Bedingungen. Er erlebt, wie <strong>er</strong> persönlich darauf reagiert, plötzlich schlechter sehen, hören oder greifen zu können. Daraus folgt aber eben nicht, dass er nun weiß, wie ein 85-jähriger Mensch seinen Alltag empfindet. <br>Ebenso erlebt jemand, der einen Demenzparcours absolviert, <strong>seine eigene Reaktion</strong> auf eine künstlich herbeigeführte Situation. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass er nun wüsste, wie ein Mensch mit Demenz seine Umwelt wahrnimmt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">In der Bewerbung und Begleitung dieser Dinge fehlt sehr oft diese grundlegende Unterscheidung und auch Begleitung und es ist zweifelhaft, dass gerade jungen Menschen auf Messen dieser Unterschied klar vermittelt wird. Schließlich sinkt dann möglicherweise der &#8222;coolness&#8220;-Faktor der Erfahrung. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Klar ist: eine Simulation verändert die Bedingungen des <strong>eigenen Erlebens</strong>. Sie ermöglicht aber keinen direkten Zugang zum Erleben eines anderen Menschen.<br>Diese Unterscheidung ist keineswegs nur philosophisch. Sie betrifft die wissenschaftliche Grundlage, auf der solche Angebote beworben und pädagogisch eingesetzt werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was Alterssimulationsanzüge tatsächlich bewirken</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Forschungsgruppe der Universität Heidelberg veröffentlichte 2022 im <em>European Journal of Ageing</em> eine systematische Übersichtsarbeit über 26 Studien zu Alterssimulationsanzügen. Untersucht wurden körperliche Veränderungen während der Simulation sowie Auswirkungen auf Einstellungen und Empathie gegenüber älteren Menschen. Im Durchschnitt zeigten sich kleine positive Effekte auf die Einstellungen gegenüber älteren Menschen und moderate Effekte auf die gemessene Empathie. Die gewichteten Effektstärken betrugen 0,33 beziehungsweise 0,54.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Anzüge können demnach durchaus etwas bewirken. Gleichzeitig formulierten die Forschenden jedoch eine entscheidende Einschränkung: Es gebe nur wenig Evidenz dafür, dass die Anzüge tatsächliche Alterungsprozesse realistisch abbilden. Sie forderten deshalb weitere Untersuchungen, bei denen die simulierten Einschränkungen systematisch mit den Fähigkeiten älterer Menschen verglichen werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein solcher Vergleich wurde 2022 an der RWTH Aachen durchgeführt. Junge Erwachsene gingen mit und ohne Alterssimulationsanzug auf einem Laufband. Ihre Bewegungsabläufe wurden mit denen gesunder älterer Menschen verglichen. Einige Gangparameter näherten sich durch den Anzug den Werten der älteren Vergleichsgruppe an, andere nicht. Bestimmte körperliche Veränderungen lassen sich also zumindest teilweise nachbilden. Über das subjektive Erleben des Alters sagt dies allerdings wenig aus.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Noch kritischer fiel eine 2024 veröffentlichte Metaanalyse aus der Türkei aus. Die Forschenden werteten sechs Studien mit insgesamt 535 Pflegestudierenden hinsichtlich ihrer Einstellungen gegenüber älteren Menschen aus. Drei Studien mit 207 Studierenden untersuchten die Empathie.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei den Einstellungen zeigte sich insgesamt kein eindeutiger Vorteil der Simulation. Bei der Empathie schnitten die Kontrollgruppen nach der Intervention sogar signifikant besser ab als die Gruppen mit Alterssimulationsanzügen. Zwar bewerteten die Autoren solche Interventionen weiterhin als potenziell nützlich. Die statistischen Ergebnisse stützen jedoch keineswegs die Annahme, ein Alterssimulationsanzug verbessere automatisch die Empathie.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wenn die Simulation das Altersbild verschlechtert</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine weitere Untersuchung aus Heidelberg, veröffentlicht im Dezember 2023, wirft eine grundsätzliche Frage auf: Können Alterssimulationen unbeabsichtigt negative Vorstellungen vom Altsein verstärken?<br><br>In zwei Studien untersuchten Forschende, wie sich das Tragen eines Alterssimulationsanzugs auf die Wahrnehmung des Alters auswirkte. Eine Untersuchung umfasste 165 Erwachsene, eine zweite weitere 63 jüngere und mittelalte Personen.<br>Die Ergebnisse zeigten teilweise negative Veränderungen sowohl bei allgemeinen Vorstellungen über ältere Menschen als auch bei den Erwartungen an das eigene Älterwerden. Die Effektstärken lagen zwischen 0,30 und 0,44. Die Forschenden warnten deshalb vor möglichen unerwünschten Wirkungen.<br><br>Das erscheint nachvollziehbar: Wer Alter innerhalb weniger Minuten vor allem als Verlust von Beweglichkeit, Sehvermögen, Geschicklichkeit und Selbstständigkeit erlebt, könnte anschließend zu der Überzeugung gelangen, Altsein bedeute in erster Linie Einschränkung.<br></p>



<aside style="background-color:#f2f7f3; border-left:5px solid #397454; border-radius:5px; padding:22px 24px; margin:28px 0;">

  <h3 style="margin:0 0 18px 0; font-size:21px; color:#24583d;">
    Was wird bei einer Simulation eigentlich erfasst?
  </h3>

  <p style="margin:0 0 15px 0; line-height:1.65;">
    <strong>1. Körperliche Auswirkungen:</strong><br>
    Bestimmte Einschränkungen beim Sehen, Hören, Greifen oder Gehen lassen sich künstlich erzeugen und messen.
  </p>

  <p style="margin:0 0 15px 0; line-height:1.65;">
    <strong>2. Subjektive Reaktionen:</strong><br>
    Teilnehmende können berichten, wie sie persönlich auf diese Bedingungen reagieren, beispielsweise mit Frustration, Unsicherheit oder Anstrengung.
  </p>

  <p style="margin:0; line-height:1.65;">
    <strong>3. Erleben anderer Menschen:</strong><br>
    Ob diese Reaktionen tatsächlich dem Erleben älterer Menschen oder von Menschen mit Demenz entsprechen, ist damit nicht nachgewiesen.
  </p>

</aside>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Demenz ist keine künstlich erzeugte Überforderung</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei Demenzsimulationen stellt sich das Problem in noch größerer Schärfe.<br>Demenz ist kein einheitliches Krankheitsbild. Unterschiedliche Erkrankungen, Krankheitsstadien und individuelle Voraussetzungen führen zu sehr unterschiedlichen Veränderungen des Denkens, der Wahrnehmung, der Sprache und des Verhaltens.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Mensch mit Alzheimer-Demenz kann andere Schwierigkeiten erleben als jemand mit Lewy-Körper-Demenz oder frontotemporaler Demenz. Selbst Menschen mit derselben Diagnose unterscheiden sich erheblich in ihren Fähigkeiten, Reaktionen und Bewältigungsstrategien.<br>Ein Demenzparcours kann diese Vielfalt kaum berücksichtigen.<br>Vor allem lässt sich eine chronische neurokognitive Erkrankung nicht einfach dadurch nachbilden, dass einem kognitiv gesunden Menschen für kurze Zeit die Bewältigung alltäglicher Aufgaben erschwert wird.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein gesunder Teilnehmer weiß, wie die Aufgabe normalerweise funktioniert. Er verfügt über seine gewohnten kognitiven Fähigkeiten und erlebt, dass ihm deren Anwendung durch künstliche Hindernisse erschwert wird. Er bemerkt den Gegensatz zwischen seinem normalen Leistungsvermögen und der vorübergehenden Beeinträchtigung.<br>Dieses Erleben kann Frustration auslösen. Aber darf daraus geschlossen werden, Menschen mit Demenz seien in vergleichbaren Alltagssituationen ebenso frustriert?<br></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Menschen mit Demenz verfügen über erhaltene Fähigkeiten, langjährig eingeübte Handlungsabläufe und individuelle Strategien im Umgang mit Veränderungen. Ihr Erleben wird durch ihre Biografie, ihre Beziehungen, die Umgebung und die Reaktionen anderer Menschen beeinflusst.<br>Manche nehmen ihre Schwierigkeiten deutlich wahr. Andere erleben bestimmte Veränderungen weniger bewusst. Wieder andere reagieren auf Anforderungen, weil die Situation unverständlich oder die Kommunikation unangemessen ist.<br><strong>Die eigene Überforderung während eines Parcours lässt sich nicht ohne Weiteres auf das Erleben eines Menschen mit Demenz übertragen.</strong></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was die internationale Forschung über Demenzsimulationen sagt</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Weltweit werden unterschiedliche Demenzsimulationen eingesetzt, darunter die <em>Virtual Dementia Tour</em>, VR-Anwendungen und Parcours mit künstlich erzeugten Einschränkungen. Da sich die Verfahren erheblich unterscheiden, ist ihre Wirksamkeit nur eingeschränkt vergleichbar.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Drei internationale Übersichtsarbeiten aus den Jahren 2021, 2024 und 2026 mit jeweils 19, sieben und 17 Studien zeigen ein ähnliches Bild: Simulationen können das Demenzwissen, das Verständnis für Schwierigkeiten Betroffener und teilweise auch die Empathie verbessern. Die Ergebnisse sind jedoch uneinheitlich. Methodische Schwächen, unterschiedliche Messinstrumente und fehlende Langzeituntersuchungen begrenzen ihre Aussagekraft. Entscheidend ist zudem, was überhaupt gemessen wird. Wenn Teilnehmende anschließend angeben, mehr Verständnis für Menschen mit Demenz zu haben, belegt dies noch keine Veränderung ihres tatsächlichen Verhaltens.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ob sie im Pflegealltag besser kommunizieren, Selbstständigkeit gezielter fördern oder in schwierigen Situationen angemessener handeln, bleibt bislang unzureichend untersucht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Braucht gute Wissensvermittlung über Demenz überhaupt eine Simulation?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Interessante Hinweise liefert eine 2026 veröffentlichte randomisierte Studie aus Japan.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Darin wurden fünf Formen der Online-Demenzbildung miteinander verglichen. Die Teilnehmenden erhielten entweder ein Informationsvideo, sahen ein kurzes Drama, erlebten ein Drama mit zusätzlicher VR-Simulation, absolvierten interaktive Simulationsspiele oder betrachteten Dokumentarfilme über Menschen mit Demenz. Alle fünf Formate verbesserten die gemessenen Einstellungen und die Bereitschaft, Menschen mit Demenz zu helfen. Zwischen den Gruppen zeigten sich jedoch keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Veränderung dieser Werte.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die aufwendigeren Simulationsangebote waren somit in dieser Untersuchung nicht nachweisbar wirksamer als ein vergleichsweise einfaches Informationsvideo. Langfristige Veränderungen des tatsächlichen Pflegehandelns wurden allerdings nicht untersucht. Ein weiterer Befund stammt aus einer systematischen Übersichtsarbeit von 2022 zur praktischen Demenzbildung bei Pflegestudierenden. Darin wurden 17 Studien berücksichtigt. Persönliche Lernerfahrungen im unmittelbaren Kontakt mit Menschen mit Demenz und dem betreuenden Fachpersonal zeigten insgesamt stärkere Auswirkungen auf Fähigkeiten und Einstellungen als die untersuchten virtuellen und simulierten Lernformen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das spricht nicht gegen jede Simulation. Es erinnert aber daran, dass das unmittelbare Lernen von und mit Menschen mit Demenz eine besondere Bedeutung besitzt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Internationale Angebote: Zwischen Perspektivwechsel und Wirklichkeitsanspruch</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Internationale Angebote zeigen unterschiedliche Ansätze. Die britische VR-Anwendung <em>A Walk Through Dementia</em> wurde unter Beteiligung von Menschen mit Demenz entwickelt, deren Erfahrungen in die Simulation einflossen. Das australische Programm <em>Enabling EDIE</em> verbindet virtuelle Erfahrungen mit angeleiteter Reflexion und der Vermittlung personenzentrierter Unterstützungsstrategien.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Solche Konzepte gehen über das bloße Erzeugen von Überforderung hinaus. Dennoch bleibt offen, inwieweit die Simulationen das tatsächliche Erleben von Menschen mit Demenz abbilden und nachhaltige Veränderungen im Pflegehandeln bewirken. Bereits 2018 kritisierte die italienische Wissenschaftlerin Alessandra Merizzi die unzureichende wissenschaftliche Grundlage der <em>Virtual Dementia Tour</em> und verwies auf Berichte über erhebliche Belastungen einzelner Teilnehmender. Diese belegen keinen allgemeinen Schaden, verdeutlichen aber einen entscheidenden Punkt: <strong>Emotionale Intensität allein ist kein Qualitätsmerkmal einer Fortbildung.</strong><br>Das ist übrigens ein Punkt, den Pflegende wie Betreuende viel stärker bei der Bewertung und der Auswahl von Schulungen und Fortbildungen berücksichtigen sollten. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Mehr Betroffenheit bedeutet nicht automatisch bessere Pflege</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine häufige Begründung für Demenzparcours lautet, die Teilnehmenden sollten erleben, wie schlimm bestimmte Einschränkungen seien, damit sie anschließend einfühlsamer handeln. Doch ist die erzeugte Betroffenheit tatsächlich ein geeigneter Maßstab?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn ein Teilnehmer nach einem Parcours erklärt, er habe sich hilflos und ausgeliefert gefühlt, kann dies ein wertvoller Ausgangspunkt für eine Diskussion sein. Es kann aber auch eine problematische Vorstellung verfestigen: Menschen mit Demenz seien grundsätzlich hilflos, überfordert und von ihrer Umwelt abhängig.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Damit besteht zumindest das Risiko, dass ausgerechnet eine Veranstaltung, die Verständnis fördern soll, vor allem ein defizitorientiertes Bild der Erkrankung vermittelt. Dass solche unerwünschten Effekte bei Alterssimulationen auftreten können, ist inzwischen empirisch belegt. Für Demenzparcours lässt sich eine entsprechende allgemeine Wirkung bislang nicht hinreichend nachweisen. Das Risiko sollte dennoch berücksichtigt werden und daher brauchen diese Dinge eine offene und differenzierte Begleitung. Nur dann kann ein sinnvoller pädagogischer Nutzen von Demenzparcours entstehen. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Der eigentliche Lerneffekt müsste dann aber aus der anschließenden Auseinandersetzung folgen: Weshalb ist die Aufgabe misslungen? Welche Rahmenbedingungen haben dazu beigetragen? Wie hätte eine andere Anleitung geholfen? Welche Hindernisse hätten entfernt werden können? Und vor allem: Inwiefern lassen sich daraus tatsächlich Erkenntnisse für den Umgang mit Menschen mit Demenz gewinnen, ohne deren individuelles Erleben zu vereinnahmen?</p>



<aside style="background-color:#f2f7f3; border-left:5px solid #397454; border-radius:5px; padding:22px 24px; margin:28px 0;">

  <h3 style="margin:0 0 18px 0; font-size:21px; color:#24583d;">
    Fünf Fragen zur Qualität eines Demenzparcours
  </h3>

  <ol style="margin:0; padding-left:23px; line-height:1.65;">

    <li style="margin-bottom:13px;">
      Welche konkreten Lernziele verfolgt die Simulation?
    </li>

    <li style="margin-bottom:13px;">
      Welche Aspekte der Erkrankung werden tatsächlich nachgebildet, und wie wurde das überprüft?
    </li>

    <li style="margin-bottom:13px;">
      Waren Menschen mit Demenz an der Entwicklung oder Bewertung des Angebots beteiligt?
    </li>

    <li style="margin-bottom:13px;">
      Gibt es eine fachlich angeleitete Nachbesprechung, die auch erhaltene Fähigkeiten und mögliche Fehlinterpretationen berücksichtigt?
    </li>

    <li style="margin-bottom:0;">
      Wird überprüft, ob das Angebot langfristig zu Veränderungen im tatsächlichen Pflegehandeln führt?
    </li>

  </ol>

</aside>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Menschen mit Demenz können selbst Auskunft geben</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Kritik an Demenzsimulationen bedeutet nicht, dass Menschen ohne Demenz niemals verstehen könnten, welche Schwierigkeiten eine neurokognitive Erkrankung mit sich bringt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Fachwissen, Beobachtung, Gespräche und praktische Erfahrungen können das Verständnis selbstverständlich verbessern. Aber das subjektive Erleben eines Menschen lässt sich nicht einfach durch technische Hilfsmittel übertragen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wer wissen möchte, wie ein Mensch mit Demenz seinen Alltag erlebt, sollte deshalb vor allem auch Menschen mit Demenz selbst zuhören. Ihre Berichte über Schwierigkeiten, erhaltene Fähigkeiten, Wünsche, Ängste und gelingende Alltagssituationen vermitteln Perspektiven, die ein künstlich herbeigeführtes Scheitern an einer Aufgabe allein nicht bieten kann. Dies gilt auch für die Pflegeausbildung und Fortbildung. Menschen mit Demenz können selbst aktiv an Bildungsangeboten mitwirken, statt lediglich als Vorbilder für technische Simulationen zu dienen. Das setzt voraus, dass ihre Aussagen ernst genommen werden, auch wenn sie nicht zu den Erwartungen der Veranstalter passen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wilde Idee also: Mit Menschen mit Demenz sprechen, sie einbeziehen, statt ein &#8222;als ob&#8220; aufgrund der eigenen Vorstellung zu simulieren, wo das möglich ist. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Fazit: Ein Perspektivwechsel ist noch kein Perspektiventausch</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Alterssimulationsanzüge und Demenzparcours sind nicht grundsätzlich ungeeignet, Lernprozesse anzustoßen. Einzelne Programme zeigen positive Wirkungen auf Wissen, Einstellungen oder Empathie. Andere Untersuchungen liefern uneinheitliche Ergebnisse oder weisen sogar auf unerwünschte Effekte hin.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die entscheidende Kritik betrifft jedoch einen Anspruch, der über diese Befunde hinausgeht: die Behauptung, eine Simulation ermögliche es, selbst zu erfahren, wie Menschen das Altsein oder das Leben mit Demenz erleben. Dafür fehlt eine hinreichende wissenschaftliche Grundlage.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bildungsträger und Veranstalter sollten deshalb sorgfältig unterscheiden, was solche Angebote tatsächlich vermitteln können und welche Schlussfolgerungen wissenschaftlich nicht gedeckt sind. <strong>Denn zwischen der Erfahrung, wie ich mich unter bestimmten Bedingungen fühle, und dem Wissen, wie ein anderer Mensch sein Leben erlebt, liegt ein erheblicher Unterschied.</strong></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Diese Grenze sollten wir gerade dann respektieren, wenn wir Verständnis und Empathie fördern wollen.</p>



<div style="height:53px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<div style="height:65px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Quellen &amp; Weiterführendes<br><br>Gerhardy, T. H., Schlomann, A., Wahl, H.-W. &amp; Schmidt, L. I. (2022). <a href="https://doi.org/10.1007/s10433-022-00722-1">Effects of age simulation suits on psychological and physical outcomes: a systematic review</a>. <em>European Journal of Ageing</em>, 19, 953–976. Systematische Übersichtsarbeit mit 26 Studien.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Söylemez, B. A., Özgül, E., Akyol, M. A. &amp; Küçükgüçlü, Ö. (2024). <a href="https://doi.org/10.1016/j.nepr.2024.103990">Effectiveness of the aged simulation suit on undergraduate nursing students&#8216; attitudes and empathy toward older adults: A systematic review and meta-analysis</a>. <em>Nurse Education in Practice</em>, 77, 103990.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Schmidt, L. I. et al. (2023). <a href="https://doi.org/10.1007/s10433-023-00793-8">“If this is what it means to be old…”: a mixed methods study on the effects of age simulation on views on aging and perceptions of age-related impairments</a>. <em>European Journal of Ageing</em>, 20, Artikel 47.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Laurentius, T. et al. (2022). <a href="https://doi.org/10.1186/s11556-022-00298-w">Spatiotemporal gait parameters in young individuals wearing an age simulation suit compared to healthy older individuals</a>. <em>European Review of Aging and Physical Activity</em>, 19, Artikel 29.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jones, C., Jones, D. &amp; Moro, C. (2021). <a href="https://doi.org/10.1136/bmjopen-2021-053616">Use of virtual and augmented reality-based interventions in health education to improve dementia knowledge and attitudes: an integrative review</a>. <em>BMJ Open</em>, 11, e053616.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Huang, Y. et al. (2024). <a href="https://doi.org/10.1111/inm.13240">Virtual reality-based simulation intervention for enhancing the empathy of informal caregivers of people with dementia: A mixed-methods systematic review</a>. <em>International Journal of Mental Health Nursing</em>, 33, 241–258.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Li, X., Li, Q., Sun, K. &amp; Conklin, R. (2026). <a href="https://doi.org/10.1093/her/cyag003">Mapping the evidence on virtual reality for dementia caregivers: a scoping review</a>. <em>Health Education Research</em>, 41(2). Übersichtsarbeit mit 17 Studien.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Matsumoto, H., Igarashi, A., Takaoka, M. &amp; Yoshioka-Maeda, K. (2026). <a href="https://doi.org/10.1080/02701960.2026.2623601">Comparing the efficacy of content and media for online dementia education: A five-arm randomized controlled trial</a>. <em>Gerontology &amp; Geriatrics Education</em>.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Adewuyi, M., Morales, K. &amp; Lindsey, A. (2022). <a href="https://doi.org/10.1016/j.nepr.2022.103351">Impact of experiential dementia care learning on knowledge, skills and attitudes of nursing students: A systematic literature review</a>. <em>Nurse Education in Practice</em>, 62, 103351.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Merizzi, A. (2018). <a href="https://doi.org/10.1108/QAOA-11-2017-0042">Virtual Dementia Tour®: limitations and ethics</a>. <em>Quality in Ageing and Older Adults</em>, 19(2), 146–155.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Internationale Praxisbeispiele</strong></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dementia Australia: <a href="https://www.dementia.org.au/professionals/professional-development-and-training/enabling-edie-virtual-reality-dementia">Enabling EDIE – Virtual Reality Dementia Experience</a>. VR-gestütztes Fortbildungsangebot mit angeleiteter Reflexion und personenzentrierten Unterstützungsstrategien.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Alzheimer’s Research UK: <a href="https://www.alzheimersresearchuk.org/campaigns/awtd/">A Walk Through Dementia</a>. Virtual-Reality-Angebot, das unter Beteiligung von Menschen mit unterschiedlichen Demenzformen entwickelt wurde.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/10/demenzparcours-alterssimulation/">Kann man Alter oder Demenz simulieren? Was Altersanzüge und Demenzparcours wirklich vermitteln – und was nicht</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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		<item>
		<title>36 Jahre Einheit – wie unterschiedlich sind Pflege und Demenzversorgung in Ost und West?</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/10/04/36-jahre-einheit-wie-unterschiedlich-sind-pflege-und-demenzversorgung-in-ost-und-west/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Oct 2026 23:18:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik und Panorama]]></category>
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		<category><![CDATA[Ost-West-Unterschiede]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>36 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung sind Unterschiede zwischen Ost und West längst nicht in allen Lebensbereichen verschwunden. Auch bei Pflege und Demenz zeigen aktuelle Daten regionale Muster. Manche Unterschiede&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/04/36-jahre-einheit-wie-unterschiedlich-sind-pflege-und-demenzversorgung-in-ost-und-west/">36 Jahre Einheit – wie unterschiedlich sind Pflege und Demenzversorgung in Ost und West?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">36 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung sind Unterschiede zwischen Ost und West längst nicht in allen Lebensbereichen verschwunden. Auch bei Pflege und Demenz zeigen aktuelle Daten regionale Muster. Manche Unterschiede sind deutlich, andere erstaunlich klein – und nicht für jede naheliegende Frage gibt es überhaupt belastbare Daten.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Blick auf die Häufigkeit von Demenzerkrankungen, häusliche Pflege und die Bezahlung von Altenpflegeprofis zeigt vor allem eines: ein einfaches „Ost gegen West“ wird der Wirklichkeit selten gerecht.  </p>



<h2 class="wp-block-heading">Bei Demenz zeigt sich weiterhin ein Ost-West-Muster</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Besonders interessant sind aktuelle Daten des Robert Koch-Instituts. Auf Grundlage von Krankenkassen-Routinedaten wurde untersucht, wie häufig diagnostizierte Demenzerkrankungen regional auftreten. Für das Jahr 2022 ergibt sich eine administrative Demenzprävalenz von 2,8 Prozent bei Menschen ab 40 Jahren. Bei den über 65-Jährigen waren es 6,9 Prozent.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<div style="border-left: 4px solid #2f5f8f; background: #f3f7fa; padding: 16px 18px; margin: 20px 0;">
  <strong>Wichtig zur Einordnung:</strong><br><br>
  Die Formulierung „höhere Demenzprävalenz im Osten“ ist erklärungsbedürftig. Gemessen wurde eine <em>administrative Prävalenz</em>: Grundlage sind ärztlich dokumentierte Diagnosen in Krankenkassendaten. Menschen mit einer nicht erkannten oder nicht dokumentierten Demenz tauchen darin nicht auf.
</div>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dabei fällt die regionale Verteilung auf: Das RKI beschreibt ein klares Muster mit höheren Prävalenzen in Ostdeutschland und im Osten Bayerns. Höhere Werte finden sich allerdings auch in Teilen des Ruhrgebiets und des Saarlands. Es gibt also keine scharfe Grenze, an der die Demenzhäufigkeit plötzlich von „West“ zu „Ost“ wechselt. Entscheidend ist ein weiterer Punkt: Bei der Analyse wurden regionale Unterschiede der Altersstruktur berücksichtigt. Das Ost-West-Muster lässt sich daher nicht einfach damit erklären, dass in ostdeutschen Regionen mehr ältere Menschen leben. Die Prävalenz wurde auf Grundlage von Routinedaten geschätzt und unter anderem hinsichtlich Alter, Geschlecht und Morbidität adjustiert.</p>
</div>
</div>



<h2 class="wp-block-heading">Warum ist Demenz im Osten häufiger?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Darauf geben die Daten keine einfache Antwort. Aus der Untersuchung lässt sich insbesondere <strong>nicht</strong> ableiten, dass das Leben in Ostdeutschland selbst ein Demenzrisiko darstellt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Als Einflussfaktoren kommen grundsätzlich unterschiedliche gesundheitliche, soziale und versorgungsbezogene Bedingungen infrage – etwa die Verteilung kardiovaskulärer Risikofaktoren, Sozialstruktur, Gesundheitsverhalten oder Unterschiede bei Diagnostik und Versorgung. Welchen Anteil einzelne Faktoren am beobachteten regionalen Muster haben, lässt sich aus den Daten jedoch nicht bestimmen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bemerkenswert ist zugleich die Entwicklung über die Zeit: Zwischen 2017 und 2022 ging die altersstandardisierte Prävalenz von Demenzerkrankungen leicht zurück. Wegen der Alterung der Bevölkerung ist dennoch mit einer steigenden absoluten Zahl von Menschen mit Demenz zu rechnen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was wir über Demenz in Ost und West nicht wissen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Naheliegend wäre nun die Frage, ob sich auch die Versorgung von Menschen mit Demenz systematisch unterscheidet. Werden sie im Osten häufiger zu Hause versorgt? Leben sie häufiger im Pflegeheim? Gibt es Unterschiede beim Schweregrad der Erkrankung oder bei der Verteilung verschiedener Demenzformen?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für solche direkten Ost-West-Vergleiche liegen mir derzeit keine entsprechend belastbaren aktuellen Daten vor, die sich für eine einfache Gegenüberstellung eignen. Auch Pflegegrade als &#8222;Messgröße&#8220; können diese Lücke nicht schließen. Ein Pflegegrad beschreibt schließlich den Grad der Beeinträchtigung der Selbstständigkeit und nicht etwa den Schweregrad einer Demenzerkrankung oder deren Vorhandensein an sich.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für einen Vergleich lohnt deshalb ein Blick auf die Pflege insgesamt. Diese Daten sind nicht demenzspezifisch, beschreiben aber den Versorgungsrahmen, in dem auch viele Menschen mit Demenz leben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Häusliche Pflege: Im Osten häufiger ausschließlich Pflegegeld</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das Wissenschaftliche Institut der AOK befragte im Herbst 2025 bundesweit 1.490 Menschen, die als Hauptpflegepersonen einen Angehörigen mit anerkanntem Pflegegrad zu Hause versorgen. Dabei zeigte sich ein deutlicher Unterschied: In Ostdeutschland gaben 65,5 Prozent der Befragten an, ausschließlich Pflegegeld zu beziehen. In Westdeutschland waren es 52,2 Prozent.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine reine Pflegegeldversorgung bedeutet in der Regel, dass die Pflege überwiegend privat organisiert wird und keine regulären ambulanten Pflegesachleistungen oder Kombinationsleistungen in Anspruch genommen werden. Die Zahlen dürfen jedoch nicht unmittelbar auf Menschen mit Demenz übertragen werden. Die Untersuchung umfasst häusliche Pflege insgesamt. Bei 15,7 Prozent der in der Befragung gepflegten Personen wurde eine Demenz angegeben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Verhinderungspflege wird im Westen häufiger genutzt</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch bei der Verhinderungspflege zeigte sich ein deutlicher Unterschied. Unter den Befragten mit einer ausschließlichen Pflegegeldversorgung nahmen in Westdeutschland 41,0 Prozent Verhinderungspflege in Anspruch. In Ostdeutschland waren es 26,9 Prozent.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Verhinderungspflege soll Angehörige zeitweise entlasten, wenn sie die Pflege etwa wegen Krankheit, Urlaub oder aus anderen Gründen vorübergehend nicht übernehmen können. Warum das Angebot im Osten in dieser Gruppe deutlich seltener genutzt wurde, lässt sich aus der Untersuchung nicht beantworten. Unterschiedliche Versorgungsstrukturen, sozioökonomische Bedingungen oder historisch gewachsene Pflegearrangements können eine Rolle spielen, ein eindeutiger ursächlicher Zusammenhang ist damit jedoch nicht belegt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Interessant ist außerdem: Bei der Intensität der Pflege zeigt sich kaum ein Unterschied. 64,1 Prozent der ostdeutschen und 63,1 Prozent der westdeutschen Befragten waren täglich in die Versorgung eingebunden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Altenpflegeprofis: Die Lohnlücke besteht noch</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch bei der Bezahlung gibt es noch einen Ost-West-Unterschied. Vollzeitbeschäftigte Altenpflegefachkräfte verdienten 2024 im Median 4.189 Euro brutto im Westen und 4.024 Euro im Osten – eine Differenz von 165 Euro beziehungsweise knapp vier Prozent. Bei Altenpflegehilfskräften betrug der Abstand 141 Euro. Die Lohnlücke besteht damit weiter, fällt in der Altenpflege aber vergleichsweise gering aus.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Keine zwei &#8222;Pflegewelten&#8220; – aber messbare Unterschiede</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">36 Jahre nach der Wiedervereinigung lassen sich in Pflege und Demenz also noch regionale Unterschiede erkennen. Für die Demenz ist vor allem der Befund bemerkenswert, dass sich auch nach Berücksichtigung der Altersstruktur ein höheres regionales Prävalenzniveau in Ostdeutschland zeigt. Warum dieses Muster besteht, lässt sich bislang nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei der häuslichen Pflege zeigen aktuelle Befragungsdaten ebenfalls Unterschiede: Im Osten berichten Angehörige häufiger von Pflegearrangements mit ausschließlichem Pflegegeld, während Verhinderungspflege in dieser Gruppe deutlich seltener genutzt wird. Diese Zahlen betreffen allerdings die Pflege insgesamt und dürfen nicht als demenzspezifische Befunde verstanden werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch bei der Bezahlung von Altenpflegekräften ist die frühere Grenze noch messbar – allerdings deutlich schwächer als in vielen anderen Bereichen des Arbeitsmarktes. Die Daten zeigen damit keine zwei völlig unterschiedlichen Pflegesysteme. Sie zeigen aber, dass regionale Unterschiede auch dreieinhalb Jahrzehnte nach der deutschen Einheit noch vorhanden sind – und dass genaueres Hinsehen häufig mehr erklärt als ein einfacher Vergleich von Ost und West.</p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Quellen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Robert Koch-Institut (2025): „Demenzerkrankungen – Prävalenz, Trends und regionale Verteilung in Deutschland. Eine Auswertung auf Basis von GKV-Routinedaten.“ Journal of Health Monitoring 2025. DOI: 10.25646/13078.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wissenschaftliches Institut der AOK – WIdO (2026): „Zur Lage pflegender Angehöriger – Ergebnisse einer bundesweiten Befragung unter Berücksichtigung regionaler Unterschiede.“ WIdOmonitor 1/2026.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung – IAB (2025): „Entgelte von Pflegekräften 2024.“ Auswertung der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/04/36-jahre-einheit-wie-unterschiedlich-sind-pflege-und-demenzversorgung-in-ost-und-west/">36 Jahre Einheit – wie unterschiedlich sind Pflege und Demenzversorgung in Ost und West?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Zu viel des Guten? Wenn gut gemeinte Sprache bei Demenz zur Falle wird</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/10/02/zu-viel-des-guten-wenn-gut-gemeinte-sprache-bei-demenz-zur-falle-wird/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Oct 2026 16:41:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[altenpflege]]></category>
		<category><![CDATA[alzheimer]]></category>
		<category><![CDATA[autonomie,]]></category>
		<category><![CDATA[demenz]]></category>
		<category><![CDATA[elderspeak,]]></category>
		<category><![CDATA[gewohnheit,]]></category>
		<category><![CDATA[herausforderndes verhalten]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[selbstbestimmung,]]></category>
		<category><![CDATA[sprechen mit menschen mit demenz,]]></category>
		<category><![CDATA[überanpassung,]]></category>
		<category><![CDATA[verniedlichung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„So, Frau Müller, das machen Sie ganz prima.“ Der Satz klingt freundlich. Vielleicht sogar besonders zugewandt. Niemand will Frau Müller herabsetzen. Im Gegenteil: Die Pflegeperson möchte Sicherheit vermitteln, Nähe herstellen&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/02/zu-viel-des-guten-wenn-gut-gemeinte-sprache-bei-demenz-zur-falle-wird/">Zu viel des Guten? Wenn gut gemeinte Sprache bei Demenz zur Falle wird</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">„So, Frau Müller, das machen Sie ganz prima.“</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Der Satz klingt freundlich. Vielleicht sogar besonders zugewandt. Niemand will Frau Müller herabsetzen. Im Gegenteil: Die Pflegeperson möchte Sicherheit vermitteln, Nähe herstellen und die Situation möglichst angenehm gestalten. Und trotzdem kann genau darin eine Falle liegen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auf mich wirkt Kommunikation mit Menschen mit Demenz häufig &#8222;verkünstelt&#8220;. Es wird häufig besonders langsam, besonders fürsorglich, besonders einfach oder besonders bestätigend mit Betroffenen gesprochen. Natürlich nicht aus Geringschätzung, sondern aus dem Wunsch, es gut zu machen.Broschüren, Bücher, Webseiten, Schulungen sind voll von entsprechenden Tipps. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">In der Forschung werden solche Kommunikationsformen unter dem Begriff „Elderspeak“ untersucht: gemeint ist eine Sprache gegenüber älteren Menschen, die häufig besonders langsam, vereinfachend, fürsorglich oder beschwichtigend klingt – dabei aber zugleich Kompetenz, Selbstständigkeit oder Erwachsensein des Gegenübers infrage stellen kann.<br>Das Bemerkenswerte daran: Elderspeak muss keineswegs Ausdruck schlechter oder respektloser Pflege sein. Sie kann gerade dort entstehen, wo Menschen sich besonders bemühen, ihre Kommunikation an einen Menschen mit Demenz anzupassen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wenn Anpassung zur Überanpassung wird</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Natürlich muss Kommunikation bei einer Demenz manchmal verändert werden. Lange verschachtelte Sätze können überfordern. Mehrere Informationen gleichzeitig können schwer zu verarbeiten sein. Pausen, klare Aussagen, konkrete Begriffe und jeweils eine Information nach der anderen können das Verstehen erleichtern.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das ist nicht das Problem. Problematisch wird es, wenn aus notwendiger Anpassung eine Überanpassung wird.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dazu können unter anderem gehören:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li class="has-medium-font-size">ungefragte Kosenamen oder Verniedlichungen,</li>



<li class="has-medium-font-size">eine auffällig hohe, singende oder übertrieben fürsorgliche Stimmlage,</li>



<li class="has-medium-font-size">übermäßiges Lob für gewöhnliche erwachsene Handlungen,</li>



<li class="has-medium-font-size">stark vereinfachte oder kindlich wirkende Begriffe,</li>



<li class="has-medium-font-size">suggestive Fragen wie „Das wollen Sie doch bestimmt nicht, oder?“,</li>



<li class="has-medium-font-size">das Vorwegnehmen von Entscheidungen,</li>



<li class="has-medium-font-size">das Sprechen über oder für einen Menschen, obwohl er selbst beteiligt werden könnte.</li>
</ul>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine große Konzeptanalyse wertete 83 theoretische und empirische Arbeiten zu Elderspeak aus. Ein wichtiges Ergebnis: Nicht jede Vereinfachung ist problematisch. Hilfreiche Anpassungen müssen von solchen Merkmalen unterschieden werden, die keinen Verständlichkeitsgewinn bringen und als bevormundend erlebt werden können. Besonders eine übertriebene Prosodie – also ein unnatürlich betonter, häufig kindlich wirkender Tonfall – kann das Verstehen sogar erschweren.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Passe ich meine Sprache an?“, sondern:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">„Passe ich meine Kommunikation an eine konkrete Beeinträchtigung dieses Menschen an – oder an mein Bild davon, wie Menschen mit Demenz sind?“.<br></p>



<div style="border-left: 5px solid #2f6fa3; background: #f4f7f9; padding: 18px 20px; margin: 24px 0;"> <strong>Ein Satz zur Selbstprüfung</strong><br><br> Für Angehörige:<br> „Spreche ich noch mit meiner Mutter, meinem Vater, meinem Partner – oder inzwischen mit der Erkrankung?“<br><br> Für professionell Pflegende und Betreuende:<br> „Spreche ich noch mit Frau Müller – oder mit meinem Bild von einer Bewohnerin mit Demenz?“ </div>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Fürsorge zur Kommunikationsfalle wird</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Elderspeak zeigt sich nicht nur in Verniedlichungen. Oft ist er subtiler: besonders langsames Sprechen, starke Betonung, häufige Wiederholungen, übermäßiges Lob oder Fragen wie „Das ist Ihnen doch zu anstrengend, nicht wahr?“. Solche Formen wirken freundlich und unterstützend, können aber zugleich vermitteln: Ich traue Ihnen weniger zu. Entscheidend ist deshalb, ob eine sprachliche Anpassung tatsächlich einer konkreten Einschränkung dient – oder nur der Vorstellung folgt, Menschen mit Demenz müssten besonders einfach und besonders fürsorglich angesprochen werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade darin liegt die Falle: Elderspeak klingt häufig nicht respektlos. Er klingt fürsorglich.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Sprache Abwehr beeinflusst</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dass es dabei um mehr als Höflichkeit geht, zeigen Untersuchungen aus Pflegeheimen. In einer Studie mit 20 Menschen mit Demenz und 80 aufgezeichneten Pflegesituationen lag die geschätzte Wahrscheinlichkeit für Pflegeabwehr nach normaler Erwachsenensprache bei 26 Prozent, nach Elderspeak bei 55 Prozent. Erfasst wurden unter anderem Nein-Sagen, Wegdrehen, Wegziehen, Schreien, Weinen oder körperliche Gegenwehr.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Beobachtungsstudien allein beweisen noch keine Ursache. Hinweise auf einen tatsächlichen Einfluss liefert jedoch das Trainingsprogramm „Changing Talk“: In einer cluster-randomisierten Studie mit 13 Pflegeheimen sank nach einer Schulung sowohl der Anteil von Elderspeak als auch die beobachtete Pflegeabwehr deutlich. Die Veränderungen hingen statistisch miteinander zusammen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Damit wird Kommunikation selbst zu einem möglichen Bestandteil jener Situationen, die später als „herausforderndes Verhalten“ beschrieben werden. Bei einer Dokumentation wie „Bewohner aggressiv bei Körperpflege“ lohnen sich deshalb weitere Fragen: „Was geschah unmittelbar davor?“. Wie wurde der Mensch angesprochen? Wurde eine Entscheidung bereits vorweggenommen? War eine Frage tatsächlich offen? Wurde ein Nein gehört? Vielleicht beschreibt die Reaktion des Menschen sonst nur die Hälfte der Situation.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Auch deutsche Untersuchungen finden Elderspeak</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Elderspeak ist kein Phänomen amerikanischer Pflegeheime. Eine deutsche Untersuchung analysierte reale Interaktionen zwischen 34 Pflegefachpersonen und 105 älteren Patientinnen und Patienten in Akut- und geriatrischen Krankenhausbereichen. In 97 Prozent der Begegnungen fand sich mindestens eine suggestive oder bestätigungserwartende Rückfrage, unpassende Kollektivpronomen in 70 Prozent, baby-talk-artige Formulierungen in 57 Prozent und intime Anreden in 16 Prozent.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bemerkenswert war: Für bestimmte Formen des Elderspeak spielte die funktionelle Beeinträchtigung eine größere Rolle als die kognitive. Menschen wurden also offenbar nicht nur deshalb anders angesprochen, weil sie schlechter verstanden, sondern auch, weil sie hilfsbedürftiger wirkten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nicht weniger anpassen – sondern genauer</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Elderspeak kann Menschen als weniger kompetent oder weniger selbstbestimmt ansprechen und damit Autonomie und Beteiligung beeinträchtigen. Gerade bei Demenz ist zudem denkbar, dass Unbehagen nicht immer sprachlich erklärt, sondern über Rückzug, Ablehnung oder Pflegeabwehr ausgedrückt wird. Die Antwort darauf ist nicht, jede sprachliche Anpassung zu vermeiden. Kurze klare Aussagen, eine Information nach der anderen, ausreichend Zeit zum Antworten, konkrete Begriffe sowie Zeigen oder Vormachen können das Verstehen erleichtern.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Entscheidend ist, ob diese Unterstützung zum konkreten Menschen passt. Nicht jeder braucht dieselbe Vereinfachung, nicht jeder dieselbe Nähe – und auch ein Kosename ist nicht automatisch problematisch, wenn er ausdrücklich erwünscht ist.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Frage lautet deshalb weniger: „Welche Wörter sind erlaubt?“, sondern: „Was traue ich diesem Menschen sprachlich noch zu – und worauf stütze ich diese Einschätzung?“. Erfahrung und Routine ist hilfreich. Ganz allmählich und unbemerkt können Sie gerade erfahrene Pflegeprofis aber zu Kommunikationsmuster verführen, die nicht adäquat sind. </p>



<div style="border-left: 5px solid #2f6fa3; background: #f4f7f9; padding: 18px 20px; margin: 24px 0;">
<strong>Hören Sie sich selbst einmal einen Tag lang zu</strong><br><br>
• Verändere ich bei Menschen mit Demenz automatisch Stimme oder Tonfall?<br>
• Lobe ich Alltägliches stärker als bei anderen Erwachsenen?<br>
• Sind meine Fragen wirklich offen?<br>
• Nehme ich Fähigkeiten vorweg, statt sie zunächst zu prüfen?<br>
• Würde ich denselben Satz in demselben Ton zu einem gleichaltrigen Menschen ohne Demenz sagen?<br><br>
Elderspeak entsteht oft nicht durch einzelne falsche Sätze, sondern durch schleichende Kommunikationsgewohnheiten. Deshalb braucht gute Demenzbegleitung auch Selbstbeobachtung und Selbstkorrektur.
</div>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Gute Absicht schützt nicht vor Überanpassung</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Vielleicht ist genau das die unbequemste Erkenntnis der Elderspeak-Forschung. Bevormundende Kommunikation entsteht nicht zwingend dort, wo Menschen desinteressiert oder lieblos arbeiten. Sie kann auch aus Fürsorge entstehen: aus dem Wunsch, Verständnis zu erleichtern, Sicherheit zu geben, Widerstand zu vermeiden oder besonders einfühlsam mit einem Menschen mit Demenz umzugehen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Deshalb hilft eine einfache Verbotsliste wenig. Wichtiger ist eine Haltung, die regelmäßig überprüft:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Welche Unterstützung braucht dieser konkrete Mensch wirklich? Und wo spreche ich ihm unbemerkt mehr Kompetenz ab, als die Erkrankung tatsächlich genommen hat? Für Angehörige ebenso wie für professionell Pflegende und Betreuungskräfte gilt deshalb immer wieder eine einfache Frage:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Spreche ich gerade mit diesem Menschen – oder mit meiner Vorstellung von Demenz?</p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">Quellen und Weiterführendes</p>



<p class="wp-block-paragraph">Williams KN, Herman R, Gajewski B, Wilson K. Elderspeak Communication: Impact on Dementia Care. American Journal of Alzheimer’s Disease &amp; Other Dementias. 2009;24(1):11–20. DOI: 10.1177/1533317508318472. PMID: 18591210.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Herman RE, Williams KN. Elderspeak’s Influence on Resistiveness to Care: Focus on Behavioral Events. American Journal of Alzheimer’s Disease &amp; Other Dementias. 2009;24(5):417–423. DOI: 10.1177/1533317509341949. PMID: 19692706.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Williams KN, Perkhounkova Y, Herman R, Bossen A. A Communication Intervention to Reduce Resistiveness in Dementia Care: A Cluster Randomized Controlled Trial. The Gerontologist. 2017;57(4):707–718. DOI: 10.1093/geront/gnw047. PMID: 27048705.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Shaw CA, Gordon JK. Understanding Elderspeak: An Evolutionary Concept Analysis. Innovation in Aging. 2021;5(3). DOI: 10.1093/geroni/igab023. PMID: 34476301.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnabel EL, Wahl HW, Streib C, Schmidt T. Elderspeak in Acute Hospitals? The Role of Context, Cognitive and Functional Impairment. Research on Aging. 2021;43(9–10):416–427. DOI: 10.1177/0164027520949090. PMID: 32909924.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lillekroken D et al. Elderspeak in Healthcare Settings: How Care, Control and Personhood Intersect in Care Communication – A Qualitative Meta-Synthesis. Journal of Advanced Nursing. 2026. PMID: 42383511.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/02/zu-viel-des-guten-wenn-gut-gemeinte-sprache-bei-demenz-zur-falle-wird/">Zu viel des Guten? Wenn gut gemeinte Sprache bei Demenz zur Falle wird</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>FTD: Verhaltensveränderungen mit früherem Heimeinzug verbunden</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/09/27/ftd-verhaltensveraenderungen-mit-frueherem-heimeinzug-verbunden/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 27 Sep 2026 08:24:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[Angehörigenbelastung]]></category>
		<category><![CDATA[demenzforschung]]></category>
		<category><![CDATA[emantische Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[frontotemporale demenz]]></category>
		<category><![CDATA[ftd]]></category>
		<category><![CDATA[häusliche versorgung]]></category>
		<category><![CDATA[heimeinzug]]></category>
		<category><![CDATA[kognitive Tests]]></category>
		<category><![CDATA[Pflegeheim]]></category>
		<category><![CDATA[svPPA]]></category>
		<category><![CDATA[Verhaltensveränderungen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wie lange kann ein Mensch mit Demenz zu Hause versorgt werden? Eine aktuelle französische Studie deutet darauf hin, dass bei Menschen mit semantischer Demenz nicht vor allem kognitive Testergebnisse ausschlaggebend&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/27/ftd-verhaltensveraenderungen-mit-frueherem-heimeinzug-verbunden/">FTD: Verhaltensveränderungen mit früherem Heimeinzug verbunden</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wie lange kann ein Mensch mit Demenz zu Hause versorgt werden? Eine aktuelle französische Studie deutet darauf hin, dass bei Menschen mit semantischer Demenz nicht vor allem kognitive Testergebnisse ausschlaggebend sind. Deutlich stärker war der Zusammenhang mit Verhaltensveränderungen, die bereits bei der Diagnosestellung bestanden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wie lange kann ein Mensch mit Demenz noch zu Hause versorgt werden? Eine aktuelle französische Studie deutet darauf hin, dass bei Menschen mit semantischer Demenz nicht vor allem kognitive Testergebnisse ausschlaggebend sind. Deutlich stärker war der Zusammenhang mit Verhaltensveränderungen, die bereits bei der Diagnosestellung bestanden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nicht der kognitive Testwert war entscheidend</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Der zentrale Befund: Weder kognitive Testergebnisse noch Geschlecht, Bildungsstand oder die Seite der Hirnatrophie sagten den Zeitpunkt des späteren Heimeinzugs besonders gut voraus.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Deutlich stärker hing dieser mit Verhaltensveränderungen zusammen. Zu den erfassten Veränderungen gehörten unter anderem zunehmende Starrheit bei Routinen, starke Selbstbezogenheit, Enthemmung oder andere soziale Auffälligkeiten. Schwerere Ausprägungen konnten auch Selbst- oder Fremdaggression umfassen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">78 Prozent der untersuchten Personen zeigten bereits bei Diagnosestellung zumindest gewisse Verhaltensveränderungen. Bei rund 30 Prozent waren diese so ausgeprägt, dass sie den Alltag merklich beeinflussten. Menschen ohne oder nur mit minimalen Verhaltensauffälligkeiten wurden im Median erst etwa 9,3 Jahre nach der Diagnose in ein Pflegeheim aufgenommen. Bei Menschen mit zumindest mild ausgeprägten Verhaltensveränderungen waren es etwa 6,3 Jahre – rund drei Jahre früher.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Belastung im Alltag rückt stärker in den Blick</h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<div style="background:#f7f4ef; border-left:5px solid #9a7652; padding:18px 20px; margin:24px 0;">
  <h3 style="margin-top:0;">Ergebnisse nicht auf Alzheimer übertragbar</h3>

  <p>
    Die Ergebnisse dürfen nicht ohne Weiteres auf Menschen mit Alzheimer-Demenz übertragen werden.
  </p>

  <p style="margin-bottom:0;">
    Die semantische Demenz gehört zum Spektrum der frontotemporalen Demenzen
    (genauer: semantische Variante der primär progressiven Aphasie, svPPA).
    Während bei der typischen Alzheimer-Krankheit häufig zunächst das Lernen und Behalten neuer Informationen beeinträchtigt ist,
    stehen bei der semantischen Demenz vor allem Sprache, Wortbedeutungen und begriffliches Wissen im Vordergrund.
    Im weiteren Verlauf können Veränderungen von Persönlichkeit und Verhalten hinzukommen.
  </p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Ergebnisse sind auch deshalb relevant, weil kognitive Testwerte im klinischen Alltag häufig als Maß für den Schweregrad einer Demenz herangezogen werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Studie zeigt jedoch, dass solche Werte allein wenig darüber aussagen müssen, wie lange eine Versorgung zu Hause tatsächlich gelingt. Gerade Verhaltensveränderungen können den gemeinsamen Alltag erheblich belasten. Die von den Forschenden verwendete Verhaltensskala berücksichtigte deshalb auch, wie stark Veränderungen Auswirkungen auf Angehörige und das soziale Umfeld hatten.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Autoren sehen darin einen möglichen Grund dafür, warum ausgeprägtere Verhaltensveränderungen mit einem früheren Heimeinzug verbunden waren.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Studie selbst hat Grenzen. Sie war retrospektiv angelegt, umfasste nur 90 Personen und kann nicht zeigen, dass bestimmte Verhaltensveränderungen den Heimeinzug unmittelbar verursachen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Sie weist aber auf einen wichtigen Punkt hin: Wie lange häusliche Versorgung gelingt, hängt offenbar nicht nur davon ab, wie jemand in einem kognitiven Test abschneidet. Mindestens ebenso wichtig kann sein, wie stark sich Verhalten und gemeinsamer Alltag verändern.</p>
</div>
</div>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Quelle:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Melkonian M, Lucas W, Merck C, Salmon A, Eustache F, Laisney M, Belliard S. <em>Behavior determines times to care home admission and death in semantic dementia: Insights from a cohort of 90 cases.</em> Alzheimer’s &amp; Dementia. 2026; e71859. DOI: 10.1002/alz.71859.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/27/ftd-verhaltensveraenderungen-mit-frueherem-heimeinzug-verbunden/">FTD: Verhaltensveränderungen mit früherem Heimeinzug verbunden</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Wie viel Biografie braucht gute Pflege?</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/09/26/wie-viel-biografie-braucht-gute-pflege/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Sep 2026 19:09:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[Biografiearbeit]]></category>
		<category><![CDATA[datenschutz bei demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Datenschutz in der Pflege]]></category>
		<category><![CDATA[demenzpflege]]></category>
		<category><![CDATA[Ehrenamt in der Pflege]]></category>
		<category><![CDATA[pflegepraxis]]></category>
		<category><![CDATA[Privatheit]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstbestimmung]]></category>
		<category><![CDATA[traumasensible pflege]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://demenz-zeitung.de/?p=3854</guid>

					<description><![CDATA[<p>Biografisches Wissen kann helfen, Menschen mit Demenz besser zu verstehen. Doch nicht jede Information muss erhoben werden – und längst nicht jeder Beteiligte muss alles wissen. Wenn ich als externer&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/26/wie-viel-biografie-braucht-gute-pflege/">Wie viel Biografie braucht gute Pflege?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Biografisches Wissen kann helfen, Menschen mit Demenz besser zu verstehen. Doch nicht jede Information muss erhoben werden – und längst nicht jeder Beteiligte muss alles wissen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn ich als externer Experte von einer Einrichtung oder einem Pflegedienst hinzugezogen werde, geht es meist um eine konkrete Situation: Ein Mensch mit Demenz lehnt die Körperpflege ab, reagiert mit Abwehr oder zeigt ein Verhalten, für das zunächst niemand eine Erklärung findet. Für eine solche Beratung brauche ich Informationen. Ich muss z.B. wissen oder herausfinden, wann das Verhalten auftritt, wie die Situation gestaltet wird, welche gesundheitlichen Ursachen infrage kommen und wie der betreffende Mensch kommuniziert.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Und manchmal liegt plötzlich der komplette Biografiebogen auf dem Tisch. Darin stehen dann möglicherweise sehr persönliche Dinge: Verlusterfahrungen, frühere familiäre Konflikte, <a href="https://demenz-zeitung.de/2025/06/08/demenz-und-trauma-alte-wunden-neue-herausforderungen-fuer-die-pflege/">traumatische Erlebnisse</a> oder andere intime Details aus einem langen Leben. Mal abgesehen von der zusätzlichen Zeit die es kosten könnte, mich durchzuwühlen &#8211; ist die Frage: musste ich das wirklich alles wissen?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Je mehr wir wissen, desto besser? Hilft viel viel?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://demenz-zeitung.de/2023/01/26/biographiearbeit-alptraum-oder-segen/">Biografiearbeit gehört zur Begleitung von Menschen mit Demenz.</a> Das hat gute Gründe. Gewohnheiten, Interessen und Erfahrungen können helfen, Verhalten zu verstehen und Begegnungen angenehmer zu gestalten. <br>Der frühere Landwirt, der jeden Morgen zur Tür möchte, will vielleicht nicht einfach „weglaufen / hinlaufen“. Der frühe Tagesbeginn kann für ihn über Jahrzehnte mit Arbeit und Verantwortung verbunden gewesen sein, natürlich. Eine vertraute Anrede oder ein bestimmtes Lied kann anderen Menschen wiederum Sicherheit vermitteln. Wichtig. Aber:<br>Aus solchen Erfahrungen wird leicht die Annahme: Je mehr wir über einen Menschen wissen, desto besser können wir ihn begleiten. Nur: mehr Wissen ist nicht automatisch hilfreicheres Wissen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine Biografie muss nicht vollständig erfasst werden</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Biografiebögen fragen mitunter nach Kindheit, Elternhaus, Partnerschaften, Religion, Verlusten und prägenden Erlebnissen. Einiges davon kann für Pflege und Betreuung wichtig sein. Anderes vielleicht nie. <br>Deshalb sollte bei jeder Frage klar sein, wozu die Antwort gebraucht wird. Hilft sie, eine belastende Situation zu vermeiden? Erleichtert sie die Kommunikation? Verändert sie etwas an der Versorgung? So weit das im Vorfeld möglich ist, zumindest. Nicht selten erlebe ich auch, dass umfangreiche Biographiebögen da sind, weil sie Bestandteil einer &#8222;guten&#8220;, vollständigen Dokumentation sind. Irgendwas daraus abgeleitet hat noch nie jemand. Abelegt, abgehakt. <br><br>Jedenfalls: Ein Mensch wird mit dem Einzug in eine Pflegeeinrichtung nicht zu einem offenen Buch. Auch die Diagnose Demenz hebt sein Recht auf Privatheit nicht auf.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Datenschutz beginnt beim Erheben</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Datenschutz betrifft nicht erst die Frage, an wen Informationen weitergegeben werden. Er beginnt bereits dort, wo sie erfragt und dokumentiert werden. Die Datenschutz-Grundverordnung nennt unter anderem Zweckbindung und Datenminimierung: Personenbezogene Daten sollen für einen festgelegten Zweck erhoben und auf das dafür notwendige Maß beschränkt werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für die Praxis lässt sich daraus eine einfache Frage ableiten: Was verändert dieses Wissen konkret? Mancher Biographiebogen sollte mit dieser Frage vorneweg einmal überprüft werden von Pflegeprofis. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Nicht jeder braucht dieselben Informationen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">An der Versorgung können heute Pflegefachpersonen, Betreuungskräfte, therapeutische Berufe, externe Fachleute und Ehrenamtliche beteiligt sein. Ihre Aufgaben unterscheiden sich – und damit auch ihr Informationsbedarf.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Beispiel: Wer einen Menschen mit Demenz regelmäßig zum Kartenspielen besucht oder mit ihm einfach Spazieren geht, kann von seinen Interessen und seiner bevorzugten Ansprache profitieren. Wird dessen Sehkraft plötzlich schlechter oder ist diese seit langem beeinträchtigt, kann auch diese gesundheitliche Information für die gemeinsame Tätigkeit wichtig sein. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Aber muss eine Person, die mit ihm Karten spielt oder spazieren geht auch erfahren, weshalb er bei der Körperpflege Angst hat und möglicherweise sexuelle Missbrauchserfahrungen in der Jugend einen starken Einfluss darauf haben? Für die daran beteiligten Pflegepersonen kann genau diese &#8222;Hintergrundinformation&#8220; entscheidend sein. Aber für andere?<br>Es gibt also keine einfache Liste nach Berufsbezeichnung. Maßgeblich ist, welche Information jemand für seine konkrete Aufgabe benötigt. Auch eine Verschwiegenheitserklärung beantwortet diese Frage nicht: Sie verpflichtet zum vertraulichen Umgang mit erhaltenem Wissen, begründet aber für sich genommen keinen Bedarf an jeder Information.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Manchmal genügt die Handlungsinformation</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade bei belastenden Erfahrungen lohnt sich eine weitere Unterscheidung: Muss jemand den biografischen Hintergrund kennen – oder reicht es zu wissen, was in einer bestimmten Situation hilft? Statt eine frühere Gewalterfahrung ausführlich weiterzugeben, kann für manche Aufgaben die Information genügen: „Berührungen bitte vorher ankündigen und Zustimmung abwarten.“ Für andere Beteiligte kann der Hintergrund notwendig sein, um eine wiederkehrende Reaktion richtig einzuordnen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch sehr persönliche Informationen können also wichtig sein. Entscheidend sind der Zusammenhang mit der Situation und der konkrete Informationsbedarf.</p>



<div style="border-left:5px solid #087f83; background:#eaf3f2; padding:18px 20px; margin:24px 0;">
<p style="margin:0 0 12px; font-size:1.15em; color:#173047;">Drei Fragen für die Praxis</p>
<ol style="margin:0; padding-left:22px;">
<li style="margin-bottom:9px;">Warum erheben oder dokumentieren wir diese Information?</li>
<li style="margin-bottom:9px;">Was verändert dieses Wissen konkret an Pflege, Betreuung oder Begleitung?</li>
<li>Wer benötigt die Information für die jeweilige Aufgabe – und in welchem Umfang?</li>
</ol>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn auf diese Fragen keine überzeugende Antwort möglich ist, sollte geprüft werden, ob die Information überhaupt erhoben, dokumentiert oder weitergegeben werden muss. <a href="https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/EntscheidungshilfeBiographieDemenz.pdf" data-type="link" data-id="https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/EntscheidungshilfeBiographieDemenz.pdf">Eine Hilfe kann dieser kurze Prüfbogen sein (pdf). </a><br><br></p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Mensch besteht nicht aus seinem Biografiebogen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Biografiearbeit soll helfen, einen Menschen in seiner Individualität wahrzunehmen. Dazu gehört auch, seine Grenzen zu achten. Manchmal reicht es zu wissen, dass jemand früher gern im Garten gearbeitet hat. Manchmal ist eine schmerzhafte Erfahrung aus der Vergangenheit wichtig. Und manches geht die Menschen, die ihn heute begleiten, schlicht nichts an.</p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gute Biografiearbeit bedeutet nicht, möglichst viel zu wissen. Sie bedeutet, das Richtige zu wissen – und verantwortungsvoll damit umzugehen.<br><br>Jochen Gust</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Quellen und Weiterführendes</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><a href="https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/ALL/?uri=CELEX%3A32016R0679">Verordnung (EU) 2016/679, Art. 5 Abs. 1 Buchst. b und c: Zweckbindung und Datenminimierung</a><br><a href="https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/ALL/?uri=CELEX%3A32016R0679">Verordnung (EU) 2016/679, Art. 9: Besondere Kategorien personenbezogener Daten</a></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/26/wie-viel-biografie-braucht-gute-pflege/">Wie viel Biografie braucht gute Pflege?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Der unterschätzte Alltag – warum Alltagsarbeit viel wichtiger sein kann als die nächste Betreuungsrunde</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/09/25/der-unterschaetzte-alltag-warum-alltagsarbeit-viel-wichtiger-sein-kann-als-die-naechste-betreuungsrunde/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Sep 2026 20:09:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[Aktivierung]]></category>
		<category><![CDATA[Alltagsaktivitäten]]></category>
		<category><![CDATA[Alltagskompetenz]]></category>
		<category><![CDATA[Beschäftigung bei Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[betreuung]]></category>
		<category><![CDATA[demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Erwin Böhm]]></category>
		<category><![CDATA[Normalitätsprinzip]]></category>
		<category><![CDATA[personzentrierte Pflege]]></category>
		<category><![CDATA[Pflegeheim]]></category>
		<category><![CDATA[prozedurales Gedächtnis]]></category>
		<category><![CDATA[teilhabe]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Gedächtnisrunde am Vormittag, Bastelangebot am Nachmittag. In vielen Pflegeeinrichtungen gehört diese Form der Beschäftigung fest zum Alltag. Gut gemeint ist das immer. Doch die Frage ist: Nutzt sie tatsächlich die&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/25/der-unterschaetzte-alltag-warum-alltagsarbeit-viel-wichtiger-sein-kann-als-die-naechste-betreuungsrunde/">Der unterschätzte Alltag – warum Alltagsarbeit viel wichtiger sein kann als die nächste Betreuungsrunde</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gedächtnisrunde am Vormittag, Bastelangebot am Nachmittag. In vielen Pflegeeinrichtungen gehört diese Form der Beschäftigung fest zum Alltag. Gut gemeint ist das immer. Doch die Frage ist: Nutzt sie tatsächlich die Fähigkeiten, die Menschen mit Demenz noch haben?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Forschung legt nahe, Beschäftigung anders zu denken. Denn gerade vertraute Tätigkeiten aus dem normalen Alltag können bei Menschen mit Demenz an Fähigkeiten und eingeübte Handlungsmuster anknüpfen, die teilweise länger verfügbar bleiben als bewusst abrufbares Wissen und Erinnerungen. Vielleicht muss deshalb nicht immer eine neue Beschäftigung erfunden werden. Ein großer Teil guter Aktivierung steckt bereits im Alltag selbst.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Erinnern schwerfällt, Handeln aber noch möglich ist</h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<div style="background:#eef6fb; border-left:6px solid #2f6f9f; padding:18px 20px; border-radius:10px; margin:20px 0; box-shadow:0 2px 6px rgba(0,0,0,0.06);">
  <div style="display:flex; align-items:flex-start; gap:12px;">
    <div style="font-size:28px; line-height:1;"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f4a1.png" alt="💡" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></div>
    <div>
      <div style="font-size:22px; line-height:1.3; color:#1f4e73; margin-bottom:10px;">
        <strong>Der entscheidende Perspektivwechsel</strong>
      </div>
      <div style="font-size:19px; line-height:1.6; color:#2b2b2b;">
        Nicht zuerst fragen:<br>
        „Was können wir heute mit den Bewohnerinnen und Bewohnern machen?“
        <br><br>
        Sondern:
        <span style="font-size:21px; color:#1f4e73;"><strong>„Was können sie hier selbst tun?“</strong></span>
      </div>
    </div>
  </div>
</div>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das Gedächtnis besteht aus unterschiedlichen Systemen. Bei einer Alzheimer-Erkrankung ist insbesondere das bewusste Erinnern an Ereignisse und neue Informationen früh beeinträchtigt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Deshalb kann schon die scheinbar harmlose Frage „Welcher Wochentag ist heute?“ für einen Menschen mit Demenz schwierig sein. Anders sieht es teilweise bei über lange Zeit eingeübten Handlungen aus. Das sogenannte prozedurale beziehungsweise implizite Gedächtnis ist an automatisierte Fertigkeiten und Bewegungsabläufe beteiligt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Betroffener kann möglicherweise nicht mehr sagen, welcher Tag heute ist – aber noch einen Tisch decken. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das ist kein Widerspruch.</p>
</div>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Übersichtsarbeit über 23 Studien zum motorischen Lernen bei Menschen mit Alzheimer zeigte, dass implizite Lernfähigkeiten trotz der Erkrankung erhalten sein können. Die Autoren folgerten daraus, dass praktische Fertigkeiten auch für Rehabilitation und den Erhalt von Selbstständigkeit genutzt werden können.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bereits frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass Menschen mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz durch gezieltes Üben alltäglicher Handlungen ihre Ausführung verbessern konnten. Das bedeutet nicht, dass solche Fähigkeiten unbegrenzt erhalten bleiben. Aber es bedeutet: Es lohnt sich, gezielt nach ihnen zu suchen. Erfahrungsgemäß sind Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten hier hervorragende Ratgeber die die Suche und den Perspektivwechsel unterstützen können. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Alltag verlangt mehr, als man ihm ansieht</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Einen Tisch zu decken wirkt zunächst banal. Tatsächlich müssen Gegenstände erkannt, gegriffen und richtig platziert werden. Bewegung, Wahrnehmung und vertraute Handlungsabläufe greifen ineinander.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Vor allem aber hat die Tätigkeit einen Sinn. Am Ende ist der Tisch gedeckt. Genau darin unterscheidet sich eine solche Aufgabe von manchen künstlich geschaffenen Beschäftigungsangeboten. Beim Alltag wird nicht nur eine Aufgabe erledigt, damit jemand beschäftigt ist. Die Tätigkeit ist Teil des gemeinsamen Lebens. Und so können wir die Chance nutzen, dass aus „Wir beschäftigen Herrn Müller“ etwas anderes wird: „Herr Müller hilft beim Tischdecken.“. Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Tatsächlich verändert es die Rolle des Menschen. Und gerade an dieser Stelle wird auch deutlich, wie viel Pflegende beitragen können, statt dies auf Betreuungskräfte allein zu übertragen. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Beschäftigung muss zur Person passen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch die Forschung zu individuell angepassten Aktivitäten weist in diese Richtung. Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2023 untersuchte Aktivitäten in Pflegeeinrichtungen, die an persönliche Interessen und Vorlieben von Menschen mit Demenz angepasst wurden. Solche Angebote können Unruhe leicht vermindern. Allerdings ist die Evidenz insgesamt noch begrenzt und die Studienqualität teilweise niedrig.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Trotz dieser Einschränkungen ist die Richtung für die Praxis relevant: Nicht irgendeine Aktivität ist entscheidend, sondern die Passung zum Menschen. Auch die britische NICE-Leitlinie empfiehlt ausdrücklich Aktivitäten, die sich an den individuellen Vorlieben von Menschen mit Demenz orientieren. Zudem nennt sie Ergotherapie und kognitive Rehabilitation mit dem Ziel, Fähigkeiten im Alltag zu erhalten oder zu unterstützen.</p>



<div style="background:#fff8e8; border-left:6px solid #d8a23a; padding:18px 20px; border-radius:10px; margin:20px 0; box-shadow:0 2px 6px rgba(0,0,0,0.05);">
  <div style="display:flex; align-items:flex-start; gap:12px;">
    <div style="font-size:27px; line-height:1;"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/26a0.png" alt="⚠" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></div>
    <div>
      <div style="font-size:22px; line-height:1.3; color:#8a5a00; margin-bottom:10px;">
        <strong>Alltagsnah bedeutet nicht automatisch passend</strong>
      </div>
      <div style="font-size:19px; line-height:1.65; color:#333;">
        Wer früher nie gern gekocht hat, wird nicht allein wegen einer Demenz plötzlich Freude am Kartoffelschälen entwickeln. Entscheidend bleiben Biografie, Interessen, Fähigkeiten und Tagesform.
      </div>
    </div>
  </div>
</div>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was heißt das für Gedächtnis- und Bastelgruppen?</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Es bedeutet natürlich nicht, dass solche Angebote grundsätzlich falsch oder überflüssig sind. Eine gute Gruppe kann soziale Kontakte fördern und Freude machen. Für Menschen mit leichter bis mittelschwerer Demenz empfiehlt NICE beispielsweise strukturierte kognitive Stimulation ausdrücklich. Standardisiertes kognitives Training zur Behandlung einer leichten bis mittelschweren Alzheimer-Demenz wird dagegen nicht empfohlen. Genau diese Unterscheidung ist wichtig.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine gemeinsam erlebte, passende Aktivität ist etwas anderes als das routinemäßige Abfragen von Wochentagen, Sprichwörtern oder Erinnerungen. Und eine Bastelgruppe ist nicht automatisch eine gute Aktivierung, nur weil anschließend alle etwas in der Hand halten.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn der Beschäftigungsplan zum Selbstzweck wird, lohnt sich deshalb eine kritische Frage: Wird hier gerade eine vorhandene Fähigkeit genutzt – oder lediglich Zeit gefüllt?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Mehr Alltag statt Sonderprogramme</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade in Einrichtungen wird der Alltag häufig möglichst effizient organisiert. Pflege- und Hauswirtschaftskräfte erledigen Aufgaben, während für Bewohnerinnen und Bewohner anschließend eigene Beschäftigungsangebote geplant werden. Dabei könnte ein Teil der Aktivierung genau dort stattfinden, wo das Leben ohnehin stattfindet.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dieser Gedanke ist in der Pflege keineswegs neu. Erwin Böhm stellte mit seinem psychobiographischen Pflegemodell schon früh die individuelle „Alltagsnormalität“ eines Menschen in den Mittelpunkt. Sein Normalitätsprinzip geht davon aus, dass Menschen durch ihre Biografie, ihre Gewohnheiten und ihre frühere Lebensweise eine ganz persönliche Vorstellung davon entwickeln, was für sie normal und vertraut ist. Die Versorgung sollte daran anknüpfen – statt einen künstlichen Heimalltag darüberzulegen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für Böhm gehörte dazu auch die Kritik, älteren Menschen Tätigkeiten vollständig abzunehmen. Genau hier berührt sein Ansatz die heutige Diskussion um Aktivierung: Nicht alles, was Mitarbeitende schneller erledigen können, muss einem Menschen mit Demenz automatisch aus der Hand genommen werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das bedeutet nicht, Menschen zu Hilfskräften zu machen oder ihnen Arbeit aufzuzwingen. Es bedeutet, ihnen nicht automatisch jede Aufgabe abzunehmen. Wer noch etwas beitragen kann, sollte Gelegenheit dazu bekommen. Für Angehörige gilt dasselbe. Auch zu Hause muss Beschäftigung nicht bedeuten, neue Spiele oder Übungen zu kaufen. Manchmal ist die bessere Aktivierung eine vertraute Aufgabe, die gemeinsam erledigt wird.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Alltag ist keine Pause zwischen zwei Angeboten</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Menschen mit Demenz brauchen Aktivität, Anregung und soziale Kontakte. Aber dafür muss nicht ständig eine eigene „Demenzbeschäftigung“ erfunden werden. Die Forschung zum prozeduralen Lernen, zu individuell angepassten Aktivitäten und zur alltagsorientierten Rehabilitation zeigt vielmehr: Vertraute Fähigkeiten können Ressourcen darstellen, die im normalen Alltag genutzt werden können.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Vielleicht sollten Einrichtungen und Angehörige deshalb häufiger darauf schauen, was noch möglich ist – statt sofort nach dem nächsten Angebot zu suchen oder ein solches einzufordern. Denn der Alltag ist nicht die Pause zwischen zwei Betreuungsrunden. Er kann selbst die beste Gelegenheit zur Teilhabe sein.</p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Quellen und Weiterführendes</p>



<ul class="wp-block-list">
<li class="has-medium-font-size">Zanetti O. et al. (1997): Procedural memory stimulation in Alzheimer&#8217;s disease: impact of a training programme. Acta Neurologica Scandinavica, 95(3), 152–157.</li>



<li class="has-medium-font-size">Zanetti O. et al. (2001): Effectiveness of procedural memory stimulation in mild Alzheimer&#8217;s disease patients: A controlled study. Neuropsychological Rehabilitation, 11(3–4), 263–272.</li>



<li class="has-medium-font-size">van Halteren-van Tilborg I.A.D.A., Scherder E.J.A., Hulstijn W. (2007): Motor-skill learning in Alzheimer&#8217;s disease: a review with an eye to the clinical practice. Neuropsychology Review, 17(3), 203–212.</li>



<li class="has-medium-font-size">Möhler R. et al. (2023): Personally tailored activities for improving psychosocial outcomes for people with dementia in long-term care. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 3, CD009812.</li>



<li class="has-medium-font-size">National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Dementia: assessment, management and support for people living with dementia and their carers. Guideline NG97.</li>
</ul>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/25/der-unterschaetzte-alltag-warum-alltagsarbeit-viel-wichtiger-sein-kann-als-die-naechste-betreuungsrunde/">Der unterschätzte Alltag – warum Alltagsarbeit viel wichtiger sein kann als die nächste Betreuungsrunde</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>„Nehmen Sie es nicht persönlich“ – was ist das eigentlich für ein Rat?</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/09/22/nehmen-sie-es-nicht-persoenlich-was-ist-das-eigentlich-fuer-ein-rat/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Sep 2026 11:01:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[aggression bei demenz]]></category>
		<category><![CDATA[altenpflege]]></category>
		<category><![CDATA[alzheimer]]></category>
		<category><![CDATA[angehörige]]></category>
		<category><![CDATA[Angehörigenberatung]]></category>
		<category><![CDATA[Beschimpfungen]]></category>
		<category><![CDATA[betreuung]]></category>
		<category><![CDATA[Beziehung]]></category>
		<category><![CDATA[demenz]]></category>
		<category><![CDATA[emotionale Belastung]]></category>
		<category><![CDATA[Emotionsregulation]]></category>
		<category><![CDATA[gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[gewalt in der pflege]]></category>
		<category><![CDATA[handgreiflichkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[herausforderndes verhalten]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation bei Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[noncomplaiens]]></category>
		<category><![CDATA[Pflegefachpersonen]]></category>
		<category><![CDATA[pflegende angehörige]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Umgang mit Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[verweigerung]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://demenz-zeitung.de/?p=3831</guid>

					<description><![CDATA[<p>„Nehmen Sie es nicht persönlich.“ &#8211; haben Sie das schon mal zu einem Kollegin oder Kollegen in der Pflege nach einem Vorfall mit einem Menschen mit Demenz gesagt? Oder einem&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/22/nehmen-sie-es-nicht-persoenlich-was-ist-das-eigentlich-fuer-ein-rat/">„Nehmen Sie es nicht persönlich“ – was ist das eigentlich für ein Rat?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">„Nehmen Sie es nicht persönlich.“ &#8211; haben Sie das schon mal zu einem Kollegin oder Kollegen in der Pflege nach einem Vorfall mit einem Menschen mit Demenz gesagt? Oder einem Angehörigen? Oder haben Sie diesen Rat selbst schon mal bekommen?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wer Ratgeber zur Demenz liest, Angehörigenschulungen besucht oder sich über den Umgang mit verändertem Verhalten informiert, begegnet diesem Rat immer wieder. Wahrscheinlich habe ich das selbst schon mal irgendwo geschrieben für irgendwen. Der Rat klingt ja auch so schön vernünftig. Schließlich können Beschimpfungen, Anschuldigungen, Zurückweisungen oder körperliche Aggression mit der Demenz zusammenhängen. Sie müssen natürlich nicht das ausdrücken, was ein Mensch tatsächlich über seine Tochter, seinen Ehemann oder seine Partnerin denkt. Und schon gar nicht über mich als Pflegefachperson, denn &#8222;der kennt mich doch gar nicht.&#8220;. Oder?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten kommen bei einem Teil der Menschen mit Demenz vor. Das zu wissen, kann helfen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Aber kann man solche Verhaltensweisen deshalb einfach nicht persönlich nehmen? Was ist mit der Ehefrau, die von ihrem Mann geohrfeigt wird? Mit dem Sohn, den seine Mutter plötzlich einen Dieb nennt, nach der Polizei ruft oder schlecht bei den Nachbarn über ihn spricht, während er sich um die Post und Finanzen kümmert? Was ist mit der Tochter, die sich täglich kümmert und eines Tages zu hören bekommt:„Verschwinde, ich will Dich nie wieder sehen“? </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Vielleicht liegt das Problem schon in der Formulierung. Denn „Nehmen Sie es nicht persönlich“ kann etwas Sinnvolles bedeuten. Es kann aber auch wie die Aufforderung klingen, nicht verletzt, wütend, erschrocken, bestürzt oder traurig zu sein. Und das ist was völlig anderes. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Menschen nehmen Dinge persönlich</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wir sind nunmal keine neutralen Beobachter unserer eigenen Beziehungen. Wenn uns ein Fremder beschimpft, kann uns das treffen. Damit es uns schlimmer trifft, muss mir die Person aber nicht zwingend sehr nahestehen. Oder kann sich jemand vielleicht an seine Schulzeit erinnern, wie er von einem Lehrer wegen seiner &#8222;Dummheit&#8220; vor der ganzen Klasse vorgeführt wurde? Und wie sehr ihn das verletzt hat? Kommen verletzende Worte oder sogar Handgreiflichkeiten von einem Menschen den wir lieben, mit dem wir Jahrzehnte verbracht haben, oder für den wir einen großen Teil unseres Alltags verändert haben und Verzicht üben, besitzen sie doch noch eine ganz andere Bedeutung und Schwere.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade weil uns ein Mensch nahesteht, sind wir für das empfänglich, was von ihm kommt.Das ist zunächst nichts Krankhaftes und auch kein Zeichen dafür, mit einer Demenz nicht angemessen umgehen zu können. Nähe bedeutet immer auch Verletzlichkeit.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die psychologische Forschung zur Emotionsregulation geht zudem nicht davon aus, dass Menschen ihre emotionale Reaktion beliebig abschalten können. Sie unterscheidet vielmehr unterschiedliche Möglichkeiten, mit einer entstandenen oder entstehenden Emotion umzugehen. Eine davon ist die Neubewertung: Wir verändern unsere Interpretation einer Situation. Davon zu unterscheiden ist das bloße Unterdrücken einer emotionalen Reaktion. Die Forschung von James Gross zeigt, dass Neubewertung Gefühle abschwächen kann, während das Unterdrücken ihres Ausdrucks die innere Reaktion nicht einfach verschwinden lässt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Genau deshalb ist „Nehmen Sie es nicht persönlich“ als pauschaler Rat problematisch.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nicht verletzt sein – oder anders einordnen?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Beschimpfung kann verletzen. Eine Zurückweisung kann traurig machen. Ein Schlag kann erschrecken oder wütend machen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das Wissen um die Demenz hebt diese Reaktionen nicht auf. Es kann aber helfen, das Geschehene später anders einzuordnen: Eine Tochter kann verletzt sein und trotzdem wissen, dass die Beschimpfung nicht zwingend ausdrückt, was ihre Mutter tatsächlich über sie denkt. Ein Ehemann kann unter dem „Geh weg!“ seiner Frau leiden, ohne daraus schließen zu müssen, dass ihre gemeinsame Beziehung bedeutungslos geworden ist. Nicht das Gefühl muss verschwinden. Entscheidend ist, welche Bedeutung wir dem Geschehen anschließend geben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Bei Angehörigen trifft ein Satz auf eine ganze Beziehung</h2>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<div style="background:#f3f6f4; border-left:5px solid #708c79; padding:20px 22px; margin:30px 0;">
  <h3 style="margin-top:0;">Aggression gegenüber Angehörigen ist kein Randphänomen</h3>

  <p>In der britischen CARD-Studie wurden 220 Angehörige von Menschen mit Demenz befragt.</p>

  <p style="font-size:1.35em; margin-bottom:4px;">37,3 %</p>
  <p style="margin-top:0;">berichteten, innerhalb der vorausgegangenen drei Monate zumindest gelegentlich psychisch oder körperlich übergriffiges Verhalten durch den Menschen mit Demenz erlebt zu haben.</p>

  <p style="font-size:1.35em; margin-bottom:4px;">36,4 %</p>
  <p style="margin-top:0;">berichteten psychisch übergriffiges Verhalten.</p>

  <p style="font-size:1.35em; margin-bottom:4px;">5,9 %</p>
  <p style="margin-top:0;">berichteten körperlich übergriffiges Verhalten.</p>

  <p style="margin-bottom:0;">Angehörige, die häufiger solche Situationen erlebten, beschrieben auch eine stärkere Verschlechterung der Beziehung zum Menschen mit Demenz.</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine systematische Übersichtsarbeit mit 25 hochwertigen Studien untersuchte, warum verändertes Verhalten bei Demenz von Angehörigen als besonders belastend erlebt wird.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dabei ging es gerade nicht nur darum, wie häufig bestimmte Verhaltensweisen auftreten. Eine zentrale Rolle spielten Veränderungen von Kommunikation und Beziehung. Angehörige beschrieben ein Gefühl des Verlustes und eine sich verändernde Beziehung zum erkrankten Menschen. Die Forschenden kommen deshalb zu dem Schluss, dass Unterstützung auch die psychischen Bedürfnisse der Angehörigen berücksichtigen muss.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das ist wichtig.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Denn eine Beschimpfung findet nicht im luftleeren Raum statt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Vielleicht kommt sie von der Mutter, deren Anerkennung für die Tochter immer wichtig war. Vom Ehemann, von dem solche Worte früher undenkbar gewesen wären. Oder von einem Vater, für dessen Versorgung der Sohn inzwischen sein halbes Leben organisiert.</p>
</div>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Und manchmal enthält eine Beschimpfung sogar Worte, die an alte Konflikte oder empfindliche Stellen einer Beziehung rühren. Da hilft die Information „Das ist die Demenz!“ möglicherweise bei der Einordnung. Aber sie löscht die Beziehungsgeschichte nicht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">„Das ist die Krankheit“ – und trotzdem kann es wehtun</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Zu verstehen, warum sich ein Mensch mit Demenz verändert, kann entlasten. Angst, Desorientierung, Schmerzen oder Überforderung können Verhalten beeinflussen und helfen, eine Situation anders einzuordnen. Doch zwischen „Ich verstehe, woher das kommen könnte oder was die Ursache ist“ und „Es macht mir nichts aus.“ liegt ein großer Unterschied.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Vielleicht ist deshalb ein anderer Gedanke realistischer: Es trifft mich. Aber ich kann lernen, mit diesem Getroffensein umzugehen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Übrigens: auch Pflegefachpersonen sind nicht unberührbar. Fachwissen und professionelle Erfahrung helfen, Verhalten einzuordnen. Sie machen aber nicht immun gegen Beschimpfung oder Gewalt. Studien zeigen bei Pflegepersonen nach aggressiven oder gewalttätigen Situationen unter anderem Stress, Ärger, psychische Belastung sowie erhöhte Risiken für Burnout und traumatische Belastungsreaktionen. Professionalität bedeutet also nicht, dass eine Ohrfeige, eine massive Beschimpfung oder angespuckt zu werden emotional bedeutungslos bleiben muss.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">In diesem Zusammenhang kann man Kolleginnen und Kollegen nur davor warnen, sich auch Stellenazeigen zu bewerben, die irgendwas mit &#8222;Engel&#8220; beinhalten. Gesucht werden dort offenbar Übermenschen, direkt gottgesandt &#8211; die natürlich weder Fehler machen noch durch irgendwas irdisches belastet sein können, oder? </p>



<h2 class="wp-block-heading">Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen Angehörigen und Profis</h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Es wäre falsch, beide Versorgungssituationen einfach gleichzusetzen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Pflegefachperson begegnet dem Menschen in einer beruflichen Rolle. Im Idealfall stehen Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung. Eine Situation kann übergeben, besprochen und analysiert werden. Es gibt eine professionelle Organisation und irgendwann ein Dienstende. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch das schützt keineswegs vollständig. Aber es schafft einen anderen Rahmen. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei Angehörigen findet die Situation häufig mitten in der eigenen Beziehung und im eigenen Zuhause statt. Da hat nicht „ein Patient“ zugeschlagen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Es war der eigene Mann. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nicht „eine Bewohnerin“ hat gesagt: „Ich hasse Dich.“. Es war die eigene Mutter. Und eine halbe Stunde später müssen vielleicht trotzdem das Abendessen vorbereitet, Medikamente gerichtet oder der Toilettengang begleitet werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<div style="background:#f6f4f1; border-left:5px solid #92765e; padding:20px 22px; margin:30px 0;">
  <h3 style="margin-top:0;">Angehörige und Profis: unterschiedliche Belastung</h3>

  <p>Eine deutsche Studie verglich jeweils 25 Angehörige und 25 professionell Pflegende von Menschen mit Demenz.</p>

  <p>Auf der Skala zur Belastung durch aggressives und desorientiertes Verhalten lagen die Mittelwerte bei:</p>

  <p style="font-size:1.35em; margin-bottom:4px;">Angehörige: 8,84 Punkte</p>
  <p style="font-size:1.35em; margin-top:4px;">Professionell Pflegende: 4,12 Punkte</p>

  <p>Die Skala reicht von 0 bis 20 Punkten. Auch durch kognitive Beeinträchtigungen fühlten sich die Angehörigen stärker belastet.</p>

  <p style="margin-bottom:0;"><em>Einordnung:</em> Mit jeweils nur 25 Personen war die Studie klein. Aus den Zahlen lässt sich daher nicht ableiten, dass Angehörige grundsätzlich „doppelt so stark“ belastet sind. Der Unterschied zeigt aber, warum familiäre und berufliche Pflege nicht ohne Weiteres gleichgesetzt werden sollten.</p>
</div>
</div>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine kleine deutsche Untersuchung, in der Angehörige und professionell Pflegende unmittelbar nach einem Krankenhausaufenthalt des Menschen mit Demenz verglichen wurden, zeigt zumindest, dass diese unterschiedlichen Rollen für das Belastungserleben relevant sein können. Die Unterschiede bei der Belastung durch aggressives und desorientiertes Verhalten waren in dieser Untersuchung statistisch signifikant. Bei der Belastung durch die eigentlichen Pflegeaufgaben zeigte sich dagegen kein entsprechender Unterschied.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das macht den Befund besonders interessant: Nicht unbedingt die Tätigkeit selbst unterschied die Gruppen, sondern insbesondere das Erleben bestimmter Veränderungen des Menschen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">„Nicht persönlich nehmen“ ist emotionale Arbeit</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine kanadische Studie beschreibt „Nicht-persönlich-Nehmen“ bei Beschäftigten im Gesundheitswesen ausdrücklich als emotionale Arbeit. <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/04/27/nach-dem-vorfall-nicht-einfach-weitermachen-warum-sie-in-der-pflege-einen-buddy-check-etablieren-sollten/">Aggression musste erklärt, relativiert und innerlich verarbeitet werden.</a> Problematisch wird es, wenn dadurch Gewalt normalisiert oder ihre Wirkung unterschätzt wird.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn selbst professionell Pflegende dafür emotionale Arbeit leisten müssen, ist &#8211; nehmen Sie es nicht persönlich &#8211; kaum zu erwarten, dass Angehörige einfach unberührt bleiben. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Entscheidend ist die Reaktion danach</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die wichtigere Frage lautet deshalb nicht: „Wie schaffe ich es, dass mich das nicht mehr verletzt?“. Und es ist keinesfalls ein Versagen, durch Aussagen oder Handlungen eines Menschen mit Demenz verletzt zu werden. Nach dem Motto: ist er zu stark bist Du zu schwach.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Sondern: „Wie gehe ich damit um, wenn es mich verletzt hat?“. Wut, Kränkung oder Angst sind zunächst Gefühle. Entscheidend ist, was daraus folgt: Abstand herstellen, nicht zurückschlagen, eine Situation beenden, später nach Ursachen suchen oder Unterstützung holen. Nicht Gefühle abzutrainieren sollte das Ziel sein, sondern Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Verstehen heißt nicht aushalten</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Demenz kann erklären helfen, warum ein Mensch schlägt, tritt, kratzt, beißt oder spuckt. Sie verpflichtet aber niemanden, Gewalt auszuhalten. Wer bedroht oder angegriffen wird, darf Abstand herstellen und Hilfe holen. Bei wiederholter oder neuer Aggression sollte nach möglichen Auslösern wie Schmerzen, Delir, Angst oder Überforderung gesucht werden. Empathie und Selbstschutz schließen einander nicht aus. Ich darf jemanden &#8211; in aller (Nächsten-)Liebe &#8211; von seinem Tun abhalten. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Brauchen wir einen anderen Satz?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">„Nehmen Sie es nicht persönlich“ muss nicht automatisch völlig falsch sein. Wenn damit gemeint ist: „Versuchen Sie, das Verhalten nicht als verlässliche Aussage darüber zu verstehen, was dieser Mensch von Ihnen hält“, kann darin eine ausgesprochen hilfreiche Neubewertung liegen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Als Aufforderung, nach einer Beschimpfung, einer Zurückweisung, einem Schlag oder dem Angespucktwerden nicht verletzt, wütend, traurig oder erschrocken zu sein, ist der Satz dagegen fragwürdig – bei Angehörigen ebenso wie bei professionell Pflegenden. Frei nach dem Motto: &#8222;Who cares?&#8220; &#8211; darf unsere Antwort lauten: &#8222;Me!&#8220;. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">In Pflege und Beratung müssen wir uns und andere ernst nehmen. Und das bedeutet, anzuerkennen, dass Menschen keine professionell programmierbaren Beobachter ihrer Beziehungen sind. Wir nehmen Dinge persönlich. Das ist normal. &#8222;Seid Menschen!&#8220; &#8211; auch in Pflege und Betreuung. </p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wir müssen jedoch die Arbeit leisten, mit unserem Getroffensein, mit unseren Gefühlen umzugehen und unsere Reaktionen zu steuern. Das ist wesentlich für die Versorgung von Menschen mit Demenz. <br><br>Jochen Gust<br></p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Quellen und weiterführende Informationen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Cooper C, Selwood A, Blanchard M, Livingston G. (2010): „Abusive behaviour experienced by family carers from people with dementia: the CARD study.“ Journal of Neurology, Neurosurgery &amp; Psychiatry 81(6), 592–596. DOI: 10.1136/jnnp.2009.190934. Die Studie mit 220 Angehörigen enthält die im Artikel genannten Häufigkeiten zu psychisch und körperlich übergriffigem Verhalten. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19955110/?utm_source=chatgpt.com">PubMed-Eintrag zur CARD-Studie</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Feast A, Orrell M, Charlesworth G, Melunsky N, Poland F, Moniz-Cook E. (2016): „Behavioural and psychological symptoms in dementia and the challenges for family carers: systematic review.“ British Journal of Psychiatry 208(5), 429–434. DOI: 10.1192/bjp.bp.114.153684. Die systematische Übersicht analysiert insbesondere die Bedeutung von Beziehungs- und Kommunikationsveränderungen für Angehörige. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4853642/?utm_source=chatgpt.com">Volltext der systematischen Übersichtsarbeit</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Seidel D, Thyrian JR. (2019): „Burden of caring for people with dementia – comparing family caregivers and professional caregivers. A descriptive study.“ Journal of Multidisciplinary Healthcare 12, 655–663. DOI: 10.2147/JMDH.S209106. Untersucht wurde das unterschiedliche Belastungserleben von 25 Angehörigen und 25 professionell Pflegenden. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31616154/?utm_source=chatgpt.com">PubMed-Eintrag zur Vergleichsstudie</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Gross JJ. (2002): „Emotion regulation: affective, cognitive, and social consequences.“ Psychophysiology 39(3), 281–291. DOI: 10.1017/S0048577201393198. Grundlagenarbeit zur Unterscheidung von Neubewertung und Unterdrückung emotionaler Reaktionen. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12212647/?utm_source=chatgpt.com">PubMed-Eintrag zur Emotionsregulation</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Funk L, Spencer D, Herron R. (2021): „Making sense of violence and victimization in health care work: The emotional labour of ‘not taking it personally’.“ International Review of Victimology 27(1), 94–110. DOI: 10.1177/0269758020953760. Die qualitative Studie beschäftigt sich unmittelbar mit dem „Nicht-persönlich-Nehmen“ als emotionaler Arbeit im Gesundheitswesen. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0269758020953760?utm_source=chatgpt.com">Studie bei SAGE Journals</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Holst A, Skär L. (2017): „Formal caregivers’ experiences of aggressive behaviour in older people living with dementia in nursing homes: A systematic review.“ International Journal of Older People Nursing 12(4), e12158. DOI: 10.1111/opn.12158. Die Übersicht untersucht die Auswirkungen aggressiver Reaktionen auf professionell Pflegende in der Demenzversorgung. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/opn.12158?utm_source=chatgpt.com">Systematische Übersichtsarbeit bei Wiley</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wang J et al. (2022): „Workplace violence and the risk of post-traumatic stress disorder and burnout among nurses: A systematic review and meta-analysis.“ Journal of Nursing Management 30(7), 2854–2868. DOI: 10.1111/jonm.13809. Die Metaanalyse untersucht psychische Folgen von Gewalterfahrungen bei Pflegepersonen. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36122417/?utm_source=chatgpt.com">PubMed-Eintrag zur Metaanalyse</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als deutschsprachige praktische Weiterinformation bietet die Deutsche Alzheimer Gesellschaft Hinweise zum Umgang mit verändertem Verhalten und Aggressivität. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://www.deutsche-alzheimer.de/mit-demenz-leben/umgang-und-kommunikation?utm_source=chatgpt.com">Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Umgang und Kommunikation</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/22/nehmen-sie-es-nicht-persoenlich-was-ist-das-eigentlich-fuer-ein-rat/">„Nehmen Sie es nicht persönlich“ – was ist das eigentlich für ein Rat?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
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		<title>Nach dem Krankenhaus: Was Pflegefachpersonen prüfen und dokumentieren müssen</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/09/21/nach-dem-krankenhaus-was-pflegefachpersonen-pruefen-und-dokumentieren-muessen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Sep 2026 20:13:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[ambulante pflege]]></category>
		<category><![CDATA[delir]]></category>
		<category><![CDATA[demenz]]></category>
		<category><![CDATA[entlassmanagement]]></category>
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		<category><![CDATA[pflege]]></category>
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		<category><![CDATA[Pflegeplanung]]></category>
		<category><![CDATA[qpr]]></category>
		<category><![CDATA[Qualitätsprüfungs-Richtlinien]]></category>
		<category><![CDATA[stationäre pflege]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Krankenhausaufenthalt endet pflegefachlich nicht mit der Rückkehr ins Pflegeheim oder nach Hause. Gerade bei Menschen mit Demenz können sich innerhalb weniger Tage Mobilität, Selbstversorgung, Aufmerksamkeit, Nahrungsaufnahme, Medikation oder die&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/21/nach-dem-krankenhaus-was-pflegefachpersonen-pruefen-und-dokumentieren-muessen/">Nach dem Krankenhaus: Was Pflegefachpersonen prüfen und dokumentieren müssen</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Krankenhausaufenthalt endet pflegefachlich nicht mit der Rückkehr ins Pflegeheim oder nach Hause. Gerade bei Menschen mit Demenz können sich innerhalb weniger Tage Mobilität, Selbstversorgung, Aufmerksamkeit, Nahrungsaufnahme, Medikation oder die individuelle Risikosituation verändern.<br></p>



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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="819" height="1024" src="https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/Grafik1ZahlenKHDemenz-819x1024.png" alt="" class="wp-image-3821" srcset="https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/Grafik1ZahlenKHDemenz-819x1024.png 819w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/Grafik1ZahlenKHDemenz-240x300.png 240w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/Grafik1ZahlenKHDemenz-768x960.png 768w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/Grafik1ZahlenKHDemenz.png 1122w" sizes="(max-width: 819px) 100vw, 819px" /></figure>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Deshalb reicht es nicht, Entlassungsbrief und Medikamentenplan entgegenzunehmen und anschließend die bisherige Versorgung fortzusetzen. Nach der Rückkehr muss geklärt werden: Was ist noch wie vorher – und was hat sich verändert? Aus aktuellem Anlass der mit reichlich Ärger und auch womöglich vermeidbarem Leid verbunden war ein Artikel zum Thema Rückkehr nach dem Krankenhausaufenthalt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Denn auch die Qualitätsprüfungs-Richtlinien (QPR) nehmen diese Schnittstelle ausdrücklich in den Blick. Krankenhausaufenthalte gehören für viele Menschen mit Demenz zur Versorgungsrealität. Rechnerisch kommen auf 100 Menschen mit Demenz rund 90 Krankenhausaufenthalte pro Jahr. Das bedeutet natürlich nicht, dass 90 von 100 Betroffenen jedes Jahr ins Krankenhaus kommen: Manche Menschen werden mehrfach aufgenommen, andere gar nicht.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bis 2040 könnte die Zahl der Krankenhausfälle mit Demenz nach der Projektion des BARMER Krankenhausreports von 1,04 Millionen auf rund 1,36 Millionen steigen.</p>
</div>
</div>



<h2 class="wp-block-heading">Die wichtigste Frage nach der Rückkehr: Was ist jetzt anders?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">„Herr M. hat im Krankenhaus stark abgebaut.“ &#8211; ehrlich, liebe Kolleginnen und Kollegen: welche Information bietet das? Auch schon gefunden: &#8222;Kam völlig verändert aus dem KH zurück.&#8220;.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Klar, ein solcher Satz fällt im Pflegealltag schnell. Ganz kurz die nächste Schicht auf eine veränderte Lage hinweisen &#8211; okay. Aber das hilft für die weitere Versorgung wirklich nur sehr begrenzt, oder? Pflegefachlich entscheidend ist der konkrete Vergleich mit dem Zustand vor dem Krankenhausaufenthalt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bsp.: vor der Einweisung ging Herr M. mit seinem Rollator selbstständig vom Zimmer in den Speiseraum. Nach der Rückkehr benötigt er Unterstützung beim Aufstehen und Begleitung über die gesamte Gehstrecke.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Erst ein solcher Vergleich macht sichtbar, wo neuer Unterstützungs-, Beobachtungs- oder Abklärungsbedarf entstanden ist.</p>



<h2 class="wp-block-heading">In der stationären Pflege verlangt die QPR eine erneute Einschätzung</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für vollstationäre Pflegeeinrichtungen ist die Überleitung bei Krankenhausaufenthalten ein eigener Qualitätsaspekt der QPR. Bei Bewohnerinnen und Bewohnern, die innerhalb der vergangenen sechs Monate im Krankenhaus behandelt wurden, wird unter anderem geprüft, ob nach der Rückkehr die Bedarfseinschätzung aktualisiert und die Maßnahmenplanung bei Bedarf angepasst wurde.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Unmittelbar nach der Rückkehr soll beurteilt werden,</p>



<ul class="wp-block-list">
<li class="has-medium-font-size">ob sich der Pflegebedarf verändert hat,</li>



<li class="has-medium-font-size">ob sich die Risikosituation verändert hat,</li>



<li class="has-medium-font-size">ob die individuelle Maßnahmenplanung angepasst werden muss und</li>



<li class="has-medium-font-size">ob notwendige Folgetermine beziehungsweise die Information behandelnder Ärztinnen oder Ärzte organisiert wurden.</li>
</ul>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine feste Frist von beispielsweise 24 Stunden nennen die QPR hierfür nicht. Die Formulierung „unmittelbar nach Rückkehr“ macht jedoch deutlich, dass erkennbare Veränderungen zeitnah aufgegriffen werden müssen, nicht irgendwann wenn die Pflegeplanung gerade turnusgemäß überarbeitet werden soll.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Zum neuen Assessment gehört auch körperliches Hinschauen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die QPR schreiben nach einer Krankenhausrückkehr keine standardisierte Ganzkörperuntersuchung vor. Die geforderte erneute Einschätzung des Pflegebedarfs und der Risiken kann jedoch eine gezielte körperliche Einschätzung notwendig machen. Das gilt beispielsweise bei neuer Immobilität, Schmerzen, Wunden oder Hämatomen, Ödemen, Atemproblemen oder neu hinzugekommenen Kathetern, Verbänden und anderen Versorgungen. Auch Mobilität und Transfers lassen sich nicht allein aus dem Entlassungsbrief beurteilen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade bei Menschen mit Demenz reicht zudem eine reine Befragung häufig nicht aus. Beschwerden können möglicherweise nicht zuverlässig benannt oder Veränderungen nicht selbst eingeordnet werden. Beobachtung und – soweit erforderlich und von der Person akzeptiert – gezielte körperliche Inspektion gehören dann zur pflegefachlichen Einschätzung. Eine besondere „Ganzkörperkontrolle nach Krankenhausaufenthalt“ schreiben die QPR also nicht vor. Die Erhebung und Feststellung des individuellen Pflegebedarfs gehört nach § 4 Pflegeberufegesetz jedoch ausdrücklich zu den vorbehaltenen Aufgaben von Pflegefachpersonen. Wie umfassend dabei körperlich eingeschätzt werden muss, richtet sich nach dem aktuellen Zustand und den erkennbaren Risiken.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Anpassungen ausbleiben, wird es zum Qualitätsproblem</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die QPR unterscheiden zwischen verspäteter Dokumentation und einer tatsächlich fehlenden Reaktion auf veränderten Pflegebedarf. Wird eine notwendige Anpassung zwar umgesetzt, aber erst später dokumentiert, kann dies als Auffälligkeit ohne erwartbare negative Folgen bewertet werden. Bleibt die Maßnahmenplanung trotz verändertem Bedarf unverändert, liegt dagegen ein Defizit mit Risiko negativer Folgen vor. Wird auch die tatsächliche Versorgung nicht angepasst, können bereits negative Folgen eingetreten sein.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Entscheidend ist also nicht die Menge der Dokumentation, sondern dass Veränderungen erkannt und in die Versorgung übernommen werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Auch ambulant ist die Krankenhausrückkehr Prüfthema</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die seit 30. Juli 2026 geltenden QPR für ambulante Pflegedienste erfassen die Rückkehr aus dem Krankenhaus im Qualitätsaspekt „Aufnahmemanagement“. Bei einer Wiederaufnahme müssen die wesentlichen Informationen zur aktuellen Pflegesituation erhoben und für die weitere Versorgung berücksichtigt werden. Dazu gehören insbesondere aktuelle Einschränkungen, Ressourcen und Fähigkeiten, die Sicht der betroffenen Person beziehungsweise ihrer An- und Zugehörigen sowie relevante Angaben zu Diagnosen, Medikation, Folgen der Krankenhausbehandlung und anderen beteiligten Versorgern.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade ambulant muss zusätzlich geprüft werden, ob die bisherige Versorgung zu Hause unter den veränderten Bedingungen noch ausreicht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nicht alles neu schreiben – aber Veränderungen nachvollziehbar erfassen</h2>



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    Nach der Rückkehr konkret prüfen
  </div>

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    Die wichtigsten Punkte für die pflegefachliche Einschätzung nach einem Krankenhausaufenthalt:
  </div>


  <div style="display: grid; gap: 12px;">

    <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start; padding:12px 14px; background:#ffffff; border-radius:5px;">
      <div style="font-size:1.25em; color:#3f7f8d;">☐</div>
      <div>
        <strong>Unterlagen</strong><br>
        Sind Entlassungsbrief, Befunde, Verordnungen und Nachsorgetermine vorhanden?
      </div>
    </div>

    <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start; padding:12px 14px; background:#ffffff; border-radius:5px;">
      <div style="font-size:1.25em; color:#3f7f8d;">☐</div>
      <div>
        <strong>Medikation</strong><br>
        Was wurde neu angesetzt, abgesetzt, anders dosiert oder nur vorübergehend verordnet?
      </div>
    </div>

    <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start; padding:12px 14px; background:#ffffff; border-radius:5px;">
      <div style="font-size:1.25em; color:#3f7f8d;">☐</div>
      <div>
        <strong>Kognition und Aufmerksamkeit</strong><br>
        Bestehen neue Verwirrtheit, Unaufmerksamkeit, Schläfrigkeit, Unruhe oder deutliche Schwankungen?
      </div>
    </div>

    <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start; padding:12px 14px; background:#ffffff; border-radius:5px;">
      <div style="font-size:1.25em; color:#3f7f8d;">☐</div>
      <div>
        <strong>Mobilität</strong><br>
        Haben sich Aufstehen, Transfer oder Gehen verändert?
      </div>
    </div>

    <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start; padding:12px 14px; background:#ffffff; border-radius:5px;">
      <div style="font-size:1.25em; color:#3f7f8d;">☐</div>
      <div>
        <strong>Essen und Trinken</strong><br>
        Haben sich Selbstständigkeit, Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme, Kauen oder Schlucken verändert?
      </div>
    </div>

    <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start; padding:12px 14px; background:#ffffff; border-radius:5px;">
      <div style="font-size:1.25em; color:#3f7f8d;">☐</div>
      <div>
        <strong>Schmerzen und Beschwerden</strong><br>
        Gibt es neue oder verstärkte Schmerzen, Fieber, Atemnot oder andere Auffälligkeiten?
      </div>
    </div>

    <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start; padding:12px 14px; background:#ffffff; border-radius:5px;">
      <div style="font-size:1.25em; color:#3f7f8d;">☐</div>
      <div>
        <strong>Ausscheidung</strong><br>
        Bestehen Veränderungen bei Kontinenz, Miktion oder Stuhlgang?
      </div>
    </div>

    <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start; padding:12px 14px; background:#ffffff; border-radius:5px;">
      <div style="font-size:1.25em; color:#3f7f8d;">☐</div>
      <div>
        <strong>Selbstversorgung</strong><br>
        Wird mehr Unterstützung bei Körperpflege, Ankleiden oder Toilettengang benötigt?
      </div>
    </div>

    <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start; padding:12px 14px; background:#ffffff; border-radius:5px;">
      <div style="font-size:1.25em; color:#3f7f8d;">☐</div>
      <div>
        <strong>Neue Versorgungserfordernisse</strong><br>
        Gibt es neue Wunden, Katheter, ein Stoma, Hilfsmittel oder andere medizinisch-pflegerische Anforderungen?
      </div>
    </div>

    <div style="
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      <div style="font-size:1.25em; color:#3f7f8d;">☐</div>
      <div>
        <strong>Konsequenzen</strong><br>
        Was muss abgeklärt, weitergegeben oder in der Maßnahmenplanung verändert werden?
      </div>
    </div>

  </div>

</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dokumentiert werden sollten vor allem konkrete Veränderungen gegenüber dem Zustand vor dem Krankenhausaufenthalt. Pauschale Formulierungen wie „deutlich abgebaut“, „verwirrter“ oder „Mobilität schlechter“ helfen dabei wenig. Aussagekräftiger ist eine Beschreibung dessen, was aktuell nicht mehr, anders oder nur mit zusätzlicher Unterstützung möglich ist.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dabei gilt nicht: Jede fehlende Einzelangabe ist automatisch ein Pflegefehler. Die QPR bewerten auch, ob relevante Informationen vorlagen und angemessen auf den tatsächlichen Bedarf reagiert wurde. Problematisch wird es insbesondere dann, wenn wesentliche Veränderungen nicht erfasst werden und deshalb keinen Eingang in Planung und Versorgung finden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Auch das Krankenhaus trägt Verantwortung</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Krankenhäuser sind nach § 39 Abs. 1a SGB V zu einem Entlassmanagement verpflichtet. Ziel ist ein möglichst nahtloser Übergang in die medizinische, rehabilitative oder pflegerische Anschlussversorgung. Fehlen nach der Rückkehr dennoch Informationen, die für eine sichere Versorgung notwendig sind, müssen Pflegefachpersonen diese Lücke erkennen und eine Klärung anstoßen. Die Verantwortung für ein unvollständiges Entlassmanagement liegt damit nicht allein bei Pflegeheim oder Pflegedienst – die sichere Weiterführung der Pflege darf daran aber ebenfalls nicht scheitern.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nach dem Krankenhaus beginnt nicht einfach wieder die alte Pflege</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Rückkehr ist ein pflegefachlicher Übergang. Neu beurteilt werden müssen Pflegebedarf, Risiken, erhaltene Fähigkeiten und möglicher weiterer Abklärungsbedarf. Ebenso muss geprüft werden, ob die bisherige Maßnahmenplanung die aktuelle Situation noch abbildet. Gerade bei Menschen mit Demenz sollte deshalb nicht bei der Feststellung stehen geblieben werden, jemand habe „im Krankenhaus abgebaut“. Die entscheidende Frage lautet:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Was konnte dieser Mensch vor dem Krankenhausaufenthalt – und was braucht er jetzt? Aus diesem Vergleich ergeben sich die nächsten pflegerischen Schritte.</p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Quellen &amp; weitere Infos</p>



<p class="wp-block-paragraph">BARMER: Krankenhausreport 2025 – Demenzerkrankungen in Deutschland.<br><a href="https://www.barmer.de/resource/blob/1402256/0c434f16f2c20c0f2204e4d7d58566c9/dl-krankenhausreport-2025-data.pdf">https://www.barmer.de/resource/blob/1402256/0c434f16f2c20c0f2204e4d7d58566c9/dl-krankenhausreport-2025-data.pdf</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Medizinischer Dienst Bund: Qualitätsprüfungs-Richtlinien für die vollstationäre Pflege, insbesondere Qualitätsaspekt 4.2 „Überleitung bei Krankenhausaufenthalten“.<br><a href="https://md-bund.de/richtlinien-publikationen/richtlinien/grundlagen-fuer-begutachtungen-und-qualitaetspruefungen/qualitaetspruefungen.html">https://md-bund.de/richtlinien-publikationen/richtlinien/grundlagen-fuer-begutachtungen-und-qualitaetspruefungen/qualitaetspruefungen.html</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Medizinischer Dienst Bund: Qualitätsprüfungs-Richtlinien ambulante Pflege Teil 1a – Ambulante Pflegedienste, gültig ab 30. Juli 2026, insbesondere Qualitätsaspekt 1.1 „Aufnahmemanagement“.<br><a href="https://md-bund.de/richtlinien-publikationen/pflegequalitaet/qualitaetspruefungen-rechtliche-grundlagen-ambulante-pflegedienste.html">https://md-bund.de/richtlinien-publikationen/pflegequalitaet/qualitaetspruefungen-rechtliche-grundlagen-ambulante-pflegedienste.html</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Pflegeberufegesetz, § 4: Vorbehaltene Aufgaben.<br><a href="https://www.gesetze-im-internet.de/pflbg/__4.html">https://www.gesetze-im-internet.de/pflbg/__4.html</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bundesministerium für Gesundheit: Entlassmanagement nach § 39 Abs. 1a SGB V.<br><a href="https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/e/entlassmanagement">https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/e/entlassmanagement</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/21/nach-dem-krankenhaus-was-pflegefachpersonen-pruefen-und-dokumentieren-muessen/">Nach dem Krankenhaus: Was Pflegefachpersonen prüfen und dokumentieren müssen</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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					<wfw:commentRss>https://demenz-zeitung.de/2026/09/21/nach-dem-krankenhaus-was-pflegefachpersonen-pruefen-und-dokumentieren-muessen/feed/</wfw:commentRss>
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