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	<title>alzheimer Archive - Demenz-Zeitung</title>
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	<description>Informationen rund um Demenz, Pflege und Versorgung</description>
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	<title>alzheimer Archive - Demenz-Zeitung</title>
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		<title>Wenn es nie still wird: Wie Geräusche Menschen mit Demenz belasten können &#8211; und was Sie tun können</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/10/21/geraeusche-bei-demenz/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Oct 2026 11:16:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[Agitation]]></category>
		<category><![CDATA[alzheimer]]></category>
		<category><![CDATA[Apathie]]></category>
		<category><![CDATA[betreuung]]></category>
		<category><![CDATA[demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Geräuschbelastung]]></category>
		<category><![CDATA[musiktherapie]]></category>
		<category><![CDATA[pflege]]></category>
		<category><![CDATA[Reizüberflutung]]></category>
		<category><![CDATA[Sinnesanregungen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Fernseher läuft im Wohnzimmer, aus der Küche dringt das Radio, in der Tagespflege unterhalten sich mehrere Menschen gleichzeitig. Solche Geräusche gehören zum Alltag. Für Menschen mit Demenz können sie&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/21/geraeusche-bei-demenz/">Wenn es nie still wird: Wie Geräusche Menschen mit Demenz belasten können &#8211; und was Sie tun können</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Fernseher läuft im Wohnzimmer, aus der Küche dringt das Radio, in der Tagespflege unterhalten sich mehrere Menschen gleichzeitig. Solche Geräusche gehören zum Alltag. Für Menschen mit Demenz können sie jedoch zur Belastung werden. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen Zusammenhänge zwischen Geräuschbelastung, Unruhe und Schlafproblemen. Gleichzeitig können Musik und andere Sinnesanregungen positive Wirkungen entfalten. Wie passt das zusammen? Entscheidend ist nicht allein, wie viele Reize auf einen Menschen einwirken, sondern welche Bedeutung sie für ihn haben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wie belastend ist die alltägliche Geräuschkulisse?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ob zu Hause, in der Tagespflege oder im Pflegeheim: Viele Geräusche entstehen nebenbei. Telefone klingeln, Haushaltsgeräte laufen, Menschen führen Gespräche. Häufig nehmen diejenigen, die diese Geräusche verursachen, sie kaum noch bewusst wahr. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 untersuchte die akustische Umgebung in Pflegeheimen. Die Forschenden werteten 35 Studien aus. Neun davon erfassten die Lautstärke und berichteten tagsüber durchschnittliche Geräuschpegel zwischen 55 und 68 Dezibel. Besonders häufig waren menschliche Stimmen und elektronische Geräte zu hören.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Einige Untersuchungen fanden Zusammenhänge zwischen stärkerer Geräuschbelastung, vermehrter Unruhe und beeinträchtigtem Nachtschlaf. Andere konnten entsprechende Auswirkungen nicht bestätigen. Die Ergebnisse belegen daher nicht, dass Lärm zwangsläufig Unruhe verursacht oder eine Verringerung des Geräuschpegels automatisch zu anderem Verhalten führt. Sie machen aber deutlich, dass die akustische Umgebung bei der Versorgung von Menschen mit Demenz Beachtung verdient.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Untersucht wurden überwiegend stationäre Einrichtungen. Die Frage, welche Geräusche hilfreich oder belastend sind, stellt sich allerdings ebenso in der eigenen Wohnung oder in der Tagespflege.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Es geht um mehr als Lautstärke</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Geräusch kann angenehm, bedeutungslos oder belastend sein. Seine Wirkung hängt unter anderem davon ab, ob es vertraut ist, zur Situation passt und von der betroffenen Person eingeordnet werden kann. Die Stimme eines vertrauten Menschen, das Klappern von Geschirr beim gemeinsamen Kochen oder ein bestimmtes Musikstück können Orientierung vermitteln und positive Gefühle auslösen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dagegen können Gesprächsfetzen aus einem anderen Raum, ein unvermittelt klingelndes Telefon oder Stimmen aus dem Fernseher irritierend wirken. Besonders schwierig kann es werden, wenn mehrere Geräuschquellen gleichzeitig um Aufmerksamkeit konkurrieren. Dabei ist auch die persönliche Kontrolle entscheidend. Wer den Fernseher nicht mehr selbst ausschalten, die Lautstärke nicht verändern oder einen Raum nicht ohne Hilfe verlassen kann, ist auf andere Menschen angewiesen. Und genau das trifft zumeist auf Menschen mit fortgeschrittener Demenz zu. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Oft unterschätzt: Selbst ein zunächst angenehmer Reiz kann durch seine Dauer zur Belastung werden. Musik, die für einige Minuten Freude bereitet, muss nicht über Stunden erwünscht sein. Das dauerdudelnde Radio oder der ewig eingeschaltete Fernseher können zur echten Belastung werden. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Apathie lässt sich nicht einfach mit mehr Reizen bekämpfen</h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein verbreiteter Gedanke in der Versorgung von Menschen mit Demenz lautet: Wer wenig Eigeninitiative zeigt, braucht mehr oder andere Beschäftigung und Anregung. Dabei wird leicht übersehen, dass Apathie nicht mit Langeweile gleichzusetzen ist.<br><br>Apathie bezeichnet unter anderem eine verminderte Eigeninitiative, Motivation und Beteiligung. Sie kann im Zusammenhang mit demenzbedingten Veränderungen auftreten. Auch Depressionen, körperliche Beschwerden oder andere behandelbare Einflussfaktoren müssen berücksichtigt werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Mehr Geräusche oder zusätzliche Beschäftigungsangebote sind deshalb keine automatische Lösung. Ein Mensch, der kaum auf seine Umgebung reagiert, muss nicht zwangsläufig unter einem Mangel an Sinnesreizen leiden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dennoch können gezielte Angebote hilfreich sein.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="723" height="1024" src="https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/10/Ein-Reiz-–-drei-Wirkungen-723x1024.png" alt="" class="wp-image-3929" srcset="https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/10/Ein-Reiz-–-drei-Wirkungen-723x1024.png 723w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/10/Ein-Reiz-–-drei-Wirkungen-212x300.png 212w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/10/Ein-Reiz-–-drei-Wirkungen-768x1087.png 768w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/10/Ein-Reiz-–-drei-Wirkungen.png 1054w" sizes="(max-width: 723px) 100vw, 723px" /></figure>
</div>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine 2025 veröffentlichte Metaanalyse von 16 Studien mit insgesamt 974 Teilnehmenden fand positive Effekte multisensorischer Interventionen auf verschiedene neuropsychiatrische Symptome, darunter Apathie und Agitation. Allerdings beruhten die Ergebnisse zur Apathie lediglich auf drei Studien mit 151 Teilnehmenden. Zudem unterschieden sich deren Ergebnisse erheblich. Die Untersuchungen liefern somit Hinweise auf einen möglichen Nutzen, erlauben aber keine pauschale Empfehlung, möglichst viele Reize anzubieten.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch die Forschung zu musikbasierten Interventionen zeigt ein differenziertes Bild. Ein Cochrane-Review von 2025 mit 30 Studien und 1.720 Menschen mit Demenz fand Hinweise auf eine Verbesserung depressiver Symptome, jedoch keinen gesicherten Nutzen hinsichtlich Agitation und Aggression. Eine weitere Metaanalyse, die 2026 veröffentlicht wurde, berichtete dagegen einen moderaten positiven Effekt auf Agitation. Die Studien untersuchten unterschiedliche Interventionen und sind deshalb nur eingeschränkt miteinander vergleichbar.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Für die Praxis bleibt eine wichtige Unterscheidung:</strong> Eine gezielte Aktivität, bei der sich ein Mensch beteiligt und Interesse entwickelt, ist etwas anderes als zusätzliche Hintergrundbeschallung. Ein eingeschaltetes Radio kann eine individuell sinnvolle Beschäftigung nicht ersetzen. Gerade in der stationären Pflege erlebe ich da manchmal fast schon &#8222;automatisiertes&#8220; Einschalten von <a href="https://demenz-zeitung.de/2020/06/30/musik-die-uns-fehlt/">Musik</a>, Radio, Fernseher. Weil die Leute da sonst &#8222;nichts haben&#8220; im Augenblick. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Darf ein Reiz auch einmal unangenehm sein?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nicht jeder hilfreiche Reiz muss von Anfang an vertraut oder beruhigend sein. Auch Neues kann Neugier, Aufmerksamkeit und Interesse auslösen. Das gilt beispielsweise für Musik. Es wäre zu einfach, Menschen mit Demenz grundsätzlich nur Stücke vorzuspielen, die sie bereits aus ihrer Vergangenheit kennen. Eine kleine Untersuchung aus dem Jahr 1998 mit 20 Menschen mit Demenz verglich die Wirkung bekannter und unbekannter Musik auf verschiedene Aufgaben. Bei autobiografischen Erinnerungsaufgaben zeigte sich unter Musik eine bessere Leistung als ohne Musik. Ob die Stücke vertraut waren, machte dabei keinen erkennbaren Unterschied. Die Ergebnisse sind aufgrund der kleinen Stichprobe begrenzt. Sie zeigen aber, dass eine positive Wirkung nicht zwingend an biografische Vertrautheit gebunden sein muss.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Noch interessanter ist die Frage nach emotional unangenehmen Reaktionen.<br>Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung analysierte 108 Videoaufnahmen von 45 Menschen mit überwiegend schwerer Demenz beim Hören individuell ausgewählter Musik. Die Forschenden unterschieden zehn Reaktionsmuster. Dazu gehörten Freude, konzentriertes Zuhören und das Teilen von Erinnerungen. Es wurden aber auch Traurigkeit, emotionales Angesprochensein und ablehnende Reaktionen beobachtet.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein aufschlussreiches Ergebnis der Untersuchung: Manche Menschen empfanden Musik gleichzeitig als schön und traurig, zeigten Tränen, wollten aber dennoch weiterhören. Traurigkeit ist also nicht automatisch ein Zeichen von Belastung. Anders verhält es sich bei Angst, Abwehr oder erkennbarer Überforderung. Auch ungewohnte Musik kann anregend wirken. <br><strong>Menschen jedoch gezielt unangenehmen Reizen auszusetzen, um Apathie zu überwinden, ist wissenschaftlich nicht ausreichend begründet</strong>. Entscheidend ist nicht die bloße Reaktion, sondern wie die betroffene Person den Reiz erlebt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was Sie konkret tun können</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die bisherigen Erkenntnisse lassen sich in allen Versorgungsformen nutzen. Dabei geht es weder um vollständige Stille noch um einen möglichst abwechslungsreichen Geräuschpegel.</p>



<div style="max-width:850px;margin:24px auto;padding:20px;background:#f3f7f8;border:1px solid #d8e4e7;border-radius:14px;font-family:Arial,Helvetica,sans-serif;color:#24343d;font-size:19px !important;line-height:1.6 !important;">

  <p style="font-size:19px !important;line-height:1.6 !important;margin:0 0 22px;">
    Ob zu Hause, in der Tagespflege oder im Pflegeheim:
    Entscheidend ist nicht möglichst viel oder möglichst
    wenig Anregung, sondern der passende Reiz zur
    richtigen Zeit.
  </p>

  <!-- 1. GERÄUSCHE -->
  <section style="background:#fff;border-left:5px solid #387887;border-radius:9px;padding:20px;margin-bottom:16px;">
    <h3 style="font-size:23px !important;line-height:1.35 !important;color:#235e6a;margin:0 0 15px;">
      1. Unnötige Dauergeräusche erkennen
    </h3>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#387887;">
      <span>Prüfen, ob Fernseher und Radio tatsächlich gewünscht oder bewusst genutzt werden.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#387887;">
      <span>Auf gleichzeitig auftretende Geräusche achten: Gespräche, Haushaltsgeräte, Telefone oder Gruppenaktivitäten.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#387887;">
      <span>Überflüssige Geräuschquellen abschalten oder zeitlich und räumlich voneinander trennen.</span>
    </label>
  </section>

  <!-- 2. ANREGUNG -->
  <section style="background:#fff;border-left:5px solid #bf933f;border-radius:9px;padding:20px;margin-bottom:16px;">
    <h3 style="font-size:23px !important;line-height:1.35 !important;color:#866322;margin:0 0 15px;">
      2. Anregung bewusst gestalten
    </h3>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#bf933f;">
      <span>Musik, Gespräche oder Alltagstätigkeiten passend zu Interessen und Bedürfnissen anbieten.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#bf933f;">
      <span>Bei Apathie mit persönlicher Ansprache und kleinen Angeboten beginnen, statt einfach mehr Reize einzusetzen.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#bf933f;">
      <span>Auch Neues ausprobieren. Dabei auf Interesse, Freude und Beteiligung achten, nicht bloß auf irgendeine Reaktion.</span>
    </label>
  </section>

  <!-- 3. RUHE -->
  <section style="background:#fff;border-left:5px solid #648e74;border-radius:9px;padding:20px;margin-bottom:16px;">
    <h3 style="font-size:23px !important;line-height:1.35 !important;color:#426b51;margin:0 0 15px;">
      3. Ruhe und Wahlmöglichkeiten ermöglichen
    </h3>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#648e74;">
      <span>Menschen möglichst selbst entscheiden lassen, ob und wie lange sie Musik oder anderen Geräuschen zuhören möchten.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#648e74;">
      <span>Bei eingeschränkter Selbstständigkeit aktiv Pausen, Abschalten oder einen ruhigeren Platz anbieten.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#648e74;">
      <span>Ruhe nicht mit Isolation verwechseln: Ein leises Gespräch oder gemeinsames Anschauen von Fotos kann ebenfalls anregen.</span>
    </label>
  </section>

  <!-- 4. BEOBACHTEN -->
  <section style="background:#fff;border-left:5px solid #ac665b;border-radius:9px;padding:20px;margin-bottom:16px;">
    <h3 style="font-size:23px !important;line-height:1.35 !important;color:#914b42;margin:0 0 15px;">
      4. Reaktionen und Veränderungen beobachten
    </h3>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#ac665b;">
      <span>Prüfen, ob Unruhe zu bestimmten Zeiten oder bei bestimmten Geräuschsituationen auftritt.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;margin-bottom:14px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#ac665b;">
      <span>Beobachten, ob sich das Verhalten nach Abschalten oder Verändern einer Geräuschquelle verändert.</span>
    </label>

    <label style="display:flex;align-items:flex-start;gap:12px;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;cursor:pointer;">
      <input type="checkbox" style="width:22px;height:22px;min-width:22px;margin-top:5px;accent-color:#ac665b;">
      <span>Angst, Abwehr und Anspannung ernst nehmen. Andere mögliche Ursachen wie Schmerzen, Schlafmangel oder ein Delir fachlich abklären.</span>
    </label>
  </section>

  <!-- MERKSATZ -->
  <div style="background:#dcebee;border-radius:9px;padding:18px 20px;color:#204e5a;font-size:19px !important;line-height:1.55 !important;">
    <strong>Merksatz:</strong> Nicht jeder Reiz hilft.
    Nicht jede Stille schadet. Entscheidend ist,
    wie der Mensch die Situation erlebt.
  </div>

</div>



<h2 class="wp-block-heading">Fazit: Nicht mehr Reize, sondern die richtigen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Menschen mit Demenz brauchen weder permanente Beschäftigung noch eine möglichst geräuscharme Umgebung um jeden Preis. Die Forschung spricht dafür, belastende Geräuschkulissen kritisch zu hinterfragen und gezielte Sinnesanregungen individuell zu gestalten. Dabei können auch neue, ungewohnte oder emotional berührende Erfahrungen sinnvoll sein.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade bei Apathie wäre es jedoch falsch, fehlende Beteiligung einfach durch eine Steigerung der Reizmenge beantworten zu wollen. Entscheidend ist nicht, dass ein Mensch auf einen Reiz reagiert. Entscheidend ist, was dieser Reiz für ihn bedeutet und wie er ihn erlebt.</p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Quellen und weitere Infos:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Janus, S. I. M. et al. (2021): <em>Sounds in nursing homes and their effect on health in dementia: a systematic review.</em> International Psychogeriatrics, 33(6), 627–644. <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32594932/">PubMed</a></li>



<li>Octary, T. et al. (2025): <em>Multisensory stimulation reduces neuropsychiatric symptoms and enhances cognitive function in older adults with dementia.</em> The Journal of Prevention of Alzheimer&#8217;s Disease, 12(5), 100091. <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39986906/">PubMed</a></li>



<li>van der Steen, J. T. et al. (2025): <em>Music-based therapeutic interventions for people with dementia.</em> Cochrane Database of Systematic Reviews. <a href="https://www.cochrane.org/de/evidence/CD003477_does-music-based-therapy-help-people-dementia">Cochrane</a></li>



<li>Hu, J. &amp; Xu, L. (2026): <em>The impact of music therapy on agitation in elderly patients with dementia.</em> Archives of Gerontology and Geriatrics, 140, 106048. <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41046571/">PubMed</a></li>



<li>Foster, N. A. &amp; Valentine, E. R. (1998): <em>The Effect of Concurrent Music on Autobiographical Recall in Dementia Clients.</em> Musicae Scientiae, 2(2), 143–155. <a href="https://doi.org/10.1177/102986499800200203">DOI</a></li>



<li>Töpfer, N. F. et al. (2024): <em>Sounds of Difference: A Typology of Reactions of People With Dementia to Individualized Music in the Presence of a Monitoring Person.</em> The Gerontologist, 64(6). <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38127309/">PubMed</a></li>
</ul>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/21/geraeusche-bei-demenz/">Wenn es nie still wird: Wie Geräusche Menschen mit Demenz belasten können &#8211; und was Sie tun können</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Demenz vor der Kamera: Was darf Pflege und Betreuung zeigen?</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/10/13/menschen-mit-demenz-auf-social-media-was-ist-erlaubt/</link>
					<comments>https://demenz-zeitung.de/2026/10/13/menschen-mit-demenz-auf-social-media-was-ist-erlaubt/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Oct 2026 12:30:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[altenpflege]]></category>
		<category><![CDATA[alzheimer]]></category>
		<category><![CDATA[angehörige]]></category>
		<category><![CDATA[betreuung]]></category>
		<category><![CDATA[datenschutz bei demenz]]></category>
		<category><![CDATA[demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Einwilligungsfähigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[instagram]]></category>
		<category><![CDATA[pflegethik]]></category>
		<category><![CDATA[Recht am eigenen Bild]]></category>
		<category><![CDATA[rechtameigenenbild]]></category>
		<category><![CDATA[socialmedia]]></category>
		<category><![CDATA[tiktok]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Selfies mit Betroffenen, Videos aus Pflege oder von Betreuungsangeboten und sogar Livestreams: Immer wieder werden pflegebedürftige Menschen auf Social-Media-Plattformen öffentlich gezeigt. Nicht nur, aber besonders bei Menschen mit Demenz stellen&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/13/menschen-mit-demenz-auf-social-media-was-ist-erlaubt/">Demenz vor der Kamera: Was darf Pflege und Betreuung zeigen?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><em>Selfies mit Betroffenen, Videos aus Pflege oder von Betreuungsangeboten und sogar Livestreams: Immer wieder werden pflegebedürftige Menschen auf Social-Media-Plattformen öffentlich gezeigt. Nicht nur, aber besonders bei Menschen mit Demenz stellen sich dabei erhebliche rechtliche und ethische Fragen. Denn nicht alles, was freundlich aussieht oder gut gemeint ist, darf auch veröffentlicht werden.</em></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Heimbewohnerin singt gemeinsam mit einer Betreuungskraft ein Volkslied. Beide lachen, die Stimmung ist ausgelassen. Eine Kollegin filmt die Szene mit ihrem Smartphone. Wenig später erscheint das Video auf TikTok oder Instagram. Vielleicht mit der Überschrift: „So schön kann Alter sein.“.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Und sicher, solche Aufnahmen können sympathisch wirken. Sie vermitteln Nähe, Freude und einen positiven Blick auf den Alltag. Doch entscheidend ist nicht allein, ob die abgebildeten Menschen glücklich aussehen. Entscheidend ist auch, ob sie damit einverstanden sind, öffentlich gezeigt zu werden – und ob sie die Folgen dieser Veröffentlichung verstehen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade bei Menschen mit Demenz reicht es meiner Meinung nach nicht, einfach nach einer Zustimmung zu fragen. Wer die Bedeutung einer Veröffentlichung nicht versteht, kann darin auch nicht informiert einwilligen. Zudem finden Pflege und Betreuung in einem besonderen Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis statt. Menschen können sich deshalb unter Umständen zu einer Zustimmung gedrängt fühlen, ohne dass ihnen ausdrücklich direkt Druck gemacht wird.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Aufnahmen aus der Pflege vor Gericht landen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dass diese Problematik keineswegs nur theoretisch ist, zeigen mehrere Fälle aus den vergangenen beiden Jahren.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Im September 2026 verurteilte das Amtsgericht Traunstein eine Pflegekraft zu einer Geldstrafe von 1.500 Euro. Die Frau hatte 2024 fünf Bewohner eines Alten- und Pflegeheims in teilweise entblößten und hilflosen Situationen fotografiert. Einige Monate später veröffentlichte sie die Aufnahmen auf YouTube. Nach eigenen Angaben wollte sie damit auf Missstände in der Einrichtung aufmerksam machen. Zwar berücksichtigte das Gericht dieses Motiv, sah aber dennoch den höchstpersönlichen Lebensbereich der betroffenen Menschen verletzt. Bemerkenswert ist, dass die Gesichter der Bewohner auf den Aufnahmen nicht zu erkennen waren. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein weiteres Beispiel ist aus Juni 2025 bekannt. Eine Pflegekraft hatte während ihrer Arbeit in einem Pflegeheim in Unterfranken erotische Aufnahmen angefertigt und live im Internet übertragen. Auf einem der Videos war auch ein kognitiv beeinträchtigter Bewohner zu sehen, der offenbar nicht wusste, dass er gefilmt wurde. Das Amtsgericht Bad Neustadt an der Saale erließ einen Strafbefehl über 2.500 Euro wegen Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Im Februar 2026 sorgte zudem ein Fall aus Delitzsch für Aufmerksamkeit. Ein Pflegehelfer hatte während seiner Arbeit Bewohner eines Pflegeheims bei alltäglichen Verrichtungen live auf TikTok gezeigt. Seine Beschäftigung wurde beendet, die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Fälle unterscheiden sich erheblich. Gemeinsam ist ihnen aber die Frage, wo die Grenzen zwischen öffentlicher Darstellung und dem Schutz pflegebedürftiger Menschen verlaufen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Datenschutzbehörde warnt ausdrücklich</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch die Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit Nordrhein-Westfalen beschäftigt sich inzwischen mit solchen Vorfällen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">In einer Stellungnahme vom 9. Januar 2026 an den nordrhein-westfälischen Landtag berichtete die Behörde von sechs Vorgängen im Zusammenhang mit Livestreams während pflegerischer Tätigkeiten in den Jahren 2024 und 2025. In zwei Fällen konnte ein für die datenschutzrechtliche Prüfung erforderlicher Personenbezug festgestellt werden. Einer dieser Fälle endete mit einer behördlichen Verwarnung; die betreffende Pflegekraft wurde außerdem von ihrem Arbeitgeber gekündigt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Datenschutzbeauftragte vertritt eine ausgesprochen restriktive Position. Sie spricht sich grundsätzlich gegen private Foto- und Filmaufnahmen in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und den privaten Räumen pflegebedürftiger Menschen aus. Insbesondere warnt sie davor, Pflegekräften durch einfache Einwilligungsformulare oder die Unkenntlichmachung von Personen eine vermeintlich rechtssichere Veröffentlichung zu ermöglichen. Gerade Vorgesetzte bzw. Dienstanbieter sollten hier sehr vorsichtig prüfen, was sie &#8211; Formulare hin oder her &#8211; genehmigen. <br>In einer weiteren Mitteilung vom 3. März 2026 machte die Behörde auf Fälle aufmerksam, in denen Pflegekräfte pflegebedürftige Menschen in Reels und Livestreams öffentlich zeigten. Teilweise wurden dabei schwer erkrankte Menschen oder einzelne Körperpartien gefilmt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was ist rechtlich erlaubt – und was nicht?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für die Veröffentlichung erkennbarer Personen sind unter anderem das Recht am eigenen Bild und die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) maßgeblich. Nach § 22 Kunsturhebergesetz dürfen Bildnisse grundsätzlich nur mit Einwilligung der abgebildeten Person verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden. Zwar kennt § 23 bestimmte Ausnahmen, beispielsweise für zeitgeschichtliche Ereignisse. Daraus ergibt sich aber keine allgemeine Erlaubnis, pflegebedürftige Menschen im Heimalltag zu veröffentlichen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Daneben müssen die datenschutzrechtlichen Voraussetzungen erfüllt sein. Die Veröffentlichung von Fotos oder Videos ist eine Verarbeitung personenbezogener Daten, sofern die betroffenen Menschen identifizierbar sind. Wird durch die Aufnahme auch ihr Gesundheitszustand erkennbar, können besonders geschützte Gesundheitsdaten betroffen sein.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Datenschutzaufsichtsbehörde Baden-Württemberg empfiehlt Pflegeeinrichtungen ausdrücklich, für unterschiedliche Veröffentlichungsmedien jeweils eigene Einwilligungen einzuholen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wichtig: eine Zustimmung zu einem Foto für die interne Heimzeitung bedeutet also noch lange nicht automatisch, dass dasselbe Foto auch auf Instagram, TikTok oder der öffentlich zugänglichen Internetseite einer Einrichtung erscheinen darf. Wichtig ist außerdem die Unterscheidung zwischen verschiedenen Aufnahmezwecken.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Und: eine Erlaubnis durch die Einrichtungsleitung oder den Dienstanbieter allein ersetzt ebenso wenig die erforderliche rechtliche Grundlage wie die Zustimmung zu irgendeiner Fotoaufnahme. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Können Menschen mit Demenz überhaupt wirksam in TikTok-Videos einwilligen?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Demenzdiagnose bedeutet nicht automatisch, dass ein Mensch keine wirksamen Entscheidungen mehr treffen kann. Entscheidend ist jedoch, ob er die konkrete Entscheidung und ihre Folgen tatsächlich versteht.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nehmen wir eine 83-jährige Betroffene mit fortgeschrittener Demenz. Eine Betreuungskraft filmt sie beim Singen und fragt: „Darf ich das schöne Video ins Internet stellen?“. Die Betroffene lächelt und antwortet: „Ja, natürlich.“.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Aber was hat sie damit eigentlich erlaubt? Weiß sie, was das Internet ist? Versteht sie, dass TikTok keine private Fotosammlung ist, sondern eine Plattform, auf der möglicherweise Tausende fremde Menschen ihre Aufnahme ansehen können? Begreift sie, dass andere das Video speichern, kommentieren und weiterverbreiten können? Und dass eine Veröffentlichung unter Umständen nicht mehr vollständig rückgängig gemacht werden kann? Niemand muss die technischen Einzelheiten von TikTok oder Instagram kennen, um wirksam einwilligen zu können. Aber die grundsätzliche Bedeutung und Tragweite einer solchen Veröffentlichung muss verstanden werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Kann die Betroffene diese Zusammenhänge aufgrund ihrer fortgeschrittenen Demenz nicht nachvollziehen, ist ihre Zustimmung zur Veröffentlichung keine wirksame informierte Einwilligung. Ein freundliches Nicken, ein Lächeln oder ein einfaches „Ja“ ändern daran nichts. Und, wie werdet Ihr Tiktok- und Instagram-Creators im Zweifel nachweisen, dass die Betroffene die Tragweite ihrer Entscheidung verstanden hatte? </p>



<h2 class="wp-block-heading">Wer stellt fest, ob eine wirksame Einwilligung möglich ist?</h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<div style="background:#f3f7fa;
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padding:22px 26px;
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color:#253746;
line-height:1.65;">

  <p style="font-size:1.15em;
  font-weight:600;
  color:#204d6a;
  margin:0 0 12px;">
    Wer muss die Einwilligung nachweisen?
  </p>

  <p style="font-size:1.1em;
  line-height:1.7;
  margin:0 0 12px;">
    Wer eine Veröffentlichung auf die Einwilligung
    eines Menschen stützen will, muss deren
    Wirksamkeit sicherstellen können.
    Nicht der Mensch mit Demenz muss beweisen,
    dass er die Folgen nicht verstanden hat.
  </p>

  <p style="font-size:0.9em;
  margin:0;
  color:#526575;">
    Rechtliche Grundlage:
    Artikel 7 Absatz 1 DSGVO
  </p>

</div>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nach den Empfehlungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft muss ein Mensch die konkrete Entscheidung verstehen, ihre Folgen einschätzen und selbstbestimmt entscheiden können. Bei einem TikTok-Video bedeutet das: Versteht er, dass Fremde die Aufnahme sehen, speichern und weiterverbreiten können? Weiß er, dass er die Veröffentlichung ablehnen darf? Technische Kenntnisse sind dafür nicht erforderlich.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein einfaches „Ja“ genügt nicht. Bestehen Zweifel an der Einwilligungsfähigkeit, ist eine sorgfältige Prüfung erforderlich. Die NRW-Datenschutzbeauftragte warnt ausdrücklich davor, diese komplexe Aufgabe einzelnen Pflegenden zu überlassen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch Angehörige dürfen nicht allein aufgrund ihrer Verwandtschaft über Bildveröffentlichungen entscheiden. Eine Vertretung ist nur mit entsprechender Vollmacht oder rechtlicher Befugnis möglich. Auch dann müssen der Wille und die Persönlichkeitsrechte des betroffenen Menschen gewahrt bleiben.</p>
</div>
</div>



<h2 class="wp-block-heading">Livestreams: Besonders riskant</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Anders als bei aufgezeichneten Videos lässt sich bei Livestreams kaum kontrollieren, was öffentlich wird. Dritte können unerwartet ins Bild geraten, Gespräche oder gesundheitliche Informationen hörbar werden. Auch verpixelte Gesichter bieten keinen sicheren Schutz vor Identifizierung. Hinzu kommt, dass Zuschauer Übertragungen aufzeichnen und weiterverbreiten können. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Pflegeethik endet nicht beim Datenschutz</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nicht alles, was rechtlich zulässig sein könnte, ist auch pflegeethisch vertretbar. Der <a href="https://deutscher-pflegerat.de/wp-content/uploads/2021/11/ICN_Ethikkodex_2021.pdf">ICN-Ethikkodex für Pflegefachpersonen (2021)</a> verpflichtet zum Schutz der Privatsphäre und vertraulicher Informationen, ausdrücklich auch in sozialen Medien. Die <a href="https://www.icn.ch/sites/default/files/inline-files/E10a_Nurses_Social_Media.pdf">ICN-Positionserklärung „Nurses and social media“ (2015)</a> fordert zudem die Trennung beruflicher und privater Social-Media-Aktivitäten. Es geht damit nicht allein um gesetzliche Vorschriften, sondern um professionelle Verantwortung gegenüber Menschen, die sich Pflege und Betreuung anvertrauen (müssen).</p>



<h2 class="wp-block-heading">Menschenwürde schützen – auch gegen Widerstände</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Pflegefachpersonen tragen eine besondere Verantwortung für den Schutz der Würde, der Privatsphäre und der Persönlichkeitsrechte pflegebedürftiger Menschen. Gerade wenn Menschen mit Demenz ihre Rechte nicht mehr selbst ausreichend wahrnehmen oder verteidigen können, müssen Pflegefachpersonen für sie eintreten. Das erfordert mitunter auch den Mut, Kolleginnen und Kollegen zu widersprechen, Grenzüberschreitungen offen anzusprechen und gegebenenfalls Vorgesetzte einzuschalten. Kollegiale Loyalität darf dort nicht zum Schweigen führen, wo die Würde eines Menschen verletzt wird. Bitte, liebe Kolleginnen und Kollegen, habt Mut, stellvertrend &#8222;Nein.&#8220; zu sagen, wenn es dran ist. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Persönlichkeitsrechte verletzt werden</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Niemand, auch Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen nicht, muss einfach hinnehmen, dass intime, entwürdigende oder ohne ausreichende Rechtsgrundlage veröffentlichte Aufnahmen von ihnen im Internet verbreitet werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Neben der Aufforderung zur Entfernung eines Beitrags kommen Beschwerden bei Datenschutzaufsichtsbehörden oder der zuständigen Heimaufsicht in Betracht. Bei möglichen Straftaten kann auch die Polizei eingeschaltet werden (z.b. etwa wegen unbefugter Verbreitung von Bildnissen nach § 33 KunstUrhG, Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen nach § 201a StGB oder Verletzung von Privatgeheimnissen nach § 203 StGB).</p>



<div style="background:#f3f7fa;
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padding:22px 24px;
margin:28px 0;
line-height:1.65;
color:#253746;">

  <h3 style="margin:0 0 12px;
  color:#204d6a;
  font-size:1.35em;">
    Ohne Ihre Zustimmung im Internet?
    Das können Sie tun!
  </h3>

  <p>
    Sie leben mit Demenz oder begleiten einen
    Menschen mit Demenz? Wenn Fotos oder Videos
    aus einer Pflege- oder Betreuungssituation
    ohne wirksame Einwilligung veröffentlicht
    wurden, müssen Sie das nicht hinnehmen.
    Diese drei Schritte können helfen.
  </p>

  <ol style="padding-left:22px;margin:18px 0;">

    <li style="margin-bottom:17px;">
      <strong>
        Beweise sichern und Löschung verlangen
      </strong>
      <p style="margin:5px 0 0;">
        Notieren Sie die Internetadresse,
        das Datum und den Namen des Profils.
        Sichern Sie gegebenenfalls Screenshots,
        ohne die Aufnahmen selbst weiterzuverbreiten.
        Wenden Sie sich an die Einrichtungsleitung
        beziehungsweise den Pflegedienst und
        verlangen Sie die Prüfung sowie die
        Entfernung unzulässiger Veröffentlichungen.
        Melden Sie den Beitrag zusätzlich bei
        der Plattform, beispielsweise
        TikTok oder Instagram.
      </p>
    </li>

    <li style="margin-bottom:17px;">
      <strong>
        Datenschutzaufsichtsbehörde einschalten
      </strong>
      <p style="margin:5px 0 0;">
        Vermuten Sie einen Datenschutzverstoß,
        können Sie sich an die zuständige
        Datenschutzaufsichtsbehörde wenden.
        Betroffene können dort Beschwerde
        einlegen. Auch Angehörige können
        mögliche Verstöße melden.
        <a href="https://www.datenschutzkonferenz-online.de/datenschutzaufsichtsbehoerden.html"
           target="_blank"
           rel="noopener noreferrer"
           style="color:#175b87;
           text-decoration:underline;">
          Hier finden Sie die Datenschutzbehörden
          der Bundesländer.
        </a>
      </p>
    </li>

    <li style="margin-bottom:5px;">
      <strong>
        Heimaufsicht oder Polizei informieren
      </strong>
      <p style="margin:5px 0 0;">
        Betrifft der Vorfall eine Pflegeeinrichtung,
        können Sie sich an die zuständige
        Heimaufsicht wenden. Bei Aufnahmen,
        die beispielsweise die Hilflosigkeit
        oder den Intimbereich eines Menschen
        zeigen, kann auch eine Strafanzeige
        bei der Polizei in Betracht kommen.
        <a href="https://portal.onlinewache.polizei.de/de/"
           target="_blank"
           rel="noopener noreferrer"
           style="color:#175b87;
           text-decoration:underline;">
          Hier erreichen Sie die Onlinewache
          der Polizei.
        </a>
      </p>
    </li>

  </ol>

  <p style="border-top:1px solid #cbd9e2;
  padding-top:13px;
  margin:15px 0 0;
  font-size:0.92em;">
    <strong>Wichtig:</strong>
    Sie müssen nicht erst sicher wissen,
    ob ein Gesetz verletzt wurde, um einen
    Vorfall zu melden. Angehörige können
    auch ohne Vollmacht auf mögliche
    Rechtsverletzungen hinweisen.
    Wer jedoch Rechte einer anderen Person
    in deren Namen geltend machen möchte,
    benötigt grundsätzlich eine entsprechende
    Vollmacht oder rechtliche Vertretungsbefugnis.
  </p>

</div>



<h2 class="wp-block-heading">Der Mensch ist kein Content</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Soziale Medien können einen wichtigen Beitrag leisten, um gute Pflege und Betreuung sichtbar zu machen, über Demenz aufzuklären oder Vorurteile abzubauen. Auch Menschen mit Demenz haben selbstverständlich das Recht, sich öffentlich zu zeigen, über sich zu sprechen und digitale Medien selbstbestimmt zu nutzen. Problematisch wird es, wenn andere über ihre öffentliche Darstellung entscheiden – oder ihre Beteiligung an der Veröffentlichung hauptsächlich dazu dient, Aufmerksamkeit (Klicks / Follower / Views) für Pflegende, Betreuende, Einrichtungen, Dienste oder auch persönliche Social-Media-Profile zu erzeugen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade die vermeintlich harmlosen Videos verdienen deshalb einen kritischen Blick. Nicht erst die entblößende oder offensichtlich entwürdigende Aufnahme kann eine Grenze überschreiten. Der Umstand, dass ein Mensch mit Demenz in einer Situation Freude zeigt, bedeutet nicht, dass er damit einverstanden ist, diese Situation einem unbegrenzten Publikum zugänglich zu machen. Ist bei Ihnen doch auch nicht so, oder?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Professionelle Pflege muss die Würde eines Menschen auch dort schützen, wo eine Kamera eingeschaltet wird. Und manchmal ist der beste Schutz schlicht, das Smartphone in der Tasche zu lassen.</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<h2 class="wp-block-heading">Quellen und weiterführende Informationen</h2>



<ol start="1" class="wp-block-list">
<li class="has-medium-font-size">Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit NRW (2026): <a href="https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMST18-3332.pdf">„Pflege live – Würde offline: Likes dürfen nie wichtiger als die Menschenwürde sein“. Stellungnahme vom 9. Januar 2026, Landtag NRW, 18/3332 (PDF)</a>.</li>



<li class="has-medium-font-size">Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit NRW (3. März 2026): <a href="https://www.ldi.nrw.de/Patientendaten_Soziale_Medien">„Patient*innendaten gehören nicht in die Sozialen Medien“</a>.</li>



<li class="has-medium-font-size">Der Landesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Baden-Württemberg: <a href="https://www.baden-wuerttemberg.datenschutz.de/faq-datenschutz-in-der-pflege/">FAQ Datenschutz in der Pflege</a>, insbesondere zur Einwilligung und zur Veröffentlichung von Fotografien.</li>



<li>Deutsche Alzheimer Gesellschaft (2024): <a href="https://www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/Alz/pdf/empfehlungen/empfehlungen_einwilligungsfaehigkeit.pdf">Empfehlungen zur Einwilligungsfähigkeit von Menschen mit Demenz (PDF)</a>. Stand November 2024.</li>



<li class="has-medium-font-size">International Council of Nurses (2021): <a href="https://deutscher-pflegerat.de/wp-content/uploads/2021/11/ICN_Ethikkodex_2021.pdf">ICN-Ethikkodex für Pflegefachpersonen, deutsche Fassung (PDF)</a>, insbesondere Ziffern 1.4, 1.5 und 2.7.</li>



<li>International Council of Nurses (2015): <a href="https://www.icn.ch/sites/default/files/inline-files/E10a_Nurses_Social_Media.pdf">Position Statement „Nurses and social media“ (PDF, englisch)</a>.</li>



<li class="has-medium-font-size">Chiemgau24 (22. September 2026): <a href="https://www.chiemgau24.de/chiemgau/traunstein/traunstein-ort29586/nackte-heimbewohner-fotografiert-und-ins-netz-gestellt-urteil-gegen-pflegerin-in-traunstein-94503641.html">Nackte Heimbewohner fotografiert und ins Netz gestellt: Urteil gegen Pflegerin in Traunstein</a>.</li>



<li class="has-medium-font-size">Deutsche Presse-Agentur, veröffentlicht bei n-tv (12. Juni 2025): <a href="https://www.n-tv.de/regionales/bayern/Strafbefehl-fuer-Pflegekraft-nach-Erotikvideo-rechtskraeftig-article25829088.html">Strafbefehl für Pflegekraft nach Erotikvideo rechtskräftig</a>.</li>



<li class="has-medium-font-size">Leipziger Volkszeitung (13. Februar 2026): <a href="https://www.lvz.de/lokales/nordsachsen/skandaloeses-pfleger-video-aus-delitzsch-buergerentscheid-zum-industriegebiet-freiwillige-CFS44FTGLBC7TKU2DFBAATKLI4.html">Berichterstattung über TikTok-Livestreams aus einem Pflegeheim in Delitzsch</a>.</li>



<li>Gesetzliche Grundlagen: <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/kunsturhg/">§§ 22–23 Kunsturhebergesetz – Recht am eigenen Bild</a>, <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/kunsturhg/__33.html">§ 33 Kunsturhebergesetz – Strafvorschrift</a>, <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__201a.html">§ 201a StGB – Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen</a>, <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__203.html">§ 203 StGB – Verletzung von Privatgeheimnissen</a> sowie <a href="https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32016R0679">Datenschutz-Grundverordnung, insbesondere Artikel 7</a>.</li>
</ol>



<p class="has-cyan-bluish-gray-background-color has-background has-medium-font-size wp-block-paragraph"><em>Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag erläutert allgemeine rechtliche und pflegeethische Grundlagen. Er stellt keine rechtliche Einzelfallberatung dar. Ob eine konkrete Aufnahme oder Veröffentlichung zulässig ist, hängt von den jeweiligen Umständen ab.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/13/menschen-mit-demenz-auf-social-media-was-ist-erlaubt/">Demenz vor der Kamera: Was darf Pflege und Betreuung zeigen?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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					<wfw:commentRss>https://demenz-zeitung.de/2026/10/13/menschen-mit-demenz-auf-social-media-was-ist-erlaubt/feed/</wfw:commentRss>
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			</item>
		<item>
		<title>Kann man Alter oder Demenz simulieren? Was Altersanzüge und Demenzparcours wirklich vermitteln – und was nicht</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/10/10/demenzparcours-alterssimulation/</link>
					<comments>https://demenz-zeitung.de/2026/10/10/demenzparcours-alterssimulation/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Oct 2026 08:47:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[Altersbilder]]></category>
		<category><![CDATA[alzheimer]]></category>
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		<category><![CDATA[Pflegefortbildung]]></category>
		<category><![CDATA[pflegewissenschaft]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://demenz-zeitung.de/?p=3902</guid>

					<description><![CDATA[<p>Auch das Thema Demenz folgt &#8222;Modewellen&#8220;. Immer wieder gibt es verschiedene Dinge die man getan haben sollte, anbieten muss oder die einfach &#8222;cool&#8220; sind auf Messen und Ausstellungen. Alterssimulationsanzüge, Demenzparcours&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/10/demenzparcours-alterssimulation/">Kann man Alter oder Demenz simulieren? Was Altersanzüge und Demenzparcours wirklich vermitteln – und was nicht</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch das Thema Demenz folgt &#8222;Modewellen&#8220;. Immer wieder gibt es verschiedene Dinge die man getan haben sollte, anbieten muss oder die einfach &#8222;cool&#8220; sind auf Messen und Ausstellungen. Alterssimulationsanzüge, Demenzparcours und virtuelle Demenzerfahrungen gehören mittlerweile auch zum Repertoire vieler Fortbildungsveranstaltungen. Sie sollen Verständnis fördern, Empathie wecken und einen Perspektivwechsel ermöglichen. Doch was erleben die Teilnehmenden tatsächlich? Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen ein widersprüchliches Bild. Manche Simulationen können sensibilisieren, andere möglicherweise sogar negative Altersbilder verstärken. Vor allem aber stellt sich eine grundsätzliche Frage: Kann man durch künstlich erzeugte Einschränkungen tatsächlich erfahren, wie sich das Leben mit Demenz oder das Altsein anfühlt?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Anzug macht noch keinen alten Menschen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Spezialbrille schränkt das Sichtfeld ein, Gewichte erschweren die Bewegungen, Handschuhe beeinträchtigen die Feinmotorik. Wer einen Alterssimulationsanzug trägt, soll erleben, welche Schwierigkeiten ältere Menschen im Alltag haben können. Manchmal gehören Treppensteigen, das Öffnen einer Verpackung oder das Aufheben kleiner Gegenstände zu den Aufgaben.<br>Ähnlich funktionieren viele Demenzparcours. Die Teilnehmenden sollen alltägliche Handlungen ausführen, während ihre Wahrnehmung beeinträchtigt wird, Ablenkungen auftreten oder die Aufgaben künstlich erschwert werden. Missverständnisse, Fehler und Überforderung sind dabei häufig ausdrücklich Teil des Konzepts.<br>Die Erfahrungen können eindrucksvoll sein. Wer plötzlich Schwierigkeiten hat, eine einfache Aufgabe zu bewältigen, reagiert möglicherweise mit Unsicherheit, Ärger oder Hilflosigkeit.<br>Doch genau hier beginnt ein grundlegendes Problem:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jemand, der einen Alterssimulationsanzug trägt, erlebt zunächst einmal <strong>sich selbst</strong> unter veränderten körperlichen Bedingungen. Er erlebt, wie <strong>er</strong> persönlich darauf reagiert, plötzlich schlechter sehen, hören oder greifen zu können. Daraus folgt aber eben nicht, dass er nun weiß, wie ein 85-jähriger Mensch seinen Alltag empfindet. <br>Ebenso erlebt jemand, der einen Demenzparcours absolviert, <strong>seine eigene Reaktion</strong> auf eine künstlich herbeigeführte Situation. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass er nun wüsste, wie ein Mensch mit Demenz seine Umwelt wahrnimmt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">In der Bewerbung und Begleitung dieser Dinge fehlt sehr oft diese grundlegende Unterscheidung und auch Begleitung und es ist zweifelhaft, dass gerade jungen Menschen auf Messen dieser Unterschied klar vermittelt wird. Schließlich sinkt dann möglicherweise der &#8222;coolness&#8220;-Faktor der Erfahrung. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Klar ist: eine Simulation verändert die Bedingungen des <strong>eigenen Erlebens</strong>. Sie ermöglicht aber keinen direkten Zugang zum Erleben eines anderen Menschen.<br>Diese Unterscheidung ist keineswegs nur philosophisch. Sie betrifft die wissenschaftliche Grundlage, auf der solche Angebote beworben und pädagogisch eingesetzt werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was Alterssimulationsanzüge tatsächlich bewirken</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Forschungsgruppe der Universität Heidelberg veröffentlichte 2022 im <em>European Journal of Ageing</em> eine systematische Übersichtsarbeit über 26 Studien zu Alterssimulationsanzügen. Untersucht wurden körperliche Veränderungen während der Simulation sowie Auswirkungen auf Einstellungen und Empathie gegenüber älteren Menschen. Im Durchschnitt zeigten sich kleine positive Effekte auf die Einstellungen gegenüber älteren Menschen und moderate Effekte auf die gemessene Empathie. Die gewichteten Effektstärken betrugen 0,33 beziehungsweise 0,54.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Anzüge können demnach durchaus etwas bewirken. Gleichzeitig formulierten die Forschenden jedoch eine entscheidende Einschränkung: Es gebe nur wenig Evidenz dafür, dass die Anzüge tatsächliche Alterungsprozesse realistisch abbilden. Sie forderten deshalb weitere Untersuchungen, bei denen die simulierten Einschränkungen systematisch mit den Fähigkeiten älterer Menschen verglichen werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein solcher Vergleich wurde 2022 an der RWTH Aachen durchgeführt. Junge Erwachsene gingen mit und ohne Alterssimulationsanzug auf einem Laufband. Ihre Bewegungsabläufe wurden mit denen gesunder älterer Menschen verglichen. Einige Gangparameter näherten sich durch den Anzug den Werten der älteren Vergleichsgruppe an, andere nicht. Bestimmte körperliche Veränderungen lassen sich also zumindest teilweise nachbilden. Über das subjektive Erleben des Alters sagt dies allerdings wenig aus.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Noch kritischer fiel eine 2024 veröffentlichte Metaanalyse aus der Türkei aus. Die Forschenden werteten sechs Studien mit insgesamt 535 Pflegestudierenden hinsichtlich ihrer Einstellungen gegenüber älteren Menschen aus. Drei Studien mit 207 Studierenden untersuchten die Empathie.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei den Einstellungen zeigte sich insgesamt kein eindeutiger Vorteil der Simulation. Bei der Empathie schnitten die Kontrollgruppen nach der Intervention sogar signifikant besser ab als die Gruppen mit Alterssimulationsanzügen. Zwar bewerteten die Autoren solche Interventionen weiterhin als potenziell nützlich. Die statistischen Ergebnisse stützen jedoch keineswegs die Annahme, ein Alterssimulationsanzug verbessere automatisch die Empathie.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wenn die Simulation das Altersbild verschlechtert</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine weitere Untersuchung aus Heidelberg, veröffentlicht im Dezember 2023, wirft eine grundsätzliche Frage auf: Können Alterssimulationen unbeabsichtigt negative Vorstellungen vom Altsein verstärken?<br><br>In zwei Studien untersuchten Forschende, wie sich das Tragen eines Alterssimulationsanzugs auf die Wahrnehmung des Alters auswirkte. Eine Untersuchung umfasste 165 Erwachsene, eine zweite weitere 63 jüngere und mittelalte Personen.<br>Die Ergebnisse zeigten teilweise negative Veränderungen sowohl bei allgemeinen Vorstellungen über ältere Menschen als auch bei den Erwartungen an das eigene Älterwerden. Die Effektstärken lagen zwischen 0,30 und 0,44. Die Forschenden warnten deshalb vor möglichen unerwünschten Wirkungen.<br><br>Das erscheint nachvollziehbar: Wer Alter innerhalb weniger Minuten vor allem als Verlust von Beweglichkeit, Sehvermögen, Geschicklichkeit und Selbstständigkeit erlebt, könnte anschließend zu der Überzeugung gelangen, Altsein bedeute in erster Linie Einschränkung.<br></p>



<aside style="background-color:#f2f7f3; border-left:5px solid #397454; border-radius:5px; padding:22px 24px; margin:28px 0;">

  <h3 style="margin:0 0 18px 0; font-size:21px; color:#24583d;">
    Was wird bei einer Simulation eigentlich erfasst?
  </h3>

  <p style="margin:0 0 15px 0; line-height:1.65;">
    <strong>1. Körperliche Auswirkungen:</strong><br>
    Bestimmte Einschränkungen beim Sehen, Hören, Greifen oder Gehen lassen sich künstlich erzeugen und messen.
  </p>

  <p style="margin:0 0 15px 0; line-height:1.65;">
    <strong>2. Subjektive Reaktionen:</strong><br>
    Teilnehmende können berichten, wie sie persönlich auf diese Bedingungen reagieren, beispielsweise mit Frustration, Unsicherheit oder Anstrengung.
  </p>

  <p style="margin:0; line-height:1.65;">
    <strong>3. Erleben anderer Menschen:</strong><br>
    Ob diese Reaktionen tatsächlich dem Erleben älterer Menschen oder von Menschen mit Demenz entsprechen, ist damit nicht nachgewiesen.
  </p>

</aside>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Demenz ist keine künstlich erzeugte Überforderung</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei Demenzsimulationen stellt sich das Problem in noch größerer Schärfe.<br>Demenz ist kein einheitliches Krankheitsbild. Unterschiedliche Erkrankungen, Krankheitsstadien und individuelle Voraussetzungen führen zu sehr unterschiedlichen Veränderungen des Denkens, der Wahrnehmung, der Sprache und des Verhaltens.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Mensch mit Alzheimer-Demenz kann andere Schwierigkeiten erleben als jemand mit Lewy-Körper-Demenz oder frontotemporaler Demenz. Selbst Menschen mit derselben Diagnose unterscheiden sich erheblich in ihren Fähigkeiten, Reaktionen und Bewältigungsstrategien.<br>Ein Demenzparcours kann diese Vielfalt kaum berücksichtigen.<br>Vor allem lässt sich eine chronische neurokognitive Erkrankung nicht einfach dadurch nachbilden, dass einem kognitiv gesunden Menschen für kurze Zeit die Bewältigung alltäglicher Aufgaben erschwert wird.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein gesunder Teilnehmer weiß, wie die Aufgabe normalerweise funktioniert. Er verfügt über seine gewohnten kognitiven Fähigkeiten und erlebt, dass ihm deren Anwendung durch künstliche Hindernisse erschwert wird. Er bemerkt den Gegensatz zwischen seinem normalen Leistungsvermögen und der vorübergehenden Beeinträchtigung.<br>Dieses Erleben kann Frustration auslösen. Aber darf daraus geschlossen werden, Menschen mit Demenz seien in vergleichbaren Alltagssituationen ebenso frustriert?<br></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Menschen mit Demenz verfügen über erhaltene Fähigkeiten, langjährig eingeübte Handlungsabläufe und individuelle Strategien im Umgang mit Veränderungen. Ihr Erleben wird durch ihre Biografie, ihre Beziehungen, die Umgebung und die Reaktionen anderer Menschen beeinflusst.<br>Manche nehmen ihre Schwierigkeiten deutlich wahr. Andere erleben bestimmte Veränderungen weniger bewusst. Wieder andere reagieren auf Anforderungen, weil die Situation unverständlich oder die Kommunikation unangemessen ist.<br><strong>Die eigene Überforderung während eines Parcours lässt sich nicht ohne Weiteres auf das Erleben eines Menschen mit Demenz übertragen.</strong></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was die internationale Forschung über Demenzsimulationen sagt</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Weltweit werden unterschiedliche Demenzsimulationen eingesetzt, darunter die <em>Virtual Dementia Tour</em>, VR-Anwendungen und Parcours mit künstlich erzeugten Einschränkungen. Da sich die Verfahren erheblich unterscheiden, ist ihre Wirksamkeit nur eingeschränkt vergleichbar.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Drei internationale Übersichtsarbeiten aus den Jahren 2021, 2024 und 2026 mit jeweils 19, sieben und 17 Studien zeigen ein ähnliches Bild: Simulationen können das Demenzwissen, das Verständnis für Schwierigkeiten Betroffener und teilweise auch die Empathie verbessern. Die Ergebnisse sind jedoch uneinheitlich. Methodische Schwächen, unterschiedliche Messinstrumente und fehlende Langzeituntersuchungen begrenzen ihre Aussagekraft. Entscheidend ist zudem, was überhaupt gemessen wird. Wenn Teilnehmende anschließend angeben, mehr Verständnis für Menschen mit Demenz zu haben, belegt dies noch keine Veränderung ihres tatsächlichen Verhaltens.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ob sie im Pflegealltag besser kommunizieren, Selbstständigkeit gezielter fördern oder in schwierigen Situationen angemessener handeln, bleibt bislang unzureichend untersucht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Braucht gute Wissensvermittlung über Demenz überhaupt eine Simulation?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Interessante Hinweise liefert eine 2026 veröffentlichte randomisierte Studie aus Japan.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Darin wurden fünf Formen der Online-Demenzbildung miteinander verglichen. Die Teilnehmenden erhielten entweder ein Informationsvideo, sahen ein kurzes Drama, erlebten ein Drama mit zusätzlicher VR-Simulation, absolvierten interaktive Simulationsspiele oder betrachteten Dokumentarfilme über Menschen mit Demenz. Alle fünf Formate verbesserten die gemessenen Einstellungen und die Bereitschaft, Menschen mit Demenz zu helfen. Zwischen den Gruppen zeigten sich jedoch keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Veränderung dieser Werte.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die aufwendigeren Simulationsangebote waren somit in dieser Untersuchung nicht nachweisbar wirksamer als ein vergleichsweise einfaches Informationsvideo. Langfristige Veränderungen des tatsächlichen Pflegehandelns wurden allerdings nicht untersucht. Ein weiterer Befund stammt aus einer systematischen Übersichtsarbeit von 2022 zur praktischen Demenzbildung bei Pflegestudierenden. Darin wurden 17 Studien berücksichtigt. Persönliche Lernerfahrungen im unmittelbaren Kontakt mit Menschen mit Demenz und dem betreuenden Fachpersonal zeigten insgesamt stärkere Auswirkungen auf Fähigkeiten und Einstellungen als die untersuchten virtuellen und simulierten Lernformen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das spricht nicht gegen jede Simulation. Es erinnert aber daran, dass das unmittelbare Lernen von und mit Menschen mit Demenz eine besondere Bedeutung besitzt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Internationale Angebote: Zwischen Perspektivwechsel und Wirklichkeitsanspruch</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Internationale Angebote zeigen unterschiedliche Ansätze. Die britische VR-Anwendung <em>A Walk Through Dementia</em> wurde unter Beteiligung von Menschen mit Demenz entwickelt, deren Erfahrungen in die Simulation einflossen. Das australische Programm <em>Enabling EDIE</em> verbindet virtuelle Erfahrungen mit angeleiteter Reflexion und der Vermittlung personenzentrierter Unterstützungsstrategien.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Solche Konzepte gehen über das bloße Erzeugen von Überforderung hinaus. Dennoch bleibt offen, inwieweit die Simulationen das tatsächliche Erleben von Menschen mit Demenz abbilden und nachhaltige Veränderungen im Pflegehandeln bewirken. Bereits 2018 kritisierte die italienische Wissenschaftlerin Alessandra Merizzi die unzureichende wissenschaftliche Grundlage der <em>Virtual Dementia Tour</em> und verwies auf Berichte über erhebliche Belastungen einzelner Teilnehmender. Diese belegen keinen allgemeinen Schaden, verdeutlichen aber einen entscheidenden Punkt: <strong>Emotionale Intensität allein ist kein Qualitätsmerkmal einer Fortbildung.</strong><br>Das ist übrigens ein Punkt, den Pflegende wie Betreuende viel stärker bei der Bewertung und der Auswahl von Schulungen und Fortbildungen berücksichtigen sollten. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Mehr Betroffenheit bedeutet nicht automatisch bessere Pflege</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine häufige Begründung für Demenzparcours lautet, die Teilnehmenden sollten erleben, wie schlimm bestimmte Einschränkungen seien, damit sie anschließend einfühlsamer handeln. Doch ist die erzeugte Betroffenheit tatsächlich ein geeigneter Maßstab?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn ein Teilnehmer nach einem Parcours erklärt, er habe sich hilflos und ausgeliefert gefühlt, kann dies ein wertvoller Ausgangspunkt für eine Diskussion sein. Es kann aber auch eine problematische Vorstellung verfestigen: Menschen mit Demenz seien grundsätzlich hilflos, überfordert und von ihrer Umwelt abhängig.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Damit besteht zumindest das Risiko, dass ausgerechnet eine Veranstaltung, die Verständnis fördern soll, vor allem ein defizitorientiertes Bild der Erkrankung vermittelt. Dass solche unerwünschten Effekte bei Alterssimulationen auftreten können, ist inzwischen empirisch belegt. Für Demenzparcours lässt sich eine entsprechende allgemeine Wirkung bislang nicht hinreichend nachweisen. Das Risiko sollte dennoch berücksichtigt werden und daher brauchen diese Dinge eine offene und differenzierte Begleitung. Nur dann kann ein sinnvoller pädagogischer Nutzen von Demenzparcours entstehen. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Der eigentliche Lerneffekt müsste dann aber aus der anschließenden Auseinandersetzung folgen: Weshalb ist die Aufgabe misslungen? Welche Rahmenbedingungen haben dazu beigetragen? Wie hätte eine andere Anleitung geholfen? Welche Hindernisse hätten entfernt werden können? Und vor allem: Inwiefern lassen sich daraus tatsächlich Erkenntnisse für den Umgang mit Menschen mit Demenz gewinnen, ohne deren individuelles Erleben zu vereinnahmen?</p>



<aside style="background-color:#f2f7f3; border-left:5px solid #397454; border-radius:5px; padding:22px 24px; margin:28px 0;">

  <h3 style="margin:0 0 18px 0; font-size:21px; color:#24583d;">
    Fünf Fragen zur Qualität eines Demenzparcours
  </h3>

  <ol style="margin:0; padding-left:23px; line-height:1.65;">

    <li style="margin-bottom:13px;">
      Welche konkreten Lernziele verfolgt die Simulation?
    </li>

    <li style="margin-bottom:13px;">
      Welche Aspekte der Erkrankung werden tatsächlich nachgebildet, und wie wurde das überprüft?
    </li>

    <li style="margin-bottom:13px;">
      Waren Menschen mit Demenz an der Entwicklung oder Bewertung des Angebots beteiligt?
    </li>

    <li style="margin-bottom:13px;">
      Gibt es eine fachlich angeleitete Nachbesprechung, die auch erhaltene Fähigkeiten und mögliche Fehlinterpretationen berücksichtigt?
    </li>

    <li style="margin-bottom:0;">
      Wird überprüft, ob das Angebot langfristig zu Veränderungen im tatsächlichen Pflegehandeln führt?
    </li>

  </ol>

</aside>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Menschen mit Demenz können selbst Auskunft geben</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Kritik an Demenzsimulationen bedeutet nicht, dass Menschen ohne Demenz niemals verstehen könnten, welche Schwierigkeiten eine neurokognitive Erkrankung mit sich bringt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Fachwissen, Beobachtung, Gespräche und praktische Erfahrungen können das Verständnis selbstverständlich verbessern. Aber das subjektive Erleben eines Menschen lässt sich nicht einfach durch technische Hilfsmittel übertragen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wer wissen möchte, wie ein Mensch mit Demenz seinen Alltag erlebt, sollte deshalb vor allem auch Menschen mit Demenz selbst zuhören. Ihre Berichte über Schwierigkeiten, erhaltene Fähigkeiten, Wünsche, Ängste und gelingende Alltagssituationen vermitteln Perspektiven, die ein künstlich herbeigeführtes Scheitern an einer Aufgabe allein nicht bieten kann. Dies gilt auch für die Pflegeausbildung und Fortbildung. Menschen mit Demenz können selbst aktiv an Bildungsangeboten mitwirken, statt lediglich als Vorbilder für technische Simulationen zu dienen. Das setzt voraus, dass ihre Aussagen ernst genommen werden, auch wenn sie nicht zu den Erwartungen der Veranstalter passen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wilde Idee also: Mit Menschen mit Demenz sprechen, sie einbeziehen, statt ein &#8222;als ob&#8220; aufgrund der eigenen Vorstellung zu simulieren, wo das möglich ist. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Fazit: Ein Perspektivwechsel ist noch kein Perspektiventausch</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Alterssimulationsanzüge und Demenzparcours sind nicht grundsätzlich ungeeignet, Lernprozesse anzustoßen. Einzelne Programme zeigen positive Wirkungen auf Wissen, Einstellungen oder Empathie. Andere Untersuchungen liefern uneinheitliche Ergebnisse oder weisen sogar auf unerwünschte Effekte hin.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die entscheidende Kritik betrifft jedoch einen Anspruch, der über diese Befunde hinausgeht: die Behauptung, eine Simulation ermögliche es, selbst zu erfahren, wie Menschen das Altsein oder das Leben mit Demenz erleben. Dafür fehlt eine hinreichende wissenschaftliche Grundlage.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bildungsträger und Veranstalter sollten deshalb sorgfältig unterscheiden, was solche Angebote tatsächlich vermitteln können und welche Schlussfolgerungen wissenschaftlich nicht gedeckt sind. <strong>Denn zwischen der Erfahrung, wie ich mich unter bestimmten Bedingungen fühle, und dem Wissen, wie ein anderer Mensch sein Leben erlebt, liegt ein erheblicher Unterschied.</strong></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Diese Grenze sollten wir gerade dann respektieren, wenn wir Verständnis und Empathie fördern wollen.</p>



<div style="height:53px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<div style="height:65px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Quellen &amp; Weiterführendes<br><br>Gerhardy, T. H., Schlomann, A., Wahl, H.-W. &amp; Schmidt, L. I. (2022). <a href="https://doi.org/10.1007/s10433-022-00722-1">Effects of age simulation suits on psychological and physical outcomes: a systematic review</a>. <em>European Journal of Ageing</em>, 19, 953–976. Systematische Übersichtsarbeit mit 26 Studien.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Söylemez, B. A., Özgül, E., Akyol, M. A. &amp; Küçükgüçlü, Ö. (2024). <a href="https://doi.org/10.1016/j.nepr.2024.103990">Effectiveness of the aged simulation suit on undergraduate nursing students&#8216; attitudes and empathy toward older adults: A systematic review and meta-analysis</a>. <em>Nurse Education in Practice</em>, 77, 103990.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Schmidt, L. I. et al. (2023). <a href="https://doi.org/10.1007/s10433-023-00793-8">“If this is what it means to be old…”: a mixed methods study on the effects of age simulation on views on aging and perceptions of age-related impairments</a>. <em>European Journal of Ageing</em>, 20, Artikel 47.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Laurentius, T. et al. (2022). <a href="https://doi.org/10.1186/s11556-022-00298-w">Spatiotemporal gait parameters in young individuals wearing an age simulation suit compared to healthy older individuals</a>. <em>European Review of Aging and Physical Activity</em>, 19, Artikel 29.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jones, C., Jones, D. &amp; Moro, C. (2021). <a href="https://doi.org/10.1136/bmjopen-2021-053616">Use of virtual and augmented reality-based interventions in health education to improve dementia knowledge and attitudes: an integrative review</a>. <em>BMJ Open</em>, 11, e053616.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Huang, Y. et al. (2024). <a href="https://doi.org/10.1111/inm.13240">Virtual reality-based simulation intervention for enhancing the empathy of informal caregivers of people with dementia: A mixed-methods systematic review</a>. <em>International Journal of Mental Health Nursing</em>, 33, 241–258.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Li, X., Li, Q., Sun, K. &amp; Conklin, R. (2026). <a href="https://doi.org/10.1093/her/cyag003">Mapping the evidence on virtual reality for dementia caregivers: a scoping review</a>. <em>Health Education Research</em>, 41(2). Übersichtsarbeit mit 17 Studien.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Matsumoto, H., Igarashi, A., Takaoka, M. &amp; Yoshioka-Maeda, K. (2026). <a href="https://doi.org/10.1080/02701960.2026.2623601">Comparing the efficacy of content and media for online dementia education: A five-arm randomized controlled trial</a>. <em>Gerontology &amp; Geriatrics Education</em>.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Adewuyi, M., Morales, K. &amp; Lindsey, A. (2022). <a href="https://doi.org/10.1016/j.nepr.2022.103351">Impact of experiential dementia care learning on knowledge, skills and attitudes of nursing students: A systematic literature review</a>. <em>Nurse Education in Practice</em>, 62, 103351.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Merizzi, A. (2018). <a href="https://doi.org/10.1108/QAOA-11-2017-0042">Virtual Dementia Tour®: limitations and ethics</a>. <em>Quality in Ageing and Older Adults</em>, 19(2), 146–155.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Internationale Praxisbeispiele</strong></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dementia Australia: <a href="https://www.dementia.org.au/professionals/professional-development-and-training/enabling-edie-virtual-reality-dementia">Enabling EDIE – Virtual Reality Dementia Experience</a>. VR-gestütztes Fortbildungsangebot mit angeleiteter Reflexion und personenzentrierten Unterstützungsstrategien.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Alzheimer’s Research UK: <a href="https://www.alzheimersresearchuk.org/campaigns/awtd/">A Walk Through Dementia</a>. Virtual-Reality-Angebot, das unter Beteiligung von Menschen mit unterschiedlichen Demenzformen entwickelt wurde.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/10/demenzparcours-alterssimulation/">Kann man Alter oder Demenz simulieren? Was Altersanzüge und Demenzparcours wirklich vermitteln – und was nicht</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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		<item>
		<title>36 Jahre Einheit – wie unterschiedlich sind Pflege und Demenzversorgung in Ost und West?</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/10/04/36-jahre-einheit-wie-unterschiedlich-sind-pflege-und-demenzversorgung-in-ost-und-west/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Oct 2026 23:18:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik und Panorama]]></category>
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		<category><![CDATA[Ost-West-Unterschiede]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>36 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung sind Unterschiede zwischen Ost und West längst nicht in allen Lebensbereichen verschwunden. Auch bei Pflege und Demenz zeigen aktuelle Daten regionale Muster. Manche Unterschiede&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/04/36-jahre-einheit-wie-unterschiedlich-sind-pflege-und-demenzversorgung-in-ost-und-west/">36 Jahre Einheit – wie unterschiedlich sind Pflege und Demenzversorgung in Ost und West?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">36 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung sind Unterschiede zwischen Ost und West längst nicht in allen Lebensbereichen verschwunden. Auch bei Pflege und Demenz zeigen aktuelle Daten regionale Muster. Manche Unterschiede sind deutlich, andere erstaunlich klein – und nicht für jede naheliegende Frage gibt es überhaupt belastbare Daten.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Blick auf die Häufigkeit von Demenzerkrankungen, häusliche Pflege und die Bezahlung von Altenpflegeprofis zeigt vor allem eines: ein einfaches „Ost gegen West“ wird der Wirklichkeit selten gerecht.  </p>



<h2 class="wp-block-heading">Bei Demenz zeigt sich weiterhin ein Ost-West-Muster</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Besonders interessant sind aktuelle Daten des Robert Koch-Instituts. Auf Grundlage von Krankenkassen-Routinedaten wurde untersucht, wie häufig diagnostizierte Demenzerkrankungen regional auftreten. Für das Jahr 2022 ergibt sich eine administrative Demenzprävalenz von 2,8 Prozent bei Menschen ab 40 Jahren. Bei den über 65-Jährigen waren es 6,9 Prozent.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<div style="border-left: 4px solid #2f5f8f; background: #f3f7fa; padding: 16px 18px; margin: 20px 0;">
  <strong>Wichtig zur Einordnung:</strong><br><br>
  Die Formulierung „höhere Demenzprävalenz im Osten“ ist erklärungsbedürftig. Gemessen wurde eine <em>administrative Prävalenz</em>: Grundlage sind ärztlich dokumentierte Diagnosen in Krankenkassendaten. Menschen mit einer nicht erkannten oder nicht dokumentierten Demenz tauchen darin nicht auf.
</div>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dabei fällt die regionale Verteilung auf: Das RKI beschreibt ein klares Muster mit höheren Prävalenzen in Ostdeutschland und im Osten Bayerns. Höhere Werte finden sich allerdings auch in Teilen des Ruhrgebiets und des Saarlands. Es gibt also keine scharfe Grenze, an der die Demenzhäufigkeit plötzlich von „West“ zu „Ost“ wechselt. Entscheidend ist ein weiterer Punkt: Bei der Analyse wurden regionale Unterschiede der Altersstruktur berücksichtigt. Das Ost-West-Muster lässt sich daher nicht einfach damit erklären, dass in ostdeutschen Regionen mehr ältere Menschen leben. Die Prävalenz wurde auf Grundlage von Routinedaten geschätzt und unter anderem hinsichtlich Alter, Geschlecht und Morbidität adjustiert.</p>
</div>
</div>



<h2 class="wp-block-heading">Warum ist Demenz im Osten häufiger?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Darauf geben die Daten keine einfache Antwort. Aus der Untersuchung lässt sich insbesondere <strong>nicht</strong> ableiten, dass das Leben in Ostdeutschland selbst ein Demenzrisiko darstellt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Als Einflussfaktoren kommen grundsätzlich unterschiedliche gesundheitliche, soziale und versorgungsbezogene Bedingungen infrage – etwa die Verteilung kardiovaskulärer Risikofaktoren, Sozialstruktur, Gesundheitsverhalten oder Unterschiede bei Diagnostik und Versorgung. Welchen Anteil einzelne Faktoren am beobachteten regionalen Muster haben, lässt sich aus den Daten jedoch nicht bestimmen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bemerkenswert ist zugleich die Entwicklung über die Zeit: Zwischen 2017 und 2022 ging die altersstandardisierte Prävalenz von Demenzerkrankungen leicht zurück. Wegen der Alterung der Bevölkerung ist dennoch mit einer steigenden absoluten Zahl von Menschen mit Demenz zu rechnen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was wir über Demenz in Ost und West nicht wissen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Naheliegend wäre nun die Frage, ob sich auch die Versorgung von Menschen mit Demenz systematisch unterscheidet. Werden sie im Osten häufiger zu Hause versorgt? Leben sie häufiger im Pflegeheim? Gibt es Unterschiede beim Schweregrad der Erkrankung oder bei der Verteilung verschiedener Demenzformen?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für solche direkten Ost-West-Vergleiche liegen mir derzeit keine entsprechend belastbaren aktuellen Daten vor, die sich für eine einfache Gegenüberstellung eignen. Auch Pflegegrade als &#8222;Messgröße&#8220; können diese Lücke nicht schließen. Ein Pflegegrad beschreibt schließlich den Grad der Beeinträchtigung der Selbstständigkeit und nicht etwa den Schweregrad einer Demenzerkrankung oder deren Vorhandensein an sich.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für einen Vergleich lohnt deshalb ein Blick auf die Pflege insgesamt. Diese Daten sind nicht demenzspezifisch, beschreiben aber den Versorgungsrahmen, in dem auch viele Menschen mit Demenz leben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Häusliche Pflege: Im Osten häufiger ausschließlich Pflegegeld</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das Wissenschaftliche Institut der AOK befragte im Herbst 2025 bundesweit 1.490 Menschen, die als Hauptpflegepersonen einen Angehörigen mit anerkanntem Pflegegrad zu Hause versorgen. Dabei zeigte sich ein deutlicher Unterschied: In Ostdeutschland gaben 65,5 Prozent der Befragten an, ausschließlich Pflegegeld zu beziehen. In Westdeutschland waren es 52,2 Prozent.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine reine Pflegegeldversorgung bedeutet in der Regel, dass die Pflege überwiegend privat organisiert wird und keine regulären ambulanten Pflegesachleistungen oder Kombinationsleistungen in Anspruch genommen werden. Die Zahlen dürfen jedoch nicht unmittelbar auf Menschen mit Demenz übertragen werden. Die Untersuchung umfasst häusliche Pflege insgesamt. Bei 15,7 Prozent der in der Befragung gepflegten Personen wurde eine Demenz angegeben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Verhinderungspflege wird im Westen häufiger genutzt</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch bei der Verhinderungspflege zeigte sich ein deutlicher Unterschied. Unter den Befragten mit einer ausschließlichen Pflegegeldversorgung nahmen in Westdeutschland 41,0 Prozent Verhinderungspflege in Anspruch. In Ostdeutschland waren es 26,9 Prozent.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Verhinderungspflege soll Angehörige zeitweise entlasten, wenn sie die Pflege etwa wegen Krankheit, Urlaub oder aus anderen Gründen vorübergehend nicht übernehmen können. Warum das Angebot im Osten in dieser Gruppe deutlich seltener genutzt wurde, lässt sich aus der Untersuchung nicht beantworten. Unterschiedliche Versorgungsstrukturen, sozioökonomische Bedingungen oder historisch gewachsene Pflegearrangements können eine Rolle spielen, ein eindeutiger ursächlicher Zusammenhang ist damit jedoch nicht belegt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Interessant ist außerdem: Bei der Intensität der Pflege zeigt sich kaum ein Unterschied. 64,1 Prozent der ostdeutschen und 63,1 Prozent der westdeutschen Befragten waren täglich in die Versorgung eingebunden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Altenpflegeprofis: Die Lohnlücke besteht noch</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch bei der Bezahlung gibt es noch einen Ost-West-Unterschied. Vollzeitbeschäftigte Altenpflegefachkräfte verdienten 2024 im Median 4.189 Euro brutto im Westen und 4.024 Euro im Osten – eine Differenz von 165 Euro beziehungsweise knapp vier Prozent. Bei Altenpflegehilfskräften betrug der Abstand 141 Euro. Die Lohnlücke besteht damit weiter, fällt in der Altenpflege aber vergleichsweise gering aus.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Keine zwei &#8222;Pflegewelten&#8220; – aber messbare Unterschiede</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">36 Jahre nach der Wiedervereinigung lassen sich in Pflege und Demenz also noch regionale Unterschiede erkennen. Für die Demenz ist vor allem der Befund bemerkenswert, dass sich auch nach Berücksichtigung der Altersstruktur ein höheres regionales Prävalenzniveau in Ostdeutschland zeigt. Warum dieses Muster besteht, lässt sich bislang nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei der häuslichen Pflege zeigen aktuelle Befragungsdaten ebenfalls Unterschiede: Im Osten berichten Angehörige häufiger von Pflegearrangements mit ausschließlichem Pflegegeld, während Verhinderungspflege in dieser Gruppe deutlich seltener genutzt wird. Diese Zahlen betreffen allerdings die Pflege insgesamt und dürfen nicht als demenzspezifische Befunde verstanden werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch bei der Bezahlung von Altenpflegekräften ist die frühere Grenze noch messbar – allerdings deutlich schwächer als in vielen anderen Bereichen des Arbeitsmarktes. Die Daten zeigen damit keine zwei völlig unterschiedlichen Pflegesysteme. Sie zeigen aber, dass regionale Unterschiede auch dreieinhalb Jahrzehnte nach der deutschen Einheit noch vorhanden sind – und dass genaueres Hinsehen häufig mehr erklärt als ein einfacher Vergleich von Ost und West.</p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Quellen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Robert Koch-Institut (2025): „Demenzerkrankungen – Prävalenz, Trends und regionale Verteilung in Deutschland. Eine Auswertung auf Basis von GKV-Routinedaten.“ Journal of Health Monitoring 2025. DOI: 10.25646/13078.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wissenschaftliches Institut der AOK – WIdO (2026): „Zur Lage pflegender Angehöriger – Ergebnisse einer bundesweiten Befragung unter Berücksichtigung regionaler Unterschiede.“ WIdOmonitor 1/2026.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung – IAB (2025): „Entgelte von Pflegekräften 2024.“ Auswertung der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/04/36-jahre-einheit-wie-unterschiedlich-sind-pflege-und-demenzversorgung-in-ost-und-west/">36 Jahre Einheit – wie unterschiedlich sind Pflege und Demenzversorgung in Ost und West?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Zu viel des Guten? Wenn gut gemeinte Sprache bei Demenz zur Falle wird</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/10/02/zu-viel-des-guten-wenn-gut-gemeinte-sprache-bei-demenz-zur-falle-wird/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Oct 2026 16:41:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[altenpflege]]></category>
		<category><![CDATA[alzheimer]]></category>
		<category><![CDATA[autonomie,]]></category>
		<category><![CDATA[demenz]]></category>
		<category><![CDATA[elderspeak,]]></category>
		<category><![CDATA[gewohnheit,]]></category>
		<category><![CDATA[herausforderndes verhalten]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[selbstbestimmung,]]></category>
		<category><![CDATA[sprechen mit menschen mit demenz,]]></category>
		<category><![CDATA[überanpassung,]]></category>
		<category><![CDATA[verniedlichung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„So, Frau Müller, das machen Sie ganz prima.“ Der Satz klingt freundlich. Vielleicht sogar besonders zugewandt. Niemand will Frau Müller herabsetzen. Im Gegenteil: Die Pflegeperson möchte Sicherheit vermitteln, Nähe herstellen&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/02/zu-viel-des-guten-wenn-gut-gemeinte-sprache-bei-demenz-zur-falle-wird/">Zu viel des Guten? Wenn gut gemeinte Sprache bei Demenz zur Falle wird</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">„So, Frau Müller, das machen Sie ganz prima.“</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Der Satz klingt freundlich. Vielleicht sogar besonders zugewandt. Niemand will Frau Müller herabsetzen. Im Gegenteil: Die Pflegeperson möchte Sicherheit vermitteln, Nähe herstellen und die Situation möglichst angenehm gestalten. Und trotzdem kann genau darin eine Falle liegen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auf mich wirkt Kommunikation mit Menschen mit Demenz häufig &#8222;verkünstelt&#8220;. Es wird häufig besonders langsam, besonders fürsorglich, besonders einfach oder besonders bestätigend mit Betroffenen gesprochen. Natürlich nicht aus Geringschätzung, sondern aus dem Wunsch, es gut zu machen.Broschüren, Bücher, Webseiten, Schulungen sind voll von entsprechenden Tipps. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">In der Forschung werden solche Kommunikationsformen unter dem Begriff „Elderspeak“ untersucht: gemeint ist eine Sprache gegenüber älteren Menschen, die häufig besonders langsam, vereinfachend, fürsorglich oder beschwichtigend klingt – dabei aber zugleich Kompetenz, Selbstständigkeit oder Erwachsensein des Gegenübers infrage stellen kann.<br>Das Bemerkenswerte daran: Elderspeak muss keineswegs Ausdruck schlechter oder respektloser Pflege sein. Sie kann gerade dort entstehen, wo Menschen sich besonders bemühen, ihre Kommunikation an einen Menschen mit Demenz anzupassen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wenn Anpassung zur Überanpassung wird</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Natürlich muss Kommunikation bei einer Demenz manchmal verändert werden. Lange verschachtelte Sätze können überfordern. Mehrere Informationen gleichzeitig können schwer zu verarbeiten sein. Pausen, klare Aussagen, konkrete Begriffe und jeweils eine Information nach der anderen können das Verstehen erleichtern.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das ist nicht das Problem. Problematisch wird es, wenn aus notwendiger Anpassung eine Überanpassung wird.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dazu können unter anderem gehören:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li class="has-medium-font-size">ungefragte Kosenamen oder Verniedlichungen,</li>



<li class="has-medium-font-size">eine auffällig hohe, singende oder übertrieben fürsorgliche Stimmlage,</li>



<li class="has-medium-font-size">übermäßiges Lob für gewöhnliche erwachsene Handlungen,</li>



<li class="has-medium-font-size">stark vereinfachte oder kindlich wirkende Begriffe,</li>



<li class="has-medium-font-size">suggestive Fragen wie „Das wollen Sie doch bestimmt nicht, oder?“,</li>



<li class="has-medium-font-size">das Vorwegnehmen von Entscheidungen,</li>



<li class="has-medium-font-size">das Sprechen über oder für einen Menschen, obwohl er selbst beteiligt werden könnte.</li>
</ul>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine große Konzeptanalyse wertete 83 theoretische und empirische Arbeiten zu Elderspeak aus. Ein wichtiges Ergebnis: Nicht jede Vereinfachung ist problematisch. Hilfreiche Anpassungen müssen von solchen Merkmalen unterschieden werden, die keinen Verständlichkeitsgewinn bringen und als bevormundend erlebt werden können. Besonders eine übertriebene Prosodie – also ein unnatürlich betonter, häufig kindlich wirkender Tonfall – kann das Verstehen sogar erschweren.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Passe ich meine Sprache an?“, sondern:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">„Passe ich meine Kommunikation an eine konkrete Beeinträchtigung dieses Menschen an – oder an mein Bild davon, wie Menschen mit Demenz sind?“.<br></p>



<div style="border-left: 5px solid #2f6fa3; background: #f4f7f9; padding: 18px 20px; margin: 24px 0;"> <strong>Ein Satz zur Selbstprüfung</strong><br><br> Für Angehörige:<br> „Spreche ich noch mit meiner Mutter, meinem Vater, meinem Partner – oder inzwischen mit der Erkrankung?“<br><br> Für professionell Pflegende und Betreuende:<br> „Spreche ich noch mit Frau Müller – oder mit meinem Bild von einer Bewohnerin mit Demenz?“ </div>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Fürsorge zur Kommunikationsfalle wird</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Elderspeak zeigt sich nicht nur in Verniedlichungen. Oft ist er subtiler: besonders langsames Sprechen, starke Betonung, häufige Wiederholungen, übermäßiges Lob oder Fragen wie „Das ist Ihnen doch zu anstrengend, nicht wahr?“. Solche Formen wirken freundlich und unterstützend, können aber zugleich vermitteln: Ich traue Ihnen weniger zu. Entscheidend ist deshalb, ob eine sprachliche Anpassung tatsächlich einer konkreten Einschränkung dient – oder nur der Vorstellung folgt, Menschen mit Demenz müssten besonders einfach und besonders fürsorglich angesprochen werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade darin liegt die Falle: Elderspeak klingt häufig nicht respektlos. Er klingt fürsorglich.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Sprache Abwehr beeinflusst</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dass es dabei um mehr als Höflichkeit geht, zeigen Untersuchungen aus Pflegeheimen. In einer Studie mit 20 Menschen mit Demenz und 80 aufgezeichneten Pflegesituationen lag die geschätzte Wahrscheinlichkeit für Pflegeabwehr nach normaler Erwachsenensprache bei 26 Prozent, nach Elderspeak bei 55 Prozent. Erfasst wurden unter anderem Nein-Sagen, Wegdrehen, Wegziehen, Schreien, Weinen oder körperliche Gegenwehr.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Beobachtungsstudien allein beweisen noch keine Ursache. Hinweise auf einen tatsächlichen Einfluss liefert jedoch das Trainingsprogramm „Changing Talk“: In einer cluster-randomisierten Studie mit 13 Pflegeheimen sank nach einer Schulung sowohl der Anteil von Elderspeak als auch die beobachtete Pflegeabwehr deutlich. Die Veränderungen hingen statistisch miteinander zusammen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Damit wird Kommunikation selbst zu einem möglichen Bestandteil jener Situationen, die später als „herausforderndes Verhalten“ beschrieben werden. Bei einer Dokumentation wie „Bewohner aggressiv bei Körperpflege“ lohnen sich deshalb weitere Fragen: „Was geschah unmittelbar davor?“. Wie wurde der Mensch angesprochen? Wurde eine Entscheidung bereits vorweggenommen? War eine Frage tatsächlich offen? Wurde ein Nein gehört? Vielleicht beschreibt die Reaktion des Menschen sonst nur die Hälfte der Situation.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Auch deutsche Untersuchungen finden Elderspeak</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Elderspeak ist kein Phänomen amerikanischer Pflegeheime. Eine deutsche Untersuchung analysierte reale Interaktionen zwischen 34 Pflegefachpersonen und 105 älteren Patientinnen und Patienten in Akut- und geriatrischen Krankenhausbereichen. In 97 Prozent der Begegnungen fand sich mindestens eine suggestive oder bestätigungserwartende Rückfrage, unpassende Kollektivpronomen in 70 Prozent, baby-talk-artige Formulierungen in 57 Prozent und intime Anreden in 16 Prozent.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bemerkenswert war: Für bestimmte Formen des Elderspeak spielte die funktionelle Beeinträchtigung eine größere Rolle als die kognitive. Menschen wurden also offenbar nicht nur deshalb anders angesprochen, weil sie schlechter verstanden, sondern auch, weil sie hilfsbedürftiger wirkten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nicht weniger anpassen – sondern genauer</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Elderspeak kann Menschen als weniger kompetent oder weniger selbstbestimmt ansprechen und damit Autonomie und Beteiligung beeinträchtigen. Gerade bei Demenz ist zudem denkbar, dass Unbehagen nicht immer sprachlich erklärt, sondern über Rückzug, Ablehnung oder Pflegeabwehr ausgedrückt wird. Die Antwort darauf ist nicht, jede sprachliche Anpassung zu vermeiden. Kurze klare Aussagen, eine Information nach der anderen, ausreichend Zeit zum Antworten, konkrete Begriffe sowie Zeigen oder Vormachen können das Verstehen erleichtern.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Entscheidend ist, ob diese Unterstützung zum konkreten Menschen passt. Nicht jeder braucht dieselbe Vereinfachung, nicht jeder dieselbe Nähe – und auch ein Kosename ist nicht automatisch problematisch, wenn er ausdrücklich erwünscht ist.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Frage lautet deshalb weniger: „Welche Wörter sind erlaubt?“, sondern: „Was traue ich diesem Menschen sprachlich noch zu – und worauf stütze ich diese Einschätzung?“. Erfahrung und Routine ist hilfreich. Ganz allmählich und unbemerkt können Sie gerade erfahrene Pflegeprofis aber zu Kommunikationsmuster verführen, die nicht adäquat sind. </p>



<div style="border-left: 5px solid #2f6fa3; background: #f4f7f9; padding: 18px 20px; margin: 24px 0;">
<strong>Hören Sie sich selbst einmal einen Tag lang zu</strong><br><br>
• Verändere ich bei Menschen mit Demenz automatisch Stimme oder Tonfall?<br>
• Lobe ich Alltägliches stärker als bei anderen Erwachsenen?<br>
• Sind meine Fragen wirklich offen?<br>
• Nehme ich Fähigkeiten vorweg, statt sie zunächst zu prüfen?<br>
• Würde ich denselben Satz in demselben Ton zu einem gleichaltrigen Menschen ohne Demenz sagen?<br><br>
Elderspeak entsteht oft nicht durch einzelne falsche Sätze, sondern durch schleichende Kommunikationsgewohnheiten. Deshalb braucht gute Demenzbegleitung auch Selbstbeobachtung und Selbstkorrektur.
</div>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Gute Absicht schützt nicht vor Überanpassung</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Vielleicht ist genau das die unbequemste Erkenntnis der Elderspeak-Forschung. Bevormundende Kommunikation entsteht nicht zwingend dort, wo Menschen desinteressiert oder lieblos arbeiten. Sie kann auch aus Fürsorge entstehen: aus dem Wunsch, Verständnis zu erleichtern, Sicherheit zu geben, Widerstand zu vermeiden oder besonders einfühlsam mit einem Menschen mit Demenz umzugehen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Deshalb hilft eine einfache Verbotsliste wenig. Wichtiger ist eine Haltung, die regelmäßig überprüft:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Welche Unterstützung braucht dieser konkrete Mensch wirklich? Und wo spreche ich ihm unbemerkt mehr Kompetenz ab, als die Erkrankung tatsächlich genommen hat? Für Angehörige ebenso wie für professionell Pflegende und Betreuungskräfte gilt deshalb immer wieder eine einfache Frage:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Spreche ich gerade mit diesem Menschen – oder mit meiner Vorstellung von Demenz?</p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph">Quellen und Weiterführendes</p>



<p class="wp-block-paragraph">Williams KN, Herman R, Gajewski B, Wilson K. Elderspeak Communication: Impact on Dementia Care. American Journal of Alzheimer’s Disease &amp; Other Dementias. 2009;24(1):11–20. DOI: 10.1177/1533317508318472. PMID: 18591210.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Herman RE, Williams KN. Elderspeak’s Influence on Resistiveness to Care: Focus on Behavioral Events. American Journal of Alzheimer’s Disease &amp; Other Dementias. 2009;24(5):417–423. DOI: 10.1177/1533317509341949. PMID: 19692706.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Williams KN, Perkhounkova Y, Herman R, Bossen A. A Communication Intervention to Reduce Resistiveness in Dementia Care: A Cluster Randomized Controlled Trial. The Gerontologist. 2017;57(4):707–718. DOI: 10.1093/geront/gnw047. PMID: 27048705.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Shaw CA, Gordon JK. Understanding Elderspeak: An Evolutionary Concept Analysis. Innovation in Aging. 2021;5(3). DOI: 10.1093/geroni/igab023. PMID: 34476301.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnabel EL, Wahl HW, Streib C, Schmidt T. Elderspeak in Acute Hospitals? The Role of Context, Cognitive and Functional Impairment. Research on Aging. 2021;43(9–10):416–427. DOI: 10.1177/0164027520949090. PMID: 32909924.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lillekroken D et al. Elderspeak in Healthcare Settings: How Care, Control and Personhood Intersect in Care Communication – A Qualitative Meta-Synthesis. Journal of Advanced Nursing. 2026. PMID: 42383511.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/10/02/zu-viel-des-guten-wenn-gut-gemeinte-sprache-bei-demenz-zur-falle-wird/">Zu viel des Guten? Wenn gut gemeinte Sprache bei Demenz zur Falle wird</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
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		<title>„Nehmen Sie es nicht persönlich“ – was ist das eigentlich für ein Rat?</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/09/22/nehmen-sie-es-nicht-persoenlich-was-ist-das-eigentlich-fuer-ein-rat/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Sep 2026 11:01:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[aggression bei demenz]]></category>
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		<category><![CDATA[gewalt in der pflege]]></category>
		<category><![CDATA[handgreiflichkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[herausforderndes verhalten]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation bei Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[noncomplaiens]]></category>
		<category><![CDATA[Pflegefachpersonen]]></category>
		<category><![CDATA[pflegende angehörige]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Umgang mit Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[verweigerung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Nehmen Sie es nicht persönlich.“ &#8211; haben Sie das schon mal zu einem Kollegin oder Kollegen in der Pflege nach einem Vorfall mit einem Menschen mit Demenz gesagt? Oder einem&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/22/nehmen-sie-es-nicht-persoenlich-was-ist-das-eigentlich-fuer-ein-rat/">„Nehmen Sie es nicht persönlich“ – was ist das eigentlich für ein Rat?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">„Nehmen Sie es nicht persönlich.“ &#8211; haben Sie das schon mal zu einem Kollegin oder Kollegen in der Pflege nach einem Vorfall mit einem Menschen mit Demenz gesagt? Oder einem Angehörigen? Oder haben Sie diesen Rat selbst schon mal bekommen?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wer Ratgeber zur Demenz liest, Angehörigenschulungen besucht oder sich über den Umgang mit verändertem Verhalten informiert, begegnet diesem Rat immer wieder. Wahrscheinlich habe ich das selbst schon mal irgendwo geschrieben für irgendwen. Der Rat klingt ja auch so schön vernünftig. Schließlich können Beschimpfungen, Anschuldigungen, Zurückweisungen oder körperliche Aggression mit der Demenz zusammenhängen. Sie müssen natürlich nicht das ausdrücken, was ein Mensch tatsächlich über seine Tochter, seinen Ehemann oder seine Partnerin denkt. Und schon gar nicht über mich als Pflegefachperson, denn &#8222;der kennt mich doch gar nicht.&#8220;. Oder?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten kommen bei einem Teil der Menschen mit Demenz vor. Das zu wissen, kann helfen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Aber kann man solche Verhaltensweisen deshalb einfach nicht persönlich nehmen? Was ist mit der Ehefrau, die von ihrem Mann geohrfeigt wird? Mit dem Sohn, den seine Mutter plötzlich einen Dieb nennt, nach der Polizei ruft oder schlecht bei den Nachbarn über ihn spricht, während er sich um die Post und Finanzen kümmert? Was ist mit der Tochter, die sich täglich kümmert und eines Tages zu hören bekommt:„Verschwinde, ich will Dich nie wieder sehen“? </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Vielleicht liegt das Problem schon in der Formulierung. Denn „Nehmen Sie es nicht persönlich“ kann etwas Sinnvolles bedeuten. Es kann aber auch wie die Aufforderung klingen, nicht verletzt, wütend, erschrocken, bestürzt oder traurig zu sein. Und das ist was völlig anderes. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Menschen nehmen Dinge persönlich</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wir sind nunmal keine neutralen Beobachter unserer eigenen Beziehungen. Wenn uns ein Fremder beschimpft, kann uns das treffen. Damit es uns schlimmer trifft, muss mir die Person aber nicht zwingend sehr nahestehen. Oder kann sich jemand vielleicht an seine Schulzeit erinnern, wie er von einem Lehrer wegen seiner &#8222;Dummheit&#8220; vor der ganzen Klasse vorgeführt wurde? Und wie sehr ihn das verletzt hat? Kommen verletzende Worte oder sogar Handgreiflichkeiten von einem Menschen den wir lieben, mit dem wir Jahrzehnte verbracht haben, oder für den wir einen großen Teil unseres Alltags verändert haben und Verzicht üben, besitzen sie doch noch eine ganz andere Bedeutung und Schwere.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade weil uns ein Mensch nahesteht, sind wir für das empfänglich, was von ihm kommt.Das ist zunächst nichts Krankhaftes und auch kein Zeichen dafür, mit einer Demenz nicht angemessen umgehen zu können. Nähe bedeutet immer auch Verletzlichkeit.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die psychologische Forschung zur Emotionsregulation geht zudem nicht davon aus, dass Menschen ihre emotionale Reaktion beliebig abschalten können. Sie unterscheidet vielmehr unterschiedliche Möglichkeiten, mit einer entstandenen oder entstehenden Emotion umzugehen. Eine davon ist die Neubewertung: Wir verändern unsere Interpretation einer Situation. Davon zu unterscheiden ist das bloße Unterdrücken einer emotionalen Reaktion. Die Forschung von James Gross zeigt, dass Neubewertung Gefühle abschwächen kann, während das Unterdrücken ihres Ausdrucks die innere Reaktion nicht einfach verschwinden lässt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Genau deshalb ist „Nehmen Sie es nicht persönlich“ als pauschaler Rat problematisch.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nicht verletzt sein – oder anders einordnen?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Beschimpfung kann verletzen. Eine Zurückweisung kann traurig machen. Ein Schlag kann erschrecken oder wütend machen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das Wissen um die Demenz hebt diese Reaktionen nicht auf. Es kann aber helfen, das Geschehene später anders einzuordnen: Eine Tochter kann verletzt sein und trotzdem wissen, dass die Beschimpfung nicht zwingend ausdrückt, was ihre Mutter tatsächlich über sie denkt. Ein Ehemann kann unter dem „Geh weg!“ seiner Frau leiden, ohne daraus schließen zu müssen, dass ihre gemeinsame Beziehung bedeutungslos geworden ist. Nicht das Gefühl muss verschwinden. Entscheidend ist, welche Bedeutung wir dem Geschehen anschließend geben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Bei Angehörigen trifft ein Satz auf eine ganze Beziehung</h2>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<div style="background:#f3f6f4; border-left:5px solid #708c79; padding:20px 22px; margin:30px 0;">
  <h3 style="margin-top:0;">Aggression gegenüber Angehörigen ist kein Randphänomen</h3>

  <p>In der britischen CARD-Studie wurden 220 Angehörige von Menschen mit Demenz befragt.</p>

  <p style="font-size:1.35em; margin-bottom:4px;">37,3 %</p>
  <p style="margin-top:0;">berichteten, innerhalb der vorausgegangenen drei Monate zumindest gelegentlich psychisch oder körperlich übergriffiges Verhalten durch den Menschen mit Demenz erlebt zu haben.</p>

  <p style="font-size:1.35em; margin-bottom:4px;">36,4 %</p>
  <p style="margin-top:0;">berichteten psychisch übergriffiges Verhalten.</p>

  <p style="font-size:1.35em; margin-bottom:4px;">5,9 %</p>
  <p style="margin-top:0;">berichteten körperlich übergriffiges Verhalten.</p>

  <p style="margin-bottom:0;">Angehörige, die häufiger solche Situationen erlebten, beschrieben auch eine stärkere Verschlechterung der Beziehung zum Menschen mit Demenz.</p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine systematische Übersichtsarbeit mit 25 hochwertigen Studien untersuchte, warum verändertes Verhalten bei Demenz von Angehörigen als besonders belastend erlebt wird.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dabei ging es gerade nicht nur darum, wie häufig bestimmte Verhaltensweisen auftreten. Eine zentrale Rolle spielten Veränderungen von Kommunikation und Beziehung. Angehörige beschrieben ein Gefühl des Verlustes und eine sich verändernde Beziehung zum erkrankten Menschen. Die Forschenden kommen deshalb zu dem Schluss, dass Unterstützung auch die psychischen Bedürfnisse der Angehörigen berücksichtigen muss.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das ist wichtig.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Denn eine Beschimpfung findet nicht im luftleeren Raum statt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Vielleicht kommt sie von der Mutter, deren Anerkennung für die Tochter immer wichtig war. Vom Ehemann, von dem solche Worte früher undenkbar gewesen wären. Oder von einem Vater, für dessen Versorgung der Sohn inzwischen sein halbes Leben organisiert.</p>
</div>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Und manchmal enthält eine Beschimpfung sogar Worte, die an alte Konflikte oder empfindliche Stellen einer Beziehung rühren. Da hilft die Information „Das ist die Demenz!“ möglicherweise bei der Einordnung. Aber sie löscht die Beziehungsgeschichte nicht.</p>



<h2 class="wp-block-heading">„Das ist die Krankheit“ – und trotzdem kann es wehtun</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Zu verstehen, warum sich ein Mensch mit Demenz verändert, kann entlasten. Angst, Desorientierung, Schmerzen oder Überforderung können Verhalten beeinflussen und helfen, eine Situation anders einzuordnen. Doch zwischen „Ich verstehe, woher das kommen könnte oder was die Ursache ist“ und „Es macht mir nichts aus.“ liegt ein großer Unterschied.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Vielleicht ist deshalb ein anderer Gedanke realistischer: Es trifft mich. Aber ich kann lernen, mit diesem Getroffensein umzugehen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Übrigens: auch Pflegefachpersonen sind nicht unberührbar. Fachwissen und professionelle Erfahrung helfen, Verhalten einzuordnen. Sie machen aber nicht immun gegen Beschimpfung oder Gewalt. Studien zeigen bei Pflegepersonen nach aggressiven oder gewalttätigen Situationen unter anderem Stress, Ärger, psychische Belastung sowie erhöhte Risiken für Burnout und traumatische Belastungsreaktionen. Professionalität bedeutet also nicht, dass eine Ohrfeige, eine massive Beschimpfung oder angespuckt zu werden emotional bedeutungslos bleiben muss.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">In diesem Zusammenhang kann man Kolleginnen und Kollegen nur davor warnen, sich auch Stellenazeigen zu bewerben, die irgendwas mit &#8222;Engel&#8220; beinhalten. Gesucht werden dort offenbar Übermenschen, direkt gottgesandt &#8211; die natürlich weder Fehler machen noch durch irgendwas irdisches belastet sein können, oder? </p>



<h2 class="wp-block-heading">Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen Angehörigen und Profis</h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Es wäre falsch, beide Versorgungssituationen einfach gleichzusetzen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Pflegefachperson begegnet dem Menschen in einer beruflichen Rolle. Im Idealfall stehen Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung. Eine Situation kann übergeben, besprochen und analysiert werden. Es gibt eine professionelle Organisation und irgendwann ein Dienstende. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch das schützt keineswegs vollständig. Aber es schafft einen anderen Rahmen. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei Angehörigen findet die Situation häufig mitten in der eigenen Beziehung und im eigenen Zuhause statt. Da hat nicht „ein Patient“ zugeschlagen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Es war der eigene Mann. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nicht „eine Bewohnerin“ hat gesagt: „Ich hasse Dich.“. Es war die eigene Mutter. Und eine halbe Stunde später müssen vielleicht trotzdem das Abendessen vorbereitet, Medikamente gerichtet oder der Toilettengang begleitet werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<div style="background:#f6f4f1; border-left:5px solid #92765e; padding:20px 22px; margin:30px 0;">
  <h3 style="margin-top:0;">Angehörige und Profis: unterschiedliche Belastung</h3>

  <p>Eine deutsche Studie verglich jeweils 25 Angehörige und 25 professionell Pflegende von Menschen mit Demenz.</p>

  <p>Auf der Skala zur Belastung durch aggressives und desorientiertes Verhalten lagen die Mittelwerte bei:</p>

  <p style="font-size:1.35em; margin-bottom:4px;">Angehörige: 8,84 Punkte</p>
  <p style="font-size:1.35em; margin-top:4px;">Professionell Pflegende: 4,12 Punkte</p>

  <p>Die Skala reicht von 0 bis 20 Punkten. Auch durch kognitive Beeinträchtigungen fühlten sich die Angehörigen stärker belastet.</p>

  <p style="margin-bottom:0;"><em>Einordnung:</em> Mit jeweils nur 25 Personen war die Studie klein. Aus den Zahlen lässt sich daher nicht ableiten, dass Angehörige grundsätzlich „doppelt so stark“ belastet sind. Der Unterschied zeigt aber, warum familiäre und berufliche Pflege nicht ohne Weiteres gleichgesetzt werden sollten.</p>
</div>
</div>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine kleine deutsche Untersuchung, in der Angehörige und professionell Pflegende unmittelbar nach einem Krankenhausaufenthalt des Menschen mit Demenz verglichen wurden, zeigt zumindest, dass diese unterschiedlichen Rollen für das Belastungserleben relevant sein können. Die Unterschiede bei der Belastung durch aggressives und desorientiertes Verhalten waren in dieser Untersuchung statistisch signifikant. Bei der Belastung durch die eigentlichen Pflegeaufgaben zeigte sich dagegen kein entsprechender Unterschied.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das macht den Befund besonders interessant: Nicht unbedingt die Tätigkeit selbst unterschied die Gruppen, sondern insbesondere das Erleben bestimmter Veränderungen des Menschen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">„Nicht persönlich nehmen“ ist emotionale Arbeit</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine kanadische Studie beschreibt „Nicht-persönlich-Nehmen“ bei Beschäftigten im Gesundheitswesen ausdrücklich als emotionale Arbeit. <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/04/27/nach-dem-vorfall-nicht-einfach-weitermachen-warum-sie-in-der-pflege-einen-buddy-check-etablieren-sollten/">Aggression musste erklärt, relativiert und innerlich verarbeitet werden.</a> Problematisch wird es, wenn dadurch Gewalt normalisiert oder ihre Wirkung unterschätzt wird.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn selbst professionell Pflegende dafür emotionale Arbeit leisten müssen, ist &#8211; nehmen Sie es nicht persönlich &#8211; kaum zu erwarten, dass Angehörige einfach unberührt bleiben. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Entscheidend ist die Reaktion danach</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die wichtigere Frage lautet deshalb nicht: „Wie schaffe ich es, dass mich das nicht mehr verletzt?“. Und es ist keinesfalls ein Versagen, durch Aussagen oder Handlungen eines Menschen mit Demenz verletzt zu werden. Nach dem Motto: ist er zu stark bist Du zu schwach.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Sondern: „Wie gehe ich damit um, wenn es mich verletzt hat?“. Wut, Kränkung oder Angst sind zunächst Gefühle. Entscheidend ist, was daraus folgt: Abstand herstellen, nicht zurückschlagen, eine Situation beenden, später nach Ursachen suchen oder Unterstützung holen. Nicht Gefühle abzutrainieren sollte das Ziel sein, sondern Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Verstehen heißt nicht aushalten</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Demenz kann erklären helfen, warum ein Mensch schlägt, tritt, kratzt, beißt oder spuckt. Sie verpflichtet aber niemanden, Gewalt auszuhalten. Wer bedroht oder angegriffen wird, darf Abstand herstellen und Hilfe holen. Bei wiederholter oder neuer Aggression sollte nach möglichen Auslösern wie Schmerzen, Delir, Angst oder Überforderung gesucht werden. Empathie und Selbstschutz schließen einander nicht aus. Ich darf jemanden &#8211; in aller (Nächsten-)Liebe &#8211; von seinem Tun abhalten. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Brauchen wir einen anderen Satz?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">„Nehmen Sie es nicht persönlich“ muss nicht automatisch völlig falsch sein. Wenn damit gemeint ist: „Versuchen Sie, das Verhalten nicht als verlässliche Aussage darüber zu verstehen, was dieser Mensch von Ihnen hält“, kann darin eine ausgesprochen hilfreiche Neubewertung liegen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Als Aufforderung, nach einer Beschimpfung, einer Zurückweisung, einem Schlag oder dem Angespucktwerden nicht verletzt, wütend, traurig oder erschrocken zu sein, ist der Satz dagegen fragwürdig – bei Angehörigen ebenso wie bei professionell Pflegenden. Frei nach dem Motto: &#8222;Who cares?&#8220; &#8211; darf unsere Antwort lauten: &#8222;Me!&#8220;. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">In Pflege und Beratung müssen wir uns und andere ernst nehmen. Und das bedeutet, anzuerkennen, dass Menschen keine professionell programmierbaren Beobachter ihrer Beziehungen sind. Wir nehmen Dinge persönlich. Das ist normal. &#8222;Seid Menschen!&#8220; &#8211; auch in Pflege und Betreuung. </p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wir müssen jedoch die Arbeit leisten, mit unserem Getroffensein, mit unseren Gefühlen umzugehen und unsere Reaktionen zu steuern. Das ist wesentlich für die Versorgung von Menschen mit Demenz. <br><br>Jochen Gust<br></p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<h2 class="wp-block-heading">Quellen und weiterführende Informationen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Cooper C, Selwood A, Blanchard M, Livingston G. (2010): „Abusive behaviour experienced by family carers from people with dementia: the CARD study.“ Journal of Neurology, Neurosurgery &amp; Psychiatry 81(6), 592–596. DOI: 10.1136/jnnp.2009.190934. Die Studie mit 220 Angehörigen enthält die im Artikel genannten Häufigkeiten zu psychisch und körperlich übergriffigem Verhalten. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19955110/?utm_source=chatgpt.com">PubMed-Eintrag zur CARD-Studie</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Feast A, Orrell M, Charlesworth G, Melunsky N, Poland F, Moniz-Cook E. (2016): „Behavioural and psychological symptoms in dementia and the challenges for family carers: systematic review.“ British Journal of Psychiatry 208(5), 429–434. DOI: 10.1192/bjp.bp.114.153684. Die systematische Übersicht analysiert insbesondere die Bedeutung von Beziehungs- und Kommunikationsveränderungen für Angehörige. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4853642/?utm_source=chatgpt.com">Volltext der systematischen Übersichtsarbeit</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Seidel D, Thyrian JR. (2019): „Burden of caring for people with dementia – comparing family caregivers and professional caregivers. A descriptive study.“ Journal of Multidisciplinary Healthcare 12, 655–663. DOI: 10.2147/JMDH.S209106. Untersucht wurde das unterschiedliche Belastungserleben von 25 Angehörigen und 25 professionell Pflegenden. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31616154/?utm_source=chatgpt.com">PubMed-Eintrag zur Vergleichsstudie</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Gross JJ. (2002): „Emotion regulation: affective, cognitive, and social consequences.“ Psychophysiology 39(3), 281–291. DOI: 10.1017/S0048577201393198. Grundlagenarbeit zur Unterscheidung von Neubewertung und Unterdrückung emotionaler Reaktionen. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12212647/?utm_source=chatgpt.com">PubMed-Eintrag zur Emotionsregulation</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Funk L, Spencer D, Herron R. (2021): „Making sense of violence and victimization in health care work: The emotional labour of ‘not taking it personally’.“ International Review of Victimology 27(1), 94–110. DOI: 10.1177/0269758020953760. Die qualitative Studie beschäftigt sich unmittelbar mit dem „Nicht-persönlich-Nehmen“ als emotionaler Arbeit im Gesundheitswesen. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0269758020953760?utm_source=chatgpt.com">Studie bei SAGE Journals</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Holst A, Skär L. (2017): „Formal caregivers’ experiences of aggressive behaviour in older people living with dementia in nursing homes: A systematic review.“ International Journal of Older People Nursing 12(4), e12158. DOI: 10.1111/opn.12158. Die Übersicht untersucht die Auswirkungen aggressiver Reaktionen auf professionell Pflegende in der Demenzversorgung. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/opn.12158?utm_source=chatgpt.com">Systematische Übersichtsarbeit bei Wiley</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wang J et al. (2022): „Workplace violence and the risk of post-traumatic stress disorder and burnout among nurses: A systematic review and meta-analysis.“ Journal of Nursing Management 30(7), 2854–2868. DOI: 10.1111/jonm.13809. Die Metaanalyse untersucht psychische Folgen von Gewalterfahrungen bei Pflegepersonen. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36122417/?utm_source=chatgpt.com">PubMed-Eintrag zur Metaanalyse</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als deutschsprachige praktische Weiterinformation bietet die Deutsche Alzheimer Gesellschaft Hinweise zum Umgang mit verändertem Verhalten und Aggressivität. <a target="_blank" rel="noopener" href="https://www.deutsche-alzheimer.de/mit-demenz-leben/umgang-und-kommunikation?utm_source=chatgpt.com">Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Umgang und Kommunikation</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/22/nehmen-sie-es-nicht-persoenlich-was-ist-das-eigentlich-fuer-ein-rat/">„Nehmen Sie es nicht persönlich“ – was ist das eigentlich für ein Rat?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Alzheimer wegoperieren? Wie der Hype um eine experimentelle Hals-OP der Forschung davonlief</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/09/16/alzheimer-wegoperieren-wie-der-hype-um-eine-experimentelle-hals-op-der-forschung-davonlief/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Sep 2026 05:07:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik und Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[alzheimer]]></category>
		<category><![CDATA[Alzheimer-Demenz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein schwer an Alzheimer erkrankter Mensch erkennt wenige Tage nach einer Operation wieder Angehörige, spricht mehr und läuft Monate später durch einen Krankenhausflur: Solche Bilder verbreiteten sich in China über&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/16/alzheimer-wegoperieren-wie-der-hype-um-eine-experimentelle-hals-op-der-forschung-davonlief/">Alzheimer wegoperieren? Wie der Hype um eine experimentelle Hals-OP der Forschung davonlief</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein schwer an Alzheimer erkrankter Mensch erkennt wenige Tage nach einer Operation wieder Angehörige, spricht mehr und läuft Monate später durch einen Krankenhausflur: Solche Bilder verbreiteten sich in China über soziale Medien und sorgten für enorme Aufmerksamkeit.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die dahinterstehende Operation gibt es tatsächlich. Eine etablierte Alzheimertherapie ist sie jedoch bis heute nicht. Im Gegenteil: In China verbreitete sich der Eingriff wesentlich schneller, als seine Wirksamkeit wissenschaftlich überprüft werden konnte. 2025 zog die chinesische Gesundheitsbehörde schließlich die Notbremse und untersagte seine klinische Anwendung zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was wird bei der Operation überhaupt gemacht?</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei der sogenannten tiefen zervikalen lymphatisch-venösen Anastomose – kurz dcLVA – verbindet der Operateur winzige Lymphgefäße tief im Hals mit benachbarten Venen. Eine Anastomose ist dabei schlicht eine operativ geschaffene Verbindung zwischen zwei Gefäßen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Idee dahinter: Der Abtransport von Flüssigkeit und Stoffwechselprodukten aus dem Gehirn könnte dadurch erleichtert werden. Und diese Ausgangsidee ist nicht aus der Luft gegriffen. Das Gehirn besitzt ein sogenanntes glymphatisches System – vereinfacht gesagt ein Flüssigkeits- und „Reinigungssystem“ entlang der Blutgefäße im Gehirn. Daneben gibt es meningeale Lymphgefäße, also Lymphbahnen in den Hirnhäuten. Beide Systeme sind am Abtransport von Stoffen aus dem Gehirn beteiligt. Dazu gehören auch Amyloid und Tau, zwei Eiweiße, die bei der Alzheimer-Krankheit eine wichtige Rolle spielen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Was daraus bislang gerade nicht folgt: dass bei Alzheimer der Abfluss am Hals der entscheidende Engpass ist und dass eine zusätzliche Verbindung zwischen Lymphgefäß und Vene den Krankheitsverlauf wirksam verändert. Das bleibt eine Hypothese.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Vom Einzelfall zum Social-Media-Hype</strong></h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="819" height="1024" src="https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/textunterbrecherhalsop-819x1024.png" alt="" class="wp-image-3806" srcset="https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/textunterbrecherhalsop-819x1024.png 819w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/textunterbrecherhalsop-240x300.png 240w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/textunterbrecherhalsop-768x960.png 768w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/textunterbrecherhalsop.png 1122w" sizes="(max-width: 819px) 100vw, 819px" /></figure>
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<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Der Mikrochirurg Qingping Xie vom Qiushi Hospital in Hangzhou gehörte zu den Pionieren des Verfahrens. Fachveröffentlichungen führen erste Arbeiten im Zusammenhang mit kognitiven Beeinträchtigungen bis 2018 zurück. Als erster dokumentierter dcLVA-Eingriff ausdrücklich zur Behandlung einer Alzheimer-Erkrankung gilt eine Operation im September 2020.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Zunächst fand das Verfahren wenig Beachtung. Das änderte sich aber völlig, als Videos mit teilweise spektakulären Verläufen auf Fachkongressen und später in sozialen Medien kursierten.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nature beschreibt, wie Testimonials und aggressive Marketingkampagnen insbesondere auf den chinesischen Plattformen Douyin und WeChat die Nachfrage anheizten. Tausende Menschen ließen sich operieren. Viele zahlten mehr als 200.000 Yuan – rund 30.000 US-Dollar – für die Hoffnung auf eine Besserung.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bis Ende Juni 2025 sollen nach einer Auswertung der „South China Morning Post“ bereits rund 382 Krankenhäuser in China den Eingriff vorgenommen haben.</p>
</div>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Damit war aus einer experimentellen Operation innerhalb weniger Jahre ein weit verbreitetes Behandlungsangebot geworden – ohne dass zu diesem Zeitpunkt randomisierte kontrollierte Studien einen Nutzen belegt hatten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die größte Studie beweist noch keine Wirksamkeit</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Inzwischen gibt es immerhin größere wissenschaftliche Untersuchungen. Im Februar 2026 erschien eine prospektive Studie mit 139 Menschen mit schwerer Alzheimer-Demenz. Der mediane MMSE-Wert lag zu Beginn bei lediglich 2 Punkten. Der MMSE ist ein kurzer Test verschiedener kognitiver Fähigkeiten und reicht von 0 bis 30 Punkten. Nach sechs Monaten war der MMSE im Mittel um 1,28 Punkte gestiegen. Auch bei Alltagsfähigkeiten und Verhaltenssymptomen wurden Veränderungen beobachtet. Zudem veränderten sich verschiedene Alzheimer-Biomarker in Liquor und Blut.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das Problem: Alle Teilnehmer wurden operiert. Es gab weder eine nicht operierte Kontrollgruppe noch eine Scheinoperation. Außerdem waren nach sechs Monaten 44 der ursprünglich 139 Teilnehmer – 31,7 Prozent – nicht mehr im Follow-up. Damit lässt sich nicht feststellen, welcher Teil der beobachteten Veränderungen tatsächlich durch die angelegte Gefäßverbindung verursacht wurde. Auch die beobachteten Biomarkerveränderungen beweisen bislang nicht, dass dadurch der Alzheimerprozess therapeutisch beeinflusst wurde.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Und der Eingriff ist keine Kleinigkeit: Die Operation dauerte in dieser Studie durchschnittlich rund dreieinhalb Stunden, die Narkose fast fünf Stunden. 31,7 Prozent der Patienten entwickelten vorübergehend <a href="https://demenz-zeitung.de/2025/04/23/persistentes-delir-weit-verbreitet-und-langanhaltend/">ein postoperatives Delir</a>, knapp 60 Prozent Schlafstörungen. Ein Patient musste wegen einer Blutung beziehungsweise eines Hämatoms erneut operiert werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>China stoppte die Behandlung</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Am 8. Juli 2025 veröffentlichte die chinesische National Health Commission das Verbot, dcLVA zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit klinisch anzuwenden. Die Begründung: das Verfahren befinde sich noch in einer frühen experimentellen Forschungsphase, Indikationen und Kontraindikationen seien nicht ausreichend geklärt und für Sicherheit und Wirksamkeit fehle hochwertige evidenzbasierte Evidenz. Die Behörde erklärte also nicht, die Operation sei nachweislich wirkungslos. Sie stellte vielmehr fest, dass sie als Behandlung eingesetzt wurde, bevor ausreichend belegt war, ob sie überhaupt wirkt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Jetzt soll die Forschung nachholen, was zuvor fehlte</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die entscheidenden Untersuchungen beginnen damit erst jetzt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die randomisierte CLEAN-AD-Studie läuft seit März 2026 und soll 376 Menschen einschließen. Verglichen werden dcLVA plus übliche Behandlung mit der üblichen Behandlung allein. Die primäre Auswertung ist für Ende 2028 vorgesehen. Besonders interessant ist CLIVA-AD. Dort werden 50 Teilnehmer randomisiert; die Kontrollgruppe erhält einen Scheineingriff. Der Operationsablauf wird dabei nachgeahmt, aber die entscheidende lymphatisch-venöse Verbindung wird nicht angelegt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade angesichts der teilweise bereits wenige Tage nach einer Operation berichteten spektakulären Verbesserungen ist eine solche Kontrolle entscheidend.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der Hype war schneller als die Evidenz</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Der Fall dcLVA zeigt damit auch ein grundsätzliches Problem moderner Medizin: Bilder und persönliche Erfolgsgeschichten verbreiten sich erheblich schneller als kontrollierte Studien. Eine eindrucksvolle Aufnahme eines Patienten vor und nach einer Operation kann emotional überzeugender wirken als der Hinweis, dass eine Kontrollgruppe fehlt. Sie beantwortet aber nicht die entscheidende Frage: Wie hätte sich derselbe Mensch ohne diese Operation entwickelt?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für dcLVA gibt es eine wissenschaftlich interessante Hypothese und erste messbare Veränderungen nach dem Eingriff. Einen belastbaren Nachweis, dass damit eine Alzheimer-Demenz wirksam behandelt oder gar rückgängig gemacht werden kann, gibt es bislang nicht. Dass mehrere tausend Menschen operiert wurden, bevor diese Frage beantwortet war, ist deshalb mindestens ebenso bemerkenswert wie die Operation selbst.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Der Pionier des Verfahrens, Qingping Xie, befindet sich zudem seit September 2025 in Haft, so weit bekannt. The BMJ berichtet, dass er zunächst wegen des Verdachts auf Versicherungsbetrug festgenommen wurde; öffentlich bekanntgegebene strafrechtliche Anklagen lagen zum Zeitpunkt des BMJ-Berichts im Juli 2026 nicht vor. Dieser Vorgang sagt für sich genommen nichts darüber aus, ob die medizinische Methode wirksam ist – gehört aber zur ungewöhnlichen Geschichte ihrer raschen Verbreitung.</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Quellen:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Fu X et al.: „Deep cervical lymphatic–venous anastomosis attenuates cognitive dysfunction and biomarker abnormalities in severe Alzheimer&#8217;s disease: A prospective single-arm study.“ Alzheimer&#8217;s &amp; Dementia. 2026;22:e71150. DOI 10.1002/alz.71150.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Li G et al.: „Deep cervical lymphaticovenous anastomosis for Alzheimer’s disease: theoretical foundations, regulatory suspension, and translational challenges.“ Frontiers in Aging, 2026.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">National Health Commission of the People&#8217;s Republic of China: Mitteilung zum Verbot der Anwendung der tiefen zervikalen lymphatisch-venösen Anastomose zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit, 2025.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dolgin E.: „A controversial Alzheimer’s surgery is said to reverse symptoms — here’s what scientists know.“ Nature, 2026.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">South China Morning Post: „China bans popular Alzheimer’s disease surgery pending clinical studies“, 11. Juli 2025.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nelson F.: „China has banned an unproven Alzheimer’s operation and detained its inventor, but international clinical trials of dcLVA are still going ahead—why?“ The BMJ. 2026;394:e100302.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">ClinicalTrials.gov: CLEAN-AD, NCT07073066.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">ClinicalTrials.gov: CLIVA-AD, NCT07294885.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/16/alzheimer-wegoperieren-wie-der-hype-um-eine-experimentelle-hals-op-der-forschung-davonlief/">Alzheimer wegoperieren? Wie der Hype um eine experimentelle Hals-OP der Forschung davonlief</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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		<item>
		<title>Mythos Gedächtnistraining: Was lässt sich bei Demenz wirklich trainieren?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Sep 2026 18:27:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[Aktivierung bei Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Alltagskompetenz]]></category>
		<category><![CDATA[alzheimer]]></category>
		<category><![CDATA[betreuung]]></category>
		<category><![CDATA[demenz]]></category>
		<category><![CDATA[demenzpflege]]></category>
		<category><![CDATA[demenzprävention]]></category>
		<category><![CDATA[demenztherapie]]></category>
		<category><![CDATA[fehlerfreies Lernen]]></category>
		<category><![CDATA[Gedächtnisleistung]]></category>
		<category><![CDATA[Gedächtnistraining]]></category>
		<category><![CDATA[kognitive Fähigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[kognitive Rehabilitation]]></category>
		<category><![CDATA[kognitive Stimulation]]></category>
		<category><![CDATA[kognitives Training]]></category>
		<category><![CDATA[Lernen bei Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[neurodegenerative Erkrankungen]]></category>
		<category><![CDATA[pflege]]></category>
		<category><![CDATA[soziale Betreuung]]></category>
		<category><![CDATA[Spaced Retrieval]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://demenz-zeitung.de/?p=3788</guid>

					<description><![CDATA[<p>Rätsel lösen, Wortlisten merken, Sprichwörter ergänzen, Bilder zuordnen oder sich Namen einprägen: Angebote zum „Gedächtnistraining“ für Menschen mit Demenz gibt es in großer Zahl. Daneben gibt es Kurse, Arbeitsmaterialien, Apps,&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/13/mythos-gedaechtnistraining-was-laesst-sich-bei-demenz-wirklich-trainieren/">Mythos Gedächtnistraining: Was lässt sich bei Demenz wirklich trainieren?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Rätsel lösen, Wortlisten merken, Sprichwörter ergänzen, Bilder zuordnen oder sich Namen einprägen: Angebote zum „Gedächtnistraining“ für Menschen mit Demenz gibt es in großer Zahl. Daneben gibt es Kurse, Arbeitsmaterialien, Apps, spezielle Trainingsprogramme und natürlich unzählige Bücher und Webseiten. Viele kommerzielle Anbieter schüren mit falschen Heilsversprechen dabei falsche Hoffnungen bei Betroffenen und Angehörigen, obwohl die wissenschaftliche Faktenlage sehr viel nüchterner ist.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was kann ein solches Training tatsächlich bewirken?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Antwort ist komplizierter als ein einfaches Ja oder Nein zum Thema. Denn Menschen mit Demenz können durchaus von kognitivem Training und kognitiver Stimulation profitieren. Sie können sogar neue Informationen und Handlungen lernen. Problematisch wird es dort, wo daraus wesentlich weitergehende Versprechen abgeleitet werden und unwahre Behauptungen aufgestellt werden: Das Gedächtnis werde durch regelmäßiges Üben allgemein wieder leistungsfähiger, Rätseln übertrage sich automatisch auf die Merkfähigkeit im Alltag oder eine bestehende Demenzerkrankung könne durch „Gehirntraining“ aufgehalten werden.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<div style="background:#f4f7f1; border-left:5px solid #6f8f63; padding:18px 20px; margin:24px 0; border-radius:6px;">
  <p style="margin:0 0 8px 0; font-weight:700; font-size:1.1em;">
    Der entscheidende Punkt
  </p>

  <p style="margin:0;">
    Menschen mit Demenz können weiterhin lernen. Kognitives Training und kognitive Stimulation können bei leichter bis mittelschwerer Demenz messbare positive Effekte haben. Das bedeutet aber nicht, dass ein durch eine neurodegenerative Erkrankung beeinträchtigtes Gedächtnis durch Übung einfach wieder „fit trainiert“ werden kann.
  </p>
</div>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Das Gedächtnis ist kein Muskel</strong></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Hinter vielen Vorstellungen vom Gedächtnistraining steckt ein eingängiges Bild: So wie ein Muskel durch regelmäßige Belastung kräftiger wird, müsse auch das Gedächtnis durch regelmäßiges Training leistungsfähiger werden. Für eine Demenzerkrankung greift diese Vorstellung jedoch zu kurz.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei der Alzheimer-Krankheit und anderen neurodegenerativen Erkrankungen bestehen krankhafte Veränderungen des Gehirns. Kognitives Training beseitigt diese zugrunde liegende Erkrankung nicht. Das bedeutet keineswegs, dass das Gehirn nicht mehr lernfähig wäre oder Training wirkungslos sein müsste. Aber hier ist Präzision wichtig:</p>
</div>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie Demenzen schlägt kognitives Training bei Menschen mit leichter und mittelschwerer Demenz ausdrücklich vor. Grundlage ist unter anderem eine Metaanalyse von 33 Studien: Gegenüber Kontrollbedingungen zeigte sich ein moderater Effekt auf Maße der allgemeinen Kognition. Gleichzeitig bewertet die Leitlinie die Vertrauenswürdigkeit dieser <strong>Evidenz nur als niedrig</strong>. Gegenüber anderen aktiven Interventionen ließ sich zudem <strong>keine sichere Überlegenheit</strong> des kognitiven Trainings nachweisen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">„Gedächtnistraining wirkt überhaupt nicht“ wäre deshalb ebenso falsch wie „Gedächtnistraining macht das Gedächtnis wieder fit“.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was bedeutet eigentlich „Verbesserung der Kognition“?</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dieser Unterschied ist entscheidend.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn Menschen nach einem Trainingsprogramm bei kognitiven Tests bessere Ergebnisse erzielen, ist das zunächst ein relevanter Befund. Daraus darf aber nicht automatisch geschlossen werden, dass für sie nun sämtliche Aufgaben für die Gedächtnisleistungen im Alltag eine Rolle spielen, leichter oder besser zu bewältigen wären.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die entscheidenden Fragen lauten beispielsweise: Findet jemand wegen des Gedächtnistrainings häufiger seine verlegte Brille wieder? Erinnert er sich zuverlässiger daran, ob er seine Medikamente bereits eingenommen hat? Kann er sich besser merken, was ihm am Vormittag erzählt wurde? Wird er selbstständiger in seinem Alltag? Sowas wird beim Thema Gedächtnistraining immer wieder suggeriert. Aber genau hier wird die Studienlage wesentlich zurückhaltender.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Der Cochrane-Review zum kognitiven Training fand zwar kleine bis moderate positive Effekte auf die globale Kognition und beispielsweise auf die semantische Wortflüssigkeit. Für die Fähigkeit, alltägliche Aktivitäten auszuführen, fanden die Autoren dagegen <strong>keine entsprechenden Verbesserungen</strong>. Auch gegenüber anderen aktiven Behandlungen zeigte sich keine überzeugende Überlegenheit des Trainings. Das bedeutet nicht, dass ein Transfer grundsätzlich unmöglich wäre. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Es bedeutet: Aus einem Erfolg bei einer Trainingsaufgabe, beim Gedächtnistraining, darf ein allgemeiner Nutzen im Alltag nicht einfach abgeleitet werden. Und sollte dementsprechend auch nicht werblich gegenüber Betroffenen und ihren Angehörigen benutzt werden, nur um seinen Kurs oder sein Buch zu bewerben.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="576" height="1024" src="https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/mythosimtext-576x1024.png" alt="" class="wp-image-3793" srcset="https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/mythosimtext-576x1024.png 576w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/mythosimtext-169x300.png 169w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/mythosimtext-768x1365.png 768w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/mythosimtext-864x1536.png 864w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/mythosimtext.png 941w" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" /></figure>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<h3 class="wp-block-heading has-medium-font-size">Menschen mit Demenz können durchaus Neues lernen</h3>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Demenz bedeutet nicht, dass jede Form des Lernens verloren geht. Verschiedene Gedächtnis- und Lernprozesse sind unterschiedlich betroffen. Gerade bei leichter bis mittelschwerer Demenz können verbliebene Fähigkeiten gezielt genutzt werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Beispiel ist das Spaced Retrieval: Eine konkrete Information wird zunächst nach kurzer Zeit und anschließend in zunehmend längeren Abständen wieder abgerufen. Studien zeigen, dass Menschen mit Demenz damit beispielsweise Namen-Gesicht-Zuordnungen oder andere spezifische Informationen lernen können. Wie gut sich solche Lernerfolge auf andere Situationen übertragen und wie dauerhaft sie sind, ist allerdings nicht abschließend geklärt. Auch das sogenannte fehlerfreie Lernen kann helfen, konkrete Alltagshandlungen zu erlernen oder wiederzuerlernen. Dabei wird der Lernprozess so gestaltet, dass Fehler möglichst vermieden werden. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das ist praktisch bedeutsam. Die Aussage lautet aber: „Dieser Mensch kann diese Information oder Handlung lernen.“ Nicht: „Sein Gedächtnis ist insgesamt besser geworden.“</p>
</div>
</div>



<div style="background:#f6f8f4; border-radius:8px; padding:20px; margin:26px 0; border:1px solid #dfe6da;">

  <p style="margin:0 0 16px 0; font-size:1.15em; font-weight:700; color:#2f4735;">
    Lernen ja – Generalisierung nicht automatisch
  </p>

  <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start; margin-bottom:12px;">
    <div style="min-width:30px; height:30px; border-radius:50%; background:#dfead9; display:flex; align-items:center; justify-content:center; font-size:18px;">
      ✓
    </div>
    <div>
      Eine bestimmte Information lernen: <strong>möglich.</strong>
    </div>
  </div>

  <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start; margin-bottom:12px;">
    <div style="min-width:30px; height:30px; border-radius:50%; background:#dfead9; display:flex; align-items:center; justify-content:center; font-size:18px;">
      ✓
    </div>
    <div>
      Eine konkrete Handlung wiedererlernen: <strong>möglich.</strong>
    </div>
  </div>

  <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start; margin-bottom:12px;">
    <div style="min-width:30px; height:30px; border-radius:50%; background:#dfead9; display:flex; align-items:center; justify-content:center; font-size:18px;">
      ✓
    </div>
    <div>
      Bei bestimmten kognitiven Tests besser abschneiden: <strong>möglich.</strong>
    </div>
  </div>

  <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start; margin-bottom:12px;">
    <div style="min-width:30px; height:30px; border-radius:50%; background:#f4ead0; display:flex; align-items:center; justify-content:center; font-size:18px;">
      !
    </div>
    <div>
      Daraus eine allgemeine Verbesserung sämtlicher Gedächtnisleistungen ableiten:
      <strong>nicht zulässig.</strong>
    </div>
  </div>

  <div style="display:flex; gap:12px; align-items:flex-start;">
    <div style="min-width:30px; height:30px; border-radius:50%; background:#f1dddd; display:flex; align-items:center; justify-content:center; font-size:18px;">
      ×
    </div>
    <div>
      Eine bestehende Demenzerkrankung durch Übungen rückgängig machen:
      <strong>nicht belegt.</strong>
    </div>
  </div>

</div>



<h2 class="wp-block-heading">Auch „kognitive Stimulation“ ist nicht dasselbe wie klassisches Gedächtnistraining</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Schon die Begriffe werden häufig vermischt. Im Alltag wird unter „Gedächtnistraining“ vieles zusammengefasst – von Wortspielen und Rechenaufgaben bis zu Musik, Biografiearbeit, Bewegung oder Gesprächen. Die Forschung unterscheidet genauer: Kognitives Training übt meist bestimmte Funktionen mit strukturierten Aufgaben. Kognitive Stimulation ist breiter angelegt und verbindet häufig geistige, soziale und kreative Aktivitäten.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für kognitive Stimulation gibt es durchaus Evidenz. Ein Cochrane-Review mit 37 Studien und 2.766 Teilnehmenden fand bei leichter bis mittelschwerer Demenz wahrscheinlich kleine positive Effekte auf die Kognition sowie Hinweise auf Vorteile bei Kommunikation und sozialer Interaktion. Die Ergebnisse waren jedoch heterogen. Auch die aktuelle S3-Leitlinie empfiehlt kognitive Stimulation nur schwach; <strong>die Evidenz für kognitive Effekte wird als niedrig bewertet</strong>. In der zugrunde gelegten Metaanalyse zeigte sich unmittelbar nach der Intervention ein Effekt, nach einem therapiefreien Intervall jedoch kein signifikanter Effekt mehr.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das ist deutlich nüchterner als das Versprechen, regelmäßige Übungen würden das Gedächtnis dauerhaft stärken.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Alte Lieder und Sprichwörter: wertvoll – aber weshalb?</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn ein Mensch mit Demenz ein altes Lied mitsingt, ein bekanntes Sprichwort ergänzt oder lebhaft über seinen früheren Beruf erzählt, kann das beeindruckend sein. Solche Angebote können Kommunikation fördern, Erinnerungen zugänglich machen, Freude bereiten und soziale Interaktion ermöglichen. Elemente der Reminiszenz finden sich deshalb auch in Programmen zur kognitiven Stimulation. Trotzdem sollte man vorsichtig mit der Schlussfolgerung sein, dadurch sei das Gedächtnis „trainiert“ worden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Dass eine lange gespeicherte Information erfolgreich abgerufen wird, beweist nicht, dass sich dadurch automatisch die Fähigkeit verbessert, heute neue Informationen aufzunehmen und später wieder abzurufen. Das sind unterschiedliche Leistungen. Der Wert einer solchen Situation wird dadurch nicht unbedingt kleiner für die Betroffenen. Im Gegenteil: Ein gemeinsames Lied muss seine Berechtigung nicht erst dadurch erhalten, dass ihm eine nicht belegte „therapeutische Wirkung auf das Gedächtnis“ zugeschrieben wird.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Das Problem mit dem „ganzheitlichen Gedächtnistraining“</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Besonders schwierig wird die Bewertung, wenn zahlreiche Elemente miteinander kombiniert werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Nehmen wir eine Gruppenstunde mit Bewegung, Musik, Gesprächen, biografischen Erinnerungen, Wortspielen und kleinen Denkaufgaben. Anschließend sind die Teilnehmenden lebhafter, kommunizieren mehr oder berichten von einer angenehmen Stunde. Das ist ein positives Ergebnis.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Aber wodurch ist es entstanden? War es die Bewegung? Die Aufmerksamkeit durch andere Menschen? Die soziale Interaktion? Die Musik? Das Erfolgserlebnis? Die kognitive Herausforderung? Die Kombination aus allem?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei Multikomponentenangeboten kann ein positiver Gesamteffekt nicht ohne Weiteres einer einzelnen Komponente zugeschrieben werden. Gerade deshalb sollte man vorsichtig sein, wenn ein breit angelegtes Aktivierungsangebot anschließend pauschal als Beleg für die Wirksamkeit von „Gedächtnistraining“ dargestellt wird. Leider geschieht das immer wieder – meinem Erleben nach weiß es manch Anbieter häufig tatsächlich selbst nicht besser, verbreitet überzogene oder falsche Behauptungen in diesem Sinne gar nicht absichtlich, sondern ahnungslos.</p>



<div style="background:#f6f8f4; border:1px solid #dfe6da; border-radius:8px; padding:20px; margin:26px 0;">

  <p style="margin:0 0 18px 0; font-size:1.15em; font-weight:700; color:#2f4735;">
    Drei Begriffe – drei unterschiedliche Ziele
  </p>

  <div style="display:flex; gap:14px; align-items:flex-start; margin-bottom:18px;">
    <div style="min-width:42px; height:42px; border-radius:50%; background:#dfead9; display:flex; align-items:center; justify-content:center; font-size:22px;">
      <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f9e0.png" alt="🧠" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />
    </div>
    <div>
      <div style="font-weight:700; margin-bottom:3px;">Kognitives Training</div>
      Strukturierte Übungen mit dem Ziel, bestimmte kognitive Funktionen zu trainieren.
    </div>
  </div>

  <div style="display:flex; gap:14px; align-items:flex-start; margin-bottom:18px;">
    <div style="min-width:42px; height:42px; border-radius:50%; background:#e8ead9; display:flex; align-items:center; justify-content:center; font-size:22px;">
      <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f4ac.png" alt="💬" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />
    </div>
    <div>
      <div style="font-weight:700; margin-bottom:3px;">Kognitive Stimulation</div>
      Breiter angelegte Aktivierung – häufig in Gruppen, mit sozialer Interaktion sowie geistigen und kreativen Aktivitäten.
    </div>
  </div>

  <div style="display:flex; gap:14px; align-items:flex-start; margin-bottom:20px;">
    <div style="min-width:42px; height:42px; border-radius:50%; background:#e6e2d3; display:flex; align-items:center; justify-content:center; font-size:22px;">
      <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f3af.png" alt="🎯" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />
    </div>
    <div>
      <div style="font-weight:700; margin-bottom:3px;">Kognitive Rehabilitation</div>
      Individuelle Arbeit an konkreten Alltagszielen, die für den einzelnen Menschen wichtig sind.
    </div>
  </div>

  <div style="background:#ffffff; border-left:4px solid #6f8f63; padding:14px 16px; border-radius:5px;">
    <span style="font-size:20px; margin-right:6px;"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f50e.png" alt="🔎" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></span>
    Ein Cochrane-Review von 2023 fand gute Evidenz dafür, dass Menschen mit leichter bis mittelschwerer Demenz bei konkret trainierten Alltagszielen bessere Leistungen erreichen können. Eine automatische Verbesserung der allgemeinen Funktionsfähigkeit folgt daraus jedoch nicht.
  </div>

</div>



<h2 class="wp-block-heading">Wichtig: <strong>Prävention ist nicht Behandlung</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein häufiger Denkfehler besteht darin, Erkenntnisse zur Demenzprävention auf Menschen zu übertragen, die bereits an einer Demenz erkrankt sind. Die Lancet-Kommission hat 2024 zahlreiche beeinflussbare Faktoren beschrieben, die mit dem Risiko verbunden sind, im Laufe des Lebens eine Demenz zu entwickeln. Dazu gehören beispielsweise körperliche Aktivität, soziale Isolation, Bluthochdruck, Hörverlust oder Diabetes.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Präventionsforschung beantwortet damit vor allem die Frage: Was kann dazu beitragen, das Risiko einer Demenz zu verringern?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei einer bereits bestehenden Demenz lautet die Frage dagegen: Kann eine bestimmte Maßnahme die kognitiven Fähigkeiten, den Alltag oder andere Folgen der Erkrankung günstig beeinflussen? Das ist nicht dasselbe. Aus der Erkenntnis, dass körperliche, geistige oder soziale Aktivität mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden sein kann, folgt nicht, dass sich eine bestehende Demenz mit denselben Maßnahmen behandeln oder das Gedächtnis wieder „auftrainieren“ lässt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Allerdings sind solche Maßnahmen auch bei Menschen mit bestehender Demenz untersucht worden. Für körperliches Training sowie kognitive Stimulation und kognitives Training zeigen Studien bestimmte positive Effekte, unter anderem auf kognitive Leistungen. Wie groß und alltagsrelevant diese Effekte sind, hängt jedoch von der jeweiligen Intervention und dem untersuchten Ziel ab; die Evidenz ist nicht für alle Bereiche gleich stark. Der eigenständige Effekt sozialer Aktivität lässt sich zudem wesentlich schwerer von anderen Bestandteilen entsprechender Angebote trennen. Entscheidend ist deshalb auch hier, genau zu benennen, was nachweislich erreicht werden kann. Ein möglicher Nutzen von Bewegung, Aktivierung oder sozialer Teilhabe ist kein Beleg dafür, dass dadurch eine Demenz aufgehalten oder die allgemeine Gedächtnisleistung wiederhergestellt werden kann.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Fazit: Weniger versprechen – genauer hinschauen</strong></p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Kognitives Training bei Demenz als wirkungslos abzutun, wäre nach der heutigen Studienlage nicht gerechtfertigt. Die aktuelle S3-Leitlinie sieht bei leichter bis mittelschwerer Demenz einen möglichen Nutzen und spricht eine schwache Empfehlung aus. Auch für kognitive Stimulation sind kleine positive Effekte belegt. Gleichzeitig ist die Evidenz keineswegs so stark, dass daraus weitreichende Heilungs- oder Leistungsversprechen abgeleitet werden dürften.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen messbaren Trainingseffekten, konkretem Lernen und einer Verbesserung im Alltag. Menschen mit Demenz besitzen verbliebene Lernfähigkeiten. Diese gezielt zu nutzen, kann sinnvoll und praktisch hilfreich sein.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<div style="background:#f6f8f4; border:1px solid #dfe6da; border-radius:8px; padding:20px; margin:26px 0;">

  <p style="margin:0 0 18px 0; font-size:1.15em; font-weight:700; color:#2f4735;">
    Was kann ich von einem Angebot erwarten?
  </p>

  <div style="display:flex; gap:14px; align-items:flex-start; margin-bottom:16px;">
    <div style="min-width:42px; height:42px; border-radius:50%; background:#dcebd7; display:flex; align-items:center; justify-content:center; font-size:22px;">
      <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f7e2.png" alt="🟢" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />
    </div>
    <div>
      <div style="font-weight:700; margin-bottom:3px;">Gut belegt beziehungsweise realistisch</div>
      Aktivierung, konkrete Lernerfolge, soziale Interaktion und messbare kognitive Effekte bei leichter bis mittelschwerer Demenz.
    </div>
  </div>

  <div style="display:flex; gap:14px; align-items:flex-start; margin-bottom:16px;">
    <div style="min-width:42px; height:42px; border-radius:50%; background:#f3e8c8; display:flex; align-items:center; justify-content:center; font-size:22px;">
      <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f7e1.png" alt="🟡" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />
    </div>
    <div>
      <div style="font-weight:700; margin-bottom:3px;">Nicht automatisch übertragbar</div>
      Verbesserungen bei trainierten Aufgaben können sich auf andere Fähigkeiten oder den Alltag übertragen – das hängt jedoch von Intervention und Ziel ab und darf nicht einfach vorausgesetzt werden.
    </div>
  </div>

  <div style="display:flex; gap:14px; align-items:flex-start;">
    <div style="min-width:42px; height:42px; border-radius:50%; background:#f0dada; display:flex; align-items:center; justify-content:center; font-size:22px;">
      <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f534.png" alt="🔴" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />
    </div>
    <div>
      <div style="font-weight:700; margin-bottom:3px;">Zu weitgehende Versprechen</div>
      Das Gedächtnis allgemein wieder „fit“ zu machen, eine Demenz rückgängig zu machen oder sie durch Rätsel und Übungen zuverlässig aufzuhalten, ist nicht belegt.
    </div>
  </div>

</div>
</div>
</div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Doch ein Erfolg beim trainierten Inhalt ist noch kein Beweis dafür, dass das Gedächtnis insgesamt wieder leistungsfähiger geworden ist. Vielleicht wäre der Umgang mit dem Begriff „Gedächtnistraining“ schon gewonnen, wenn Anbieter genauer sagen würden, was sie tatsächlich erreichen wollen: aktivieren, Freude ermöglichen, soziale Kontakte fördern, bestimmte Fähigkeiten üben oder konkrete Informationen einprägen. Gerade für Menschen mit fortgeschrittener Demenz: ein Angebot muss nicht künstlich dadurch aufgewertet werden, dass man ihm eine Wirkung auf das Gedächtnis zuschreibt, die gar nicht belegt ist.</p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Quellen(Auszug)</p>



<ol start="1" class="wp-block-list">
<li class="has-medium-font-size">DGN/DGPPN: S3-Leitlinie Demenzen, Living Guideline, Version 6.1 vom 27. April 2026, insbesondere Empfehlungen zu kognitivem Training und kognitiver Stimulation.</li>



<li class="has-medium-font-size">Bahar-Fuchs A, Martyr A, Goh AMY et al.: Cognitive training for people with mild to moderate dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019; CD013069. <a href="https://www.cochrane.org/evidence/CD013069_cognitive-training-people-mild-moderate-dementia?utm_source=chatgpt.com" target="_blank" rel="noopener">Cochrane-Review zum kognitiven Training</a></li>



<li class="has-medium-font-size">Woods B, Rai HK, Elliott E et al.: Cognitive stimulation to improve cognitive functioning in people with dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2023; CD005562. <a href="https://www.cochrane.org/de/evidence/CD005562_can-cognitive-stimulation-benefit-people-dementia?utm_source=chatgpt.com" target="_blank" rel="noopener">Cochrane-Review zur kognitiven Stimulation</a></li>



<li class="has-medium-font-size">Kudlicka A, Martyr A, Bahar-Fuchs A et al.: Cognitive rehabilitation for people with mild to moderate dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2023; CD013388. <a href="https://www.cochrane.org/de/evidence/CD013388_what-are-benefits-and-risks-cognitive-rehabilitation-people-mild-moderate-dementia?utm_source=chatgpt.com" target="_blank" rel="noopener">Cochrane-Review zur kognitiven Rehabilitation</a></li>



<li class="has-medium-font-size">Oren S, Willerton C, Small J: Effects of spaced retrieval training on semantic memory in Alzheimer&#8217;s disease: a systematic review. 2014. <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24023380/?utm_source=chatgpt.com" target="_blank" rel="noopener">PubMed-Eintrag zu Spaced Retrieval</a></li>



<li class="has-medium-font-size">de Werd MME, Boelen D, Rikkert MGMO, Kessels RPC: Errorless learning of everyday tasks in people with dementia. Clinical Interventions in Aging. 2013. <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24049443/?utm_source=chatgpt.com" target="_blank" rel="noopener">PubMed-Eintrag zu Errorless Learning</a></li>



<li class="has-medium-font-size">Livingston G, Huntley J, Liu KY et al.: Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. The Lancet 2024;404:572–628. DOI 10.1016/S0140-6736(24)01296-0. <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39096926/?utm_source=chatgpt.com" target="_blank" rel="noopener">PubMed-Eintrag zum Lancet-Bericht 2024</a></li>
</ol>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/13/mythos-gedaechtnistraining-was-laesst-sich-bei-demenz-wirklich-trainieren/">Mythos Gedächtnistraining: Was lässt sich bei Demenz wirklich trainieren?</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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		<item>
		<title>Stille Aspiration bei Demenz: Wenn niemand hustet</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/09/08/stille-aspiration-bei-demenz-wenn-niemand-hustet/</link>
					<comments>https://demenz-zeitung.de/2026/09/08/stille-aspiration-bei-demenz-wenn-niemand-hustet/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Sep 2026 18:13:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[altenpflege]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wie Pflege Auffälligkeiten beim Essen und Trinken erkennen, zusammenführen und rechtzeitig weitergeben kann. Ein Mensch mit Demenz hustet beim Mittagessen mehrfach nach dem Trinken. Das fällt auf. Eine Pflegende wird&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/08/stille-aspiration-bei-demenz-wenn-niemand-hustet/">Stille Aspiration bei Demenz: Wenn niemand hustet</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wie Pflege Auffälligkeiten beim Essen und Trinken erkennen, zusammenführen und rechtzeitig weitergeben kann. </p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein Mensch mit Demenz hustet beim Mittagessen mehrfach nach dem Trinken. Das fällt auf. Eine Pflegende wird genauer hinsehen und möglicherweise eine Schluckstörung vermuten. Schwieriger wird es allerdings, wenn niemand hustet. Wenn das Offensichtliche ausbleibt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei einer stillen Aspiration gelangt Speichel, Flüssigkeit oder Nahrung in die Atemwege, ohne dass die betroffene Person mit einem erkennbaren Husten- oder Räusperreflex darauf reagiert. Gerade darin liegt das Problem: Das Ausbleiben von Husten ist deshalb kein Beweis dafür, dass sicher geschluckt wird.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:66.66%">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei Menschen mit Demenz ist diese Problematik relevant. Schluckstörungen treten insbesondere in fortgeschrittenen Stadien gehäuft auf. Die deutsche S3-Leitlinie Demenzen weist ausdrücklich darauf hin, dass Dysphagien die Nahrungsaufnahme erschweren und Aspirationen mit entsprechenden medizinischen Risiken, beispielsweise einer Pneumonie, begünstigen können. Bei einem Verdacht soll eine Dysphagiediagnostik erfolgen. Eine ältere deutsche Leitlinie zur neurogenen Dysphagie nennt für Menschen mit Demenz einen Anteil von etwa 20 bis 30 Prozent mit schwerer Dysphagie und stiller, von den Betroffenen selbst nicht bemerkter Aspiration. Diese Zahl sollte nicht so verstanden werden, dass jeder vierte Mensch mit einer Demenz still aspiriert. Erkrankungsstadium, Begleiterkrankungen und untersuchte Population spielen eine erhebliche Rolle. Sie zeigt aber zumindest, dass stille Aspiration kein exotisches Phänomen ist.</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow" style="flex-basis:33.33%">
<div style="border-left: 5px solid #4f7f9a; background: #f3f7f9; padding: 18px 20px; margin: 24px 0; border-radius: 4px;">

  <div style="font-size: 1.15em; font-weight: 700; margin-bottom: 12px;">
    <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f441.png" alt="👁" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> Stille Aspiration kurz erklärt
  </div>

  <p style="margin: 0 0 10px 0;">
    <strong>Aspiration</strong> bedeutet, dass Material unterhalb der Stimmlippen in die Atemwege gelangt.
  </p>

  <p style="margin: 0 0 10px 0;">
    Bei einer <strong>stillen Aspiration</strong> fehlt eine erkennbare Schutzreaktion wie Husten oder Räuspern.
  </p>

  <p style="margin: 14px 0 6px 0;">
    <strong>Deshalb gilt:</strong>
  </p>

  <p style="margin: 0 0 6px 0;">
    ➜ Kein Husten bedeutet nicht keine Aspiration.
  </p>

  <p style="margin: 0;">
    ➜ Eine stille Aspiration lässt sich durch reine Beobachtung nicht sicher ausschließen.
  </p>

</div>
</div>
</div>



<h2 class="wp-block-heading">Pflege kann eine stille Aspiration nicht „sehen“</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Damit stellt sich für die Pflege ein scheinbares Dilemma. Wenn das entscheidende Symptom gerade darin besteht, dass die typische Reaktion ausbleibt: Worauf soll man dann achten? Die Antwort liegt früher im Prozess: Pflege kann Veränderungen erkennen, einzelne Beobachtungen miteinander verbinden und daraus einen begründeten Verdacht auf eine Schluckstörung ableiten. Das ist ein wichtiger Unterschied dazu, auf ein plötzlich auftretendes Symptom zu reagieren.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Gerade bei Menschen mit Demenz besitzt Pflege hierfür eine besondere Ausgangsposition. Pflegepersonen erleben die Betroffenen nicht nur in einer kurzen Untersuchungssituation, sondern während zahlreicher Mahlzeiten, beim Trinken zwischendurch, bei der Medikamenteneinnahme, bei der Mundpflege und zu unterschiedlichen Tageszeiten. <br>Das Problem ist allerdings offensichtlich: Selten erlebt eine einzelne Pflegeperson alle diese Situationen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Das eigentliche Problem heißt Schichtwechsel</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Pflegefachperson bemerkt beim Frühstück, dass Herr Müller ungewöhnlich lange braucht. <br>Mittags stellt eine Kollegin fest, dass Nahrung in einer Wangentasche verbleibt. <br>Im Spätdienst fällt auf, dass er nach dem Trinken zeitweise anders klingt.<br>In der Nacht wird eine stärkere Verschleimung dokumentiert.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jede Beobachtung für sich muss noch keine Dysphagie bedeuten. Zusammen entsteht jedoch ein Muster, das eine Abklärung notwendig macht. Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob professionelle Beobachtung funktioniert: Die Informationen müssen zusammenkommen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Hier könnte auch KI unterstützen: Sie könnte dokumentierte Beobachtungen aus verschiedenen Schichten zusammenführen und auf wiederkehrende Veränderungen oder auffällige Kombinationen hinweisen. Die klinische Bewertung bliebe dabei Aufgabe der Fachpersonen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Beobachtungen überhaupt konkret und strukturiert dokumentiert werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein allgemeiner Hinweis wie „beim Essen beobachten“ reicht dafür kaum aus. Erst recht nicht im Alltag unter Zeitdruck. Pflege benötigt deshalb eine definierte Logik dafür,</p>



<ul class="wp-block-list">
<li class="has-medium-font-size">was als relevante Veränderung gilt,wann gezielt beobachtet wird,</li>



<li class="has-medium-font-size">welche Beobachtungen über Schichten weitergegeben werden,</li>



<li class="has-medium-font-size">wer die Informationen zusammenführt</li>



<li class="has-medium-font-size">und ab welchem Punkt weitere Diagnostik erforderlich wird.</li>
</ul>



<h2 class="wp-block-heading">Nicht jeder Mensch muss bei jeder Mahlzeit überwacht werden</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ein System, bei dem Pflegende jede Mahlzeit ausführlich auf mögliche Schluckstörungen beobachten, wäre unrealistisch. Sinnvoller ist ein Trigger-System.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die S1-Leitlinie „Geriatrisches Assessment der Stufe 2“ nennt unter anderem häufiges Verschlucken, Husten nach Essen oder Trinken, veränderte Stimme, geringere Ess- und Trinkmengen, Gewichtsverlust, veränderte Kopfhaltung sowie wiederholt ungeklärte Fieberschübe und Pneumonien als mögliche Hinweise. Das RCSLT-Kompetenzmodell bezieht zusätzlich Faktoren wie Wachheit, Atmung, Körperhaltung, Mundhygiene, Ernährungs- und Flüssigkeitszustand sowie Ermüdung ein.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für die Praxis entscheidend ist deshalb nicht nur ein einzelnes Symptom, sondern vor allem die Frage:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">„Was ist neu oder anders als bisher?“. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Veränderung gegenüber gestern kann wichtiger sein als die Norm</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Menschen mit fortgeschrittener Demenz essen häufig ohnehin langsam. Manche benötigen seit Monaten Unterstützung, andere kauen sehr lange oder müssen immer wieder zum nächsten Handlungsschritt aufgefordert werden. Eine reine Checkliste kann deshalb schnell zu Fehlinterpretationen führen.</p>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<div style="border-left: 5px solid #4f7f9a; background: #f3f7f9; padding: 18px 20px; margin: 24px 0; border-radius: 4px;">

  <div style="font-size: 1.15em; font-weight: 700; margin-bottom: 12px;">
    <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f50e.png" alt="🔎" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> Die vielleicht wichtigste Frage
  </div>

  <p style="margin: 0 0 10px 0; font-size: 1.08em;">
    <strong>Was ist anders als sonst?</strong>
  </p>

  <p style="margin: 0 0 10px 0;">
    Bei Menschen mit Demenz sollte eine Schluckbeobachtung immer den individuellen Ausgangszustand berücksichtigen.
  </p>

  <p style="margin: 0;">
    Neu auftretende oder zunehmende Veränderungen sind häufig wichtiger als ein einzelnes isoliertes Merkmal.
  </p>

</div>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn Frau Schmidt seit einem Jahr 45 Minuten für ihr Mittagessen benötigt, ist dies zunächst ihr bekannter Zustand.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wenn dieselbe Frau innerhalb weniger Tage plötzlich 70 Minuten benötigt, zunehmend ermüdet, wiederholt Nahrung im Mund behält und weniger trinkt, ist die Veränderung wesentlich aussagekräftiger.<br>Pflege sollte deshalb nicht nur fragen:</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">„Ist dieses Verhalten auffällig?“, sondern zusätzlich: „Ist dieses Verhalten neu und / oder deutlich stärker als bisher?“</p>
</div>
</div>



<h2 class="wp-block-heading">Vier Bereiche für die pflegerische Beobachtung</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Für die gezielte Beobachtung lassen sich vier Bereiche unterscheiden:</p>



<h3 class="wp-block-heading has-medium-font-size">1. Orale Phase und Schluckvorgang</h3>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Hinweise können neu auftretende orale Residuen oder Pocketing, verlängerte Kauphasen, mehrfaches Nachschlucken, Probleme beim Speichelmanagement oder eine veränderte Kopfhaltung beim Schlucken sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading has-medium-font-size">2. Stimme, Husten und Respiration</h3>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Relevant sind Husten oder Räuspern während bzw. nach der Nahrungsaufnahme, eine veränderte Stimmqualität sowie neue respiratorische Auffälligkeiten oder Probleme mit dem Sekretmanagement. Fehlender Husten schließt eine Aspiration nicht aus.</p>



<h3 class="wp-block-heading has-medium-font-size">3. Mahlzeitenverlauf und Vigilanz</h3>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Zu beachten sind eine deutlich verlängerte Essdauer, zunehmende Ermüdung, Mahlzeitenabbrüche, reduzierte orale Aufnahme sowie Veränderungen von Vigilanz und Aufmerksamkeit.</p>



<h3 class="wp-block-heading has-medium-font-size">4. Klinischer Verlauf</h3>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch unbeabsichtigter Gewichtsverlust, rezidivierende ungeklärte Fieberschübe, Pneumonien oder eine allgemeine klinische Verschlechterung können Anlass sein, eine bislang unerkannte Dysphagie in die Ursachenklärung einzubeziehen.</p>



<div style="border-left: 5px solid #4f7f9a; background: #f3f7f9; padding: 18px 20px; margin: 24px 0; border-radius: 4px;">

  <div style="font-size: 1.15em; font-weight: 700; margin-bottom: 12px;">
    <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f3e0.png" alt="🏠" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> Für pflegende Angehörige
  </div>

  <p style="margin: 0 0 10px 0;">
    Achten Sie vor allem auf <strong>Veränderungen</strong>: Verschluckt sich die Person häufiger? Bleibt Nahrung im Mund? Dauert Essen oder Trinken plötzlich länger? Klingt die Stimme danach feucht oder „gurgelnd“? Wird weniger gegessen oder getrunken, tritt ungeklärtes Fieber auf oder kommt es wiederholt zu Atemwegsinfekten?
  </p>

  <p style="margin: 0 0 10px 0;">
    Solche Beobachtungen sollten Sie der Pflegefachperson des Pflegedienstes und/oder dem behandelnden Arzt mitteilen – <strong>auch dann, wenn kein Husten auftritt.</strong>
  </p>

  <p style="margin: 0 0 12px 0;">
    Hilfreich ist eine konkrete Beschreibung: <strong>Was ist neu, seit wann und wie häufig tritt es auf?</strong>
  </p>

  <p style="margin: 0 0 6px 0;">
    <strong>Bei akuter Atemnot oder schwerem Verschlucken mit Atemproblemen: Notruf 112.</strong>
  </p>

  <p style="margin: 0;">
    Bei dringenden gesundheitlichen Beschwerden außerhalb der Praxisöffnungszeiten, die nicht lebensbedrohlich sind, hilft der <strong>ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117</strong> weiter.
  </p>

</div>



<h2 class="wp-block-heading">Pflege: eine Beobachtung muss mindestens die nächste Schicht erreichen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Der entscheidende Schritt erfolgt anschließend in Dokumentation und Übergabe.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">„Hat schlecht gegessen.“ hilft wenig. Auch „weiter beobachten“ reicht als Information kaum aus. Wichtig ist, möglichst konkret festzuhalten und weiterzugeben, was sich verändert hat, seit wann die Auffälligkeit besteht und worauf die folgenden Kolleginnen und Kollegen gezielt achten sollen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das RCSLT-Kompetenzmodell macht diesen Punkt ausdrücklich zum Bestandteil professioneller Dysphagieversorgung: Informationen sollen zeitnah und klar an das Team weitergegeben und Beobachtungen nachvollziehbar dokumentiert werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wann reicht Beobachten nicht mehr?</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine gezielte Beobachtungsphase darf nicht dazu führen, eine notwendige Abklärung aufzuschieben. Wenn sich Auffälligkeiten wiederholen, mehrere Hinweise zusammenkommen oder der klinische Eindruck eindeutig für eine Schluckstörung spricht, muss aus der Beobachtung ein Dysphagieverdacht werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die S3-Leitlinie Demenzen formuliert dazu knapp und eindeutig: Bei Verdacht auf eine Dysphagie sollte eine Dysphagiediagnostik durchgeführt werden. Damit schließt sich der Kreis. Pflege kann sehr viel erkennen – aber gerade stille Aspiration zeigt die Grenze der klinischen Beobachtung.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Eine Person kann aspirieren, ohne zu husten. Wenn trotz klinisch wenig spektakulärer Mahlzeiten ein begründeter Dysphagieverdacht besteht, sind weiterführende Untersuchungen erforderlich.</p>



<div style="border-left: 5px solid #4f7f9a; background: #f3f7f9; padding: 20px; margin: 28px 0; border-radius: 4px;">

  <div style="font-size: 1.2em; font-weight: 700; margin-bottom: 18px;">
    <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f9ed.png" alt="🧭" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> Eine mögliche pflegerische Praxis-Matrix
  </div>

  <div style="margin-bottom: 18px;">
    <div style="font-weight: 700; font-size: 1.08em; margin-bottom: 6px;">
      <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f440.png" alt="👀" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> Stufe 1 – Allgemeine Aufmerksamkeit
    </div>
    <p style="margin: 0 0 8px 0;">
      Keine neue Veränderung. Essen und Trinken entsprechen dem bekannten individuellen Zustand.
    </p>
    <p style="margin: 0;">
      ➜ Normale pflegerische Alltagsbeobachtung.
    </p>
  </div>

  <hr style="border: 0; border-top: 1px solid #c9d8df; margin: 18px 0;">

  <div style="margin-bottom: 18px;">
    <div style="font-weight: 700; font-size: 1.08em; margin-bottom: 6px;">
      <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f50e.png" alt="🔎" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> Stufe 2 – Beobachtungstrigger
    </div>
    <p style="margin: 0 0 8px 0;">
      Eine neue oder zunehmende Auffälligkeit wird festgestellt.
    </p>

    <ul style="margin: 8px 0 10px 20px; padding: 0;">
      <li>Mundreste / Pocketing</li>
      <li>auffällig längere Kau- oder Essdauer</li>
      <li>Husten oder Räuspern</li>
      <li>veränderte Stimme</li>
      <li>geringere Ess- oder Trinkmenge</li>
      <li>neue Ermüdung</li>
      <li>veränderte Atmung</li>
      <li>veränderte Kopfhaltung</li>
      <li>deutlich veränderte Vigilanz</li>
    </ul>

    <p style="margin: 0;">
      ➜ Gezielte Beobachtung aktivieren und für die Folgeschicht sichtbar dokumentieren und übergeben.
    </p>
  </div>

  <hr style="border: 0; border-top: 1px solid #c9d8df; margin: 18px 0;">

  <div style="margin-bottom: 18px;">
    <div style="font-weight: 700; font-size: 1.08em; margin-bottom: 6px;">
      <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f9e9.png" alt="🧩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> Stufe 3 – Muster erkennen
    </div>
    <p style="margin: 0 0 8px 0;">
      Die Auffälligkeit tritt wiederholt auf oder mehrere Hinweise kommen zusammen.
    </p>
    <p style="margin: 0 0 8px 0;">
      ➜ Beobachtungen schichtübergreifend zusammenführen.
    </p>
    <p style="margin: 0;">
      <strong>Leitfrage:</strong> Ein einzelnes Ereignis – oder eine konsistente Veränderung?
    </p>
  </div>

  <hr style="border: 0; border-top: 1px solid #c9d8df; margin: 18px 0;">

  <div style="margin-bottom: 18px;">
    <div style="font-weight: 700; font-size: 1.08em; margin-bottom: 6px;">
      <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/26a0.png" alt="⚠" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> Stufe 4 – Dysphagieverdacht
    </div>
    <p style="margin: 0 0 8px 0;">
      Das Muster spricht für eine mögliche Schluckstörung.
    </p>
    <p style="margin: 0;">
      ➜ Standardisiertes Screening durch entsprechend geschulte Personen bzw. direkte fachliche Abklärung nach einrichtungsinternem Verfahren.
    </p>
  </div>

  <hr style="border: 0; border-top: 1px solid #c9d8df; margin: 18px 0;">

  <div style="margin-bottom: 18px;">
    <div style="font-weight: 700; font-size: 1.08em; margin-bottom: 6px;">
      <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1fa7a.png" alt="🩺" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> Stufe 5 – Weitere Diagnostik
    </div>
    <p style="margin: 0 0 8px 0;">
      Das Screening ist auffällig oder der klinische Verdacht besteht trotz unauffälligem Screening weiter.
    </p>
    <p style="margin: 0;">
      ➜ Dysphagiediagnostik sowie logopädische und ärztliche Abklärung, ggf. FEES oder VFSS.
    </p>
  </div>

  <div style="margin-top: 20px; padding-top: 14px; border-top: 1px solid #c9d8df; font-size: 0.92em;">
    <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/2139.png" alt="ℹ" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> <strong>Hinweis:</strong> Diese Matrix ist eine redaktionell abgeleitete Praxishilfe und kein validiertes Screening- oder Diagnoseinstrument.
  </div>

</div>



<h2 class="wp-block-heading">Dienste und Einrichtungen sind gefordert</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Es reicht ganz klar nicht, einzelnen Pflegenden zu sagen, sie müssten „besser beobachten“. Damit strukturierte Beobachtung funktioniert, braucht es klare Abläufe.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li class="has-medium-font-size">Wer darf ein Dysphagiescreening durchführen?</li>



<li class="has-medium-font-size">Wo wird ein Beobachtungstrigger dokumentiert?</li>



<li class="has-medium-font-size">Wie erkennt die nächste Schicht, dass gezielt beobachtet werden soll?</li>



<li class="has-medium-font-size">Wer führt die Beobachtungen zusammen?</li>



<li class="has-medium-font-size">Wann werden Logopädie und ärztlicher Dienst einbezogen?</li>
</ul>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Der DNQP-Expertenstandard „Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege“ ist zwar kein eigener Dysphagiestandard. Er unterstreicht aber die Verantwortung der Pflege für die frühzeitige Erfassung ernährungsrelevanter Probleme und deren Ursachen sowie die Notwendigkeit geeigneter Strukturen und Dokumentation. Auch die internationale ESPEN-Leitlinie zur Ernährung und Flüssigkeitsversorgung bei Demenz betont die systematische Einschätzung von Ernährungsproblemen und empfiehlt eine erneute Bewertung insbesondere dann, wenn sich Gesundheitszustand, Ess- und Trinkfähigkeit oder Ess- und Trinkverhalten verändern.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nicht jeder Husten ist eine Aspiration – und nicht jede Aspiration führt zur Pneumonie</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei aller notwendigen Aufmerksamkeit darf aus dem Thema keine permanente Alarmdiagnostik werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Husten beim Trinken beweist keine Aspiration. Eine veränderte Stimme beweist keine Aspiration. Eine Pneumonie beweist keine Aspiration. Und auch eine nachgewiesene Aspiration führt nicht zwangsläufig zu einer Aspirationspneumonie. Die einzelnen Beobachtungen müssen immer im Zusammenhang betrachtet werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Professionelle Beobachtung heißt, aus Einzelheiten ein Muster zu machen</h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Stille Aspiration macht deutlich, wo die Stärke professioneller Pflege liegt. Nicht darin, beim Essen neben jedem Menschen zu sitzen und auf Husten zu warten. Sondern darin, kleine Veränderungen wahrzunehmen, sie mit dem bisherigen Zustand einer Person zu vergleichen, Beobachtungen anderer Mitarbeitender einzubeziehen und rechtzeitig zu erkennen, wann aus einer Auffälligkeit ein abklärungsbedürftiger Verdacht geworden ist.</p>



<div style="height:61px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<div style="border-left: 5px solid #4f7f9a; background: #f3f7f9; padding: 18px 20px; margin: 24px 0; border-radius: 4px;">

  <div style="font-size: 1.15em; font-weight: 700; margin-bottom: 12px;">
    <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/2139.png" alt="ℹ" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> Hinweis zur Veröffentlichung
  </div>

  <p style="margin: 0;">
    Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und pflegerischen Sensibilisierung. Die vorgeschlagene Beobachtungsmatrix ist <strong>kein validiertes medizinisches Screening-Instrument</strong> und ersetzt weder ein standardisiertes Dysphagiescreening noch die fachärztliche oder therapeutische Diagnostik.
  </p>

</div>



<p class="wp-block-paragraph">Quellen und weiterführende Literatur</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) &amp; Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) (Hrsg.): S3-Leitlinie Demenzen – Living Guideline, Version 6.0 vom 24.02.2026. AWMF-Registernummer 038-013.</li>



<li>Dziewas R, Allescher HD, Aroyo I et al.: Diagnosis and treatment of neurogenic dysphagia – S1 guideline of the German Society of Neurology. Neurological Research and Practice 3, 23 (2021). DOI: 10.1186/s42466-021-00122-3.</li>



<li>Krupp S für die AG Assessment der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG): S1-Leitlinie „Geriatrisches Assessment der Stufe 2 – Living Guideline“. AWMF-Registernummer 084-002LG, aktuelle Fassung 2026.</li>



<li>Royal College of Speech and Language Therapists (RCSLT): Eating, Drinking and Swallowing Competency Framework (EDSCF) for non-SLTs. Kompetenzrahmen für Pflegende, Betreuungspersonen und andere Berufsgruppen im Umgang mit Ess-, Trink- und Schluckstörungen.</li>



<li>Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP): Expertenstandard „Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege“, 1. Aktualisierung 2017.</li>



<li>Volkert D, Beck AM, Faxén-Irving G et al.: ESPEN guideline on nutrition and hydration in dementia – Update 2024. Clinical Nutrition 43 (2024), 1599–1626. DOI: 10.1016/j.clnu.2024.04.039.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/08/stille-aspiration-bei-demenz-wenn-niemand-hustet/">Stille Aspiration bei Demenz: Wenn niemand hustet</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Pflegende Angehörige: Drei Jahrzehnte zwischen mehr Unterstützung und wachsender Belastung</title>
		<link>https://demenz-zeitung.de/2026/09/05/pflegende-angehoerige-drei-jahrzehnte-zwischen-mehr-unterstuetzung-und-wachsender-belastung/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jochen Gust]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 05 Sep 2026 15:28:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein & Speziell]]></category>
		<category><![CDATA[30 Jahre Pflegeversicherung]]></category>
		<category><![CDATA[alzheimer]]></category>
		<category><![CDATA[angehörige]]></category>
		<category><![CDATA[Angehörigenpflege]]></category>
		<category><![CDATA[betreuung]]></category>
		<category><![CDATA[demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Familienpflegezeit]]></category>
		<category><![CDATA[häusliche pflege]]></category>
		<category><![CDATA[pflege]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege zu Hause]]></category>
		<category><![CDATA[pflegebedürftigkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Pflegeneuordnungsgesetz]]></category>
		<category><![CDATA[pflegepolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Pflegeunterstützungsgeld]]></category>
		<category><![CDATA[Pflegeversicherung]]></category>
		<category><![CDATA[Pflegezeit]]></category>
		<category><![CDATA[PNOG]]></category>
		<category><![CDATA[Rentenversicherung]]></category>
		<category><![CDATA[soziale Absicherung]]></category>
		<category><![CDATA[verhinderungspflege]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am 8. September wird in Deutschland der Tag der pflegenden Angehörigen begangen. Ein Anlass, um nicht nur auf ihre heutige Situation zu schauen, sondern auch zurück: Wie hat sich die&#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Am 8. September wird in Deutschland der Tag der pflegenden Angehörigen begangen. Ein Anlass, um nicht nur auf ihre heutige Situation zu schauen, sondern auch zurück: Wie hat sich die Unterstützung von Menschen verändert, die einen Angehörigen zu Hause pflegen? Und welche Rolle spielte dabei die Einführung der Pflegeversicherung?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Auch auf europäischer Ebene ist die Situation pflegender Angehöriger inzwischen stärker in den Fokus gerückt: Seit 2020 wird auf Initiative des europäischen Netzwerks Eurocarers jährlich am 6. Oktober der European Carers Day begangen. Denn so selbstverständlich Pflegegeld, Verhinderungspflege oder Rentenbeiträge für Pflegepersonen heute erscheinen mögen: Viele dieser Leistungen sind vergleichsweise jung.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>1995: Pflege wird zum eigenen Zweig </strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Mit der Einführung der sozialen Pflegeversicherung 1995 veränderte sich die Absicherung von Pflegebedürftigkeit grundlegend. Pflege war zwar auch danach ausdrücklich nicht vollständig durch die Versicherung finanziert. Aber erstmals gab es einen eigenen Sozialversicherungszweig, der auch die Pflege durch Angehörige systematisch unterstützte.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Pflegebedürftige konnten beispielsweise Pflegegeld erhalten, wenn ihre Versorgung zu Hause sichergestellt wurde. In den damaligen drei Pflegestufen betrug es 400, 800 beziehungsweise 1.300 D-Mark monatlich. Unter bestimmten Voraussetzungen übernahm die Pflegeversicherung zudem Rentenversicherungsbeiträge für nicht erwerbsmäßig Pflegende. In den folgenden Jahrzehnten kamen weitere Leistungen und Rechte hinzu: Entlastungsangebote, Pflegezeit, Familienpflegezeit, Pflegeunterstützungsgeld, Verhinderungspflege und eine umfangreichere soziale Absicherung.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><a href="https://demenz-im-krankenhaus.de/wp-content/uploads/2026/09/zeitstrahlpflegeversicherung.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="576" src="https://demenz-im-krankenhaus.de/wp-content/uploads/2026/09/zeitstrahlpflegeversicherung-1024x576.jpg" alt="" class="wp-image-3756" srcset="https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/zeitstrahlpflegeversicherung-1024x576.jpg 1024w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/zeitstrahlpflegeversicherung-300x169.jpg 300w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/zeitstrahlpflegeversicherung-768x432.jpg 768w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/zeitstrahlpflegeversicherung-1536x864.jpg 1536w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/zeitstrahlpflegeversicherung-1320x743.jpg 1320w, https://demenz-zeitung.de/wp-content/uploads/2026/09/zeitstrahlpflegeversicherung.jpg 1672w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a></figure>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Immer mehr Menschen werden zu Hause gepflegt</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Wie bedeutend Angehörige für die Versorgung sind, zeigen die Zahlen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Bei der ersten bundesweiten Pflegestatistik 1999 gab es rund 2,02 Millionen Pflegebedürftige. 1,44 Millionen von ihnen wurden zu Hause versorgt. Rund 1,03 Millionen erhielten ausschließlich Pflegegeld und wurden in der Regel zu Hause durch Angehörige versorgt. 2023 waren bereits 5,69 Millionen Menschen pflegebedürftig. 4,89 Millionen – knapp 86 Prozent – lebten zu Hause. Rund 3,1 Millionen Pflegebedürftige erhielten ausschließlich Pflegegeld und wurden überwiegend durch Angehörige gepflegt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Zahlen sind allerdings nicht ohne Weiteres miteinander vergleichbar. Insbesondere der seit 2017 geltende, weiter gefasste Pflegebedürftigkeitsbegriff führte dazu, dass heute auch Menschen als pflegebedürftig anerkannt werden, die nach den früheren Kriterien teilweise keinen oder nur einen eingeschränkten Leistungsanspruch gehabt hätten.</p>



<div style="background:#f3f6f8; border-left:5px solid #2f6f8f; padding:22px 24px; margin:28px 0;">

  <div style="font-size:18px; font-weight:600; margin-bottom:18px;">
    Pflege zu Hause: eine deutlich gewachsene Aufgabe für Angehörige
  </div>

  <div style="display:flex; flex-wrap:wrap; gap:30px;">

    <div style="flex:1; min-width:220px;">
      <div style="font-size:38px; font-weight:700; line-height:1; color:#2f6f8f;">
        1999
      </div>
      <div style="font-size:26px; font-weight:700; margin:8px 0 6px;">
        1,03 Millionen
      </div>
      <div>
        Pflegebedürftige erhielten ausschließlich Pflegegeld und wurden in der Regel zu Hause durch Angehörige versorgt.
      </div>
    </div>

    <div style="flex:1; min-width:220px;">
      <div style="font-size:38px; font-weight:700; line-height:1; color:#2f6f8f;">
        2023
      </div>
      <div style="font-size:26px; font-weight:700; margin:8px 0 6px;">
        3,10 Millionen
      </div>
      <div>
        Pflegebedürftige erhielten ausschließlich Pflegegeld und wurden überwiegend durch Angehörige gepflegt.
      </div>
    </div>

  </div>

  <div style="font-size:14px; line-height:1.5; margin-top:22px; padding-top:14px; border-top:1px solid #ccd5da;">
    <strong>Hinweis:</strong> Diese Zahlen bezeichnen Pflegebedürftige, nicht die Zahl der tatsächlich beteiligten pflegenden Angehörigen. An der Versorgung eines Menschen können mehrere Personen beteiligt sein.
  </div>

</div>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Demenz: Lange ein blinder Fleck</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Menschen mit Demenz passten lange nur unzureichend in das System der Pflegeversicherung. Entscheidend war vor allem der körperliche Hilfebedarf – etwa beim Waschen, Anziehen oder Essen. Beaufsichtigung, Orientierung, Beruhigung oder die ständige Präsenz von Angehörigen wurden dagegen kaum erfasst.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Ab 2002 kamen deshalb schrittweise zusätzliche Leistungen für Menschen mit „erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz“ hinzu. Der grundlegende Wandel folgte 2017 mit der Einführung der fünf Pflegegrade. Seitdem zählt stärker, wie selbstständig ein Mensch seinen Alltag bewältigen kann. Auch kognitive und psychische Beeinträchtigungen werden berücksichtigt. Für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen war das ein entscheidender Fortschritt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Mehr Unterstützung – aber ein System unter Druck</strong></h2>



<div class="wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex">
<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die Leistungen der Pflegeversicherung wurden über drei Jahrzehnte erheblich erweitert. Gleichzeitig ist die Zahl der Menschen, die Leistungen erhalten, stark gestiegen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Das bringt die soziale Pflegeversicherung zunehmend unter finanziellen Druck. Nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes entstand allein im ersten Halbjahr 2026 ein Defizit von 770 Millionen Euro. Die Ausgaben lagen elf Prozent über dem entsprechenden Vorjahreszeitraum, die Beitragseinnahmen stiegen dagegen lediglich um 3,9 Prozent.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Neben der wachsenden Zahl Pflegebedürftiger spielen steigende Kosten der Versorgung und der demografische Wandel eine Rolle. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums kamen 1998 noch 29 Beitragszahlende auf einen Leistungsempfänger der sozialen Pflegeversicherung. 2025 waren es nur noch zehn. Die politische Diskussion dreht sich deshalb zunehmend um eine schwierige Frage: Wie kann die Unterstützung von Pflegebedürftigen und Angehörigen erhalten und verbessert werden, wenn gleichzeitig die Finanzierung stabilisiert werden muss?</p>
</div>



<div class="wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow">
<div style="background:#f3f6f8; border-left:5px solid #2f6f8f; padding:22px 24px; margin:28px 0;">

  <div style="font-size:14px; font-weight:700; text-transform:uppercase; letter-spacing:0.5px; color:#2f6f8f; margin-bottom:6px;">
    Aktuell 2026
  </div>

  <div style="font-size:22px; font-weight:700; margin-bottom:14px;">
    Was ist politisch geplant?
  </div>

  <p>
    Mit dem geplanten <strong>Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG)</strong> soll die Pflegeversicherung strukturell verändert und finanziell stabilisiert werden.
  </p>

  <p>
    Vorgesehen sind unter anderem mehr Prävention, Änderungen bei der Begutachtung, eine neue Pflegebegleitung für Pflegebedürftige und ihre An- und Zugehörigen sowie die Bündelung bisheriger Einzelleistungen in Budgets. Ab 2028 sollen die Leistungsbeträge außerdem jährlich entsprechend der Inflation angepasst werden.
  </p>

  <p>
    Für Kritik sorgte die geplante Kürzung der Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige auf <strong>70 Prozent</strong> der bisherigen Beträge.
  </p>

  <p>
    Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann hat inzwischen angekündigt, diese Kürzung nicht mittragen zu wollen und den Entwurf an dieser Stelle zu korrigieren.
  </p>

  <p style="margin-bottom:16px;">
    Noch ist die Änderung jedoch nicht beschlossen. Das Gesetz befindet sich weiterhin im politischen Verfahren – welche Regelungen am Ende tatsächlich gelten werden, ist daher offen.
  </p>

  <div style="padding-top:14px; border-top:1px solid #ccd5da;">
    <a href="https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/guv-21-lp/pnog"
       target="_blank"
       rel="noopener noreferrer"
       style="color:#2f6f8f; font-weight:600; text-decoration:none;">
      → Bundesgesundheitsministerium: FAQ zum Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG)
    </a>
  </div>

</div>
</div>
</div>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was nach 30 Jahren bleibt</strong></h2>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Die staatliche Unterstützung pflegender Angehöriger ist heute deutlich umfassender als zu Beginn der Pflegeversicherung. Und gerade bei Demenz hat sich auch das Verständnis davon verändert, was Pflege eigentlich bedeutet.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph">Doch eine Konstante zieht sich durch die gesamte Geschichte: Der größte Teil der Pflege findet weiterhin nicht in Einrichtungen, sondern zu Hause statt. Pflegende Angehörige sind deshalb nicht nur eine Gruppe, die Unterstützung durch das Pflegesystem benötigt. Ohne das, was Familien, Partner, Freunde und andere nahestehende Menschen jeden Tag leisten, wäre dieses Pflegesystem in seiner heutigen Form überhaupt nicht vorstellbar.</p>



<p class="has-text-align-right has-medium-font-size wp-block-paragraph">Jochen Gust</p>



<div style="height:100px" aria-hidden="true" class="wp-block-spacer"></div>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://demenz-zeitung.de/2026/09/05/pflegende-angehoerige-drei-jahrzehnte-zwischen-mehr-unterstuetzung-und-wachsender-belastung/">Pflegende Angehörige: Drei Jahrzehnte zwischen mehr Unterstützung und wachsender Belastung</a> erschien zuerst auf <a href="https://demenz-zeitung.de">Demenz-Zeitung</a>.</p>
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